Das Leben verteidigen – Stimmen aus Belagerung und Widerstand: Die Frauenkommune in Aleppo
Andrea Wolf Institut der Jineolojî Akademie
„Die Frauenkommune sollte die Grundlage eines demokratischen Sozialismus sein, denn wenn die Frauen einer Gesellschaft nicht befreit sind, kann die Gesellschaft nicht frei sein.“
– Nûjiyan, Mitglied der Frauenkommune in Aleppo
Am 6. Januar begann die syrische Übergangsregierung (STG) mit Angriffen auf die überwiegend kurdischen Stadtteile Sheikh Maqsoud und Ashrafieh in Aleppo. In einer gemeinsamen Offensive mit mehreren dschihadistischen Milizen und unter direkter Beteiligung türkischer Panzer, gepanzerter Fahrzeuge und Luftangriffen wurde gegen die Bevölkerung vorgegangen. Und dennoch beschlossen sie, Widerstand zu leisten. Die STG erklärte beide Viertel, einschließlich aller Menschen, die sich darin aufhielten, zu legitimen militärischen Zielen. Sie unterbrachen die Stromversorgung und blockierten die Straßen. Das einzige verbliebene Krankenhaus wurde zum Ziel schwerer Angriffe, bei denen auch chemische Kampfstoffe zum Einsatz kamen. Dennoch schwiegen alle internationalen Mächte und gaben sogar direkte Signale der Legitimierung.
Die Frauen von Sheikh Maqsoud und Ashrafieh formulierten die Absichten hinter diesen Angriffen in einem Aufruf zur Intervention in sehr deutlichen Worten: „Was wir heute erleben, ist keine lokale Angelegenheit, sondern vielmehr ein regionales Erdbeben, das jeden Funken Hoffnung auf eine demokratische Zukunft im Nahen Osten begraben soll.“
Dies geschieht in einer für Syrien entscheidenden Phase. Das Abkommen vom 10. März unterzeichnet von Mazloum Abdi, dem Oberbefehlshaber der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), und Al-Sharaa (alias Al-Jolani), dem Chef der STG, begann die Grundlage für ein demokratisches und dezentralisiertes Syrien zu schaffen. Zentrale Themen wie die Kontrolle über die Grenzen, die Wirtschaft, landwirtschaftliche Flächen, Öl- und Energieressourcen sollten durch die Einrichtung von Ausschüssen koordiniert werden. Gleichheit und Freiheit für alle Menschen sollten anerkannt und die Menschenrechte verfassungsrechtlich garantiert werden.
Es folgte eine weitere Vereinbarung, die sich speziell auf die beiden Stadtteile von Aleppo bezog, die seit ihrer Gründung im Jahr 2012 Teil der Demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens sind. Das Abkommen vom 1. April zielte darauf ab, die selbstverwalteten Stadtteile in die allgemeine Stadtverwaltung zu integrieren und gleichzeitig ihre Autonomie zu bewahren. Es wurde vereinbart, dass die Volksverteidigungseinheiten (YPG) und die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) – zusammen unter dem Dach der SDF – die Verantwortung für die Sicherheit der Stadtteile an die Inneren Sicherheitskräfte (Asayish) übertragen und Aleppo verlassen würden. Und so taten sie es auch.
In einer Botschaft von der Gefängnisinsel Imralı bekräftigte der Vordenker der kurdischen Freiheitsbewegung, Abdullah Öcalan, dass das Abkommen vom 10. März „nicht nur eine politische Option, sondern eine echte historische Notwendigkeit“ und eine große Chance sei, die es zu nutzen gelte.
Warum brach trotz all dieser Absichten erneut ein Krieg in Syrien aus?
Die Verstöße gegen das Abkommen durch die STG verändern die Lage erneut und treiben die Region in einen totalen Krieg und eine beispiellose humanitäre Krise. Dies ist ein Krieg um die Zukunft Syriens, des Nahen Ostens und der Welt. Es ist ein Moment, in dem erneut die Masken gefallen sind und die Staaten ihr wahres Gesicht zeigen. Die STG hat sich für den Krieg entschieden. Für einen zentralisierten, fundamentalistischen und unterdrückerischen Staat. Aber der Widerstand der Menschen in Rojava beweist weiterhin die Stärke der organisierten Gesellschaft und ihren Willen zu Freiheit und Frieden.
