Von Medusa bis Rojava: Der Staat, der Angst vor geflochtenen Haaren hat

Esra Bilen (Jin Dergi)

„Haben wir nicht genug Gründe, uns in alle Töne des Aufstands zu hüllen, uns zu verflechten und uns in aufmüpfigem Widerstand zu verankern?»*

Camisha L. Jones

In den vergangenen Wochen kursierte das Video eines Mannes, der mit den Dschihadisten in Syrien in Verbindung steht. Darin präsentierte er die abgeschnittenen Haare einer getöteten Kämpferin wie eine Kriegstrophäe in den sozialen Medien. Mit spöttischem Tonfall stellte der Mann das Haar zur Schau und suggerierte, dass von der Frau „nur noch dies“ übrig geblieben sei. Nachdem diese Bilder verbreitet wurden, haben Frauen an verschiedenen Orten der Welt angefangen, kurze Videos zu posten, in denen sie ihre Haare flechten.

In einer Zeit, in der über die erneute Anerkennung der Kurd:innen auf Basis einer gleichberechtigten Staatsbürgerschaft debattiert wird, hätte man erwartet, dass das Recht – anstatt wie seit 100 Jahren als Knüppel gegen Kurd:innen zu fungieren – nach universellen Standards den Täter des Kriegsverbrechens ausfindig macht. Stattdessen wurden Ermittlungen gegen Frauen eingeleitet, die Videos davon teilten, wie sie ihre Haare flechten. Es folgten Festnahmen, Hausdurchsuchungen, gerichtliche Auflagen und Suspendierungen von Beschäftigten im öffentlichen Dienst.Im Gegensatz dazu gibt es keine einzige tatsächlich bestätigte Nachricht über ein Verfahren gegen die Person, die das geflochtene Haar als Beute zur Schau stellte und diese Demütigung öffentlich machte. Die 100-jährige Geschichte wiederholt sich: Jemand, der die Kurd:innen und ihre Werte herabwürdigt, beibt unsichtbar. Die Frauen, die dagegen zivilen Ungehorsam leisteten, werden bestraft. Diese Situation ist kein juristischer Konflikt, sondern eine Entscheidung. Die Frauen durchschauen diese Entscheidung und lassen ihren zivilen Ungehorsam weiter wachsen.

In der Mythologie werden Symbole wie Seile, Knoten, Zöpfe und das Weben als rituelle Ordnungsprinzipien betrachtet, die dem Zerfall der Welt entgegenwirken. Angesichts von Chaos, Zerfall oder Tod steht nicht das Gesetz, sondern das Ritual. Das Ritual befiehlt nicht, es wiederholt sich – und in diesem Ritual bleibt die Welt nur so lange bestehen, wie sie verbunden wird.

Dass das geflochtene Haar einer Kämpferin abgeschnitten und als Trophäe präsentiert wird, ist daher keine willkürliche Grausamkeit. Es ist im mythologischen Sinne ein Akt der Zerstörung der Ordnung; die Erklärung, dass die Verbindung der Frau zur Welt gekappt wurde. Das Flechten der Haare durch andere Frauen können wir wie ein Gegen-Ritual verstehen: Es bedeutet, die durch das Abschneiden der Haare gewaltsam getrennte Verbindung wiederherzustellen.

Kann man Haareflechten tatsächlich als Beweis für ein Verbrechen heranziehen? Die kurze Antwort lautet: nein. Die lange Antwort ist: Es ist nicht nur total unsinnig, Haareflechten, eines der ältesten Rituale der Menschheit, mit einer “terroristischen Organisation” in Verbindung zu bringen, sondern es gibt auch keine juristische Erklärung für die Behauptung, dass so eine Aktion bei Menschen Hassgefühle auslöst, die zu Gewalt führen könnten.

Im Gegenteil: Diese Aktionen sind eine friedliche Form des Protests gegen die Aggressivität, die dschihadistische Banden gegenüber kurdischen Frauen zeigen. Es steht also außer Frage, dass das Flechten von Zöpfen keine Straftat darstellt und unter das Recht auf freie Meinungsäußerung fällt. Damit Frauen, die sich die Haare flechten, wegen Propaganda für eine “terroristische Organisation” angeklagt werden können, müsste ihre Ausdrucksform blinden Hass schüren, der Menschen zur Gewalt anstachelt.

Doch man muss feststellen: Nicht die Taten gewalttätiger Banden, die die Körper von Kämpferinnen von Rohbauten werfen oder gefangenen kurdischen Jugendlichen das Herz herausreißen, gelten als Verbrechen, sondern das Haareflechten der Frauen. Dass der Staat versucht, diese Praxis als „Propaganda“ zu definieren, entspringt keiner juristischen Vorschrift, sondern einer historischen Angst, die durch das symbolische Flechten von Haaren ausgelöst wird. Diese Angst ist kein vorübergehender Schutzreflex. Sie ist eine traumatische Erinnerung, die sich in das männlich-dominante Staatsdenken eingegraben hat und über Generationen weitergegeben wurde.

Die Mythologie offenbart diese Erinnerung schon sehr früh. Die Erzählung der Medusa ist eines der deutlichsten Beispiele dafür. Die Geschichte der Medusa ist kein bloßes Monster-Märchen, das nachträglich in den griechischen Pantheon eingefügt wurde. Man kann die Geschichte der Medusa auch als den Versuch lesen, eine „Frau der Berge“ (mit Wurzeln bis zu den Medern und Persern) zu unterdrücken. Medusa ist in dieser Lesart keine Gorgone, sondern eine Prinzessin mit medisch-persischen Wurzeln, eine Frau aus den Bergen.

