Warum die Demokratische Nation unentbehrlich ist

Ronahî Malatya, Jineolojî Akademie

Der Mittlere Osten wird erneut von kapitalistischen Hegemonialmächten nach ihren Interessen umgestaltet. Insbesondere für die kurdische Bevölkerung und für die Gesellschaften des Mittleren Ostens insgesamt stellt dies einen kritischen Wendepunkt dar. Aus diesem Grund können wir den Prozess, den wir gerade durchleben, als einen wirklich geschichtlichen Moment bezeichnen. Nur wer die Gegenwart aus einer historischen Perspektive versteht und interpretiert, wird die Zukunft auf der richtigen Grundlage aufbauen können.

Es ist Abdullah Öcalan, der mit tiefem Weitblick und einem historischen Bewusstsein verhindert hat, dass sich die Geschichte gegen die Kurden wiederholt und sie stattdessen in einen Erfolg verwandelt hat. Selbst unter den Bedingungen der Isolationshaft auf Imrali und mit äußerst begrenzten Mitteln entwickelte Abdullah Öcalan, Faden für Faden, mit großem Aufwand und Geduld gewebt, den Prozess des Friedens und der demokratischen Gesellschaft und schuf die entsprechenden Grundlagen. Das demokratische, ökologische und Frauen-Befreiungsparadigma, das darin zum Ausdruck kommt, wurde zum Leuchtfeuer der Hoffnung für alle, die weltweit nach einer alternativen Lebensweise suchen, die im Gegensatz zur Lebensweise der kapitalistische Moderne steht. Indem die Demokratische Moderne als Alternative zur kapitalistischen Moderne und die Demokratische Nation als Alternative zum Nationalstaat entwickelt wird, entsteht anstelle einer fragmentierten Perspektive eine lebensnahe, ganzheitliche Perspektive. Die Überwindung von Unterdrückung, Ausbeutung, Ausgrenzung, Unterwerfung und Versklavung wird existentiell, wo Bewusstseinsbildung, Einsatz im Kampf und in der Organisierung notwendig sind.

Die Umsetzung der Demokratischen Nation in Rojava wird vor allem von den Frauen geleitet, genau weil sie auf dem demokratisch-kommunalistischen, ökologischen und Frauen-Befreiungsparadigma basiert. Die Angriffe, die sich mit der Mentalität des Nationalstaats und des IS gegen Frauen und ihre Werte richten, sind nichts Gewöhnliches – sie sind zutiefst ideologisch. Die Revolution in Rojava wird so rücksichtslos angegriffen, gerade weil es sich um eine Frauenrevolution handelt. Der Krieg, der speziell gegen Frauen und, im weiteren Sinne, gegen die Kurdinnen und Kurden geführt wird, wird von der Weltgemeinschaft als Angriff auf die Werte der Menschlichkeit verstanden. Auch ist es nichts Gewöhnliches, dass sich Menschen überall auf der Welt und in allen Teilen Kurdistans erhoben haben, um das zu verteidigen, was sie in Rojava als die aufkeimenden Werte der Menschlichkeit erkennen – Werte, die die kapitalistische Moderne weitgehend zerstört hat. Die Existenz der Kurdinnen und Kurden und ihre Forderung nach einem freien Leben wurde zur Forderung vieler anderer.

