Eine Existenzform, die das heutige Zeitalter zu verschlingen versucht: Widerstand
Fatma Koçak
Aus: Jineolojî Magazin, 11. Ausgabe, Dezember 2018
Eines der größten Probleme unserer Zeit ist der Verbrauch, die Verwendung und Entwertung von Begriffen, die sich aus dem Leben und der Geschichte herauskristallisiert haben und für die ein hoher Preis gezahlt wurde – in Definitionen, die zunehmend an Nichtigkeiten erinnern.
Wir leben in einer Zeit, in der Konzepte, Identitäten und Zugehörigkeiten verschwenderisch verbraucht werden. In der kapitalistischen Moderne fließt jede Eigenschaft, mit der sich die Einzelnen beschreiben, und jede Abweichung, die sie hervorheben, um sich von der Allgemeinheit abzugrenzen, in den Marktpool ein, der sich nach den Mustern der Konsumgesellschaft formt. Und so setzt sich dieser Konsumrausch immer weiter fort. Er beginnt in den Köpfen, in denen, wie die Alten zu sagen pflegen, „die Spuren des Pferdes mit den Spuren des Hundes“ vermischt sind. Im Zeitalter der kapitalistischen Moderne, in dem für den Menschen, die Natur und alles Lebendige eine Nutzungsdauer festgelegt wird, beginnt auch der Begriff des „Widerstands“ zu einer konsumierten, abgenutzten und aus der Mode gekommenen Rhetorik zu werden.
„Widerstand“ – der sich seit der Entstehung des Universums, seit der Entstehung des Lebens und der ersten Menschen auf der Erde als unveränderliches Gesetz manifestiert – verliert seine Bedeutung. Widerstand war im Laufe der Geschichte stets eine der wirksamsten Handlungen derer, die ihre Existenz bewahren und weiterentwickeln wollten, gegenüber denen die herrschen und unterdrücken. Widerstand ist die tugendhafteste und einfachste Form des Seins im Gedächtnis des Universums – gegen die Hegemonie der patriarchalen Macht, die nach dem Motto „Der Stärkere gewinnt immer“ stets auf der Hut ist und angreift. Die Völker, die Lebewesen wissen das sehr gut. Diese Form des Widerstands, die in der geschriebenen, menschenzentrierten und patriarchalen Geschichte nicht vorkommt, ist ein Reflex des Lebens.
Wenn man eine Katze in die Enge treibt, entscheidet sie sich für den Widerstand und wehrt sich mit ihren Krallen; wenn man versucht, eine Rose zu pflücken, versucht sie, dies mit ihren Dornen zu verhindern und leistet Widerstand; ein Vogel, dessen Nest man antastet, verlegt es an einen anderen Ort und leistet Widerstand; Bienen, denen man mit einen Ast im Bienenstock herumstochert, wehren sich mit ihren Stacheln und vertreiben die Angreifer von ihrem Bienenstock…
Der Begriff „Widerstand“ wird im Wörterbuch mit „Widerstehen, sich behaupten“ definiert. Er ist ein unverzichtbares Naturgesetz für alle Lebewesen auf der Erde, er ist instinktiv, und ob man nun gewinnt oder verliert – man entscheidet sich unweigerlich dafür, Widerstand zu leisten. Vielleicht gewinnt man im Augenblick nicht, aber mit der Zeit wird der Widerstand zu einem Teil des Seins. So findet man zum Beispiel im Wald kein Reh, das sich dem Löwen nicht widersetzt; denn dies ist die einzige Regel, auf die sich ein Lebewesen stützt, um sich gegen jeden Angriff auf die eigene Existenz zu schützen. Man kann nicht erwarten, dass ein Volk, dessen Sprache, Kultur und Identität ausgelöscht werden sollen, dies stillschweigend hinnimmt. Es geht zum Widerstand über und findet schließlich einen Weg, seine Existenz zu bewahren.
Der Widerstand, der für Lebewesen gleichbedeutend mit der Erhaltung ihrer Existenz selbst ist, wurde in jeder Region in unterschiedlichen Formen und Methoden praktiziert. Wenn wir uns auf die Erfahrungen und Geschichten konzentrieren, die das positivistische, männlich-dominierte und auf die Mächtigen ausgerichtete Geschichtsverständnis hinter dem Schleier der Vergangenheit zu verbergen versucht, so sind die Kraft, die Wirkung und der lehrreiche Charakter dieser Methoden für uns alle eine wichtige Lektion. Zweifellos ist Geschichte nicht nur Wiederholung, wie es der positivistische Geschichtsbegriff behauptet, doch sie ist eine gute Lehrerin.
