HEBÛN – ZANEBÛN – XWEBÛN: Von Hamsterrädern, gefährlichen Speisekarten und demokratischer Integration in Zeiten des Dritten Weltkriegs

Lena Wilderbach

Zwischen Krieg und Alltag, Ideologie und Intimität entfaltet sich ein vielschichtiges Bild unserer Gegenwart.. einer Welt, in der Existenz nicht selbstverständlich ist, sondern immer wieder verteidigt werden muss. Der Krieg dieser Zeit ist auch ein Krieg um die Frage: Wie leben? Entlang der Begriffe Hebûn (Sein/Existenz), Zanebûn (Wissen) und Xwebûn (Selbstwerden) begibt sich dieses Essay auf eine Reise durch die sichtbaren und unsichtbaren Frontlinien eines Dritten Weltkriegs, der schon lange nicht mehr nur militärisch, politisch und ökonomisch geführt wird. Zwischen Hamsterrädern, geopolitischen Menüempfehlungen und dem „Tod der Brüderlichkeit der Völker“ geht es um die unbeirrbare Suche nach einem freien kommunalen Leben und um das WIE unserer Existenz. Es geht um Bedeutung, Liebe, Organisierung und darum, wie wir das freie Leben denken und gemeinsam aufbauen können.

I. HEBÛN bedeutet Sein, Existenz

Es gibt Momente, in denen ist die pure Existenz, das pure Leben in Gefahr. In Zeiten des Krieges spüren wir das um so deutlicher. Krieg bedeutet Bedrohung, Angst, Verwüstung, Verleugnung, Vergewaltigung, Tod, Zerstörung der Lebensgrundlagen. In der aktuellen Phase der Kapitalistischen Moderne, die wir als Dritten Weltkrieg begreifen, äußert sich der Krieg nicht nur in Momenten offener militärischer Kriegshandlungen, sondern ist allgegenwärtig. Er zieht sich durch Politik, Ökonomie, Institutionen, Technologien, digitale Medien, sogar durch Persönlichkeiten, Beziehungen, Gedanken und Gefühle. Mal ist er offen sichtbar, blutig und mörderisch, mal ist er unterschwelliger, perfide, zerrüttet schleichend die Substanz des Lebens, des freien Denkens, des Zusammenhalts, die Integrität der Körper und der Erde.

Was der Slogan “Kapitalismus ist Krieg” in Kurzform ausdrückt, sehen wir in diesen Zeiten klar vor Augen. Die Zerstörungskraft der kapitalistischen Moderne spiegelt sich in den systematischen Krisen und Ausnahmezuständen wider, in denen Menschen und Gesellschaften verfangen sind. Wir sehen, dass viele Menschen Tag für Tag damit beschäftigt sind, Krisen zu bewältigen und in Angst um die eigene Existenz und Zukunft in Hamsterrädern zu rennen. Die Verstetigung existenzieller Krisen ist nichts zufälliges, sondern Teil des Systems. Sie führt dazu, dass Menschen, Bewegungen und Gesellschaften müde und hoffnungslos werden und keine gemeinsame Kraft gegen das System zu Stande bringen. Denn wer tagtäglich um das Überleben und die Anerkennung der eigenen Existenz ringt, wird in den meisten Fällen die Fragen nach der Form dieser Existenz – sei es politisch, gesellschaftlich oder philosophisch – erst einmal hinten an stellen.

In seinen Perspektiven zum 12. Parteikongress der PKK schreibt Abdullah Öcalan: “Ich möchte mit dem Thema ‘Bewusstsein der Existenz und Wahrnehmung der Kurden für ihre eigene Existenz’ beginnen. Es gab ja die weit bekannten Fragen: ‘Gibt es Kurden oder nicht? Wenn ja, inwieweit konnten sie ihre Existenz realisieren? Und vor allem: Inwieweit sind Existenz und Freiheit miteinander verflochten und wie bedingen sie sich gegenseitig?’ ”1

Wer sind wir? Inwieweit ist unsere Existenz mit der Freiheit verflochten? Diese Fragen sollten wir uns nicht nur als Kurd:innen, sondern als Menschen und Gesellschaften auf der ganzen Welt stellen. Was heißt es für uns in diesen Zeiten des Dritten Weltkriegs zu leben und unsere Existenz zu verteidigen?

Der Kampf um Existenz ist letztlich nicht nur physisch, sondern tief verbunden mit der Frage nach dem WIE der Existenz. Wie wollen wir leben? Welche Formen der Existenz werden uns im System der kapitalistischen Moderne aufgezwungen? Und vor Allem: Wie befreien wir uns davon und erschaffen gemeinsam Alternativen des freien Lebens?

Der Tod der Brüderlichkeit und das WIE der Existenz

In Kurdistan, dem Mittleren Osten und weit darüber hinaus wird in diesen Tagen neben militärischen Interventionen auch ein heftiger ideologischer Krieg geführt. Verbunden mit den Entwicklungen in Rojava und Syrien kursierten in den letzten Wochen auf Profilen in den digitalen Medien Bilder und Statements, die verkündeten: “Das Paradigma ist gescheitert!”, “Die Brüderlichkeit der Völker ist gescheitert!”, oder sogar: “Tod der Brüderlichkeit der Völker!”

Als erster emotionaler Reflex auf die Massaker und Verschleppungen die im Januar und Februar in Nord- und Ostsyrien durch die Truppen der Syrischen Übergangsregierung begangen wurden, ist das erst einmal nachvollziehbar. Das Überlaufen einiger arabischer Einheiten der SDF zu den Truppen der Übergangsregierung löste eine Debatte darüber aus, wie opportunistisch oder langfristig diese Bündnisse gewesen waren. Zweifellos durchlaufen die Organisierungsstrukturen in Rojava und Nord- und Ostsyrien in dieser Hinsicht einen notwendigen Prozess der Reflexion und Selbstkritik.

Wer die Debatten in den digitalen Medien verfolgt hat, erkennt jedoch schnell, dass es sich bei der Propaganda gegen die „Brüderlichkeit der Völker“ um einen Teil einer breit angelegten und aufwendig befeuerten Antipropaganda-Kampagne gegen die Perspektiven der kurdischen Freiheitsbewegung und das Paradigma der demokratischen Moderne handelt. Wie in allen Zeiten und Kämpfen dieser Welt sehen wir klar, wie Narrative geformt werden, die die Geschichtsschreibung der Herrschenden zementieren sollen.

