Das Leben verteidigen: Interview mit der Frauenvereinigung ZENOBIA
Andrea Wolf Institut der Jineoloji Akademie
Es gibt Mauern in den Herzen, Mauern zwischen Menschen, Mauern, die Verbindungen und Entwicklung blockieren, genau wie die Grenze zwischen dem türkischen und dem syrischen Nationalstaat, die Völker und Städte trennt, die einst eins waren. In diesen Tagen sehen wir, wie Mauern überwunden werden können, wenn Menschen auf beiden Seiten der Grenze „Das kurdische Volk ist eins“ rufen. Aber wir sehen in diesen Tagen auch, wie eine Region wie Raqqa, die einst befreit war, die sich langsam erholte und aufblühte, wieder in schwarze Schleier und Flaggen gehüllt werden kann. Wie ein Ort, der schon einmal so viel Leid gesehen hat, erneut dieser Gewalt ausgesetzt sein kann.
Durch die Angriffe auf Raqqa und Tabqa sind insbesondere Frauen, die sich in den Institutionen der Frauenrevolution engagiert und für die Überwindung von Barrieren gekämpft haben, bedroht und zur Flucht gezwungen. Wie wir in unserer vorherigen Analyse zur aktuellen Kriegslage geschrieben haben, wurden die Zentren von Zenobia, der Frauenorganisation in den überwiegend arabisch besiedelten Regionen Nord- und Ostsyriens, von den Streitkräften der syrischen Übergangsregierung, unterstützt vom türkischen Staat, angegriffen und zerstört.
Vor einigen Monaten hatten wir die Gelegenheit, die Freundinnen der „Frauenvereinigung Zenobia” zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Wir sprachen über ihre Kämpfe, darüber, wie Frauen stark werden, und über die Bedeutung der Organisierung als Frauen mit Zusammenhalt in Frauenkommunen.
Wir wollen, dass die Stimmen der Frauen von Zenobia weiterhin Teil unseres gemeinsamen Kampfes sind, insbesondere da sie derzeit zum Schweigen gebracht werden. Wir wollen, dass ihr Wille und ihre Kämpfe bekannt werden und Gehör finden, da ihre Werte und Ziele massiv angegriffen werden. Wir stehen den Frauen bei, die gerade ermordet und angegriffen werden, und indem wir ihre Worte bekannt machen, machen wir deutlich, dass unser gemeinsamer Kampf weitergeht, solange bis keine Frau auf der Welt mehr daran gehindert wird, sich zu entfalten, und die Mauern zu überwinden, die sie daran hindern, ihre Wahrheit zu leben.
Wir stehen den Frauen bei, die gerade ermordet und angegriffen werden, und indem wir ihre Worte bekannt machen, wollen wir deutlich machen, dass unser gemeinsamer Kampf weitergeht, solange bis alle Frauen auf der Welt nicht mehr daran gehindert werden, sich zu entfalten, und sie die Mauern überwinden können, die sie daran hindern, ihre Wahrheit zu leben.
Zenobia wurde 2021 gegründet und nach der Kriegerkönigin des Palmyra-Reiches, Zenobia, benannt. In Manbij, Tabqa, Deir ez-Zor und Raqqa wurden Frauenzentren aufgebaut, die sich der Lösung aller gesellschaftlichen Probleme widmen, unter denen Frauen leiden, wie häusliche Gewalt, Minderjährigenheirat, Polygamie, Mord, Scheidungs- und Erbschaftsangelegenheiten. Arabische, tscherkessische, turkmenische und kurdische Frauen haben sich zusammengeschlossen und durch ihren Kampf gegen die Mentalität der männlichen Dominanz Einheit geschaffen.
Die Jahre der Besetzung durch den IS haben tiefe Spuren in der Geografie dieses Landes und in der Mentalität der Gesellschaft hinterlassen. Sich ihnen als Frauen zu stellen, bedeutet, dass der Kampf um Freiheit viele Schlachten umfasst.
