Bildungsmethoden der Jineolojî und die Dekolonialisierung des Wissens

Elif Kaya

“Bildung steht an erster Stelle unter den Aktivitäten der Menschheit, die der Sozialisierung dienen und Antworten auf Fragen darüber liefern, wer wir sind und wohin wir wollen. So wie uns die Bildung zeigt, wer wir sind, lehrt sie uns auch, was wir nicht sind. Natürlich beziehen wir uns hier auf revolutionäre Bildungsmethoden, die uns mit unserer eigenen Wahrheit verbinden. Außerdem wissen wir, wie Assimilation durch kolonialistische Bildungspolitik verbreitet wird und wie die Gesellschaft von ihrer eigenen Wahrheit entfremdet wird. Mit anderen Worten, die Methoden und der Zweck der Bildung zeigen auch ihre Natur.”

Im Februar dieses Jahres organisierte TJK-E einen umfassenden Workshop, der sich mit Bildungsarbeit aus Jineolojî-Perspektive befasste. In diesem Workshop wurden die Bildungserfahrungen aus fast einem halben Jahrhundert des Freiheitskampfes in Kurdistan und seine Ergebnisse analysiert, es wurde diskutiert und Entscheidungen darüber getroffen, wie die Bildungsarbeit durch Jineolojî-Methoden ausgebaut werden könnte. In diesem Artikel werde ich versuchen, die Bildungsmethoden der Jineolojî, die Gegenstand des Workshops waren, und ihre Übereinstimmung mit der Bildungsarbeit der kurdischen Frauenbewegung darzustellen.

Ideologischer Hintergrund

Bildung beruht immer auf einem ideologischen Hintergrund. Die Methode und der Inhalt der Bildung werden auch auf der Grundlage dieser ideologischen Struktur geformt. Zum Beispiel versucht der Kolonialismus, Ergebnisse zu erzielen, indem er das Gedächtnis der Gesellschaft auslöscht, sie abwertet und die Menschen mit ihrer eigenen Existenz in Konflikt bringt. Das Ziel einer solchen Erziehung ist die Verzerrung der Wahrheit und die Vertiefung des Ausbeutungssystems. Kolonialisten wissen besser als jeder andere, dass sie nicht die Chance haben, sich allein durch Gewalt zu erhalten. Aus diesem Grund zielt jedes kolonialistische System darauf ab, Mentalitäten und Gedanken zu beeinflussen, bevor es Territorium und Körper besetzt, um zu bestehen. Die Besetzung der Mentalität öffnet die Tür für alle Besetzungen und ist die Garantie für die Fortsetzung des Kolonialismus. Durch diese Form der Bildung und Erziehung werden Individuen erschaffen, die sich unterwerfen, sich von sich selbst entfremden, kein Selbstvertrauen haben, ihre soziale Existenz als minderwertig betrachten und die Flucht aus ihrem eigenen Wesen erleben.

Bildung für die Befreiung der Gedanken

Zweifellos ist Bildung aus der Perspektive von Freiheitsbewegungen revolutionäre Arbeit. In gewissem Sinne ist es die grundlegende Arbeit für die Befreiung vom Kolonialismus, die die Dekolonisierung des Wissens ermöglicht und freie Lebensbeziehungen schafft. Die Befreiung des Geistes und die Reinigung von kolonialen Effekten kann nur durch revolutionäre Bildung möglich sein. Wir wissen, dass die Befreiung der Mentalität vom Kolonialismus eine schwierigere Aufgabe ist als die Befreiung des Landes vom Kolonialismus, und sie erfordert eine revolutionäre Haltung und Kreativität. Ohne die religiösen, nationalistischen, sexistischen, orientalistischen und konservativen Ideen zu überwinden, die die Gesellschaft an der Befreiung hindern, kann sich die Gesellschaft nicht emanzipieren. Da das nicht mit kolonialen Methoden möglich ist, wie können wir es dann erreichen?