Als die männliche göttliche Ordnung mit dieser Figur nicht fertig wird, wird sie zunächst aus dem Zentrum ausgeschlossen, dann im Tempel eingesperrt und schließlich durch ihren Körper bestraft. Das heißt: Medusa wird zuerst in einem Tempel gefangen gehalten, der im Zentrum der männlich dominierten heiligen Ordnung steht, und dort von einem Gott angegriffen. Obwohl der Angriff sich gegen sie richtet, wird die Gerechtigkeit auf den Kopf gestellt und Medusas Körper bestraft, indem die Zöpfe ihres Haares sich in Schlangen verwandeln. Der Fluch manifestiert sich also in ihrem Haar.

Das Flechten ist ein Ausdruck der Verbindung der Frauen zur Welt, ihrer Erinnerung und ihrer Beständigkeit und genau deshalb wird der geflochtene Zopf als Bedrohung kodiert. Die uralte Verbindung zum Leben, zur Erde und zur Unterwelt wird als „monströs” gebrandmarkt.

Die patriarchale Macht kann mit der ungehorsamen Frau nicht umgehen und versucht, sie zu verunglimpfen und zu verteufeln, um sie aus dem Verkehr zu ziehen. Dass Medusa nach dem Übergriff eines Gottes nicht auf Gerechtigkeit, sondern auf Verdammnis trifft, verrät das Gründungstrauma männlicher Vorherrschaft: Das Patriarchat kann den weiblichen Körper und Willen, den es auf mentaler Ebene nicht kontrollieren kann, nur durch Dämonisierung regieren.

Die heutige Kriminalisierung von Zöpfen ist ein aktueller Ausdruck dieser uralten Angst des männlich-dominanten Staates. Der Staat bekämpft hier kein Verbrechen, sondern versucht, etwas, womit er historisch nicht fertig geworden ist, wieder unsichtbar zu machen. Denn die Reaktion der Frauen, sich die Haare zu Zöpfen zu flechten, ist eine Bewegung, die den Fluch der Medusa umkehrt. Die Ablehnung der Zuschreibung von Monstrosität bedeutet, weiterhin Bedeutung aus dem zu schaffen, was Angst einflößen soll. Deshalb sind die heutigen Ereignisse keine vorübergehende Unterdrückung, sondern Zeichen einer größeren Zäsur.

Während der heilige Staat gegen geflochtene Haare kämpft und Frauen, die ihre Haare flechten, festnimmt, um seine „Macht” zu demonstrieren, machen die Frauen einfach weiter mit dieser Aktion. Weil sie sich das Recht zurückholen, Bedeutung zu schaffen. Das ist kein Reflex einer Gesellschaft des Spektakels oder reine Symbolpolitik. Es ist eine Art, sich Demütigungen nicht zu beugen, und das Beharren darauf, die Erinnerung lebendig zu halten.

Wenn das Gesetz missbraucht wird, um diese Entschlossenheit zu ersticken, schwächt das das Gesetz – das Ritual hingegen wird stärker. Alle Frauen, die heute bestraft werden sollen, wissen das. Deshalb wird diese Aktion weiter wachsen. Denn obwohl die physischen und rituellen Aktionen der Frauen im Laufe der Geschichte immer wieder verboten und sanktioniert wurden, verschwanden sie nie. Im Gegenteil: Sie verbreiten sich in Räume, in die die Macht nicht vordringen kann.

Dass das Flechten von Zöpfen derart ins Visier genommen wird, ist also keine Frage der öffentlichen Sicherheit, sondern zeigt eine Legitimitätskrise. Der Staat verhindert hier kein Verbrechen, sondern gesteht ein, dass er die Kontrolle über die Bedeutung verloren hat.

Interessanterweise können selbst blutrünstig mordende Banden den heiligen Staat nicht so sehr erschrecken wie Millionen von Frauen, die sich Zöpfe flechten. Es scheint die Logik zu gelten: “Sie mögen unsere Nachbarn sein, aber bitte keine Frauen, die sich Zöpfe flechten, in unserer Nähe.” Dieser Reflex ist den Frauen aus der Geschichte nicht fremd. Schon bei den Hexenjagden wurde die Schuld nicht in der Tat, sondern im Körper gesucht. Heute wirkt eine ähnliche Logik: Das eigentliche Problem ist nicht das Flechten von Haaren an sich, sondern dass andere es auch tun können. Wiederholbarkeit war für die Macht schon immer eine Bedrohung.

Aber die Geschichte zeigt auch, dass der Kampf der Frauen nicht verschwindet, wenn er unterdrückt wird, sondern sich auf weitere Bereiche ausbreitet. Mit diesem Ritual knüpfen Tausende von Frauen an die Bedeutung und das Leben der Kämpferin an, deren Haare abgeschnitten wurden, und werden dies auch weiterhin tun.

*Aus dem Gedicht „My Hair Starts the Revolution” von Camisha L. Jones.

Der Artikel ist im Original auf Türkisch erschienen, siehe: https://jindergi.com/yazi/medusadan-rojavaya-sac-orgusunden-korkan-devlet/

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