Fatmagül Berktay fasst dies in „Das Geschlecht der Geschichte“ wie folgt zusammen: „Da die Geschichtsschreibung seit der Erfindung der Schrift im Monopol der Männer lag, wurden die Taten und Erlebnisse der Männer als ‚historisch bedeutsam‘ angesehen, während die Erfahrungen der Frauen an den Rand gedrängt wurden.“ Sie bezieht sich dabei auf die Worte von Gerda Lerner: „Wenn man die Geschichte aus der Perspektive der Frauen betrachten würde und die Vergangenheit nach den von ihnen definierten Werten ordnen würde, würde die uns bekannte Geschichte in einem völlig anderen Licht erscheinen …“1
Geschichte ist ein lebendig fließendes und ganzheitliches Phänomen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und für diejenigen, die hinter die Nebelschwaden blicken können, ist dieses Phänomen die beste Lehrmeisterin, um die Zukunft zu gestalten. Wir wissen, dass sich dieser Nebelvorhang besonders dann verdichtet und es schwieriger wird dahinter zu blicken, wenn es um die Geschichte der Frauen geht. Sie ist im Gedächtnis des Universums, der Menschen und Lebewesen verankert, welches das hegemoniale System zu vernichten versucht. Ich glaube, die grundlegende Quelle, auf die wir zurückgreifen werden, um das System der Frauen aufzubauen, liegt in den Geschichten all jener Frauen verborgen, die in der Geschichte gelebt und Widerstand geleistet haben.2 Dieses Gedächtnis von der jüngeren bis zur ferneren Vergangenheit neu zu beleben, wird für uns alle das größte Geschichtsbewusstsein und die beste Lehrmeisterin sein.3
Ohne allzu weit in die Vergangenheit oder in ferne Länder zu schweifen, handelt dieser Text von einigen Geschichten aus dem vergangenen Jahrhundert auf dieser Erde, die von den Methoden eines großen historischen Erbes des Widerstands erzählen.
„Ich würde zurückkehren und weiterkämpfen…“
Maryam Çilingiryan und Khanum Ketenciyan sind zwei Frauen, die während des Völkermords an den Armenier:innen 1915 eine 25-köpfige Frauengruppe gründeten, um ihr Volk zu schützen, und so den Widerstand organisierten. Nach den ersten Tagen des Genozids, als am 24. April Intellektuelle in Istanbul aus ihren Häusern gerissen und ins Ungewisse verschleppt wurden, begannen an vielen Orten in Anatolien Widerstandsbewegungen. Einer dieser Orte war Urfa, und die Organisatorinnen des Widerstands waren Frauen. Khanum und Maryam traten mit der von ihnen gegründeten Frauengruppe in Aktion, um das Eindringen der Soldaten in die Stadtviertel zu verhindern. Ihre erste Aktion richtete sich gegen eine osmanische Militärstation. Als sie alle Waffen aus der Militärstation eingesammelt hatten und in das Stadtviertel zurückkehrten, verbreitete sich die Aktion wie eine Welle in der Stadt und gab der Bevölkerung Hoffnung.
Genau in diesen Tagen schalteten sich die Deutschen ein und riefen die Bevölkerung über eine sogenannte internationale Hilfsorganisation dazu auf, sich zu ergeben, wobei verkündet wurde: „Denjenigen, die sich ergeben, wird das Leben geschenkt.“ Da Khanum und Maryam wussten, dass dies eine Falle war, verstärkten sie ihre Widerstands-Stellungen mit den Worten: „Das ist eine Falle, wir werden uns nicht ergeben.“ Der Widerstand in Urfa wurde durch lokale Banden unter dem Kommando des osmanischen Offiziers Nedim Bey und des deutschen Hauptmanns Wolffskeel gebrochen. Deutsche Artillerieeinheiten begannen, die armenischen Stadtviertel zu zerstören. Maryam kam während des Widerstands ums Leben, Khanum und vier ihrer Freundinnen wurden lebend gefangen genommen. Der folgende Dialog zwischen dem osmanischen Offizier und Khanum ist in diesen Tagen wie eine Auffrischung der Erinnerung.
Osmanischer Offizier: Wie würdest du deine Dankbarkeit zeigen, wenn ich dir das Leben schenke?
