Hekate Kollektiv: #BraidingTheResistance – Die Frauenrevolution in Rojava verteidigen
Vom Hekate Kollektiv
Frauenrevolution in Rojava verteidigen – JETZT!
Du bist auf diese Website gestoßen, weil du einen QR-Code an einem bunten Stoffzopf entdeckt hast?
Wir vom Hekate Kollektiv haben diese Zöpfe sichtbar im öffentlichen Raum verteilt, um auf die aktuelle Situation in Nord- und Ost-Syrien (Rojava) aufmerksam zu machen: Die Frauenrevolution und die demokratischen Strukturen in Rojava sind akut bedroht! Weltweit flechten sich Frauen gegenseitig die Haare als Zeichen von Solidarität – der geflochtene Zopf ist zu einem starken Symbol der Frauenrevolution geworden: #braidingtheresistance
Was in Nord- und Ostsyrien über Jahre hinweg aufgebaut wurde – eine Gesellschaft, die auf Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Solidarität basiert – steht unter massivem militärischen und politischen Druck. Angriffe von innersyrischen Truppen (HTS) und islamistischen Terror-Milizen, gezielte Destabilisierung von außen und das Schweigen der internationalen Gemeinschaft gefährden die Errungenschaften dieser Revolution.
Deshalb sagen wir klar: Wir müssen handeln. Jetzt.
Wir fordern Politikerinnen und Politiker, alle Frauen und alle gesellschaftlichen Kräfte auf, aktiv zu werden, Verantwortung zu übernehmen und diplomatischen, wirtschaftlichen und politischen Druck auszuüben, um die Frauenrevolution in Rojava zu schützen. Wegsehen bedeutet Mitschuld.
Der geflochtene Zopf steht für den Widerstand der Frauen. Der Zopf ist traditionell ein Zeichen von Würde, Identität und vereinter Stärke. Islamisten schnitten einer ermordeten Kämpferin den Zopf ab und er wurde als Trophäe vor der Kamera präsentiert. Mit dem Abschneiden der Zöpfe soll die Ehre und Würde der Frauen verletzt werden. Es ist eine Kriegserklärung gegen die Errungenschaften der Frauen. Dementgegen ist der Zopf ein Symbol des Widerstands: gegen patriarchale Gewalt, gegen Frauenhass und gegen die Versuche, eine gesellschaftliche Bewegung auszulöschen. Von den “Jin, Jiyan, Azadi”- Protesten, zu dem Kampf bewaffneter Fraueneinheiten gegen den IS, bis zu der aktuellen globalen Solidarität für Rojava – die Kämpfe aller Frauen um Freiheit sind verflochten!
Doch bevor wir weiter darüber sprechen, warum es wichtig ist, diese Revolution zu verteidigen, wollen wir ein paar Hintergrundinformationen geben:
Wo ist eigentlich Rojava, was ist das Besondere dort – und was hat das mit mir zu tun?
Wo liegt Kurdistan?
Kurdistan ist kein Staat, sondern eine Region im Mittleren Osten, in der überwiegend Kurdinnen und Kurden leben. Dieses Gebiet erstreckt sich über vier heutige Staaten:
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Türkei
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Syrien
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Irak
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Iran
Nach dem Ersten Weltkrieg teilten die imperalistischen Mächte, vor allem England und Frankreich, die Region unter sich auf. Im Vertrag von Lausanne (1923) wurden die kurdischen Gebiete zerstückelt und die Bevölkerung als Minderheit auf die vier Staaten aufgeteilt.
Seitdem kämpfen Kurdinnen und Kurden um:
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Anerkennung als eigene Volksgruppe
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das Recht auf Sprache und Kultur
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Schutz vor Verfolgung und Assimilation
- das Recht auf politische Selbstbestimmung
Was ist Rojava?
