Jineolojî Akademie Şengal: Die Auswirkungen von 74 Völkermorden auf ezidische Frauen und die Bedrohung eines weiteren Völkermords

Ein Report von der Jineolojî Akademie Şengal

Die ezidische Kultur und der Glaube gehören zu den demokratischen Zivilisationen Mesopotamiens. Zahlreiche Forschungen zeigen, dass die Geschichte des ezidischen Glaubens, Philosophie und Überzeugungen älter ist als staatliche Zivilisationen und monotheistische Religionen.

Şengal und das yezidische Volk sind heute nicht mehr dieselben wie vor 2014. In den vergangenen zwölf Jahren hat die Region tiefgreifende Veränderungen erlebt.

Der 74. Genozid von 2014 brachte neben unermesslichem Leid auch einen starken Geist des Widerstands hervor. Durch Selbstverteidigung, Selbstverwaltung und unter großen Entbehrungen hat das ezidische Volk über Jahre hinweg Widerstand geleistet. In der Gesellschaft hat sich zunehmend die Überzeugung verbreitet: Die Eziden sind nicht mehr die von früher – sie werden sich verteidigen.

Diese Entschlossenheit zeigt sich besonders bei den ezidischen Frauen. Immer stärker setzt sich die Haltung durch, im Falle neuer Bedrohungen nicht mehr zu fliehen oder sich auf äußere Kräfte zu verlassen, sondern die eigene Zukunft selbst zu schützen.

Doch dieser neue Widerstandsgeist beseitigt die Gefahr weiterer Massaker und Kriege nicht. Trotz jahrelanger Kämpfe ist die ezidische Gemeinschaft in der irakischen Verfassung bis heute nicht offiziell anerkannt. Auch die von den Eziden selbst aufgebauten Schutz-, Verwaltungs- und Wirtschaftsstrukturen besitzen keinen rechtlichen Status. Ohne eine solche Anerkennung gibt es keine Garantie, dass sich ein Genozid nicht wiederholt. Die Existenz des ezidischen Volkes, seiner Institutionen und seiner Schutzmechanismen muss daher im irakischen Recht offiziell verankert werden.

Nach den jüngsten Entwicklungen und Konflikten in Şengal wächst zugleich die Sorge vor möglichen erneuten Angriffen. Viele Frauen äußern eine tiefe Angst, dass sich der Genozid wiederholen könnte. Häufig hört man Aussagen wie: „Als die SDF-YPG-YPJ an der Grenze waren, konnten wir nachts ruhig schlafen. Seit dem Krieg liegen wir aus Sorge bis zum Morgen wach.“ Oder: „Sie werden die IS-Kämpfer freilassen und wieder gegen uns einsetzen.“

Das Vertrauen vieler Frauen gilt weder staatlichen noch internationalen Kräften. Zu oft hat die Geschichte gezeigt, dass sie trotz ihres Widerstands am Ende Opfer von Massakern wurden.

Die nach dem 74. Genozid gegründeten Sicherheits- und Verteidigungskräfte – YBŞ, YJŞ und Asayîşa Ezidxan – gelten heute als wichtigste Kräfte zum Schutz der Region. Dennoch wächst der Druck, diese aufzulösen und zu entwaffnen. Die Auflösung lokaler Verteidigungskräfte und die erneute Übergabe der Sicherheit an externe Akteure hat in der Vergangenheit jedoch immer wieder den Weg für neue Katastrophen bereitet.

Um ein weiteres Massaker zu verhindern, ist die Mobilisierung der internationalen Öffentlichkeit von entscheidender Bedeutung. Die irakische Regierung, regionale Staaten und die internationale Gemeinschaft müssen den Status und den Willen der Bevölkerung von Şengal anerkennen. Eine Lösung für Şengal darf nicht außerhalb von Şengal gesucht werden.

Maßnahmen, die zur Entvölkerung der Region führen, dürfen weder die Kultur, den Glauben noch das soziale Gefüge der Eziden gefährden. Das Bewusstsein, die Organisation und die Erfahrungen der letzten zwölf Jahre dürfen nicht verloren gehen. Nur so kann verhindert werden, dass das ezidische Volk erneut aus seiner Heimat vertrieben wird und weiteren Massakern ausgesetzt ist.

Dieser Bericht wurde im Februar 2026 von der Jineolojî Akademie Şengal angefertigt und kann hier als PDF in deutscher Übersetzung heruntergeladen werden:

Jineolojî Akademie Şengal_Bericht_deutsch [PDF]

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