Wir erinnern uns an andere Verkündungen, wie das berühmte “Ende der Geschichte”, welches Francis Fukuyama 1989 ausgerufen hatte. Er bezog sich damals auf den scheinbar absoluten Sieg der liberalen Demokratien und der kapitalistischen Marktwirtschaft über alle anderen Gesellschaftsentwürfe, insbesondere die sozialistischen. In dem “Scheitern der Brüderlichkeit der Völker” finden wir nun ein ähnlich starkes Narrativ im Kontext der hegemonialen Neuordnung des Mittleren Ostens. Solche Narrative sind nicht zufällig und sie stehen nicht einfach im luftleeren Raum, sondern sie haben einen bestimmten ideologischen Hintergrund und kommen bestimmten Interessen zu Gute. Sie versuchen, eine bestimmte Definition der Existenz zu zementieren.

Dieses Narrativ ist verbunden mit der gezielten Aufheizung rassistisch-nationalistischer und politischer Feindseligkeit zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Nord- und Ostsyrien und der gesamten Region. Diese wird auch durch Provokationen wie den Angriffen auf die kurdische Bevölkerung bei den diesjährigen Newroz-Feierlichkeiten in Afrin und Aleppo weiter aufgeheizt. Im Sinne der hegemonialen Neuordnung des Mittleren Ostens sollen sie wie ein Dolchstoß gegen die Errungenschaften des demokratischen Zusammenlebens der Völker in Nord- und Ostsyrien wirken und den Glauben in die Möglichkeit des demokratischen Zusammenlebens schwächen.

Eine Frau, die die Angriffe auf die kurdischen Stadtteile Aleppos Anfang Januar hautnah miterlebt hatte, fasste es treffend zusammen: „Was wir heute erleben, ist keine lokale Angelegenheit, sondern vielmehr ein regionales Erdbeben, das jeden Funken Hoffnung auf eine demokratische Zukunft im Mittleren Osten begraben soll.“2

Existenz – zwischen machtvollen Tischen und gefährlichen Speisekarten

All das geschieht in einer Zeit, in der wir mit grundlegenden Machtverschiebungen und Kämpfen um Hegemonien konfrontiert sind. Es ist ein Krieg um eine sich verändernde Weltordnung, der auf vielen Ebenen gleichzeitig geführt wird. Wir sehen, wie die verschiedenen Mächte sich mit ihren eigenen Interessen und Taktiken darin positionieren.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar hatte Emmanuel Macron gesagt: „Es ist klar, dass wir eine Zeit der Instabilität und der Ungleichgewichte erreichen, sowohl in Hinblick auf Sicherheit und Verteidigung als auch aus wirtschaftlicher Sicht. Schauen Sie sich die Situation an, in der wir uns befinden. Ich meine, eine Verschiebung hin zur Autokratie, gegen die Demokratie. Mehr Gewalt, mehr als 60 Kriege im Jahr 2024 – ein absoluter Rekord, auch wenn ich vernommen habe, dass einige davon beigelegt wurden. Konflikte wurden normalisiert, sie sind hybrid, und weiten sich auf neue Bereiche aus: Weltraum, digitale Information, Cyber, Handel und so weiter. Es ist auch eine Verschiebung hin zu einer Welt ohne Regeln. In der das Völkerrecht mit Füßen getreten wird und in der das einzige Gesetz, das zu zählen scheint, das des Stärkeren ist.“3 Der kanadische Premierminister Mark Carney bemerkte weiterhin: “Wir befinden uns mitten in einem Bruch, nicht in einer Übergangsphase.”4 In Hinblick auf die Situation Kanadas spitzte er es zu: “Die Mittelmächte müssen gemeinsam handeln, denn wenn wir nicht mit am Tisch sitzen, landen wir auf der Speisekarte.5

Von Trump über Merz bis hin zu Macron und Carney sprechen dabei alle auch irgendwie von der Verteidigung der Existenz. Sie propagieren die Kontrolle nationaler Grenzen, Militarisierung, Aufrüstung, massive Rüstungs-Deals oder die Kollaboration mit anderen Mächten, um sich gegenseitig wahlweise auszunutzen oder auszuhebeln – um nicht auf der Speisekarte zu landen. Macron hatte Anfang März bei einer Rede vor den französischen Streitkräften (bei der es unter anderem um nukleare Aufrüstung ging) besonders dystopische Worte gewählt: „Denn in dieser gefährlichen und instabilen Welt gilt, wie ich bereits mehrfach gesagt habe: Um frei zu sein, muss man gefürchtet werden.“6 Und weiter: „Um frei zu sein, muss man gefürchtet werden; und um gefürchtet zu werden, muss man mächtig sein.“7

Aussagen wie diese, die als sicherheitspolitischer Realismus daherkommen, offenbaren uns im Grunde genommen die Reinform der patriarchalen Logik: Um frei sein zu können, musst du so mächtig sein, dass andere sich vor dir fürchten. Aber wenn die eigene Existenz und Freiheit auf der Angst und damit der Unterwerfung der Anderen basiert (und womöglich auch noch von der Potenz der eigenen Raketen abhängt) – von was für einer Form der „Freiheit“ wird dann gesprochen? Die Art und Weise wie das Politische in der Kapitalistischen Moderne verhandelt wird, führt uns immer wieder schmerzlich die tragische Absurdität des Patriarchats vor Augen.

Die Situation mit der wir uns in diesen Zeiten konfrontiert sehen, hatte Abdullah Öcalan bereits vor vielen Jahren in seinen Verteidigungsschriften historisch und soziologisch tiefgehend analysiert und als Dritten Weltkrieg bezeichnet. Das Paradigma der Demokratischen Moderne, auf das sich die Freiheitsbewegung Kurdistans und mittlerweile immer weitere Kreise weltweit beziehen, baut auf diesen Analysen auf und formuliert eine zeitgemäße Alternative. Diese besagt: Die gesellschaftliche Existenz und Freiheit können nicht nachhaltig mit Hilfe von patriarchaler Dominanz, Aufrüstung, Abschottung und Kontrolle verteidigt werden. Stattdessen geht es darum, die Existenz als freie Menschen und freie Gesellschaften durch den Aufbau von Strukturen der demokratischen Selbstverwaltung zu realisieren und zu verteidigen. Öcalan formuliert damit eine Perspektive, die sich radikal gegen Krieg, Kolonialismus, Kapitalismus und patriarchale Machtstrukturen wendet – ein strategischer Horizont und praktische Alternativen für den Mittleren Osten und die ganze Welt.