Um sich gegen die Regeln und Traditionen zu wehren, besteht der erste Schritt darin, den eigenen Willen zu stärken und sich selbst kennenzulernen, was die Frauen den Geschmack der Freiheit spüren lässt.
Das Interview wurde am 20.November 2025 in Raqqa geführt. Es wurde aus dem Arabischen ins Englische übersetzt.1
AUSSCHNITTE DES INTERVIEWS KÖNNEN HIER ALS VIDEO ANGESCHAUT WERDEN
(Untertitel: DE – EN – SP – IT)
F: Wofür arbeitet ihr in Zenobia?
Noora:
Wir arbeiten hier in Zenobia daran, die Situation von Frauen zu verbessern und sie in allen Lebensbereichen – in Politik, Ökonomie – in jeder Hinsicht zu stärken. Wir arbeiten daran, die inneren Barrieren zu überwinden, damit jede Frau ihre Wahrheit erkennt und stark genug ist, um ihre Errungenschaften zu verteidigen. Heutzutage leiden Frauen unter alten Traditionen. Unter vielen Dingen. Vor allem unter Gewalt, wie sexueller und körperlicher Gewalt. Außerdem werden Frauen gezwungen, ein Denken zu übernehmen, die sie nicht wollen, aber sie müssen dieses Denken übernehmen, weil die männliche Autorität sie dazu zwingt.
Hier kommt unsere Aufgabe ins Spiel: Wir wollen jede Frau stärker machen, damit sie erfolgreicher und selbstbewusster wird und ein besseres Leben führen kann als zuvor. Das ist alles.
F: Wie können Frauen stärker werden?
Noora:
Es gibt viele Möglichkeiten. Zunächst besuchen wir Frauen in ihren Häusern. Wir halten Vorträge, damit sie sich bewusster werden können, was sie wollen und welche Rechte sie haben. Jede Frau muss ihre Rechte einfordern. Ihr habt das Recht zu leben. Ihr habt das Recht zu lernen. Ihr habt das Recht, viele Dinge zu tun. Aber auf die richtige Art und Weise.
Deshalb sensibilisieren wir Frauen, damit sie wissen, was sie für ihre Zukunft wollen, und damit sie die Barrieren in ihren eigenen Herzen überwinden können.
Wisst ihr, viele Frauen haben aufgrund der Gesellschaft Angst, ihre Rechte einzufordern.
Deshalb machen wir sie stärker. Damit sie ihre Rechte einfordern können.
Leila:
Ich möchte noch einige weitere Dinge hinzufügen, die wir tun, um Frauen stärker zu machen. Zunächst einmal die Besuche. Wir haben [auch] ein Projekt, bei dem wir Vorträge in Akademien halten.
Wir haben Akademien für Frauen mit vielen verschiedenen Bildungs-Programmen. Einige davon sind geschlossen. Geschlossen bedeutet, dass die Frauen in die Akademie kommen und dort ein oder zwei Monate bleiben können, ohne nach Hause zu gehen. Andere Bildungs-Programme sind offen. Das bedeutet, dass das Programm um 9.00 Uhr morgens beginnt und bis 15.00 Uhr nachmittags dauert. Wir machen das so, weil viele Frauen aufgrund ihrer Familien und Umstände nicht an den geschlossenen Programmen teilnehmen können. Viele Familien würden ihre Töchter niemals außerhalb ihres Zuhauses übernachten lassen. Wir möchten, dass alle Frauen die Akademie besuchen und an den Vorträgen teilnehmen können, um sich selbst besser kennenzulernen, gestärkt zu werden, ihr soziales Leben zu verbessern und Kraft zu sammeln. All dies durch die Akademien und die Vorträge.

F: Könnt ihr etwas über die Veränderungen in der Persönlichkeit der Frauen vom Beginn bis zum Ende der Bildungsprogramme in den Akademien sagen?