Khanum: Ich würde zurückkehren und weiterkämpfen.
Osmanischer Offizier: Eure Sache ist aussichtslos. Was werdet ihr tun?
Khanum: Wir werden im Widerstand sterben.
Osmanischer Offizier: Man wird dich gewaltsam mitnehmen. Wenn du willst, kannst du meine Frau werden. Die anderen Mädchen sollen sich den Mann aussuchen, den sie heiraten wollen. Es wird keine Gewalt angewendet, alle werden ihre Freiheit wiedererlangen.
Khanum: Du meinst also mit Ehrenlosigkeit.
Am Ende dieses Dialogs zieht Khanum die Pistole, die sie in ihrer Tasche versteckt hatte, und tötet den osmanischen Offizier. Anschließend wird sie zusammen mit ihren vier Freundinnen erschossen.4
Constance, die den Funken der Revolte entfachte
In den Tagen, in denen Khanum ihren würdevollen Widerstand leistete, schrieb in einer anderen Region eine andere Frau ihre eigene Geschichte, die der Zukunft als Vermächtnis bleiben sollte. Constance Markievicz – Gräfin, Künstlerin, Politikerin, Unabhängigkeitskämpferin, Revolutionärin, Suffragette und Sozialistin – im irischen Unabhängigkeitskampf.
Constance gehörte zu den Ersten, die den Funken der Revolte entfachten, im Unabhängigkeitskampf ihres Landes, bekannt als Osteraufstand oder „Graben- und Barrikadenkrieg“. In einem auf dem Schlachtfeld verfassten Gedicht rief ihre Kindheitsfreundin, mit der sie an derselben Barrikade kämpfte, Constance zu: „Steh auf, bitte mich, ein Streichholz anzuzünden …“.
Unter der Führung von Kommandantin Constance errichteten die Frauen Barrikaden, gruben Gräben und bildeten Selbstverteidigungseinheiten, um den Angriffen der britischen Soldaten entgegenzutreten. Die Frauen, die sich hinter den Barrikaden weigerten, sich zu ergeben, gingen als die „Frauen von 1916“ in die Geschichte ein. Der Aufstand führte schließlich zur Proklamation der Irischen Republik, der ersten Verfassung in Europa, die Frauenrechte anerkannte. Constance wurde während des Aufstands gefangen genommen und zum Tode verurteilt. Als diese Strafe aufgrund ihres Geschlechts in lebenslange Haft umgewandelt wurde, lautete ihre Antwort an die britischen Soldaten: „Ich wünschte, eure Leute hätten den Anstand, mich zu erschießen.“5
Widerstand durch Fußball: Wir sind im Spiel dabei
Der Widerstand, der für Frauen eine Lebensform darstellt, beeindruckt durch seine Vielfältigkeit in den Methoden. Zu den Frauen, die nicht nur auf dem Schlachtfeld hinter Barrikaden, sondern in sämtlichen Bereichen des Lebens Widerstand leisten, gehören auch die zapatistischen Frauen, die sich dafür entschieden haben, ihre Existenz fußballspielend zu behaupten. Wir alle kennen die Geschichten der indigenen zapatistischen Frauen und ihren Kampf für die Freiheit. Doch hierbei handelt es sich vielleicht um eine der weniger bekannten Formen des Widerstands. Seit den 1990er Jahren treten die Zapatista Schwestern mit dem Fußball als Form des Widerstands sowohl gegen patriarchale Traditionen als auch gegen die Herrschenden auf den Platz. Für die Frauenfußballmannschaft der Hermanas Zapatistas ist das Leben eine Form des Widerstands gegen die Verbannung aus den Straßen durch patriarchale Traditionen und Krieg.6 Sie spielen nicht um den Wettbewerb oder um Preise, sie spielen, um zu teilen. Mal mit bloßen Füßen, manchmal mit ihren Kindern auf dem Rücken, spielen sie Fußball und durchbrechen dabei die patriarchalen Regeln des Spiels. Die Hermanas Zapatistas sind ein Beispiel für die Feinheiten weiblichen Widerstands.7
Von Hypatia bis Ferhunde: Der Widerstand der Frauen um die Wahrheit in der Philosophie
In der Antike waren die Erkenntnisse, die Werke und die Art und Weise, wie Hypatia aus Alexandria die Welt hinterfragte, ein Akt des Widerstands in der Agora. Das weibliche Gedächtnis bewahrt das Wissen und gibt es von Generation zu Generation weiter, als Gegenmittel zur männlichen, patriarchalen Mentalität. Doch die männliche Mentalität reagiert auf diesen Widerstand in jedem Zeitalter mit unveränderlichen Angriffen. Wir alle kennen Hypatias Geschichte mehr oder weniger, aber nur sehr wenige von uns kennen die wahre Geschichte von Ferhunde, denn die patriarchale Macht verhindert, dass wir die Wahrheiten hinter dem Nebelvorhang sehen. Die Afghanin Ferhunde war eine Philosophin, die Theologie studierte. Alle haben Ferhunde als die „arme Frau, die gelyncht wurde“ gelesen. Doch die eigentlich „armen“ waren die Blinden oder Verblendeten dieser Zeit, denn Ferhunde war eine Widerstandskämpferin, die auf den Straßen die Wahrheit herausschrie – gegen die patriarchale Mentalität und gegen all das, was die Menschen deshalb durchlebten.