Rojava bezeichnet den kurdisch geprägten Teil Nord- und Ostsyriens. Der Name bedeutet „Westen“ (westliches Kurdistan). Die Revolution in Rojava begann ab 2012, als der syrische Staat im Zuge des Bürgerkriegs aus der Region verdrängt wurde. Die Bevölkerung baute eine neue Form der demokratischen Selbstverwaltung auf – ein politischer Ansatz, der zu einem Vorbild für Demokratie und Frauenrechte in der ganzen Welt wurde.
Der demokratische Konföderalismus
Das politische Modell, von dem die demokratische Selbstverwaltung in Rojava inspiriert ist, nennt sich demokratischer Konföderalismus. Es wurde maßgeblich von Abdullah Öcalan theoretisch entwickelt und basiert auf drei zentralen Prinzipien:
- Basisdemokratie
Entscheidungen werden möglichst auf lokaler Ebene getroffen – in Nachbarschaftsräten, Kommunen und Versammlungen. - Frauenbefreiung
Gleichberechtigung ist kein „Zusatz“, sondern ein Grundpfeiler. Ein Beispiel dafür ist die Doppelbesetzung aller politischen Ämter (eine Frau, ein Mann im Ko-Vorsitz). Frauen haben ihre eigenen autonomen Strukturen. Die Frauenrevolution wird als teifgreifender revolutionärer Prozess verstanden, es geht darum alle gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen zu überwinden. Ohne Freiheit der Frauen kann die ganze Gesellschaft nicht frei sein. - Ökologie
Die Überwindung aller zerstörerischen, ausbeuterischen Beziehungen zwischen Mensch und Natur. Dazu gehört die Entwicklung ganzheitlicher Lebensformen und eine kooperativ und ökologisch organisierte Ökonomie, die nicht auf Profitmaximierung beruht.
Die Frauenrevolution
Ein zentrales Merkmal von Rojava ist die Frauenrevolution. Frauen organisierten sich:
- politisch: Frauenräte, Frauenkommunen
- juristisch: Gerechtigkeitsstrukturen für Frauen, Schutz vor Gewalt
- sozial: Aufbau eines gemeinsamen Verständnisses als Frauen in allen Bereichen: Bildung in Geschichte, Kultur, Kunst und der eigenen Muttersprache, die Jineolojî = Wissenschaft der Frau, des Lebens und der Gesellschaft
- militärisch: Frauenverteidigungseinheiten, zivile Selbstverteidigung der Frauen
Die Idee dahinter: “Eine Gesellschaft kann nicht frei sein, wenn Frauen nicht frei sind.”
YPJ, YPG und SDF
Die YPJ (Yekîneyên Parastina Jin) sind die Frauenverteidigungseinheiten in Rojava. Es handelt sich dabei um eine Armee, die nur aus Frauen besteht. Frauen organisieren sich in der YPJ auf allen Ebenen unabhängig von Männern. Die YPG (Yekîneyên Parastina Gel) ist die gemischtgeschlechtliche Volksverteidigungseinheit, in der Männer und Frauen Seite an Seite stehen. Beide sind seit 2015 Teil der SDF (Syrian Democratic Forces). International bekannt wurden YPJ und YJG durch ihren entscheidenden Beitrag zur militärischen Niederlage des sogenannten „Islamischen Staats“ (IS), etwa bei der Verteidigung von Kobanê.
Warum Rojava einzigartig ist
Rojava ist eines der wenigen Beispiele weltweit, in denen
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Geschlechtergerechtigkeit,
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ethnische Gleichberechtigung,
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Religionsfreiheit
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und radikale Demokratie
gleichzeitig und praktisch umgesetzt werden. Der eigentliche Kern liegt in den zivilen, politischen und gesellschaftlichen Strukturen, die den Alltag nachhaltig verändert haben.