Noora:
Wenn sie zur Akademie kommen, haben viele Frauen große Schwierigkeiten. Wie wir bereits gesagt haben – die Gesellschaft, ihre Brüder, ihr Vater, die Autorität der Männer machen ihnen das Leben schwer. Frauen dürfen nicht studieren, dürfen nicht lernen – aber wenn sie zu den Akademien kommen, ist es, als würden sie eine neue Welt betreten. Sie werden stärker, und es ist, als würde ein Licht auf das Leben der Frauen scheinen, nachdem sie all die Jahre in Dunkelheit gelebt haben. In den Akademien unterstützen wir die Frauen dabei, sich selbst kennenzulernen, ihr wahres Ich. Das bedeutet, dass sie Dinge an sich entdecken, von denen sie nicht wussten, dass sie sie haben, wie Fähigkeiten, Vorlieben, Hobbys. Nach der Akademie sind die Frauen talentierter, stärker, haben mehr Kraft und werden selbstbewusster. […] Wir unterstützen die Frauen auch nach der Akademie weiter.
Da viele Frauen kein Selbstvertrauen haben, können sie sich der Unterdrückung, der sie ausgesetzt sind, nicht entgegenstellen. Aber wenn sie stärker werden, ändert sich das. Und es ist großartig, dass heutzutage viele Frauen die Akademie absolvieren, Lehrerinnen werden, Verantwortungspositionen übernehmen, so wie unsere Freundinnen hier, die in der Arbeit von Zenobia eine führende Rolle einnehmen.
So ist es derzeit, aber wir möchten noch mehr erreichen und geben können. Nicht nur für die Frauen hier, sondern in ganz Syrien und auf der ganzen Welt.
F: Wie kommen die Frauen zusammen und unterstützen sich gegenseitig dabei, in euren Akademien stärker zu werden?
Noora:
Es geht um den Geist der Freundinnenschaft. Alle Frauen, wenn sie mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und aus unterschiedlichen Umfeldern zusammenkommen, werden sie zu Freundinnen. Sie lernen voneinander durch den Kontakt miteinander.
Auch die Anleitenden gehen als Freundinnen mit allen anderen um. Als Freundinnen machen wir alles gemeinsam und unterstützen uns gegenseitig in jeder Hinsicht.
Es ist auch möglich, von den Persönlichkeiten der anderen zu lernen, wenn beispielsweise jemand sehr ruhig und jemand anderes sehr hart und oft wütend ist. Mit der Zeit wird diese wütende Person ruhiger und die ruhige Person selbstbewusster. Sie profitieren voneinander.
Am Ende der Akademie weinen die Frauen, wenn sie sich voneinander trennen. Sie haben sich in einer Gruppe von Freundinnen gefunden, wie in einer Familie. Sie bleiben in Kontakt, weil sie das Gefühl haben, eine Familie zu haben, Unterstützung zu haben. Sie haben jemanden, der sie stärker und mutiger macht. Das ist es, der Geist der Freundschaft ist das Wichtigste.
F: Um diesen Geist der Freundschaft fortzusetzen: Das System der Selbstverwaltung in Nord-/Ostsyrien basiert auf Kommunen als kleinsten Einheiten der Gesellschaft.
Wenn ihr den Begriff „Frauenkommune“ hört, was kommt euch dabei als Erstes in den Sinn?
Asma:
Unser Kommunensystem besteht aus zwei Teilen: einem allgemeinen (geschlechtergemischten) und einem autonomen Teil, der nur für Frauen bestimmt ist. Die Kommunen verbinden alle Räte und Ausschüsse miteinander. Als Frauen sind wir die einzigen, die andere Frauen verstehen können. Deshalb ist es wichtig, autonome Kommunen nur für Frauen zu haben. Eine wichtige Aufgabe [der Frauenkommune] besteht darin, Frauen zu schützen. Das bedeutet, jede Frau in der Nachbarschaft zu kennen und sich nach ihren Lebensumständen zu erkundigen, um zu erfahren, ob sie Gewalt oder etwas anderes erleidet, das ihr schadet. Und ihr zu vermitteln, dass sie sich in der Kommune und den Räten zu Wort melden kann und Gehör findet.