II. ZANEBÛN – Wissen und Bewusstsein als Grundlage der menschlichen Existenz

Leben bedeutet nicht nur physische Existenz. Wenn wir den Krieg unserer Zeit und die Kämpfe um das Paradigma verstehen wollen, müssen wir die Rolle von Wissen, Bewusstsein und Bedeutung für Menschen und Gesellschaften verstehen. Wer sind wir und wie können wir werden? Was macht unsere Existenz als Menschen und als Gesellschaften aus? Ist es allein unsere biologische Existenz als menschliche Gattung, die Umwandlung von Energie durch Nahrungsaufnahme, die biologische Vermehrung? Ist allein die physische Existenz einer oder mehrerer Ethnien auf einem Territorium schon eine Gesellschaft?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden, müssen wir sehr tief zu den Wurzeln und Grundbedingungen der menschlichen Existenz schauen. Im neu erschienenen Manifest der demokratischen kommunalen Gesellschaft (Demokratik Komünal Toplum Manifestosu) stellt Abdullah Öcalan auch die Frage danach, was die Existenz des Menschen ausmacht. Wie das Universum entstanden ist, die allerkleinsten Teilchen, die in Bewegung sind, Protonen, Neutronen, Elektronen, aus denen sich die Atome zusammensetzen, Atome, die sich in beständigem Austausch befinden und die sich durch komplexe Formen der Organisation zu Molekülen zusammensetzen, woraus sich wiederum Zellen, Organismen, Algen, Pflanzen, Tiere entwickeln. Sie entstehen mit den Zyklen der Zeit, wachsen, vermehren sich, vergehen und die Teilchen aus denen sie bestanden gehen wieder in andere Formen der Existenz über. Mit dem Verlauf der evolutionären Geschichte entwickelten sich die Lebewesen auf der Erde in einer enormen Vielfältigkeit und so entstand auch die menschliche Gattung. In diesem Sinne ist der Mensch Teil der biologischen Natur, der ökologischen Welt. “Das Leben der Zellen entwickelt sich also in Abhängigkeit von Austausch bzw. Organisation. Ist es möglich, dass diese Eigenschaft der Zellen in einer Verbindung zur menschlichen Soziologie steht?”8

Der Mensch ist ein ökologisches Wesen. Und wir können ihn zugleich auch als ein gesellschaftliches und ein denkendes Wesen verstehen. Ein Blick in die evolutionäre und kulturelle Geschichte der Menschheit offenbart uns die tiefen Spuren der Kommunalität: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Dabei geht es nicht um individuelle Neigungen oder Lebensstile – etwa darum, ob jemand lieber alleine lebt oder als Selbstversorger:in allein zurechtkommt. Vielmehr ist Gesellschaftlichkeit eine grundlegende Bedingung menschlicher Existenz. Besonders deutlich wird dies schon bei der Geburt: Während die Jungtiere vieler anderer Lebewesen oft schon nach wenigen Tagen oder Wochen auf den eigenen Beinen stehen und überleben können, braucht ein menschliches Baby viele Jahre um heranzuwachsen. Es ist auf Nahrung, Schutz und Zuwendung angewiesen – nicht nur durch die Mutter, sondern auch durch ein ganzes ökologisches und soziales Umfeld.

Die Notwendigkeit von Verbundenheit, Fürsorge und Kooperation bilden den Ursprung kommunalen Lebens. Schon in frühen menschlichen Gemeinschaften und Klans entstand aus der um die Mutter herum organisierten Fürsorge eine Form von Kommunalität, die den Kern gesellschaftlichen Zusammenlebens bildet. Wir können nur existieren, indem wir einander unterstützen und tragen – biologisch, ökonomisch, psychisch und nicht zuletzt durch zwischenmenschliche Verbundenheit, Anerkennung und Liebe. Dass diese grundlegende Realität der Verbundenheit und der gegenseitigen Abhängigkeit im Kapitalismus maximal verschleiert, ausgebeutet und entfremdet wird, gehört zu seinen zentralen Widersprüchen.

Zugleich ist der Mensch ein denkendes Wesen. Es scheint, als würde die komplexe Form des menschlichen Denkens und die Art und Weise Kultur und Bedeutung zu schaffen, den Menschen ein Stück weit von anderen Tieren unterscheiden. Auf der Grundlage der ersten Natur, der biologischen oder ökologischen Natur, haben Menschen im Laufe ihrer Entwicklung eine zweite, gesellschaftliche Natur entwickelt – eine Welt aus Sprache, Kultur, Werten und Bedeutungen. Diese gesellschaftliche Natur wird kontinuierlich von der Gesellschaft selbst geschaffen, geprägt und weitergegeben.

Im neuen Manifest heißt es: „Gesellschaft ist nicht bloß ein Zusammenschluss von Menschen. Sie ist ein Wertesystem, das von Menschen hervorgebracht wird und in dem sie sich über Kollektivität verwirklichen. Das konstituierende, tragende und entwickelnde Element aller gesellschaftlichen Strukturen ist Bedeutung. Die Gesellschaft (…) ist zugleich Subjekt und Objekt ihres eigenen Werdens, das einen offenen Charakter hat. Anders gesagt: Gesellschaft ist ein fortwährender Prozess des Aufbaus, Zerfalls und Wiederaufbaus. Letztlich wird diese gesellschaftliche Natur vom Menschen hervorgebracht. Sie ist eine Realität, die sich um die menschliche Spezies herum bildet.”9

Und gerade weil die gesellschaftliche Realität durch die Gesellschaft selbst geschaffen und verändert wird, beruht Gesellschaftlichkeit auch nicht auf strikten Naturgesetzen von Ursache und Wirkung. Sie ist flexibler und vielmehr geprägt von Tendenzen und Möglichkeiten. Als Menschen sind wir zutiefst mit dieser gesellschaftlichen Realität verbunden: Wir wachsen in sie hinein, unsere Weltsicht und unser ganzes Leben sind davon geprägt.

Deshalb spielt Bedeutung für uns auch so eine existenzielle Rolle. Unser Verständnis von uns selbst und der Welt, was wir als wahr, richtig oder gut begreifen, ist eng damit verbunden, wie wir es seit unserer Kindheit um uns herum erlebt haben. In der Geschichte der Menschheit hat zunächst all das Bedeutung, was das Leben ermöglicht, ernährt und schützt: Mütterlichkeit, Fürsorge, Gemeinschaft, die Erde, Sonne, Wasser, Nahrung gelten deshalb auch oft auch als heilig. Mit der Entwicklung von Herrschaft und patriarchalen Strukturen jedoch sehen wir, wie sich zerstörerische Werte und Bedeutungen durchsetzen können: Gewalt, Dominanz und Ausbeutung werden normalisiert oder sogar als notwendig und legitim dargestellt, obwohl sie dem Leben selbst widersprechen. Bedeutung ist nicht einfach nur eine abstrakte oder metaphysische Dimension menschlicher Vorstellungskraft. Sie ist spürbar, fühlbar, materiell, Teil der gesellschaftlichen Realität. Sie bewegt Menschen dazu, sich auf bestimmte Art und Weise zu verhalten und kann auch durch Manipulation und Gewalt durchgesetzt werden.