Angriffe auf Rojava seit Anfang Januar 2026
Seit dem Beginn des Jahres 2026 hat sich die militärische Lage in Nord- und Ost-Syrien dramatisch verschärft. Die syrische Übergangsregierung hat gemeinsam mit islamistischen Kräften großflächige Offensiven gegen die selbstverwaltete Region Rojava begonnen. Diese Offensive begann Mitte Januar mit Angriffen auf mehrheitlich kurdische Stadtviertel in der Stadt Aleppo und weitete sich bald auf die Gebiete Raqqa, Deir ez-Zor und Al-Hasakah aus. Dabei kam es zu heftigen Gefechten und massiven Zerstörungen – insbesondere wurden gezielt Gebäude von frauengeführten Organisationen angegriffen. Viele der Frauen, die sich aktiv für die Rechte und die Gleichberechtigung von Frauen eingesetzt haben, wurden vergewaltigt, verschleppt oder getötet.
Im Zuge der Angriffe wurden große Gebiete von islamistischen Milizen und der syrischen Übergangsregierung eingenommen und kontrolliert. Trotz mehrerer vereinbarter Waffenstillstände setzten sich die Angriffe fort.
Besonders besorgniserregend ist die Situation der Gefängnisse und Lager, in denen Tausende IS-Gefangene inhaftiert waren. Nachdem die Selbstverwaltung den IS in den vergangenen Jahren erfolgreich bekämpft hatte, konnten viele der Einrichtungen im Zuge der aktuellen Angriffe nicht gehalten werden, was nach Berichten zu Massenausbrüchen von IS-Mitgliedern geführt hat – eine Entwicklung, die nicht nur für die Menschen in Syrien gefährlich ist, sondern auch Europas Sicherheit ist bedroht.
Der aktuelle Waffenstillstand wird überwiegend eingehalten. Seit Anfang Februar finden Gespräche zwischen den Vertretern der selbsternannten Syrischen Übergangsregierung und der Selbstverwaltung Nord-Ost-Syriens statt. Es bleibt abzuwarten, in wie weit die Errungenschaften der demokratischen Region Rojavas dabei einfließen können und ob die Vereinbarungen auch umgesetzt und beibehalten werden. Um diesen Prozess zu unterstützen darf der weltweite gesellschaftliche Druck jetzt nicht nachlassen.
Kobanê – Symbol des Widerstands
Die Stadt Kobanê hat eine besondere symbolische Bedeutung für Rojava und weit darüber hinaus. Bereits 2014/2015 wurde Kobanê in einem entscheidenden Moment erfolgreich gegen den IS verteidigt. Diese Verteidigung markierte einen Wendepunkt im Kampf gegen den IS: Zum ersten Mal wurde die Terrormiliz militärisch zurückgedrängt, ihr Mythos der Unbesiegbarkeit brach. Kobanê wurde zum Symbol dafür, dass Widerstand möglich ist – getragen auch maßgeblich von Frauen.
Heute steht Kobanê erneut unter massivem Druck. Die Stadt ist belagert, die Strom- und Wasserversorgung wurde gekappt, und der Nachschub an Lebensmitteln, Trinkwasser und Medikamenten ist weitgehend unterbrochen. Die Menschen sind bei Minusgraden auf sich allein gestellt. Die erneute Bedrohung Kobanês ist nicht nur eine humanitäre Katastrophe, sondern ein gezielter Angriff auf das historische und politische Herz der Frauenrevolution in Rojava.
Ein Angriff auf Rojava ist ein Angriff auf die Errungenschaften der Frauen
Bei den aktuellen Angriffen auf Rojava geht es nicht nur um die reale Gefahr, die von freigesetzten IS-Kämpfern ausgeht. Im Kern richtet sich der Krieg gegen etwas viel Grundsätzlicheres: gegen die Existenz eines alternativen Gesellschaftsmodells.
