Der lange Atem von Tabqa und Raqqa

Begegnungen mit Frauen zwischen Krieg und der alltäglichen Revolution

Wir graben in die Tiefe, durch die Schichten der Jahrtausende. Wir diskutieren über den Ursprung des Lebens, wir versuchen zu einem Kern vorzudringen, der die Zeiten überdauert hat. Wir setzen Samenkörner in den Boden, die wir im Zyklus vieler Jahre nähren, in der Hoffnung, dass Menschen eines Tages im Schatten dieser Bäume leben werden.

Ein Knopf wird gedrückt und innerhalb von Sekunden explodiert eine Bombe. In Syrien wird gerade großflächig der Boden verschüttet. In Aleppo wurden Stadtviertel innerhalb von Tagen zu Ruinenlandschaften gemacht. Wir arbeiten tief und langsam, der Feind zerstört flach und schnell.

Vor wenigen Monaten waren wir auf einer Delegationsreise in den selbstverwalteten Gebieten von Nord- und Ostsyrien. 3 Wochen, in denen sich eine ganze Welt der Erfahrungen und Begegnungen eröffnete. Heute lese ich über die großangelegte Offensive der islamistischen Milizen, die, unter dem Schirm der syrischen Übergangsregierung und mit internationaler Rückdeckung, auf Tabqa und Raqqa zusteuert. Tabqa und Raqqa sind zwei Orte, die wir auch besucht haben.

Wir haben mit Frauen im Camp in Tabqa gesprochen, die bereits zwei Mal vertrieben worden sind. Aus Afrin, als der türkische Besatzungsstaat ihre Heimat angriff und dann aus Shehba, wo sie geblieben waren in der Hoffnung, von dort wieder nach Afrin zurückzukehren. Ende letzten Jahres wurden sie aus Shehba von den «Banden» erneut vertrieben. Sie nennen die Gruppen „Banden“ und meinen damit die SNA, HTS, Al-Nusra und IS. Die Verteidigungseinheiten haben einen Fluchtkorridor für sie errichtet. Auf ihrer Flucht wurden sie von den Islamisten beschimpft, haben abgetrennte Köpfe gesehen, haben Todesdrohungen bekommen. In dem Camp in Tabqa werden wir von unterschiedlichen Familien in ihre Zelte eingeladen. Das jüngste ist hier 3 Monate alt und die älteste Frau hat ihren 101 Geburtstag erlebt.Es zeigt mir, wie stark diese Gemeinschaft sein muss, damit diese alte Frau fliehen konnte. Zwischen den Zelten lernen wir eine Frau kennen und zwischen uns entwickelt sich eine Gespräch über Liebe und Mutterschaft. Sie sagt: «Diese Revolution ist eine Revolution der Liebe.» Sie sagt, wir müssen lernen, was Liebe ist und wie wir unsere Herzen für alle Menschen öffnen. Wie eine Mutter, die «bedingungslos liebt.» Sie sagt, dass dieses Jahrhundert entweder das Jahrhundert der Frauenrevolution wird oder neue fundamentalistisch-patriarchale Werte um sich greifen werden.

Während ich diese Zeilen schreibe, lese ich, dass die «Banden» vor Tabqa stehen. Wenn ich an diese Menschen denke, die wir in Tabqa kennen lernten, spüre ich wie sich ein tiefer Knoten in meiner Brust aufbaut und einen Schmerz in meinem Herzen.

Die Frauen, die wir trafen, haben uns von der Revolution erzählt, die sie jeden Tag aufs neue erkämpfen müssen, um überhaupt politisch sein zu dürfen. Um überhaupt unabhängig von Männern leben zu dürfen. Eine arabische Frau, die in der Jineolojî in Tabqa organisiert ist, hat uns erzählt, dass sie von allen immer von oben herab betrachtet wurde. Ihre Familie hat ihre Arbeit bei der Jineolojî als Zeitverschwendung bewertet. Sie wurde als faul und nichtsnutzig bezeichnet. Dann hat Abdullah Öcalan aus dem Gefägnis heraus einen Brief an die Jineolojî Akademie geschrieben. Plötzlich hat sich der Blick geändert. Ihre Familie hat gemerkt, dass sie wichtige Arbeiten macht, wenn sogar Öcalan einen Brief an sie richtet. Seitdem sagt ihr Mann immer, wenn er sie Nachrichten schauen sieht: „Oh, Jineolojî schaut Nachrichten.“ Er weiß, dass sie sich politisch bildet, dass sie organisiert ist. Dass sie sich ein politisches Bewusstsein aufgebaut hat. Das gibt ihr Macht. Das hat eine kleine Revolution in ihr, ihrer Familie und ihrer Ehe angestoßen. Alle wissen, dass sie politisch mündig ist. Dass sie wichtige Arbeiten macht.