Denken wir zum Beispiel an staatliche Grenzen… In der ersten, biologischen Natur haben sie keine Realität. Zugvögel fliegen einfach darüber hinweg und die Geschichte der Menschheit war immer schon von Nomadentum, Migration und kulturellem Austausch geprägt. Das Konzept von Staatsgrenzen hingegen wurde im Laufe der Geschichte als Resultat von Macht-, Kapital- und Herrschafts-Politiken geschaffen, institutionalisiert und durchgesetzt. Und so haben Staatsgrenzen heute eine materielle Bedeutung und Realität: Sie definieren Hoheitsgebiete, bestimmen über Bewegungsfreiheit, reißen Gesellschaften auseinander, drängen Assimilation auf und haben im Laufe der Geschichte unzählige Menschenleben gekostet. Und trotzdem wird ihre Legitimität allzu oft gar nicht hinterfragt.

Zanebûn bedeutet Wissen. Wissen (zanebûn) und Bewusstsein (hişmendî) über unsere Geschichte und Gesellschaft zu erlangen, bedeutet unsere eigene Existenz und Situation ganz anders verstehen zu können. Wir können scheinbar übermächtige Realitäten in Frage stellen und klarer sehen, in welchen Hamsterrädern der kapitalistischen Moderne wir uns verausgaben. Das Potenzial des freien Lebens zu sehen und zu verstehen, wann und wie sich bestimmte Machtstrukturen in der Geschichte entwickelt haben, lässt uns verstehen, dass es auch ganz anders gehen kann. Deshalb sind Wissen und Bewusstsein eine grundlegende Bedingung der Befreiung.

Bedeutung geben und eine Kultur des freien Lebens schaffen

Je tiefer unser Wissen und Bewusstsein ist, desto mehr wird unsere Fähigkeit Bedeutung zu geben und Bedeutung zu schaffen zu einer großen produktiven Kraft der Befreiung. Die kurdische Freiheitsbewegung zeigt uns, wie durch die Tradition des Freiheitskampfes, verbunden mit einer breiten gesellschaftlichen Bewegung neue Bedeutung geschaffen werden kann.

Im Umfeld der Freiheitsbewegung ist sogar eine ganze Kultur gewachsen. Sie ist tief verwurzelt in gemeinsamer Geschichte, geteilten Erfahrungen und gelebten Kämpfen. Sie gründet auf Werten, die mit viel Hingabe und Mühe geschaffen wurden und für die viele Opfer gebracht wurden. Und sie wächst weiter – mit kollektiver Erinnerung, Reflexion und Erneuerung. Sie verbindet lebendige Geschichte, das Gedenken an die Şehîds, Werte, Prinzipien, Musik, Tänze, Symbole, Begriffe und geflügelte Worte, bis hin zu praktischen Arbeitsweisen und Methoden des organisierten gemeinschaftlichen Lebens. Bisweilen sehen wir sogar, wie nationalische und kapitalistische Kräfte diese Kultur nachahmen und für ihre eigenen Interessen nutzen wollen. Doch dabei kommt letztlich nur ein verzerrtes und entleertes Abbild heraus. Es ist eine Kultur, die sich leben lässt, aber nicht nachahmen. Sie ist offen und zugänglich für alle, die ihre Werte teilen – aber sie ist kein Artefakt, das sich kaufen und aufsetzen lässt wie eine Krone. Ihre Kraft und Schönheit erwächst aus der Einheit von Essenz (cewher) und Form.

Dieses Beispiel erzählt uns sehr viel über die Kraft, die aus gesellschaftlichen Kämpfen hervorgehen kann. Wenn wir den Mut haben, die zerstörerischen Wertmaßstäbe der kapitalistischen Moderne in Frage zu stellen und stattdessen dem Bedeutung zu geben, und das zu stärken, was uns wirklich der Freiheit näher bringt und worin das Potenzial für ein gerechteres und gutes Leben für alle liegt – dann begeben wir uns auf den Weg eine Kultur des freien Lebens zu schaffen.

All das macht deutlich, warum der Kampf um das Paradigma so essenziell ist. Denn der Kampf um das Paradigma ist auch ein Kampf um Bedeutung. Und der Kampf um Bedeutung ist verbunden mit dem Kampf um das WIE der Existenz.

Eine lachende Ethik der Existenz

Wenn es um Rojava geht, hört man hin und wieder Journalisten oder Kommentatoren mit inbrünstiger Rationalität die Lage erklären und behaupten: In Rojava ginge es keinesfalls um Revolution oder alternative Paradigmen, sondern um den Zugang zu Bodenschätzen. “Für dich vielleicht,” denke ich dann – denn worum es in Rojava geht, kommt natürlich auf die Perspektive an. Und dann habe ich all die Menschen in Rojava vor Augen, Mütter, Töchter, Großeltern, Arbeiter:innen, Gärtner:innen, Lehrer:innen, Kämpfer:innen, die ihr Leben für diese Revolution geben.

Es ist verrückt, dass wir in Zeiten leben, in denen das Beharren auf grundlegende ethische Werte als Naivität abgestempelt werden kann. Dabei müssen wir genau dort anfangen und mit der unerträglichen Normalisierung der Brutalität der kapitalistischen Moderne brechen. In Zeiten wie diesen ist die Verteidigung der gesellschaftlichen und ethischen Existenz höchst politisch.

Wer heute angesichts des Dritten Weltkriegs oder der Epstein Files immer noch an der nihilistischen Vorstellung festhält, dass jeder Versuch eine ethische Alternative zur Kapitalistischen Moderne zu entwickeln naiv sei, der ist nicht etwa kritisch-zurückhaltend, realistisch oder unparteiisch, sondern nimmt ganz klar Position für die Verteidigung eines zerstörerischen und absurden Systems ein.

Während ich diesen Text schreibe und über Bedeutung und den Tod der Brüderlichkeit nachdenke, kommt mir eine Erinnerung in den Kopf.. N, eine arabische Freundin mit der ich in Rojava einige Zeit zusammen gelebt habe, hatte mir als Andenken einen Satz in mein Notizbuch geschrieben. Sie ist selbst in einem arabischen Stamm großgeworden, hat früh geheiratet, hatte sich nach kurzer Zeit von dem gewalttätigen Ehemann getrennt und war Teil der Freiheitsbewegung geworden. Den Satz, den sie mir auf arabisch in mein Notizbuch schrieb ist der Titel eines Buches von Xeyri Garzan, in dem er über das Leben der Guerilla schreibt: „Gölümse, ölüm utansın.““Lache, möge der Tod sich schämen.”

In einer Zeit, in der wir viel mit Gewalt und Tod konfrontiert sind, denke ich an diese Freundin und warum sie mir diesen Satz in mein Notizbuch geschrieben hatte. Es ist eine Erinnerung daran, was es bedeutet, das Leben dem Kampf für die Freiheit zu widmen.

