Rojava verteidigen bedeutet Frauen verteidigen

Zeryan Asya

Zu sehen, was derzeit in Rojava geschieht, ist schmerzhaft, es nimmt einem den Atem und lähmt. Es ist ein Schock, den wir erleben, und viele Menschen fragen sich: „Wie konnte das so schnell gehen? Wie ist es möglich, dass von einem Tag auf den anderen die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien angegriffen und ihr Territorium halbiert wird?“

In Wirklichkeit begann der Prozess der Angriffe auf die Revolution in Nord- und Ostsyrien schon vor vielen Jahren, als die ersten Erfahrungen mit dem Demokratischen Konföderalismus gemacht wurden. Nord- und Ostsyrien existiert heute in der Form nicht mehr, aber Rojava existiert noch. Die Dschihadisten der Regierung, unterstützt von allen hegemonialen Kräften (USA, Israel, Türkei, Europa) sind in die Gebiete Nord- und Ostsyriens, die ihrer Ansicht nach ihnen gehörten, eingefallen und haben sie eingenommen – hauptsächlich die mehrheitlich von arabischer Bevölkerung bewohnten Gebiete wie Tabqa und Raqqa. Wir wissen aber auch, dass die Menschen in diesen Städten begonnen hatten, sich selbst zu verwalten, insbesondere die Frauen, um ihre eigenen Institutionen und Autonomien zu schaffen. Sowohl in Tabqa als auch in Raqqa gab es viele verschiedene Frauenstrukturen, wie beispielsweise „Zenobiya“, die sich dafür einsetzten, Frauen durch Bildung, Arbeit und Vermittlung mit der Familie dabei zu unterstützen, sich zu befreien. Oder die Jineolojî Zentren, die es Frauen durch Forschungs- und Bildungsarbeit ermöglichen, sich selbst wiederzuentdecken – ihre eigene Geschichte und ihre Rolle in der Gesellschaft anders kennenzulernen. Genau diese Einrichtungen wurden als erste angegriffen und zerstört. So zum Beispiel die in Aleppo von der Jineolojî Akademie mitgegründete Bibliothek, benannt nach unserer lieben Freundin Nagihan, die von den türkischen Geheimdiensten in Südkurdistan ermordet wurde. Diese Bibliothek war zu einem vielbesuchten Ort für junge Menschen und Frauen geworden, zum Lernen und Zusammensein. Sie wurde von den dschihadistischen Kräften der syrischen Regierung zerstört.

Es gibt viele Beispiele dafür, wie die Angriffe der letzten Tage in erster Linie Frauen treffen. Ihre toten Körper werden geschändet, von Gebäuden heruntergeworfen, ihre Gesichter werden mit Füßen getreten, ihre Zöpfe – Symbol der kämpfenden kurdischen Frauen – werden abgeschnitten und als Trophäen zur Schau gestellt. Frauen werden erneut dazu gedrängt, die schwarze Burka zu tragen. Sie werden mit Vergewaltigungen bedroht, geschlagen und gedemütigt, und all dies wird gefilmt und in den Medien gezeigt. Die Rückkehr des Islamischen Staates ist Realität geworden, nachdem er zuvor nur eine Bedrohung war, die Angst schürte.

Aber versuchen wir zu verstehen, um welche Art von Angriff es sich handelt, was angegriffen wird, was sich ändern kann und wie wir die Revolution verteidigen können.

Die Mentalität, die zu diesem Angriff auf die Revolution führt, ist nicht neu und schon gar kein Einzelfall. Es ist eine Mentalität, die vor Tausenden von Jahren entstanden ist; eine Mentalität, die die Herrschaft einiger über andere repräsentiert und die die Kraft der Frauen, sich selbst zu organisieren, brechen muss. Diese Mentalität repräsentiert das Gefühl der Überlegenheit, das sich sichtbar machen muss, indem es durch Videos spricht, um Angst in den Menschen zu erzeugen und um sie zu der Annahme zu verleiten, dass man sich einem solchen Angriff nicht widersetzen kann. Um die Hoffnung und den Willen von Frauen und Völkern zu brechen. Es ist eine widerwärtige Mentalität, die den Körper von Frauen als Trophäe betrachtet, die öffentlich zur Schau gestellt werden muss. Diese Mentalität wird von einer Kaste repräsentiert – unantastbar, mörderisch –, die es sich leisten kann, Grausamkeiten zu begehen, weil sie die Zustimmung von Staaten und hegemonialen Kräften hat. Und diese Kaste repräsentiert das Paradigma der kapitalistischen Moderne, das dem Paradigma der demokratischen Moderne entgegensteht – derjenigen, die sich gegen Kriege wehren, träumen und versuchen, ein freieres Leben aufzubauen.