Wir reden darüber, ob die Philosophie der kurdischen Freiheitsbewegung ein Widerspruch zum Koran sei. Sie schüttelt mit dem Kopf: «Die Religion wurde instrumentalisiert.» Ein patriarchales Verständnis von Ehre erlaubt es den Männern zu morden, egal ob unter Assad oder unter islamistischer Herrschaft, blieben sie dafür straffrei. Einer der Kämpfe, den die Frauen führen, ist es, diese Morde als solche anzuerkennen. Die Revolution hat ihnen den politischen und rechtlichen Rahmen gegeben, um sich gegen die Ehrenmorde zur Wehr zu setzen. Doch die Arbeit in den Familien, mit Vätern, Ehemännern und Brüdern ist eine permanente Revolution, die die Frauen seit Jahren weiterführen. Die Liebe und die Kraft, die in diesen Gesprächen lag, werde ich nie vergessen. Während wir sprachen, sie geduldig unsere Fragen beantworteten, wurde um den Tisch ein Kind von Arm zu Arm gereicht.

Die Bewegung verändert die Lebenssituation der Menschen. Die Frauen treffen sich regelmäßig, diskutieren und reden über die politische Lage. Sie sprechen mit anderen Frauen, organisieren sie, geben ihnen Hoffnung. Hoffnung auf ein anderes Leben. Hoffnung auf ein befreites Leben. Was wird wohl mit ihnen passieren, wenn IS-Milizen vor ihrer Tür stehen?

Als wir in Raqqa waren, waren die Frauen stärker verschleiert, als in anderen Gebieten der Selbstverwaltung. Unsere Begleiterin wusste, dass die Angst vor dem IS hier sehr groß ist. Raqqa wurde vom IS zur Hauptstadt des so genannten Kalifats erkoren. Die Angst vor der Rückkehr des IS macht es schwer, die Menschen zu organisieren. Kaum eine Frau geht hier unverschleiert vor die Tür, weil sie fürchten, dass sie bei einer erneuten Machtergreifung der Islamisten dafür ermordet werden. Es braucht Jahre, bis eine Frau wieder so viel Vertrauen fassen kann, dass sie wieder ihre Stimme erhebt. Der Plan der IS-Banden, Raqqa einzunehmen, zielt darauf ab, die Funken der Hoffnung, die durch mühevolle Arbeit hervorgebracht wurden, wieder zu ersticken.

Ich denke an Z., sie wohnt in Tabqa. Als wir vor ihrer Haustür standen, hat sie uns mit einem weinenden Gesicht begrüßt. Wir waren zu spät gekommen, sie hatte gedacht, uns sei etwas passiert. Wir haben 2 Nächte in ihrer Wohnung geschlafen. Jeden Tag hat sie uns abends Eis geholt. Sie ist eine sehr selbstbewusste Frau. Sie ist abgehauen, hat ihren Mann hinter sich gelassen und sich der kurdischen Freiheitsbewegung angeschlossen. „Ich bin jetzt frei, es war die beste Entscheidung die ich treffen konnte.“ In Tabqa begleitet uns noch ein andere Frau. Zu ihr spürte ich direkt eine starke Verbindung. Sie war noch jung, Mitte oder Ende zwanzig. Ihre Haare waren so lang, das sie ihre Kniekehlen berührten. Beim Autofahren hat sie häufig die Musik ganz laut aufgedreht, sie hat dabei gesungen und uns lachend angeblickt. Immer hat sie das Auto gefahren. Um Raqqa vom IS zu befreien, hat sie im Bündnis mit US-amerikanischen Soldaten gekämpft. „Die Männer haben mich immer von oben herab betrachtet. Sie haben gedacht, sie könnten mehr, nur weil sie Männer sind. Nicht so wie bei unseren Kräften. YPJ ist viel besser.“