Was bedeutet ein Lächeln gegenüber Tod und Zerstörung? Das Lachen von dem hier die Rede ist, ein Lachen, das den Tod dazu bringt sich zu schämen, ist kein aufgesetztes Lachen, das über Unsicherheiten oder Schmerz hinwegtäuscht. Es ist ein Lachen, in dem die tiefe Verbundenheit mit dem Leben hervorkommt. Ein Lachen, das sich nicht demütigen lässt, sondern sich über die Ungerechtigkeit hinwegsetzt und gegen die vernichtende Zerstörungswut einen lebendigen Widerstand formuliert. Ein Widerstand, der das ethische Leben, das Zusammenleben der Völker in Würde und Freiheit, aus tiefstem Herzen verteidigt.

Ich denke auch an das „Die Scham muss die Seite wechseln“10 von Gisèle Pelicot, das in diesen Zeiten zum Slogan für eine breite Bewegung werden kann. Wenn wir uns darüber bewusst sind, für welche Werte wir einstehen und was unrecht ist, und wenn wir dieses Bewusstsein zu einem gemeinsamen Maßstab machen, den wir auch praktisch zu verteidigen wissen, dann haben wir die Kraft, die gesellschaftlichen Bedeutungsrahmen und Realitäten zu verschieben.

Das Paradigma der kapitalistischen Moderne verkündet wieder und wieder: Entweder ihr beugt euch den Gegebenheiten des Systems und spielt das Spiel an den Tischen mit, an denen es von den hegemonialen Mächten gespielt wird – oder ihr werdet verspeist. Die Bedeutung des Paradigmas der demokratischen Moderne für unsere Zeit liegt genau darin, dass es sich dieser Logik des Systems widersetzt. Auf der Grundlage einer fundierten historischen und soziologischen Analyse, einer guten Prise geopolitischem Realismus und einer radikalen Ethik der Freiheit lässt es uns aus Hamsterrädern heraustreten, es eröffnet neue Horizonte der Imagination und Wege gesellschaftlicher und politischer Handlungsfähigkeit.

III. XWEBÛN bedeutet Selbstwerden

Wir kommen nun also zu der Dimension, in der Existenz und Bewusstsein ihren Ausdruck finden: Xwebûn.. Xwebûn bedeutet Selbstsein und Selbstwerden. Wir sprechen manchmal auch von têşê girtin, was so viel heißt wie Form annehmen. In der politischen Philosophie der kurdischen Freiheitsbewegung, und insbesondere der Frauenbewegung, bedeutet Xwebûn, sich von allen aufgezwungenen Formen zu befreien, und Schritt für Schritt in einem Prozess der Bewusstwerdung und Befreiung man selbst zu werden: sich der eigenen Existenz, der eigenen Identität, dem eigenen Willen bewusst zu werden und ihnen eine Form zu geben.

Unsere Existenz ist mit der Existenz, der Geschichte, dem Leben und der Freiheit der anderen verbunden. Deshalb bedeutet Selbstwerdung und Selbstbefreiung immer auch gemeinsame, gesellschaftliche Befreiung. Xwebûn – nicht nur als einzelne Frau, als einzelner Mensch, sondern auch kollektiv: als Kommune, als Bewegung, als Gesellschaft.

Die Erfahrungen in Rojava zeigen, welche Kraft in der kollektiven Selbstwerdung liegt. Yüksel Genç schrieb dazu: “Was sich in Rojava und darüber hinaus entwickelt, ist eine tiefgreifende politische Verschiebung: Aus einer bedrohten Minderheit ist ein selbstbewusstes, grenzüberschreitendes politisches Subjekt mit wachsendem Einfluss, aber auch wachsender Verantwortung geworden. Die Einheit, die entstanden ist, ist nicht perfekt, aber sie ist real. Und sie verändert die politische Landkarte.“11

Existenz ist physisch, sie ist ideologisch, sie ist politisch – und sie verwirklicht sich in Organisation. Oder, wie Abdullah Öcalan es im neuen Manifest formuliert: “Du existierst in dem Maße, in dem du organisiert bist.” Und er fährt fort: „Wir haben dies selbst gesehen, als wir versuchten, das kurdische Gefüge zu definieren; wir existieren in dem Maße, wie wir organisiert sind; wir werden in dem Maße vernichtet, wie unsere Organisation zerstreut wird. Es ist offensichtlich, dass Organisation die Existenz erst möglich macht.“12

So wie Atome sich zu Molekülen verbinden und damit die Materialität des Lebens bilden, realisieren sich auch Gesellschaften durch die Form ihrer Organisierung. Organisierung bedeutet, der gemeinsamen Existenz eine Form zu geben. Besonders in diesen Zeiten ist die Frage der Organisierung existenziell. Gegen den aufgezwungenen Krieg und die patriarchale Gewalt, gegen permanente Ausnahmezustände, Isolation, Spaltung und Bedrohungen, mit denen wir in diesem Dritten Weltkrieg konfrontiert sind, müssen wir uns organisieren. Doch welche Formen der Organisierung braucht es, um Freiheit und Selbstbestimmung wachsen zu lassen? Und worauf kann sie sich gründen?

Diesseits von Brüderlichkeit und Nationalstaat

Wer in diesen Tagen öffentlich auf die „Brüderlichkeit der Völker“ spuckt und ihr die „Brüderlichkeit der Kurden“ entgegenstellt, konstruiert einen Widerspruch, der so im Paradigma gar nicht existiert. Denn die “Brüderlichkeit der Völker” und die Freiheit und selbstbestimmte Existenz Kurdistans bedingen sich dem Paradigma zufolge gegenseitig.

Nimmt man es genauer, könnte man sogar behaupten, dass der Begriff „Brüderlichkeit“ eigentlich gar nicht so sehr im Sinne des Paradigmas ist. Im Kurdischen sprechen diejenigen, die dem Paradigma nahestehen, meist von „xwişk û biratiya gelan“13 („Schwesterlichkeit und Brüderlichkeit der Völker“) und lösen sich damit von einer rein männlichen Perspektive. Die Geschwisterlichkeit der Völker zu betonen, ist ein wichtiger Teil der demokratisch-sozialistischen und internationalistischen Tradition der Freiheitsbewegung und bezieht sich auf die Solidarität unter den (unterdrückten) Völkern.