Diese Kräfte greifen eine Idee an, die sich im Körper der Frauen materialisiert. Seit Jahren sprechen wir von der Rojava Revolution als Frauenrevolution. In der Zwischenzeit wurde die Demokratische Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens gegründet, die nicht nur die Kontrolle über die hauptsächlich von Kurden bewohnten Gebiete übernahm, sondern auch über Gebiete, die mehrheitlich von arabischen Bevölkerungsgruppen bewohnt sind. In diesem Gebiet gehört das Land, wie im gesamten Mittleren Osten, nicht einem einzigen Volk oder einer einzigen Nation. Und genau aus diesem Grund hat der Aufbau von Nationalstaaten – festgefahren und unfähig, all die Unterschiede wirklich zu umfassen, sondern nur zu assimilieren – Kriege ausgelöst, die heute ein solches Ausmaß an Gewalt erreicht haben, dass sie sich zu Genoziden und Massakern zuspitzen.

Die Frauenrevolution ist etwas äußerst Praktisches. Sie ist nicht idealistisch, sie gehört nicht der Vergangenheit an, sie ist keine Utopie für die Zukunft, sondern konkret und gegenwärtig. Wir können die Frauenrevolution auch als kommunale Revolution bezeichnen, denn sie betrifft nicht nur Frauen, sondern die gesamte Gesellschaft. Es besteht ein Konflikt zwischen den beiden Paradigmen, zwischen zwei Lebensweisen, zwischen zwei Arten, Gesellschaft zu sein. Auf der einen Seite das freie und kommunale Leben, auf der anderen Seite das Leben, das durch Macht, Staat, Patriarchat und Angst repräsentiert wird.

Diese Art des Lebens setzt sich weltweit immer mehr durch. Wir haben es beim Genozid in Palästina und im Sudan gesehen, beim Krieg in der Ukraine, in Venezuela und an vielen anderen Orten. Und es zeigt sich auch in der Depression, die die westliche Gesellschaft durchdringt… Das Ziel ist es, Gesellschaften zu verängstigen, damit sie nicht reagieren, sie zu lähmen. Gerade in Nord- und Ostsyrien können wir den Konflikt zwischen denen beobachten, die ein Leben unter der Kontrolle von Macht und hegemonialen Interessen etablieren wollen, und denen, die stattdessen ein freies, gemeinschaftliches Leben geschaffen haben, das auf den Werten der Frauen basiert. Wieder einmal zeigen uns die Kurd:innen und alle verschiedenen Völker Rojavas das Beispiel, dass ein anderes Leben möglich ist. Es kann aufgebaut werden.

Was heute in Rojava geschieht, ist eine enorme Bedrohung, insbesondere für Frauen, aber auch für alle, die ein freies Leben aufbauen wollen. Die Frauen der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien haben in den letzten zwölf Jahren ihre Autonomie aufgebaut, ihre Existenz zurückerobert, sie befreit und damit der gesamten Gesellschaft ermöglicht, nach antipatriarchalen Werten und den Werten des Friedens und der Gerechtigkeit zu leben. Fraueninstitutionen, die mit den allgemeinen gesellschaftlichen Institutionen verwoben sind, spielen in allen Bereichen der Gesellschaft eine grundlegende Rolle. Es gab und gibt immer noch viele Schwierigkeiten, aber die Frauen von Rojava lehren uns, dass durch Selbstbewusstsein, Willenskraft und Organisation Dinge verändert werden können und wir die Gesellschaft und das Leben befreien können. Genau diesen Punkt wollen die neue syrische Regierung und ihre pro-türkischen Dschihadistenbanden angreifen – das Lebensmodell, das auf der Befreiung der Frauen basiert. Im Dritten Weltkrieg, in einem durch konfessionelle Konflikte und zwischen Hegemonialmächten zerrissenen Mittleren Osten, ist dieses Lebensmodell für die hegemonialen Staaten der Welt eine Bedrohung. Es gibt konkrete Hoffnung, dass ein anderes Leben möglich ist, wenn wir dafür kämpfen. Das widerspricht den Bestrebungen der Herren des Krieges und der Genozide, deren Ziel es ist, zu vernichten und dem Leben seinen Sinn zu nehmen. Aus diesem Grund müssen wir erneut diese Revolution und alles, wofür sie steht, verteidigen. Wir müssen die Völker von Rojava verteidigen, weil sie uns viel gelehrt haben und uns während dieses Widerstands für das Leben weiterhin viel lehren. Wir müssen die Frauen und das gemeinschaftliche Leben, das um sie herum entsteht, verteidigen!

Widerstand ist Leben!

Es lebe der Widerstand in Rojava!

Jin Jiyan Azadî!

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