Rojava stellt eine radikale Gegenidee zu autoritären, nationalistischen und patriarchalen Ordnungen im Nahen Osten dar. Basisdemokratie, ethnische und religiöse Gleichberechtigung sowie die aktive politische Macht von Frauen widersprechen den Interessen jener Kräfte, die auf Kontrolle, Hierarchie und Unterdrückung setzen. Hinzu kommt, dass das in Rojava praktizierte System der kollektiven Selbstverwaltung und kooperativen Wirtschaft der kapitalistischen Ausbeutung von Land, Ressourcen und Arbeitskraft entgegensteht – ein Umstand, der mächtigen wirtschaftlichen und geopolitischen Akteuren ein Dorn im Auge ist. Genau deshalb ist Rojava ein Angriffsziel.
Die Frauenrevolution in Rojava hat patriarchale Strukturen praktisch herausgefordert: Frauen entscheiden mit, führen Institutionen, organisieren sich autonom und verteidigen sich selbst. Für islamistische Gruppen ebenso wie für autoritäre Staaten ist das eine Provokation. Die Gewalt richtet sich daher gezielt gegen Frauen – politisch, militärisch und symbolisch.
Die Angriffe zielen darauf ab, ein lebendiges Beispiel dafür zu zerstören, dass eine andere Gesellschaft möglich ist. Eine Gesellschaft, in der Frauen nicht gehorchen, sondern gestalten. Rojava soll nicht nur militärisch besiegt, sondern als Idee ausgelöscht werden.
Darum betrifft dieser Krieg nicht nur die Menschen vor Ort. Er ist ein Angriff auf die Errungenschaften der Frauen, auf demokratische Alternativen – und auf die Hoffnung, dass Unterdrückung kein Naturgesetz ist.
Was können wir tun?
Angesichts der Bedrohung von Rojava und seiner Frauenrevolution ist Ohnmacht keine Option. Jede:r kann etwas tun.
Ein erster Schritt ist, sich zu informieren: über Rojava, den demokratischen Konföderalismus und die Situation der Menschen vor Ort. Wissen schafft Solidarität – und widerspricht dem Schweigen.
Es ist wichtig, darüber zu sprechen, was in Nord- und Ostsyrien passiert. In den deutschen Medien wird kaum über die Angriffe auf Rojava und die Frauenrevolution berichtet. Dieser Text und weiterführende Informationen können mit Freund:innen, Familien und Bekannten geteilt werden.
Darüber hinaus können wir an Demonstrationen teilnehmen, öffentliche Aktionen unterstützen und politischen Druck aufbauen, damit Regierungen handeln müssen.
Auch Spenden sind wichtig, um humanitäre Hilfe, Selbstorganisationsstrukturen und den Schutz von Frauenprojekten zu ermöglichen.
Weltweit kommt es zu vielfältigen Protesten und Solidaritätsaktionen, die sich an die Seite von Rojava stellen. Gemeinsam verteidigen wir die Frauenrevolution!
#braidingtheresistance
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Weiterführende Infos:
Women Defend Rojava: https://womendefendrojava.net/en/
Artikel auf den Seiten der Jineoloji: https://jineoloji.eu/de/2026/01/24/rojava-verteidigen-heisst-frauen-verteidigen/
Verlauf der Geschehnisse auf riseup4rojava: https://riseup4rojava.org/de/updates-de/
ANF Deutsch: https://deutsch.anf-news.com/
https://www.theguardian.com/world/syria
Interview vom 21.1.2026 mit dem Journalisten Tim Krüger bei 99 ZU EINS zur Entwicklung und den Zusammenhängen und Hintergründen des Kampfes um Rojava: https://www.youtube.com/watch?v=wwxaKP-VOjE
Spenden:
Stiftung der Freien Frauen Syrien (WJAS)
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Heyva Sor a Kurdistane e. V. – Kurdischer Roter Halbmond
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Aktion Nothilfe für Rojava der Städtepartnerschaft Friedrichshain-Kreuzberg – Derik e.V.
https://staepa-derik.org/2026/01/aktion-nothilfe-fuer-rojava-jetzt-spenden-fuer-rojava/
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Verband Kurdischer Ärzte in Deutschland e.V.