Abgesehen davon ist das, was in der familiären Bezeichung „Brüderlichkeit“ mitschwingt, eigentlich gar nicht das, worauf mit der Perspektive der demokratischen Nation und des demokratischen Konföderalismus hingearbeitet wird. „Brüderlichkeit“ verweist zwar auf ein traditionelles Ethos von Loyalität und Zusammenhalt. Der Zusammenhalt von Brüdern basiert jedoch auf Blutsbanden und kann deshalb auch Männerbündelei und Vetternwirtschaft bedeuten. Sprich: Dahinter stehen erstmal keine ethisch-politischen Prinzipien oder Maßstäbe. Das Paradigma der demokratischen Moderne strebt nicht umsonst mehr an, als einen Nationalstaat der Brüder. Es geht vielmehr um die demokratische Nation und ein demokratisches Zusammenleben der Völker, das auf einer ethischen und politischen Grundlage beruht. Abdullah Öcalan argumentiert, dass der Versuch, die vielschichtige Realität der Gesellschaften in einen staatsfixierten Nationalismus zu pressen, keine Lösungsperspektive darstellt. Vielmehr führe dies zu einer Verstetigung und Vertiefung der Konflikte: “Wenn die Nationalstaats-Lösung erzwungen wird, werden fünf Staaten auf demselben Land permanent miteinander in Konflikt stehen.”

Seit den 90er Jahren hat Abdullah Öcalan Kritik an der Organisationsform des Nationalstaates geübt und die Kritiken und Analysen wurden in der kurdischen Freiheitsbewegung breit diskutiert und weiterentwickelt. Öcalan analysiert sowohl die Lehren aus der Geschichte des Mitteren Ostens, als auch die Erfahrungen des sogenannten Realsozialismus und antikolonialer nationaler Befreiungsbewegungen. Der Traum vom Nationalstaat als Versicherung für die Freiheit und Unabhängigkeit der Völker – ob bürgerlich oder sozialistisch – ist ein Mythos. Besonders im Mittleren Osten war die Konstruktion von Nationalstaaten keine Errungenschaft der Völker, sondern ein Instrument von imperialistischen Interventionen und Teile und Herrsche Politiken. Statt zu Freiheit und Selbstbestimmung zu führen, führten die gezogenen Staatsgrenzen zu mehr Konflikten, Assimilierung, Korruption und einer Destabilisierung der Region. Auch postkoloniale Staaten des globalen Südens, die eine formale Unabhängigkeit erreichen konnten, blieben oft in koloniale Abhängigkeiten verstrickt und die Entwicklung demokratischer Strukturen der Selbstverwaltung ist sehr schwierig. „Maduro hatte auch einen Nationalstaat…“ meinte eine Freundin neulich. Ja, wäre allein der Nationalstaat ein Garant gegen die Intervention von Außen oder antidemokratische Tendenzen, dann wäre das mit Maduro so wohl nicht passiert.

Im neuen Manifest ist es sehr deutlich formuliert: “Unter den Bedingungen der kapitalistischen Moderne wird die Ausrichtung jeder Nation auf den Nationalstaat festgelegt, und es wird so getan, als sei es ein universelles Gesetz, dass man sich zu einem Staat entwickeln müsse, um eine Nation zu sein. Demgegenüber erfolgt der Aufbau einer demokratischen Nation nicht durch den Nationalstaat, sondern durch Selbstverwaltung. Wichtig ist hier, dass die Gesellschaft nicht von einer externen oder herrschenden Macht, sondern von sich selbst verwaltet wird. In einer demokratischen Nation ist nicht fremde Herrschaft, sondern Selbstverwaltung das Fundament.”14

Öcalan wird dennoch immer wieder sowohl von nationalistischer, als auch von orthodox-marxistischer Seite kritisiert und in der Tat gehen seine Perspektiven in vielerlei Hinsicht über klassische theoretische Rahmen und Konzepte hinaus. Mit seiner Kritik am Staat und mit dem Fokus auf Frauenbefreiung, Kommunalismus, demokratischen Konföderalismus und demokratische Integration hat er Kurdistan weder “aufgegeben” noch “verraten” – wie es einige Stimmen der Antipropaganda notorisch behaupten. Im Gegenteil: er vertieft und aktualisiert Macht- und Gesellschaftsanalysen, übt Kritik an dogmatischen Annäherungen, formuliert die treffendsten zeitgenössischen Thesen und wirft eine durchaus unbequeme Frage auf: Wie sich Freiheitsbewegungen heute re-organisieren müssen, um nicht in Nostalgie zu verharren, sondern wirksame Freiheitskämpfe gegen das System der kapitalischen Moderne führen zu können.

Von Selbstwerden und Selbstverwaltung: Kommune und Kommunalismus

Selbstwerden ist also verbunden mit Selbstverwaltung. Und die Basis der Selbstverwaltung bildet die Kommune – als kleinste Einheit gesellschaftlicher Organisierung. Kommunen können dabei ganz vielfältige Formen annehmen. Abdullah Öcalan schreibt: “Die Grundlage der Gesellschaft ist die Kommune. Damit die gesellschaftliche Existenz leben kann, muss diese heute wiederbelebt werden. Im Wesentlichen beruht die demokratische Gesellschaft auf Selbstverwaltung und Selbstverteidigung. Kommunalität ist der Name des demokratischen gesellschaftlichen Systems. Dieses System bezieht Unterschiede ein und akzeptiert keine auf der Grundlage von Glauben oder Ethnizität entwickelten Ansätze, die darauf abzielen zu spalten und Diskriminierung zu schaffen.”15 “Kommunen sind ein Grundbedürfnis der Gesellschaft, sie sind Selbstverwaltung. Die Kommune ist die Stammzelle der demokratischen Nation. Ist die Zelle nicht gesund, ist auch der Körper nicht gesund. In dieser Hinsicht ist die Kommune lebenswichtig. Die wichtigste, moralisch, wissenschaftlich und ästhetisch bedeutendste Aufgabe einer Gesellschaft besteht darin, die Kraft der Selbstverwaltung zu erlangen.”16

Als konkrete Perspektive für Kurdistan schlägt Öcalan ein Modell der konföderalen Organisierung vor, welches von der kleinsten Kommune bis hin zur Union der Demokratischen Kommunen Kurdistans reicht und sich global zu einer Kommunalen Internationale formiert.

Der Aufbau der notwendigen Strukturen der demokratischen Selbstverwaltung und die damit einhergehenden Umwälzungen von Macht bezeichnet er auch als „positive Revolution“: “Der Unterschied der positiven Revolution besteht darin, ohne sich mit Macht und Staat zu befassen, eine auf Kommunalismus basierende demokratische Gesellschaft und demokratische Nation aufzubauen. Das heißt, wir werden unsere eigene Welt aufbauen. Die Überwindung des Staates geschieht nicht durch Zerstörung, sondern dadurch, dass man durch den Aufbau des Kommunalismus den Raum des Staates einengt.“17

Darin klingt vor allem auch ein Aufruf: Kommt aus dem Quark! Vereint euch! Organisiert euch! Baut eure Institutionen auf! Vertieft die Verbindungen! Denn je stärker und bewusster die demokratische Selbstorganisation ist, desto mehr ist der Staat dazu gezwungen, sie anzuerkennen.

Demokratische Integration: Am Tisch sitzen oder auf der Speisekarte landen?