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Um die Gegenwart zu verstehen, ist es grundlegend wichtig, auf die Geschichte der Menschen und dieses Landes zurückzublicken: Welche Geografie und Soziologie hat das heutige Aleppo geschaffen?
Aleppo liegt im Nordwesten Syriens und ist ein entscheidender Punkt in der Region, dessen Neigung das Gleichgewicht aller umliegenden Gebiete verändern kann. Seit Anbeginn der Geschichte ist diese Region eine Region der Verbindungen, in der sich aus Vielfalt Einheit gebildet hat, auf geografischer, soziologischer und kultureller Ebene. Eingebettet zwischen den anatolischen Ebenen im Norden, der arabischen Wüste im Süden und dem Mittelmeer im Westen, hat die Stadt eine klare strategische Rolle in der Region und beherbergt viele kulturelle Identitäten. Aber Aleppo ist mehr als das: Aus Sicht der Türkei ist es die „verlorene Provinz“, das dritte Zentrum des Osmanischen Reiches nach Istanbul und Kairo. Tatsächlich wird das gesamte, überwiegend kurdisch besiedelte Gebiet Nordsyriens als Teil der türkischen Nation betrachtet, wobei man sich auf den Nationalpakt von 1920 bezieht, der bis heute die Grundlage des neo-osmanischen Diskurses und der faschistisch-nationalistischen Ideologie des türkischen Staates bildet.
Auf der anderen Seite ist Aleppo aus Sicht der Bevölkerung eine Stadt des Widerstands und hätte zu einem Modell der „demokratischen Nation“ werden können. Das basisdemokratische System der Volkskommunen und -räte, das in Sheikh Maqsoud und Ashrafieh praktiziert wurde, hätte zu einem Vorbild für die gesamte vielfältige Bevölkerung Aleppos werden können.
Seit der türkischen Besetzung von Afrin im Jahr 2018 zogen Tausende von Familien in die beiden Stadtteile und brachten ihr Erbe, ihre Identität und ihren Widerstandsgeist mit. Noch mehr Menschen aus Afrin kamen hinzu, nachdem sie Ende 2024 zum zweiten Mal aus Shehba vertrieben worden waren, als diese Stadt angegriffen und besetzt wurde. Jedes Mal bedeutete dies, den Schmerz zu ertragen, mitanzusehen, wie das Leben, das sie sich aufgebaut hatten, erneut zerstört wurde. Da die meisten Menschen, die in Sheikh Maqsoud und Asheafieh lebten, bereits ein- oder zweimal innerhalb des Landes vertrieben worden waren, war die Entschlossenheit aller Frauen, in Aleppo zu bleiben und zu kämpfen, um ihre Familien und ihre Häuser zu schützen, noch größer. Eine Frau aus Afrin erzählte uns:
„Jedes Mal bedeutete dies einen Neuanfang. Dreimal in meinem Leben musste ich eine neue Frauenkommune gründen, um unser Leben zu organisieren. Das mag für einige von uns schwierig sein, aber wenn man den Krieg von innen heraus erlebt, muss die Moral hoch bleiben, also fängt man jedes Mal von vorne an und gründet eine neue Kommune,“
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In den letzten Tagen, während der Angriffe auf die Stadt, versammelte sich der Rat der Kommunen von Aleppo, um zu entscheiden, was zu tun sei: die Bevölkerung evakuieren oder bleiben und kämpfen?
Es war die Frauenkommune, die sich dafür einsetzte, dass die Menschen bleiben und Widerstand leisten sollten, und den Rest des Rates davon überzeugte. Wie wir immer wieder gesehen haben, sind es Frauen, die beim Widerstand eine Vorreiterinnenrolle eingenommen haben. Dabei handelt es sich nicht um einen Krieg zur Eroberung, sondern um die Selbstverteidigung einer revolutionären, widerständigen Gesellschaft. Die Realität des kämpfenden Volkes (Rastiya Gelê Şerker) und die Mentalität des Widerstands sind eine Grundlage, die es den Menschen ermöglicht, sich zu behaupten und sich zu verteidigen. Es ist wichtig zu betonen, dass dieser Widerstand nicht nur eine militärische Realität ist: Der erste Weg, sich daran zu beteiligen, ist die Organisation des Lebens, der Ressourcen und der Hilfsmittel.
