Selbstverteidigung muss kollektiv verstanden werden
Rosa Engel, Netz der Jineolojî Deutschland
Würde man in Deutschland eine Straßenumfrage machen, bei der man Passant:innen fragt „Was fällt Ihnen zum Thema Selbstverteidigung ein?“, würden die meisten wahrscheinlich mit Kampfsport oder Pfefferspray antworten, physischer Selbstverteidigung jedenfalls. Als Jineolojî ist unser Verständnis von Selbstverteidigung ein sehr viel weiteres. Selbstverteidigung ist wie ein Baum mit vielen Wurzeln und Ästen und natürlich ist so ein Baum über Wurzelsysteme mit vielen anderen Bäumen verbunden und Teil des Ökosystems Wald.
Und genauso wie die Bäume miteinander und mit allem Lebendigen verbunden sind, geht es auch uns als Menschen. Das ist bereits ein erster wichtiger Aspekt, wenn es um unser Verständnis von Selbstverteidigung geht. Wir verstehen uns nicht als losgelöste Individuen, sondern als ein Teil von Gesellschaft und in diesem Sinne bedeutet auch Selbstverteidigung nicht nur die Verteidigung des eigenen Körpers, sondern die Verteidigung von allen Menschen, der Gesellschaft, den Frauen und der restlichen Natur.
In diesem Verständnis von Selbstverteidigung ist es also sehr wichtig, sich als verbunden, als Kollektiv zu begreifen. Wie aber kann das entwickelt werden? Dafür sind zwei sehr wichtige Bereiche Bildung und Kultur. Bildung, um eine gemeinsame Mentalität und Klarheit zu entwickeln. Kultur, um eine emotionale Verbundenheit zu entwickeln.
Bildung als Selbstverteidigung
Im September 2025 hatten wir als deutsche Frauendelegation in Rojava die Möglichkeit, mit Frauen von HPC Jin, den zivilen Selbstverteidigungseinheiten der Frauen, zu sprechen. Auch sie haben die Wichtigkeit von Bildung betont und meinten, dass wir vor allem in drei Bereichen lernen müssen, als Vorbereitung, um Selbstverteidigung aufbauen zu können:
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Die Geschichte des Landes. Mit Land ist hier nicht Staat gemeint, denn diese Grenzen sind oft konstruiert und zu statisch, um wirklich für Kulturen zu stehen. Es geht primär um die Geschichte der Region, in der wir leben. Überall auf der Welt gab und gibt es Dinge, Rituale, Kultur, die Gemeinschaften verbunden haben – diese gilt es wiederzuentdecken. Genauso können wir von den Angriffen auf dieses Verbindende lernen und von den Kämpfen gab, um es zu verteidigen. Es ist diese Verteidigung, in deren Fußstapfen wir weiterlaufen können.
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Das Wissen um die eigene Geschichte. Das bedeutet die Reflexion der eigenen Biographie und Prägungen durch unsere Familien, religiösen und kulturellen Gemeinschaften und auch durch die diversen Unterdrückungssystem, in denen wir leben.
Im Laufe der Delegationsreise konnten wir noch einige weitere Fragen sammeln, die hilfreich zur politischen Selbstreflexion sein können:
Woher kommen Blockaden, dass ich mir Dinge nicht zutraue, nächste Schritte nicht gehe, Reflexe unterdrücke?
Wenn ich Freiheit fühle, muss ich analytisch fragen: Ist das wirklich Freiheit?
Welche Gefühle habe ich? Woher kommen sie? Nutzen sie dem System oder der Gesellschaft? -
Die Analysen von Abdullah Öcalan. Er hat sehr viele Beobachtungen zusammengetragen über Jahrtausende Geschichte und dabei festgestellt, wo widerständige Bewegungen, Gemeinschaften, Kulturen sehr wertvolle Schritte getan haben, aber auch, wo sie Fehler gemacht haben (praktisch, wie aber auch ideologisch). Seine Schriften zu diskutieren, ist ein gutes Werkzeug, um Fehler nicht zu wiederholen und sich nicht in Irrwegen zu verlieren wie dem Versuch, die Macht über einen Staat zu erlangen.