Nun geht es bei diesen Fragen nicht um ein philosophisches Gedankenspiel, sondern um ganz konkrete gesellschaftspolitische Fragen – in einem Krieg, bei dem es um Leben oder Tod geht. In diesen Tagen ist in dieser Hinsicht das Thema „Integration“ eins der am härtesten debattierten Themen. Dabei stellen sich sehr konkrete und praktische Fragen: Wie geht es weiter mit dem Friedensprozess in der Türkei? Wie geht es weiter in Rojava? Können die Errungenschaften der Revolution verteidigt werden und wie wird das alles konkret aussehen?

In diesen Zeiten wird viel von ‘Integration’ gesprochen, aber nicht von demokratischer Integration,” meinte eine Freundin in einem Gespräch neulich. “Ich denke wir müssen diesen Begriff noch viel tiefer verstehen…” Im klassischen Verständnis kapitalistischer Nationalstaaten bedeutet „Integration“ meist Anpassung. Also von einer marginalen Position heraus in eine bestehende dominante Ordnung eingepasst zu werden. Das ist oft gleichbedeutend mit Assimilation, Unterordnung, Aufgabe der eigenen Identität und Kapitulation.

Das Konzept der demokratischen Integration wie Abdullah Öcalan es in den letzten Monaten geprägt hat hingegen, lehnt Assimilation und Unterordnung ab. Demokratische Integration basiert in diesem Sinne auf Anerkennung, Selbstorganisation, Kenntnis der Geschichte und gegenseitiger Transformation. Es bedeutet zunächst die Anerkennung der lokalen Demokratien im Staat. Im neuen Manifest heißt es: “Demokratische Integration bedeutet, die Lösung des Nationalstaats nicht zu akzeptieren. Der Nationalstaat basiert auf Leugnung, Assimilation und Vernichtung. Es ist offensichtlich, dass ein Nationalstaat, der die Integration akzeptiert und sich zu Verhandlungen darüber bereit erklärt hat, sich von diesen Merkmalen entfernen wird. Daher muss die Integration als grundlegende Lösung angesehen werden, um die durch den Nationalstaat in unserer Region verursachten Schäden zu beheben und erneut eine Gemeinschaft der Völker zu schaffen.”18

Dabei stellen sich wichtige Fragen: „Sind die Nationalstaaten der Region wirklich bereit für eine Integration? Oder was verstehen sie unter Integration? Sind sie wirklich gegen Assimilation? Für die Beantwortung solcher Fragen sind Verhandlungsprozesse und Dialog unerlässlich. Mit alten Vorurteilen und indem man das erlebte Leid in den Vordergrund der Diskussionen stellt, lassen sich keine Lösungen finden. So wie die demokratischen, sozialistischen Oppositionskräfte die dogmatischen Sackgassen und Fehler des Sozialismus mutig diskutieren, müssen auch die Ideologen und politischen Zentren der Nationalstaaten mit derselben Aufrichtigkeit den Verbrechen und Fehlern ins Auge sehen, die seit mehr als zweihundert Jahren im Namen des Staates begangen wurden.“19

Abdullah Öcalan betont auch, dass sich mit diktatorischen, monarchistischen oder faschistischen Regierungen keine demokratische Integration realisieren lässt. Solange die Republik sich nicht demokratisiert, ist auch keine demokratische Integration möglich. Denn diese Prozesse bedingen sich gegenseitig. Zudem betont er, dass ein solcher Prozess nur auf der Grundlage von demokratischer Politik, demokratischen Verhandlungen und einer rechtlichen Grundlage vorangebracht werden kann. Entscheidend ist also auch der rechtliche Status, die Verankerung der demokratischen Rechte und ihre volle Anerkennung. Demokratische Integration bedeutet, sich nicht gegenseitig auszulöschen, sondern sich mit historischem Bewusstsein Gemeinsamkeiten und Unterschieden bewusst zu sein und in einem dialektischen Prozess der Widersprüche tiefgreifende demokratische Veränderungen zu schaffen.

In diesen Tagen werden besonders die Widersprüche, Unzulänglichkeiten und Fallstricke eines solchen Prozesses debattiert und um die Möglichkeit des Erfolgs gebangt. Abdullah Öcalan hatte in seinen Perspektiven zum 12. Parteikongress eine interessante Anmerkung gemacht. Er zitiert Şêx Seid, Anführer einer der großen kurdischen Aufstände, der zum Tode verurteilt wurde:

Herr Staatsanwalt, Sie hatten versprochen, dass wir zusammen Lamm speisen würden. Was ist daraus geworden?“20

Kein Lamm, kein würdevolles Mahl am gemeinsamen Tisch, keine Verhandlungen – stattdessen wurde Şêx Seid 1925 in Amed hingerichtet. Dieses Beispiel mahnt, sich nicht leichtfertigen Erwartungen hinzugeben und sich nicht darauf zu verlassen, dass sich an bestimmte Normen gehalten wird. Es scheint uns zuzurufen: Lernt aus der Geschichte, bleibt wachsam und wiederholt die Fehler der Vergangenheit nicht.

Am Tisch sitzen oder auf der Speisekarte landen? Folgt man den Narrativen der Politiker beim Weltwirtschaftsforum, so scheint uns der Dritte Weltkrieg vor diese Wahl zu stellen. Abdullah Öcalan und die Kurdische Freiheitsbewegung haben in all diesem Chaos einen alternativen Weg eröffnet. Der Weg der demokratischen Nation bedeutet, weder das Spiel der hegemonialen Kräfte mitzuspielen und sich von ihren zweifelhaften Menüempfehlungen locken zu lassen – noch aufzugeben und sich verspeisen zu lassen. Wo in der Geschichte früherer kurdischer Aufstände Kollaboration mit der Herrschaft oder Hinrichtung durch die Herrschaft dominierten, hat Abdullah Öcalan es geschafft, einen Tisch zu eröffnen – einen Tisch der Verhandlung, um die Würde und Freiheit der Existenz.

Demokratische Integration ist vielleicht ein bisschen wie ein Seiltanz, wie eine Kunst des am Tisch Sitzens ohne am Tisch zu sitzen.21 Alles für die Anerkennung der gesellschaftlichen Existenz und für das wirklich demokratische Zusammenleben der Völker zu tun, ohne sich auf die Spiele der hegemonialen Mächte einzulassen. Und immer zu wissen:

Der eigentliche Tisch auf den es ankommt, ist nicht der Tisch der Herrschenden, sondern der einfache Sofre22 des kommunalen Lebens. Das Zusammenkommen um kommunale Arbeit, Kreativität, Werte und Bedeutung.

Ja, demokratische Integration kann nur realisiert werden, wenn die demokratische Basis der Gesellschaft stark ist. Sprich: Wenn wir unser Leben in allen Bereichen kommunal organisieren.