Ferhunde begann in den Straßen von Kabul über die Widersprüche des Glaubens und der Existenz zu sprechen – gegen die Religionshändler, die die Menschen mit Amuletten täuschten. Sie konfrontierte die überwiegend männliche Menschenmenge rund um einen von den falschen Religionshändlern genutzten Schrein mit der Wahrheit und sagte: „Die Wahrheit liegt nicht in diesem Amulett; der Glaube gibt euch die Kraft, zu heilen, aber er heilt nicht – diese Kraft liegt in euch.“ Die von der Situation verärgerten Religionsschwindler riefen Ferhunde zu sich und drohten ihr mit Worten wie „Pass auf, was du tust…“. Doch sie ließ sich davon nicht einschüchtern, widersetzte sich und fuhr fort, zu sagen, was sie wusste.
Die Allianz aus Religion, Männern und Unwissenheit konnte es nicht ertragen, dass eine Philosophin ihnen die Wahrheit ins Gesicht sagte. Sie lynchten Ferhunde am 19. März 2015 vor dem Schrein und verbrannten sie anschließend. Genau wie Hypatia, die vor 1500 Jahren in Alexandria von Religionshändlern gelyncht wurde, weil sie es nicht ertragen konnten, dass sie mit der Widerständigkeit einer Frau auf den Spuren der Wahrheit in Wissenschaft und Philosophie voranschritt.
Egal, auf welches Fleckchen dieser Erde man einen Fuß setzt, egal, welche Kultur man jenseits der „offiziellen Geschichte“ berührt – überall begegnet man ähnlichen Geschichten von Widerstand und Existenzkampf; denn dazu genügt es, hinter den Nebelvorhang zu blicken.
Das oben Geschilderte sind nur einige wenige Beispiele, soweit mein Stift zu erzählen vermochte, als Ausdruck des Respekts gegenüber all den Frauen, die den Widerstand seit Jahrtausenden als Lebensform und Tradition fortführen.
Und Efrîn…
Das historische Erbe des Widerstands der Frauen lebt weiter und wird zweifellos fortbestehen, doch lasst uns zunächst noch mit den Geschichten einiger Frauen fortfahren, die in Efrîn hautnah Zeuginnen des „epochalen Widerstands“ waren und deren Leben bereits Geschichte ist. Denn die Frauen aus Efrîn gehören zu jenen, die uns lehren und dabei gleichsam Wahrheit und Hoffnung verkünden. Wie ihr Land sind auch ihre Formen des Widerstandes zugleich unverfälscht und von großer Weisheit geprägt.