Die Frauen von HPC Jin geben Bildung als Aspekt von Selbstverteidigung also eine sehr große Bedeutung. Auf Unverständnis stießen hingegen Fragen aus unserer Reisegruppe, ob sie denn schon mal physische Gewalt anwenden mussten, um eine Frau vor patriarchaler Gewalt durch ihren Partner zu schützen. Bisher sei das nicht nötig gewesen. Immer wieder betonten sie:
Auch wenn es Situationen gibt, wo Verteidigung mit Waffen sinnvoll ist, darf das nie an erster Stelle stehen. Vorrang haben politische und ethische Verteidigung.
Oder um es in meinen eigenen Worten zu sagen:
Wenn Selbstverteidigung auf physische Gewalt reduziert wird, tappen wir in eine Falle: wir nehmen an, dass es in der Welt vor allem darum geht, Macht über andere auszuüben; wir übernehmen eine Ideologie von Gewinnern und Verlierern, vom Alles-Kontrollieren-Müssen. Das ist eine Ideologie, die feindlich ist gegen Leben und Vielfalt. Damit kann keine Utopie gebaut werden. Ein kollektives, lebensbejahendes Verständnis von Selbstverteidigung ist eine Notwendigkeit.
Kultur als Selbstverteidigung
Wie in diesem Text schon häufiger angedeutet, ist der Mensch keine Logikmaschine und soll es auch nicht sein. So wichtig Bildung und Analyse sind, so wichtig ist es auch, Momente zu schaffen, die uns emotional verbinden und unseren Emotionen politischen Ausdruck verleihen. Wo wir miteinander tanzen oder Tee trinken, wo wir einander Lieder und Bilder zeigen, können wir viele Unterschiede zwischen uns überbrücken und spüren, dass wir die gleiche Essenz von Menschsein teilen, den gleichen Wunsch nach Nähe, Wärme, Verbundenheit und Freiheit.
Es ist auch wichtig, Kunst zu schaffen, die unsere Werte repräsentiert. Manchmal muss ich daran denken, wie eine andere Teilnehmerin der Reisegruppe zu mir gesagt hat, dass die kurdische Bewegung sie inspiriert hat, mehr kämpferische Lieder zu hören und nicht nur (deutschsprachigen) Rap, der sich darüber auslässt, wie schlecht alles läuft. Das ist sehr wichtig und sehr sinnbildlich dafür, dass es einer deutschen Linken oft schwer fällt, Hoffnung und starke Visionen zu haben.
Hoffnung als Selbstverteidigung
Hoffnung aber ist eine sehr bedeutsamer Teil des Baumes Selbstverteidigung.
Einer der größten Angriffe auf die Bewegungen, die für Freiheit, für Leben, für das Verbindende kämpfen, ist die Anti-Propaganda, wir hätten keine Chance. Das Ende der Geschichte. Der übermächtige Gegner. Oder wie eine Internationalistin es formuliert hat in einem der momentan täglich erscheinenden Updates aus Rojava von der Kampagne Women Defend Rojava:
„Es ist ein Krieg um Informationen, um die Deutungshoheit, um unsere Herzen, unsere Köpfe, unsere Moral. Auch wenn unsere Körper keine Kugeln treffen, spüren wir die Einschläge der Falschinformationen, die dazu da sind, uns zum Aufgeben zu bringen, bevor wir überhaupt zu kämpfen beginnen.“
Es ist deswegen so wichtig zu begreifen, dass wir diesen Angriffen nicht erliegen dürfen, dass in der Geschichte immer wieder extrem unwahrscheinlicher Widerstand erfolgreich war, dass durch Jahrtausende keine faschistische Strömung in der Lage war, die Lebenskraft und die Liebe und das Selbst-Sein der Frauen auszulöschen. Es ist wichtig, unsere Hoffnung immer wieder aufrechtzuerhalten und wo wir sehen, dass bei einer Freundin das Licht gerade nur noch leicht flackert, da helfen wir ihr mit unserem aus und entflammen einander wieder. Unsere Hoffnung und unsere Selbstverteidigung entstehen aus Bildung, Kultur und deren logischer Konsequenz: Organisierung.