Wenn wir darüber nachdenken, welche Art von Gesellschaft diese Aufgabe übernehmen kann, wird deutlich, dass die Gesellschaft dafür stark verwurzelt sein muss. Verwurzelt zu sein bedeutet, tief mit den Menschen, der Kultur, dem Land und der Natur verbunden zu sein. Dies schafft eine Gesellschaft auf der Grundlage der welatparezî, eine Gesellschaft, die „ihr Land verteidigt”. Dazu ist eine tiefe Selbsterkenntnis erforderlich, nicht nur als Individuum, sondern in einer Weise, die das Individuum als Teil des Lebens, des Landes, seiner Geschichte und seiner Werte betrachtet. Jeder Teil der Gesellschaft beteiligt sich während auf unterschiedliche Weise, je nach Bildung, Fähigkeiten und Organisation. Zusammen mit Gruppen junger Frauen übernehmen die Frauenkommunen eine führende Rolle, halten die Gesellschaft zusammen und verfolgen dabei klar ihre Ziele.
Fatime, die Vertreterin der Frauenkommune in Aleppo, erzählte uns die lange Geschichte des kommunalen Systems in der Stadt. Sie erzählte: „Im Juni 2015 wurde in einem Stadtteil von Aleppo, in Sheikh Maqsoud, die erste Kommune gegründet, benannt nach der ersten weiblichen Märtyrerin des Stadtteils, Şehîd Gulê Selmo. Dort wurden sieben Kommunen gegründet und ein System definiert.“ Zunächst, so erklärte sie, wurde das Komitee zur Selbstverteidigung gegründet, „damit Frauen ihr Viertel, ihr Haus und ihre Familie verteidigen können, dann das Wirtschaftskomitee und das Versöhnungskomitee, um Probleme in Familien, zwischen Nachbar:innen und zwischen Frauen und Männern zu lösen. Zusätzlich zu diesen Komitees wurden Komitees für Kunst und Kultur gegründet. Und das Bildungskomitee, denn es ist bekannt: Ohne Bildung kann es kein wahrhaftiges Leben geben“, fügte sie hinzu.
Mit Beginn der Rojava Revolution wurde die Notwendigkeit einer Frauenkommune sehr deutlich. Selma, eine Frau, die derselben Struktur in Aleppo angehört, sagte: „Es war notwendig, eine Frauenkommune aufzubauen. Zuerst wurde das Haus des Volkes [Mala Gel] geschaffen, und dann war es wichtig, 2016 die Frauenkommune aufzubauen.“ Eine andere Frau, Ikrem, fügte über die Anfänge im Jahr 2018 im Stadtteil Ashrafiyeh hinzu: „Die Vertreibung hat den Frauen ein wenig die Moral genommen, also haben die Mitglieder [des Frauenzentrums Navenda Mala Jin] ihnen etwas Moral gegeben. Sie haben neue Aktionen gemacht. Das haben sie drei Jahre lang fortgesetzt. Nach der Frauenkommune wurde der Frauenrat gegründet, der anfangs drei Koordinatorinnen hatte. […] Ihre Arbeit basiert auf ideologischer Bildung, einem System von Methoden und Verfahren für die Arbeit und Diskussionen mit Frauen, die ihnen helfen, sich weiterzuentwickeln und sich von der patriarchalen Ideologie zu befreien.“
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Das gesamte Leben in den selbstverwalteten Stadtvierteln – in Bezug auf Verteidigung, Verwaltung, Justiz, Gesundheit, Wirtschaft … – war nach dem kommunalen System organisiert, in dem jede:r eine Rolle spielen konnte. Das ändert sich auch während des Krieges nicht. Der Ansatz des revolutionären Volkskrieges bezieht seine Stärke aus der Beteiligung eines großen Teils der Gesellschaft.
„Wir haben nicht aufgehört mit der Arbeit, morgens bis abends, bis zum Tag des Krieges, dem Tag, an dem unser Viertel belagert wurde, unsere Arbeit ging immer weiter. […] Wir waren noch mehr unter den Menschen. Die Frauen haben in dieser Situation nicht aufgehört, sie hatten keine Angst. Wir haben mehr getan, wir haben aufgeklärt, wir haben Kraft gegeben, das ist revolutionärer Volkskrieg.“ Das sind die entschlossenen Worte von Nûjiyan, einem Mitglied der Frauenkommune. Ihre Arbeit beginnt damit: Verbindungen zwischen Frauen aufzubauen, Beziehungen zu schaffen.