Da ist zum Beispiel die Art des Widerstands von Rozerin, der ich an einem nebligen Frühlingstag im Hof eines grün bewachsenen Dorfes in Efrîn begegnete. Rozerin, die, ohne dass wir die Gelegenheit hatten, etwas mehr als ihren Namen über ihr Leben zu erfahren, an die Frontlinie der Kämpfe zog wie zu einem Fest. Sie stammte nicht von dort, aber sie hatte sich offensichtlich in ein Leben verliebt, das in Efrîn Bedeutung fand. Und mit ihrem klaren Blick flüsterte sie, bevor sie zu ihrer letzten Aktion ging, allen Frauen das Vermächtnis ihres Widerstands ins Ohr, als würde sie ein Testament hinterlassen: „Wir haben auf niemanden vertraut, als wir diesen Widerstand begannen; wir haben ihn freiwillig gewählt – für unsere Erde, unsere Identität und unsere Zukunft. Wie es ausgeht, werden wir der Geschichte überlassen müssen, aber im Moment bin ich hier und kämpfe für die Spuren, die ich in der Geschichte hinterlassen werde. Für alle Frauen…“
Lasst uns über die Organisation der Frauen-Selbstverteidigungseinheiten (HPC/Jin) in jedem Stadtteil dieser Stadt sprechen, in der der Krieg unerbitterlich tobt und Flugzeuge täglich ihre Bomben abwerfen. In Mabeta trafen wir Lamîa Cemal, als sie gerade ihr vierjähriges Kind in den Schlaf gewiegt und es ihren Nachbarn anvertraut hatte, während sie sich darauf vorbereitete, an die Front zu gehen. Mit ihren Worten muss man erzählen, was für eine Tugend der Widerstand ist: „Mein Kind ist noch sehr klein, aber ich erzähle es ihr trotzdem. Ich sage ihr, dass ich für unser Land, für unser Volk gehe. Ich sage ihr, dass ich gehe, um unserem Volk zu Diensten zu sein. Weil sie noch klein ist, versteht sie nicht viel, aber eines Tages wird sie begreifen, dass ich es für sie tue.“
Eine andere Front, ein anderer Ort des Widerstands: Şera. Eine Frau in den Fünfzigern, Mutter von vier Kindern, hält an der Front Wache: Fatima Mustafa. Auch in den Tagen, als der syrische Bürgerkrieg in Aleppo begann, verteidigte sie mit der Waffe in der Hand ihr Viertel und kehrte anschließend nach Efrîn zurück. „Wir haben hart gekämpft, um dieses Land wieder zu unserer Heimat zu machen, wir haben Zelte aufgeschlagen, unseren Garten bepflanzt, unser Haus gebaut – und jetzt versucht jemand, uns aus unserer Heimat zu vertreiben. Niemand soll erwarten, dass wir das akzeptieren“, beginnt Fatima ihre Erzählung. Sie zeigt ihre vom Graben der Schützengräben blutigen Hände und erzählt weiter von ihrer Geschichte des Lebens durch Widerstand: „Wir müssen uns selbst, unsere Kinder und unser Zuhause verteidigen. Wir haben alle Frauen im Alter von 40 bis 80 Jahren ausgebildet. Die Angriffe sind sehr brutal. Um uns gegen diese Angriffe zu verteidigen, bewaffnen wir uns. Auch in den Kämpfen um Aleppo und Til Rifat waren wir an der Front. Tag und Nacht verteidigen wir uns, wir leisten Widerstand. So weit unsere Kräfte reichen…“
Man muss auch Azime zuhören, die ihre kleine Textilwerkstatt in Cinderes, die sie vor Beginn der Besatzungssangriffe betrieben hatte, in ein Krankenhaus für Verwundete umgewandelt hat und dort Erste Hilfe leistet. Eine kleine, dunkelhäutige Frau mit strahlenden Augen, die erzählt, dass es mehr als nur eine Form des Widerstands gibt.
Während ihre beiden Kinder an der Front gegen die Besatzung kämpfen, hat Azime einen anderen Weg des Widerstands für sich gefunden. Sie kümmert sich um alle Verwundeten, die in ihr kleines Krankenhaus kommen, mit der gleichen Fürsorge wie um ihre eigenen Kinder. Azimes Fürsorge und ihre Worte heilen viele Wunden, und diejenigen, die genesen sind, entscheiden sich, sofort wieder an die Front zu gehen und noch stärker gegen die Besatzung Widerstand zu leisten.
Nachdem sie die Wunden verbunden hat, beugt sie sich vor und sagt: „Ich weiß, dass du Schmerzen hast, aber diese Wunde ist heilig. Du wirst genesen, denn die Fruchtbarkeit unserer Erde heilt alle Wunden. Du musst Widerstand leisten. Eine Verletzung tötet den Menschen nicht, sondern die Hoffnungslosigkeit. Solange wir Hoffnung haben, gibt es keine Wunde, die nicht heilen wird…“
Diese Erzählungen sind nur einige kleine Ausschnitte aus den Geschichten Tausender Frauen in Efrîn, und in Azimes Worten liegt letztlich das Erbe des Widerstands verborgen. Einfach, und ebenso einfach wie weise: „Solange es Hoffnung gibt, gibt es keine Wunde, die nicht heilen wird.“
Vielleicht ist das der Grund, warum Tausende von Frauen aus Efrîn, die mit einem auf der Welt selten anzutreffenden Willen gegen die Besatzungsangriffe Widerstand geleistet haben, nun in Şehba das Leben und den Widerstand für die Rückkehr organisieren. Die Form des Widerstands dieser Frauen, die trotz der harten Bedingungen in den Lagern ihre Hoffnung und ihren Widerstand bewahren, um nicht von ihrem Land und dem von ihnen aufgebauten System der Frauenbefreiung getrennt zu werden, hat eine andere Gestalt angenommen.