Organisierung als Selbstverteidigung
Organisierung ist ein ebenso großer Begriff wie Selbstverteidigung, ganz grob bedeutet er: Wo wir angegriffen werden, als Gesellschaft oder spezifisch als Frauen, da lassen wir nicht zu, dass jede von uns alleine kämpfen muss, sondern wir setzen uns zusammen, wir fordern nichts von irgendwem (keinen Männern, keinen Staaten, keinen Chefs,…), sondern wir überlegen uns, wie wir als Kollektiv das lösen können. Wir gehen nicht verloren in der Machtlosigkeit.
Wir passen auf die zu pflegenden Angehörigen der Nachbarin auf, damit sie zu einer politischen Versammlung kann. Wir organisieren Frauengruppen, die zusammen nachts einzelne Frauen nach Hause begleiten, und haben dabei eine klare Linie gegen sexistische Anmachen. Wir streiken. Wir besetzen Häuser. Wir bauen solidarische Landwirtschaften auf. Wir machen eigene Medien. Unser Fokus ist nicht, mehr Pflegeeinrichtungen, Hilfsstellen, bessere Arbeitsbedingungen, ökologischere Lebensweisen, mehr Repräsentation oder was auch immer zu fordern. Wir machen selber. Und wo wir doch andere Akteure umstimmen müssen, dann indem wir sie gemeinsam unter Druck setzen, sie Konsequenzen spüren lassen.
Organisierung ist die äußere Form der Selbstverteidigung, ihr Kern aber ist die Mentalität. Manchmal ist ein Wechsel der Form notwendig und es wird von außen als Kapitulation fehlinterpretiert, dabei ist es ganz im Gegenteil ein Ausdruck von Flexibilität, ein Bewusstsein, dass politische Prozesse nicht statisch sind und man situativ agieren muss. Da die Mentalität aber der Kern ist, ist es gleichzeitig so, dass eine physische Selbstverteidigung gegen beispielsweise einen Besatzer nicht den gleichen Charakter hat, wenn sie mit einer freiheitlichen oder mit einer faschistischen Ideologie ausgeführt wird.
Hoffnung schafft Selbstverteidigung. Selbstverteidigung schafft Hoffnung.
Diesen riesigen Baum Selbstverteidigung zu beschreiben, könnte Bücher füllen. Es ist die Bedingung unserer Lebendigkeit und je nach Situation sogar des Überlebens. Wir brauchen Selbstverteidigung, um nicht einsam und depressiv den Glauben an alles und die Hoffnung zu verlieren. Gleichzeitig hilft die Hoffnung, so irrational sie auch erscheint, immer wieder neu aufzustehen und die Selbstverteidung weiterzuentwickeln und aufrechtzuerhalten.
In dem Sinne soll dieser Text enden mit den Worten, die mir eine Freundin von der People’s Caravan geschrieben hat:
„Wieso ich auf die Caravane mitfahre: Seit ich die Revolution im Shengal gesehen habe, lebt wieder Hoffnung in mir. Diese Hoffnung muss ich verteidigen, irgendwie. Doch der Keim dieser Hoffnung wird nicht zerstört werden. Auch wenn uns die Strukturen, die aufgebaut wurden, genommen werden, wird die Hoffnung in uns weiter leben. Ich weiß nicht, ob ich den Mut haben werde, auch nach Kobane zu gehen – und dennoch: jeder Schritt in die Richtung der Menschen, der Freund*innen, die dort angegriffen werden, macht das Feuer in meinem Herzen, in unseren Herzen größer, das Feuer in Kobane, das Feuer der demokratischen Kräfte, der Schönheit der Menschlichkeit, die wir verteidigen werden.“