Das Vertrauen in das eigene Geschlecht ist eine grundlegende Basis für die Schaffung einer Kommune der Frauen. Und um dieses Vertrauen zu stärken, bedarf es umfangreicher und feinfühliger Arbeit. Dazu muss man in den farbenfrohen Häusern, den von Stimmen erfüllten Küchen und all den Orten beginnen, an denen Frauen leben und die ihre Welt ausmachen. Mit ihnen zu sprechen, sie kennenzulernen, die Probleme ihres Alltags zu verstehen, bildet die Grundlage dafür, Vorschläge zu machen und Fragen zu stellen, die ihnen helfen, sich selbst und ihre Wünsche als Subjekte besser zu verstehen. So werden sie fähig, sich für die Freiheit zu entscheiden: Das ist die erste Aufgabe der Frauenkommune.
Das Denken der Frauen wurde jahrhundertelang unterdrückt und abgewertet, was sich auch auf die Möglichkeit ausgewirkt hat, eine Mentalität zu entwickeln, die die Herrschaft–Unterwerfung-Hierarchie des Patriarchats, des Staates und des Kapitalismus ablehnt. Ohne freies Denken ist ein freies Leben unmöglich. Die Beziehung zwischen beiden ist wechselseitig: Der freie Wille setzt das freie Denken in die Praxis um. Aus diesen bewussten Handlungen ergeben sich Entscheidungen, die dem Leben neue Formen und Farben geben können.
„Um die Bedeutung der Frauenkommune zu zeigen, beginnen wir bei uns selbst: Ich als Frau werde mich selbst organisieren, mich selbst kennenlernen, meine Wahrheit kennenlernen. […] Um Frauen in der Gesellschaft zu verändern und zu erreichen, führt die Kommune hauptsächlich Diskussionen, die Mitglieder besuchen Familien, bereiten Themen vor, die diskutiert werden müssen. Wir laufen nicht nur herum und trinken Kaffee“,
sagte eine der Frauen der Kommune. Sich selbst kennenlernen, dem xwebûn näherkommen – man Selbst werden –, die eigenen Träume und Wünsche verstehen, ist der erste Schritt, um sich für das Kämpfen zu entscheiden. Es geht darum, sie Wirklichkeit werden zu lassen und die Dynamik der Herrschaft, in der wir leben, gut analysieren zu können. In diesem Prozess spielt Bildung eine zentrale Rolle. Deshalb widmen Frauen, die sich in der Kommune organisieren, so viel Energie und Zeit den Diskussionen und Seminaren in ihrem täglichen Leben. Der Weg des kollektiven Selbstbewusstseins als Frauen ist der Weg der Befreiung für die gesamte Gesellschaft und ebnet den Weg für die Entwicklung mutiger Frauen, die von ihrer Haltung für eine demokratische Gesellschaft überzeugt sind, welche Hierarchien und Herrschaft ablehnt. Frauen, die durch ehrliche und tiefe Freundinnenschaften verbunden sind.
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Die Realität des Krieges ist die Realität patriarchaler Herrschaft par excellence und bildet die Grundlage sowohl für die Mentalität „fortschrittlicher“ Nationalstaaten in Europa als auch für Kräfte der organisierten Gewalt wie fundamentalistische Gruppierungen. „In der Zeit nach der Niederlage der Regierung von Bashar Al-Assad und der Machtübernahme durch Ahmad Al-Sharaa haben wir gesehen, dass sich an der Mentalität nichts geändert hat: dieselben Hindernisse, dieselbe Mentalität, sie wollen unsere Identität noch mehr, um uns zu umzingeln. […] Wir sehen das alles als fanatisch, gewalttätig und fundamentalistisch an. Wir sehen das nicht als muslimisch an. Der Islam basiert auf Glauben und Moral, es geht um eine bunte Gesellschaft, in der jeder Teil der Gesellschaft seinen Platz hat. […] Wenn sich die fanatische und gewalttätige Kultur in unserer Gesellschaft ausbreitet, ist das sehr gefährlich für unsere Gesellschaft. Das ist nicht unsere Kultur, deshalb arbeiten wir noch mehr gegen diese Mentalität.” Nûjiyan teilte uns mit.