Wir haben autonome Selbstverteidigungskomitees und Gesundheitskommunen. [Diese Themen hängen auch zusammen:] Selbstverteidigung dient dem Schutz der Gesundheit von Frauen. Wir arbeiten derzeit an diesem Projekt. Wir hoffen, dass [dieses System der Kommunen] in Zukunft in unserer gesamten Gesellschaft mehr Verbreitung finden wird. Wir hoffen, dass es sogar in ganz Syrien Kommunen für Frauen geben wird, speziell für Frauen, um das Leben der Frauen in ganz Syrien zu verbessern. Denn Frauen in Syrien sind viel Gewalt ausgesetzt und in jeder Hinsicht stark von der Politik ausgeschlossen. Sie schließen Frauen aus der Politik, aus Arbeitsbereichen, aus der Ökonomie, aus allem. Frauen nehmen nicht teil und leiden darunter. Wir hoffen, dass wir all diese Frauen erreichen und sie durch den Aufbau von Kommunen unterstützen können. Wir hoffen, bis Anfang des Jahres 2026 eine Phase der Stärkung und Befähigung der Kommunen beginnen zu können. Das wird einige Zeit dauern, aber wir arbeiten daran. Kommunen für Frauen sind so wichtig. […] Viele Frauen leben in Dörfern. Die Aufgabe der Frauenkommunen ist es, auch diese Frauen zu erreichen.

F: Was sind die größten Herausforderungen beim Aufbau dieser Frauenkommunen?
Leila:
Die größte Herausforderung ist die traditionelle Kultur dieser Region und darüber hinaus die Mentalität, die sich mit dem Einmarsch des IS unter den Männern verbreitet hat. Männer können nicht akzeptieren, dass Frauen eine Kommune bilden oder an Macht gewinnen.
Oder dass Frauen die klassische Arbeit von Männern machen können – das wird für sie nicht akzeptiert. Es ist also schwierig, wir müssen die Meinung der Männer verändern, sie davon überzeugen, dass Frauen diese Verantwortung übernehmen können. Das ist die größte Herausforderung, und wir können nicht sagen, dass es einfach ist.
Aber wir können [uns verändern], immer. Selbst nach dem IS und all dieser Mentalität – und es ist eine so schwierige Mentalität – können wir [uns verändern]. Wir arbeiten hart daran. Wir hoffen, dass wir Veränderung bewirken können. Auch die Frauen sind von dieser Mentalität betroffen. Die Mentalität des IS ist so schrecklich, dass wir hoffen, Veränderung bewirken zu können.
F: Wie überwinden/bewältigen Frauen die vom IS aufgebaute Mentalität?
Leila:
Das ist eine der größten Herausforderungen.
Wie wir bereits gesagt haben, gibt es einen Unterschied zwischen Frauen vor und nach einer Bildungs-Akademie. Wenn Frauen stärker und selbstbewusster in ihren Gedanken und in sich selbst sind, fürchten sie nichts mehr, nicht einmal die Mentalität des IS.
Die meisten von ihnen [die Frauen die an Zenobia-Akademien teilgenommen haben] übernehmen mittlerweile gesellschaftliche Verantwortung, in Institutionen, im Bildungsbereich, in Ausschüssen, als Sprecherinnen in einflussreichen Positionen und politischen Positionen. Sie beginnen als kommunale Personen, als Frauen in den Kommunen. Und sie können Frauen gewinnen, sie werden jede Frau gewinnen, weil sie keine Angst mehr haben. Ihr Denken verändert sich. Die größte Angst ist und war immer in der Frau selbst, nicht außerhalb von ihr.
Wisst ihr, manchmal sind die Frauen ihre eigenen Feinde, weil sie nicht wissen, was sie wollen, und ihre Rechte nicht kennen. Oder ob sie Rechte haben, oder ob sie etwas tun können. Sie waren sich dessen nicht bewusst. Sie lebten all die Jahre wie in der Dunkelheit. [Nach den Bildungs-Akademien] weiß sie, dass sie machtvoll ist. Sie kennt ihre Rechte, sie kennt ihre Errungenschaften und sie kann sogar ihre Errungenschaften schützen. Das hat sie durch Wissen und Stärke erreicht. Sie kann sich selbst und ihre Errungenschaften schützen. Das ist es, was sie jetzt tut. Und dann versucht sie, dies auch unter allen anderen Frauen zu verbreiten, um mehr Frauen wie sie zu stärken.