Einmal bin ich Morgens früh wach gewesen und wollte schonmal den Tisch decken, während die anderen noch schliefen. Sie war schneller als ich und stand bereits neben dem vollständig gedeckten Tisch. Sie hat mich angelächlt und gesagt: „Damit du länger schlafen kannst.“ Wir haben uns zusammengesetzt und versucht, eine Konversation über über Google Übersetzer zu führen. Der Hintergrund ihres Handy war das Bild eines Mannes. „Dein Freund?“, fragte ich. Sie sagte: „Ja, mein Mann. Ich musste heiraten. Aber das Leben mit den Freundinnen war viel besser.“ „Wieso gehst du nicht wieder zurück und trennst dich von deinem Mann?“, frage ich. „Ist kompliziert. Familie… Mal sehen. Bleib du lieber bei den Freundinnen!“, sagt sie mit weichem Blick.

Als wir Raqqa und Tabqa verlassen, gehen wir, ohne uns noch von ihr verabschieden zu können. S. teilt uns aber mit, dass sie nicht Tschüss sagen wollte, weil sie sich sicher ist, dass wir uns wieder sehen werden. Das sind nur kleine Geschichten, aber in ihnen trage ich Tabqa, Raqqa, den Kampf und den Widerstand der Frauen in Syrien in meinem Herzen. Als ich dort war, hat mir jedes Detail vor Augen geführt, was für eine große Revolution die Frauen dort jeden Tag aufs Neue durchführen, in dem sie sich organisieren, ihren eigenen Willen aufbauen und sich gegen Angriffe von allen Seiten verteidigen. Die kurdische Freiheitsbewegung und die Philosophie Abdullah Öcalans haben ihnen die Kraft gegeben, durch die all das überhaupt möglich wurde. Ein erneuter Einmarsch islamistischer Kräfte in die Region bedeutet für sie wieder Vertreibung oder Gefangenschaft in den Wänden des Hauses, Vergewaltigung und Mord.

Mein Atem ist flach in diesen Tagen. Die Luft erreicht nicht den Bauch. Ständig dieses kurze Geräusch, mein Handy meldet sich, wieder mit neuen Bildern, einer neuen Nachricht von den Angriffen gegen die autonome Selbstverwaltung. So viele Jahre des Kampfes liegen hinter uns – und so viele vor uns. Wir müssen atmen können. All das einatmen und in uns aufnehmen, was in Kämpfen vor uns erreicht wurde und uns leben lässt.

Einen Moment der Klarheit und der Ruhe finde ich, als zwischen den Nachrichten auf meinem Handy das Bild einer jungen Frau auftaucht. Şehîd Deniz Çiya war eine Kommandantin des Widerstands von Aleppo und eine Frau, die bis zur letzten Kugel für die Verteidigung ihres Volkes gekämpft hat. Ihre letzten Worte waren: „Wer nicht dem Tod begegnen kann, wenn es notwendig ist, kann nicht zum Atem eines freien Lebens werden.“

Der Fluss dieser Revolution setzt sich zusammen aus Millionen kleiner Tropfen, aus Begegnungen, Gesprächen und Augenblicken, Frauen, die sich in Geflüchtetencamps organisieren, Frauen, die über die Freiheit diskutieren, Frauen, die sich die letzte Handgranate aufbewahren, um nicht in die Hände des Feindes zu fallen. Frauen, die sich zusammentun um aufzubauen – und die sich entgegen der Zerstörung für die Hoffnung entscheiden. Hunderte Revolutionen jeden Tag, die in ihrer Gesamtheit selbst den harten Stein der Herrschaft brechen werden. In diesen Tagen wird uns wieder schmerzlich bewusst; Es wird nicht leicht werden. Aber wir werden immer weiterfließen und niemals zurückweichen.

(Verfasst von einer Teilnehmerin einer Frauendelegation)

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