In Şehba beginnt eine andere Form des Widerstands, und dort ergreift Doha Îbîş das Wort. Sie steht mit ihren Kindern und mit den wenigen Habseligkeiten, die sie nach dem Verlust ihrer Angehörigen im Widerstand gegen die Besatzung aus dem Bezirk Raco in Efrîn mitnehmen konnte, einfach so am Straßenrand. Sie erzählt, dass sie ihren Mann in Efrîn bei der Verteidigung gegen die Besatzungsangriffe verloren hat. „Als türkische Kampfflugzeuge meinen Mann getroffen haben, ging ich ins Krankenhaus. Er war völlig verbrannt, nur noch die Knochen waren übrig. Ich legte meine Hand auf seinen Brustkorb, er war sehr heiß. Früher habe ich immer gefroren, aber seit jenem Tag ist mein Herz wie ein Feuer und ich friere nicht mehr…“, sagt sie, während sie in der Märzkälte am Straßenrand wartet.
„Ich habe ein Versprechen gegeben,“ sagt sie und wartet auf den Tag, an dem sie in ihre Heimat zurückkehren kann. „Ich habe ein Versprechen gegeben – mir selbst, meinen Kindern, denen, die ich verloren habe. Bis dieser Tag kommt, bleiben wir hier…“
Ja; Maryam, Khanum, Constanze, Hypatia, Ferhunde, die zapatistischen Schwestern, Zilan, Fatima, Azime, Doha… Nur einige wenige Geschichten aus einem Vermächtnis, das sich über Jahrtausende erstreckt und sich im letzten Jahrhundert verdichtet hat. All diese endlosen Namen und Geschichten sind Formen und Ausdrucksweisen des Widerstands. Jeder Widerstand hinterlässt ein Erbe; manchmal wird in einem Augenblick verloren, was in der Zeit gewonnen wird, und sie finden unweigerlich ihre Bedeutung und ihren Platz im Gestern, Heute und Morgen. Mit einfachen, schlichten und verständlichen Geschichten lehren sie uns die Existenzform und Methode, die das heutige Zeitalter zu verschlingen versucht – nämlich den Widerstand…
Literaturverzeichnis:
Alev Aslan, Tarihin Arka Odası’nda “Kadın”, Ankara Üniversitesi İlef Dergisi 2 (2015): 77-94
Ermeni Ulusal Arşivi, Kedername: Osmanlı İmparatorluğu’nda Ermeni Soykırımı 1915, çev: Diran Lokmagözyan, Belge Yay., 2014
Fatmagül Berktay, Tarihin Cinsiyeti, Metis Yay., 2003
http://www.historylearningsite.co.uk/ireland-1845-to-1922/countess-markievicz/
Serpil Çakır, Tarih Yazımında Kadın Deneyimlerine Ulaşma Yolları, Kadınların Belleği Bülteni 36 (2004)
1 Fatmagül Berktay, Tarihin Cinsiyeti, 2010, İstanbul, Metis Yayınları: 28
2 Serpil Çakır, Tarih Yazımında Kadın Deneyimlerine Ulaşma Yolları, Kadınların Belleği Bülteni 36 (2004)
3 Alev Aslan, „Die Frau“ im Hinterzimmer der Geschichte, Ankara Üniversitesi İlef Dergisi 2 (2015): 77–94
4 Ermeni Ulusal Arşivi, Kedername: Osmanlı İmparatorluğu’nda Ermeni Soykırımı 1915, çev: Diran Lokmagözyan, Belge Yay., 2014
5 http://www.historylearningsite.co.uk/ireland-1845-to-1922/countess-markievicz/
6 https://www.chiapasparalelo.com/noticias/chiapas/2018/03/clausuran-el-encuentro-mujeres-que-luchan-convocado-por-zapatistas/
7 http://meydangazetesi.org/gundem/2013/03/dunyanin-bir-ucundan-diger-ucuna-direnen-kadinlar-ozgurlesiyor/