Nachdem sie sich Wissen angeeignet und gestärkt hat, beginnt eine Frau, ihr Leben mit der Mentalität des IS zu vergleichen. Sie erkennt den Unterschied und denkt darüber nach, wie sie tatsächlich leben könnte, wenn sie Rechte hätte. Das bringt die Frau dazu, eine Entscheidung zu treffen, stark zu sein und mehr Frauen dabei zu unterstützen, sich von diesem Denken und der Mentalität des IS zu befreien, die sie noch immer prägen. Deshalb arbeiten wir als Zenobia sogar mit den Frauen in den IS-Lagern zusammen, um die Mentalität der Frauen zu ändern, ihnen zu helfen, sich selbst kennenzulernen und ihr Leben vorher und jetzt zu vergleichen. Was die Mentalität des IS den Frauen gibt und wie demokratisches Denken ihnen Rechte und Errungenschaften gibt. In der Mentalität des IS haben Frauen keine Persönlichkeit und existieren nicht wirklich. Diese Mentalität wird real, wenn sie umgesetzt wird. Veränderung zu schaffen ist eine schwierige Aufgabe. […] Man kann nicht darauf warten, dass man von jemandem befreit wird. Man muss sich selbst befreien.
F: Welche Rolle spielen Frauen heute beim Wiederaufbau von Raqqa?
Leila:
Heutzutage arbeiten immer mehr Frauen hier in Raqqa. In vielen Positionen bauen Frauen Raqqa wieder auf – sie säubern Raqqa von den Folgen des IS.
Eine unserer Bürgermeisterinnen, Leyla Mustefa, war die Vertreterin des Rates von Raqqa. Sie war eine von neun Bürgermeisterinnen weltweit, die Raqqa nach dem Abzug des IS wieder aufbauten. Ihr wisst ja, die zerstörten Gebäude und all das. In jeder Einrichtung gibt es jetzt ein Büro für Frauen, speziell für Frauen, um sie bei der Arbeit zu schützen. Frauen leisten hier den größten Beitrag zum Wiederaufbau von Raqqa, sodass es von Tag zu Tag schöner wird. Heute ist Raqqa eine wunderschöne Stadt. Das war früher nicht so, denn es war zu 90 % zerstört. Das ist die Rolle der Frauen. Frauen haben hier viel gearbeitet. Mehr als die Männer. Sie haben viel gearbeitet. Das ist es, was sie hier tun.
F: Ihr habt über die Frauen in den Dörfern gesprochen. Wie seht ihr die Beziehung zwischen Frauen und der Natur?
Leila:
Es gibt etwas, das Frauen und Natur gemeinsam haben. Frauen arbeiteten auf den Feldern, wir sind Töchter der Natur. Frauen machen alles selbst. Wisst ihr, es waren immer mehr Frauen als Männer auf den Feldern tätig. Deshalb ist die Natur so sehr mit der Mentalität der Frauen verflochten. […]
Die Wurzeln der Frauen liegen zwischen Feldern und Bäumen. Jede Frau hat Wurzeln wie ein Baum, und es sind starke Wurzeln. Aber wir hoffen, dass sie mit der Zeit immer stärker werden.