Wenn die Demokratische Nation zu einem Projekt der Solidarität und der Einheit unter den Völkern wird, werden die Hegemonen, die Vertreter der Mentalität des Nationalstaats, die Saat der Zwietracht zwischen ihnen zu säen versuchen. Zwietracht zwischen Gesellschaften und Völkern zu säen, um sie gegeneinander aufzuhetzen, ist die grundlegendste Methode der kapitalistischen Hegemonialmächte; niemals werden sie die Entwicklung von Einheit und Solidarität zulassen. Sie werden immer versuchen, diese Entwicklung zu untergraben. Sie wollen tiefe Gräben zwischen dem arabischen Volk und dem kurdischen Volk in Rojava schaffen. Die Versuche, Konflikte zwischen den Völkern zu provozieren, entsprechen der Zerstörung des Geistes der Geschwisterlichkeit und der Solidarität. Ein kollektives Gedächtnis soll konstruiert werden, wonach «verschiedene Völker niemals zusammenleben können». Eigentlich fußt diese Perspektive auf Nationalismus. Der Nationalismus selbst ist die Existenzgrundlage des Nationalstaats. Dessen Interessen erfordern das ständige Schüren von sektiererischen Kriegen, Grenzziehungen und Konflikten zwischen den Völkern. Folglich wird alles getan, um zu verhindern, dass das in Rojava entwickelte Projekt der Demokratischen Nation sich den Weg seiner Existenz bahnt. Doch durch das Konzept der Demokratischen Nation kann statt einem falschen Leben ein wahrhaftiges Leben ermöglicht werden. Die Hegemonen, die dies nicht zulassen wollen, zielen durch den Krieg, den sie in Rojava führen, auf Abdullah Öcalans Projekt der Demokratischen Nation ab. Die Tatsache, dass hegemoniale und nationalstaatliche Kräfte so unverfroren angreifen; dass nationalistische, religiös-sektiererische und sexistische Ansätze zu solchen Extremen getrieben werden, zeigt das ideologische Wesen dieser Angriffe.

Die Existenzgrundlage der Demokratischen Nation, die eine Alternative zum Nationalstaat darstellt, ist die Kommune. Die Demokratische Nation – das bedeutet, das Projekt der Solidarität und der Einheit unter den Völkern – wird lebendig durch die richtige Organisation der Kommune. Wie sollte die Kommune sowohl in ihrer Mentalität als auch in ihrer Struktur gestaltet sein? Sie ist nicht verbunden mit den staatlichen Instrumenten der Zivilisation, wie dem Streben nach Macht und dem Staatswesen, und auch nicht mit Gewalt. Sie lehnt das Ergreifen der Herrschaft über die Gesellschaft ab, genauso wie sie Zentralismus ablehnt. Ihre Grundlage ist ein demokratisches, partizipatives, kreatives Leben, in dem Unterschiede koexistieren.

Abdullah Öcalan sagt, dass der Aufbau der Kommune bedeutet, die Werte, die der natürlichen Gesellschaft – und somit der kommunalen Gesellschaft – durch die „kastischen Mörder“1 gestohlen wurden, im Rahmen der demokratischen Gesellschaft wieder zu beleben und weiter zu entwickeln. Das grundlegendste Problem unserer Zeit – das Problem der Gleichheit, der Demokratie und der Freiheit – kann somit durch den Aufbau der Kommune gelöst werden. Die Entfremdung, die Ausgrenzung und die Mentalität der Unterwerfung, die von den kastischen Mördern geschaffen wurden, können nur durch die Mentalität im Aufbau der Kommune überwunden werden. Genährt vom demokratisch-kommunalistischen, ökologischen und Frauen-Befreiungsparadigma, gleicht die Demokratische Nation, bestehend aus Kommunen in allen Bereichen des Lebens, einem Garten mit tausend farbenfrohen Blumen. Warum also sollten wir den Nationalstaat brauchen, der nur den Interessen einer Handvoll Machthaber und Hegemonen dient, die eine Plage für die Menschheit und die Natur darstellen?

1 Dies ist ein Begriff, den Abdullah Öcalan im Manifest für Frieden und eine demokratische Gesellschaft prägt. Er bezeichnet damit eine Form von Macht, patriarchaler Herrschaftsstruktur und Mentalität, die sich auf die Zerstörung und Vernichtung der freien, kommunalen Gesellschaft gründet. Den Begriff und die damit verbundene Macht-Analyse werden wir in naher Zukunft näher beleuchten.

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