Eine Gesellschaft, die ihre eigene Kultur kennt, ist eine Gesellschaft, die weiß, was sie verteidigen will. Sie wird zu einer Realität, die kein Angriff, keine Waffe und keine andere Form von Gewalt zerstören kann. Selma erzählte uns auch, wie wichtig dieses Bewusstsein für Frauen ist: „Als diese neue Regierung gebildet wurde, war ihr erstes Thema Gewalt gegen Frauen auszuüben. Wir als Frauen verteidigen uns in Sheikh Maqsoud auf jede erdenkliche Weise gegen die Mentalität des Staates. Und wir schöpfen Kraft aus unseren Gedanken und schaffen Einheit. Wir schaffen den Geist der Hevaltî unter Frauen. […] Das wird als Sozialismus der Frauen angesehen, wir vereinen den Geist der Frauen, unseren Geist und unsere Freundschaft, wir vereinen unsere Einheit und leben unser kommunales Leben, wir leben nicht individuell, deshalb sind wir stark.“
So sehr eine Bevölkerung ihr Leben selbst in die Hand nimmt, indem sie ihre Kommunen, Komitees, Räte und selbstverwalteten Institutionen aufrechterhält, so sehr wird sie in Zeiten des Krieges beschließen können, zu bleiben, um ihre Revolution zu verteidigen. Eine Gesellschaft, die sich selbst verteidigen kann, ist nicht nur bereit für einen militärischen Kampf, sie verfügt auch über Wissen, Hevaltî und Willen als Waffen der mentalen Selbstverteidigung.
Für Frauen bedeutet dies eine besonders große Revolution innerhalb der Revolution. Von zum Schweigen gebrachten Objekten, deren Leben auf den Bereich des Hauses und der Familie beschränkt ist, haben sie durch die autonome Organisierung der Frauen, die Bildung und die aktive Teilnahme an revolutionären Arbeiten ihre Stärke zurückgewonnen und sind wieder zu Vorreiterinnen der Gesellschaft geworden. Selma fuhr fort:
„Als Frauen haben wir viele Bedürfnisse, wir müssen uns im Krieg gegen die patriarchale Mentalität verteidigen, denn die patriarchale Mentalität sieht Frauen als klein an und akzeptiert die Präsenz von Frauen im Widerstand nicht. Es besteht auch ein Bedarf an Bildung, an Wissen. Als Frauen bilden wir uns weiter, wir entwickeln uns weiter, denn im Krieg ist es für eine Frau eine Notwendigkeit, sich auch auf diese Weise zu schützen.“
Für eine Frau im Krieg bedeutet Selbstschutz, die Zukunft zu schützen, den Weg des Gewissens, des Wertes des Lebens, der Erde zu wählen. Es bedeutet, sich unserer Entwicklung in der Gesellschaft bewusst zu sein, der Werte des kommunalen Lebens, der positiven Werte, die unsere Gesellschaft – mit all ihren Widersprüchen – noch verkörpern kann, wenn sie mit ihren Wurzeln verbunden ist. Gleichzeitig bedeutet der Kampf für die Freiheit, sich der Formen der Unterdrückung und Manipulation bewusst zu werden, denen die Gesellschaft ausgesetzt ist. Mut ist notwendig für freie Gedanken und einen freien Willen. Ein physischer, ideologischer und ethischer Widerstand ist daher notwendig, um uns gegen alle Versuche zu verteidigen, den Willen der Gesellschaft zu verdrehen, die Moral anzugreifen, Gedanken zu manipulieren und soziale Gefühle zu stören.
Im Laufe der Geschichte war die Selbstorganisation von Frauen stets die Grundlage der Gesellschaft. Als größte Kraftquelle für die Verteidigung von Werten und Leben wurde sie zum ersten Ziel von Angriffen, als Herrschaftsstrukturen und Staaten entstanden. In diesen Tagen haben wir gesehen, wie sich der historische Widerspruch zwischen der Frauengemeinschaft und dem Staat in den Stadtvierteln Sheikh Maqsoud und Ashrafieh konkretisiert hat.