Frauen, die in Dörfern leben, sind stärker. Deshalb gibt es einen großen Unterschied zwischen Frauen in Dörfern und Frauen in Städten, aufgrund ihrer Beziehung zur Natur. Das macht sie stärker. Man sieht es an ihren Körpern, ihren Haaren, ihrer Haut. Alles ist anders. Sogar ihre Denkweise. Sie haben also eine starke Persönlichkeit. Das liegt an der Natur und der sauberen Luft. Sie essen keine Lebensmittel aus Dosen oder ähnliches. Ihr Geist ist klarer aufgrund der Natur und der sauberen Luft. In den Städten leben wir alle ein schnelles Leben, alles ist schnell. Sie sind auf den Feldern mit den Kälbern und allem – sie machen ohnehin alles, was Männer machen, nicht wie in der Stadt. Hier haben Männer mehr Autorität, weil sie denken, dass Frauen nicht machtvoll sein können.
Sie denken so: Frauen sind nicht stark. Wenn sie einen Anwalt wollen, wollen sie keine Frau als Anwältin. Sie wollen einen Mann. Sie kann mich nicht verteidigen, weil sie eine Frau ist… Aber wisst ihr, viele erfolgreiche Anwält:innen waren Frauen.

F: Vorhin habt ihr über Selbstverteidigung gesprochen. Was bedeutet das?
Leila:
Wie verteidigt ihr euch selbst?
F: Ich würde sagen, dass ich mich nicht alleine verteidigen kann, sondern eine Kommune brauche. Ich selbst bin auch auf einer großen Suche, weil mir klar geworden ist, dass ich mein ganzes Leben lang nur sehr wenig Selbstverteidigung gelernt habe. Das ist einer der Gründe, warum ich zu dieser Revolution hier in Syrien kommen wollte.
Leila:
Zur Selbstverteidigung müssen Frauen zunächst einmal ihre Rechte kennen. Als Frau solltet ihr eure Rechte kennen und die Barrieren in euren Herzen überwinden.
Habt keine Angst. Habt keine Angst davor zu wissen. Frauen haben Angst, ihre Rechte einzufordern, und diese Angst erstickt ihre Stimme. Wir müssen sie von den Barrieren in ihrem Inneren befreien. Das sind keine Mauern innerhalb der Gesellschaft oder wie Wände in einem Raum. Sie befinden sich im Inneren der Frau. Deshalb müssen wir Frauen helfen, die Barrieren in ihrem Herzen zu durchbrechen, damit sie wissen, wie sie da herauskommen können.
Dann müssen sie sich weigern, Gewalt zu erdulden, und Nein sagen. Frauen glauben, dass sie nicht Nein sagen können.
Das Wichtigste ist, dass ihr Nein sagen könnt. Das ist vielleicht nicht immer einfach, aber es wird einfacher, wenn ihr wisst, dass ihr stark sein müsst und wisst, was ihr wollt.
Also zunächst einmal kann man Nein sagen. Man kann Nein sagen. Dann haben wir gesagt: Habt keine Angst.
In unseren Akademien gibt es auch Bildung in Selbstverteidigung. Es ist notwendig, körperlich und mental zu lernen, denn manche Gewalt wird nicht mit den Händen ausgeübt, sondern mit Worten oder Gedanken. Jemandem die eigenen Gedanken aufzuzwingen, ist Gewalt. Eine Frau zu zwingen, zu Hause zu bleiben, das Haus nicht zu verlassen – das ist Gewalt. Dann gibt es auch noch sexuelle Gewalt. Wie ich bereits sagte, muss man sich zunächst entscheiden, Nein zu sagen, dies nicht mehr zu akzeptieren.
F: Vorhin habt ihr gesagt, dass es nicht nur wichtig ist, Frauen hier zu unterstützen, sondern in ganz Syrien und auf der ganzen Welt. Warum ist es für euch wichtig, eine Frau auf der anderen Seite der Welt zu unterstützen?
Asma:
Nun, weil sie auch Frauen sind. Wir sind Frauen füreinander. Ob sie nun in Darfur, in Afrika oder in Pakistan lebt. Wisst ihr, auch in Pakistan werden Frauen verkauft. Sie verkaufen minderjährige Mädchen, um sie zu Sklavinnen zu machen, um aus ihnen von Kindheit an Sklavinnen zu machen. Im Iran leiden Frauen ebenfalls unter der islamistischen Mentalität.