Nicht zuletzt bedeutet das auch, das Recht auf Selbstverteidigung nicht aus der Hand zu geben: “Der Verzicht auf den bewaffneten Kampf und die darauf basierenden Strategien und Taktiken bedeutet nicht, auf das Recht auf Selbstverteidigung zu verzichten. Auf das Recht auf Selbstverteidigung zu verzichten, ohne dass die kurdische Existenz als demokratische Gesellschaft gesichert ist, würde bedeuten, sich selbst das Grab zu schaufeln.”23

Ebenso wie das zugrunde liegende Bewusstsein, müssen die praktischen Schritte der Organisierung demokratischer Gesellschaftlichkeit dabei immer weiter entwickelt werden. „Fragen wie: Wo und wie man beginnt, welche Haltung in den Verhandlungen eingenommen wird, welche Sprache, welcher Stil und welche Methode beim Aufbau von Institutionen und bei der Umsetzung der Theorie in die Praxis angewendet werden, sind mindestens ebenso wichtig wie die Schaffung des theoretischen Rahmens.“24

Xwebûn: Wie leben?

Die Journalistin und Guerilla-Kämpferin Gurbetelli Ersöz notierte in ihrem Tagebuch: “Praktische Kreativität. Praktische Politik. Das ist der Dreh und Angelpunkt. Theorie ist nur in dem Ausmaß erfolgreich, wie sie in die Praxis umgesetzt wird.”

Im Paradigma der demokratischen Moderne verbinden sich revolutionäre Perspektiven, eine radikale Ethik der Würde und Freiheit, mit politischem Realismus und einem utopischen Moment – und vor allem noch einem sehr langen Weg vor uns. Wir befinden uns in einer neuen Phase, in der sich zeigen wird, wie viel in den letzten Jahren aufgebaut werden konnte und wie wir all das gemeinsam weiterentwickeln und verteidigen werden. Und wie Abdullah Öcalan sinngemäß in Jenseits von Staat, Macht und Gewalt schreibt: “Der Kampf für Frieden und Demokratie ist schwerer als jede militärische Schlacht.”25

Was also tun in diesen Zeiten?

Im Kurdischen gibt es einen schönen Ausdruck: “buyina bersiv”, das heißt wortwörtlich “Antwort werden”. Damit geht es nicht nur darum, eine Antwort auf eine Situation zu geben, wie einen Reflex auf einen Reiz – sondern darum, selbst zur Antwort zu werden. Und das bedeutet letztlich auch Xwebûn. Es geht darum, dass wir in diesen historischen Zeiten gemeinsam zur Antwort werden. Als Frauen, als Gesellschaften, als Bewegung – lokal, regional und global. Es liegt an uns, unsere Suche nach dem freien, würdevollen Leben in tiefer Verbundenheit über alle Grenzen hinweg zu organisieren und zu verteidigen. Dafür braucht es historisches Bewusstsein, Weitsicht, eine klare ethische und ideologische Haltung, praktische Organisierung und viel Kreativität. Und dafür werden wir Hebûn (Existenz), Zanebûn (Wissen) und Xwebûn (Selbstwerdung) genauso kunstvoll und unbeirrbar miteinander verflechten, wie unsere Zöpfe.

1 Kurdisch: “Ez dixwazim bi mijara ‘Di Kurdan de serwextbûna hebûnê û hay jê hebûn’ dest pê bikim. Ew nêzîkatiyên binavûdeng yên wekî; ‘Kurd hene yan nîn in? Heke hebin çiqasî bûne hebûn? Ya herî girîng jî, ev hebûn û azadî çiqas di nav hevdu de ne û çiqasî hevdu pêkan dikin?’”

2 Siehe: https://jineoloji.eu/de/2026/01/31/das-leben-verteidigen-stimmen-aus-belagerung-und-widerstand-die-frauenkommune-in-aleppo/

3 https://www.weforum.org/stories/2026/01/davos-2026-special-address-by-emmanuel-macron-president-of-france/

4 https://www.weforum.org/stories/2026/01/davos-2026-special-address-by-mark-carney-prime-minister-of-canada/

5 ebd.

6 https://www.lepoint.fr/politique/pour-etre-libre-il-faut-etre-craint-le-discours-integral-demmanuel-macron-a-lile-longue-sur-la-DFQAQP2445GH5FKY54WGM3HMTY/

7 ebd.

8 Vorläufige eigene Übersetzung, aus: Demokratik Komünal Toplum Manifestosu. Weşanên Meyman: 2026

9 ebd.

10 Der Ausspruch „La honte doit changer de camp“ (Die Scham muss die Seite wechseln) wurde vor Gisèle Pelicot sogar schon Ende der 70er Jahre von Gisèle Halimi geprägt. Sie war eine in Tunesien geborene Rechtsanwältin, Feministin und antikoloniale Aktivistin, die insbesondere wegen ihrer Verteidigung in politischen Prozessen während des Algerienkriegs bekannt wurde. Gisèle Halimi setzte sich für Frauenrechte ein, besonders auch im Kontext sexualisierter Gewalt (u.a. im Fall Djamila Boupacha). Sie machte auf die Verflechtung von sexistischer und kolonialer Gewalt aufmerksam.

11 https://deutsch.anf-news.com/kurdistan/rojava-als-katalysator-neue-rolle-der-kurdischen-bevolkerung-50279

12 Vorläufige eigene Übersetzung, aus: Demokratik Komünal Toplum Manifestosu. Weşanên Meyman: 2026

13 Im Türkischen heißt es „kardeşlik“, das bedeutet „Geschwisterlichkeit“ und ist eine geschlechterneutrale Bezeichnung.

14 Vorläufige eigene Übersetzung, aus: Demokratik Komünal Toplum Manifestosu. Weşanên Meyman: 2026

15 ebd.

16 ebd.

17 ebd.

18 ebd.

19 ebd.

20 Das erweiterte Zitat auf Kurdisch: “Gotinên Şêx Seîd yên dawî çi bûn? Pirseke wiha dipirse: «Dozger beg, ka te gotibû em ê bi hev re berx bixwin» Ev xefleteke olî ye, ji ber ku şêxekî oldar yê Neqşî ye. Di esasê xwe de îfadeya xapandineke trajîk a bikovan e. Nîşan dide ku, di ew bîrdoziya xwe radest kirî de çiqasî hatiye xapandin. Vê radixe ber çavan.”

21 Quantum!! 😉

22 Sofre bezeichnet traditionell das Tuch, das zum gemeinschaftlichen Essen auf den Boden gelegt wird.

23 Vorläufige eigene Übersetzung, aus: Demokratik Komünal Toplum Manifestosu. Weşanên Meyman: 2026

24 ebd.

25 Vgl. Öcalan, Abdullah (2010): Jenseits von Staat, Macht und Gewalt. Verteidigungsschriften. Köln: Mezopotamien-Verlag

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