Trotz des unerschütterlichen Willens der Frauen zu bleiben und des selbstaufopfernden Kampfes der internen Sicherheitskräfte wurden die Stadtteile am 11. Januar von der STG eingenommen. Über hunderttausend Einwohner:innen wurden gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Die dschihadistischen Milizen wandten alle grausamen Methoden an, die die Welt noch aus den Massakern des IS kennt. Wohnungen wurden geplündert, Jugendliche gefangen genommen und misshandelt, Frauen vergewaltigt und Leichen verstümmelt. Seit dem Ende der Kämpfe haben sich einige Menschen entschlossen, in ihre Viertel zurückzukehren, wo sie ihre Häuser, ihre Gemeinschaft, alle Orte der Frauen-Einrichtungen und ihr Recht auf Selbstbestimmung zerstört vorfanden.
Die Kräfte des Todes rückten in Richtung Euphrat vor. Sie eroberten die Regionen Raqqa und Tabqa und machten erst vor den Toren Kobanis Halt. In den letzten Wochen wurde den Frauen in Nord- und Ostsyrien unbeschreibliches Leid zugefügt. Während sich die SDF aus den überwiegend arabischen Gebieten zurückziehen mussten, wo sich viele arabische Stämme unter dem Druck von Drohungen auf die Seite der dschihadistischen Kräfte stellten, ziehen die Menschen in den kurdischen Städten, den ursprünglichen Gebieten, in denen die Revolution 2012 begann, ihre rote Linie. Von hier an wird der größte Widerstand von allen Teilen der Gesellschaft aufgenommen werden. Wir sehen den revolutionären Volkskrieg in jeder Küche, auf jeder Straße. Bis jetzt wurden unersetzliche Verluste erlitten. Und dennoch wird dieser Widerstand mit der Stärke und der Vorreiterinnenrolle der Frauen der Welt einmal mehr beweisen, dass eine organisierte Gesellschaft, die auf Kommunen der Frauen basiert, kein Spielball ist, der auf dem Schachbrett der Hegemonialmächte hin und her geschoben werden kann.
Eines ist in Kurdistan klar, in allen Erklärungen, in allen Demonstrationen, aus allen Stimmen der kämpfenden Frauen, von Sheikh Maqsoud und Ashrafieh bis zu den Häusern der alten Mütter in den Dörfern: Die Frauen werden bis zum letzten Tropfen ihres Blutes kämpfen.
Die Frauen der Kommune in Aleppo haben eine klare Linie, wie sie den Kampf für die Befreiung des Lebens fortsetzen wollen. Sie sagen: „Wir werden die Gedanken und die Philosophie von Rêber Apo [Öcalan] nutzen, um diese Erfahrung neu zu gestalten. Serok [Öcalan] sagt: Es gab viele Versuche des Sozialismus, die gescheitert sind. Warum waren sie nicht erfolgreich? Das Thema Frauen, die Freiheit der Frauen, wurde beiseite geschoben. Dort waren die Frauen nicht die Basis. Aber die Rojava Revolution ist eine Frauenrevolution, deshalb sagen wir, dass wir erfolgreich sein werden.“
Und dieser Erfolg zeigt sich bereits in den weitreichenden Auswirkungen, die diese Revolution auf Menschen auf der Suche auf der ganzen Welt hat. Sie hat sich als Leuchtturm der Hoffnung erwiesen, der den Weg zu einem neuen Verständnis und einer neuen Praxis des Sozialismus im 21. Jahrhundert weist, indem sie Frauen und die Kommune in den Mittelpunkt stellt. Deshalb wird sie mit der größten Grausamkeit angegriffen, die das staatliche System hervorbringen kann. Und deshalb wird sie trotzdem Widerstand leisten.
„Jetzt müssen wir für Rojava und für die Frauenrevolution kämpfen“, sagte eine der vielen internationalistischen Frauen, die sich derzeit dem revolutionären Widerstand in Rojava anschließen. „Rojava ist das Feuer unseres Lebens. Und selbst wenn sie jeden Zentimeter Boden hier besetzen, können sie dieses Feuer nie wieder löschen. Und mit jeder Freundin, die bei der Verteidigung von Rojava fällt, die bei der Verteidigung der Menschheit fällt, wird diese Revolution unsterblicher. Das Wissen, der Glaube, die Erfahrung und die Hoffnung, dass eine sozialistische Revolution möglich ist, können uns nie wieder genommen werden. Und so sicher, wie morgen die Sonne aufgehen wird, so sicher wird diese Revolution siegen.“