Wir betrachten die Situation nicht nur aus unserer Sicht in Rojava oder Syrien. Wir betrachten alle Frauen auf der Welt. Überall leiden Frauen, sogar in Europa.
Als Frauen-Vereinigung können wir die größte Vereinigung der Welt sein, indem wir alle Frauen der Welt zusammenbringen. Und das ist unser Ziel.
Hier gibt es Frauen in den Verteidigungskräften, als Kämpferinnen. Und wisst ihr, Frauen können überall auf der Welt Kämpferinnen sein. Frauen sollten nicht einfach Sklavinnen der Autoritäten sein.
F: Ich habe auch eine Frage zur Kommunalität der Frauen: Wie schafft ihr es, Frauen unterschiedlicher Religionen, Ethnien und Kulturen zusammenzubringen?
Leila und Noora:
Ihr habt gefragt, wie die Beziehungen sind, wie wir alle Frauen – Assyrerinnen, Syrerinnen, Araberinnen – zusammenbringen. Sie kommen alle aufgrund ihrer Mentalität zusammen. Wir als Frauen haben alle das gleiche Ziel. Wir sind Frauen. Wir sehen euch nicht als „Kurdin oder Araberin oder sonst etwas“. […] Es ist der Geist der Freundinnenschaft, wie ich bereits gesagt habe.
Wir arbeiten als Team, nicht als Einzelpersonen, weil wir die gleichen Ziele und die gleiche Mentalität haben. Das ist es, was uns zusammenbringt. Es ist leicht, einander zu verstehen, weil wir dieselbe Mentalität haben. Auch zwischen uns und euch haben wir dieselben Ziele, dieselben Gedanken über Frauen.
Wir alle wollen für Frauen kämpfen, deshalb. Wir gehen nicht so damit um, wie ihr wisst … Wir behandeln euch zuerst als Frau und dann als Mensch. Du bist eine Frau und ein Mensch. Wir achten nicht auf Rasse oder Religion oder irgendetwas anderes. Was uns alle verbindet, ist, dass wir alle Frauen sind und für Frauen kämpfen wollen. Ihr kommt aus Großbritannien, aus Deutschland, und wir kommen als Frauen für Frauen zusammen.
F: Kann auf diese Weise auch die Einheit unter Frauen dazu beitragen, die Spaltungen in der gesamten Gesellschaft zu überwinden?
Asma:
Das stimmt, das stimmt. Bevor der IS kam und seine Mentalität mitbrachte, gab es bei uns nicht so viele Spaltungen. Ich trinke meinen Kaffee morgens immer mit meiner Nachbarin. Ich denke nicht darüber nach, dass sie Kurdin ist und ich Araberin, sie kommt zu mir nach Hause, ich besuche sie und wir unternehmen etwas zusammen.
Vor dem IS spielten die Kinder zusammen, es war ein normales Leben. Der IS hat den Menschen folgendes Denken eingeimpft: „Das ist nicht muslimisch. Das ist muslimisch. Das ist kurdisch. Das ist arabisch.“ Vor dem IS gab es dieses Denken nicht. Und jetzt, mit der Selbstverwaltung, schließen wir ein solches Denken aus. Wir zerstören diese Mentalitäten. Wir sind alle hier, wir sind alle Menschen, wir haben die gleichen Rechte, wir sind alle gleichberechtigt. Zunächst einmal hast du Rechte als Mensch. Als Frau hast du dann das Recht, stark zu sein, das Recht zu lernen, das Recht zu arbeiten, das Recht, Nein zu sagen und deine Meinung zu äußern.
Sie beschuldigen uns, dass wir [den Frauen] irgendwie die Hände und den Kopf waschen. Es ist genau umgekehrt. Sie waschen den Frauen den Kopf und bringen Frauen dazu zu glauben, dass ihr Platz nur in der Küche ist. Das kann man nicht machen. So ist es. Das ist eine Herausforderung für uns Frauen überall, nicht nur in Syrien, sondern auf der ganzen Welt.

1 Der Artikel wurde aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.