Die Geschichte von den vier Schmetterlingen

Necibe Qeredaxî, Jineolojî Akademie

Habt ihr schon einmal die Geschichte von den vier Schmetterlingen gehört?

Es ist eine bekannte Geschichte, die oft erzählt wird, um tiefere Bedeutungen und Erfahrungen zu veranschaulichen. Ganz einfach gesagt: Vier Schmetterlinge sehen eine brennende Kerze. Der erste Schmetterling betrachtet die Kerze aus der Ferne und sagt: „Ich weiß, was das ist.“ Der zweite Schmetterling fliegt näher heran, spürt die Wärme und sagt: „Ich weiß mehr als du, denn ich habe die Wärme gespürt.“ Der dritte Schmetterling fliegt ganz nah heran, verbrennt sich einen Teil seines Flügels und sagt: „Das Feuer brennt.“ Der vierte Schmetterling fliegt hinein und kehrt nicht zurück.

Es gibt Dinge, die kann man nicht allein durch Worte, durch Anschauen oder bloßes Empfinden kennenlernen. Manches Wissen erfordert gelebte Erfahrung – selbst wenn man dafür ein Opfer bringen muss.

In Wahrheit ist die Angelegenheit nicht so simpel, denn letztendlich zeigt diese Geschichte den Unterschied zwischen theoretischem (mathematischem) Wissen und erfahrungsbasiertem Wissen auf. Schmetterlinge stehen in vielen mythologischen Erzählungen als Metapher für die Wege zur Wahrheit (dem freien Leben und seinem Preis). Diese Geschichte ist in einer poetischen Sprache verfasst, die verstanden werden will und Bedeutungen auslegt. Einfach, aber tiefgründig. Denn wie Nagihan Akarsel sagte: „Einfachheit ist eine Tugend.“

Die erste Stufe ist nur das Wissen aus der Ferne, wie der Zustand des ersten Schmetterlings; ein äußeres Bild im Verstand, das im Vergleich zur Wahrheit kein erlebbares Bild ist.

Die zweite Stufe ist das sinnliche Wissen. Obwohl das Gefühl selbst eine Form des „konzentrierten Denkens“ ist und bis zu einem gewissen Grad Empathie ermöglicht, reicht das bloße Annähern und Fühlen nicht aus, um die Wahrheit der Dinge zu erkennen. Zwar ist Erkenntnis über die Sinne ein wichtiger Schritt in der geistigen Entwicklung des Menschen, wie in der Philosophie des Aristoteles und im Empirismus, es bleibt jedoch unvollständig.

Was die dritte Stufe betrifft, so ist es der Zustand sich teilweise ins Feuer zu begeben und des Mutes, sich teilweise der Erkenntnis zu stellen.

Die vierte Stufe ist das erfahrungsbasierte Wissen und der Zustand des Einswerdens – doch ein Einswerden, in dem sich das Selbst verwirklicht. Es ist jener gesellschaftliche Zustand, in dem das Selbst ins Gleichgewicht kommt, selbst zum Kraftstoff des Kerzenlichts wird und eine große Frage für die Zurückbleibenden hinterlässt, auf einer Ebene, die sie verstehen, fühlen, wahrnehmen und in Bewegung setzen müssen.

Diese Sichtweise unterscheidet sich im östlichen Denken stark von der westlichen Perspektive. Die Westler kritisieren den Zustand des dritten und vierten Schmetterlings, da sie diese als nicht individualistisch genug betrachten, weil sie ihren Interessen nicht eigennützig nachgehen und ihren Verstand nicht instrumentalisieren. Natürlich gibt es auch im Osten viele, die zu Kopien dieser westlichen Sichtweise geworden sind.

Doch in den Philosophien des Achsenzeitalters und des Ostens ist der vierte Zustand das Feuer der Wahrheit selbst. Am Ende sagt uns die Geschichte: Wer nur spricht, weiß nicht. Wer fühlt, ist noch halbwegs dabei. Wer Mut beweist und sich der Wahrheit stellt, erlangt Wissen. Wer sich selbst hineinbegibt und nicht zurückkehrt, erreicht den Zustand des existentiellen Feuers. Was bleibt, ist die Asche, aus der das Sein wieder lebendig werden kann. Nur Menschen, die frei denken, können sich aus dieser Asche heraus neu erschaffen. Denn von denen, die gehen und nicht zurückkehren, bleiben ihre gesellschaftlichen Erinnerungen und ihre Ziele bestehen.

Gewidmet denen, die ihr Leben für die Freiheit gegeben haben, und denen, die verstehen. In diesen Tagen, in denen es einen so organisierten und geplanten Angriff auf das Paradigma der demokratischen Moderne gibt, brauchen wir nicht nur eine Ausdrucksweise voller Verantwortungsbewusstsein, sondern auch eine Verbindung zwischen Fühlen, Denken und Handeln. Denn letztendlich ist der Mensch selbst der Spiegel dessen, was er zum Ausdruck bringt.

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