Bildungsmethoden der Jineolojî

Obwohl Jineolojî als Wissenschaft immer noch ein neues Studiengebiet ist, können wir feststellen, dass sie eine starke Methodologie hat, weil sie auf den Erfahrungen des kurdischen Freiheitskampfes und Freiheitsbewegungen basiert. Wenn wir die Grundlagen dieser Bildungsmethode kurz zusammenfassen wollten: Die Bildungsmethode wurde auf der Grundlage eines Paradigmas entwickelt. Durch die ganzheitliche Betrachtung von Leben und Bildung stützt sich dieser Ansatz auf einen Lernprozess, der jeden Lebensbereich in Bildung umwandelt und viele Sprachen wie Körper, Kunst, Kultur und Emotionen einbezieht. Zum Beispiel teilen alle Kostproben aus der eigenen Küche, eigene Lieder, Tänze und Mythologien. Vergleiche werden gemacht, gemeinsame Nenner gefunden. Die Erzählungen sind mit dem Leben verbunden. Es wird nicht nur erklärt wie kollektives, gemeinschaftliches, ökologisches Leben möglich ist, es zeigt sich durch alltägliche Abläufe. Es gibt keinen vorgefertigten Lehrplan in der Bildung; das gleiche Thema wird nicht überall gleich gelehrt. Der Inhalt der Themen wird den Bedürfnissen der Anwesenden angepasst, je nachdem welche Komponenten wichtig sind. Es werden Inhalte geteilt, die die Möglichkeit und die Mittel zur Lösung bekannter Probleme bieten, sowie eine Sprache, die das Verständnis gewährleistet. Die Bildungsarbeit mit Frauen, Männern, gemischten Gruppen, Jugendlichen, verschiedenen Glaubensrichtungen und Völkern unterscheidet sich auch in den Inhalten und der Art und Weise, wie Bildungsthemen vermittelt werden. Mit anderen Worten, es ist besonders wichtig, auf die Einheit von Denken, Sprechen und Handeln in der Bildung zu achten.

Bildungsmethoden in der Jineolojî

In der Bildung wird ein Stil entwickelt, der über das Dilemma von Geben-Nehmen, Erzählen-Hören, Subjekt-Objekt, hinaus geht, und wo sich gemeinsam interaktives Lernen entwickelt. Aus diesem Grund haben Bildungsräume einen Charakter, in dem sowohl unser Wissen geteilt wird, als auch wir neues Wissen von unserem Umfeld bekommen. Anstatt lange Präsentationen zu halten, wird der Prozess nach einer allgemeinen Einführung für die Diskussion geöffnet und kollektiv vertieft – durch Analyse, Interpretation und Wissen der Teilnehmenden. Absolutes Wissen wird vermieden, und Wissen, das zu Reflexionen einlädt, wird geteilt. Um die Teilnehmenden stärker einzubeziehen, werden nicht nur Dialogmethoden, sondern auch Workshops als wesentliches Mittel eingesetzt, um Bildungsdiskussionen dynamisch zu gestalten und die aktive Beteiligung aller Teilnehmenden sicherzustellen. Insbesondere auf Frauen, die Schwierigkeiten haben, vor vielen Leuten zu sprechen, haben Kleingruppendiskussionen einen positiven Einfluss auf die Teilnahme.

Eine multiplizierende, kommunalisierende Sprache

Bildungsmethoden werden durch die Kreativität und lehrreiche Wirkung von Kunstformen wie Theater, Musik, Tanz, Poesie und Malerei reicher. Diese Methoden zeigen, wie Wissen in den schönsten und ästhetischsten Formen vermittelt werden kann. Sie liefern Eindrücke, die stärker sind als Worte. Auch die Aufbereitung und Präsentation von Bildmaterial in Vorträgen ist ein wichtiges Thema. Mit Folien, Videos und visueller Erzählung werden Themen veranschaulicht. Die Erzählung mythologischer Geschichten, Film- und Buchanalysen und -interpretationen sind auch Methoden, die in der Bildung angewendet werden, um tiefere Bedeutungen herauszuarbeiten. Wichtig ist auch die Sprache, die in der Bildung verwendet wird. Es ist äußerst wichtig, eine interpretierende Sprache zu verwenden, die verschiedene Bedeutungen zulässt, ohne in die absolute Wahrheit des Positivismus, das Schwarz-Weiß-Dilemma, zu verfallen. Das „Unmögliche“ aus Bildungräumen zu entfernen und eine Sprache zu entwickeln, die die vielfältigen Methoden des „Möglichen“ aufdeckt, ist maßgeblich für den Erfolg der Bildung. Vielleicht wird gerade eine Sprache genau wie das Leben selbst ausprobiert – eine Sprache, die Möglichkeiten, Erfolge und Misserfolge in sich birgt, und auch die Entschlossenheit, diese Misserfolge zu überwinden.

Die Kommunalisierung/Vergemeinschaftung des täglichen Lebens und seine Vollendung durch Teilen sind ebenfalls Teil der Bildung. Sich beispielsweise abends um ein Feuer zu versammeln, Geschichten zu erzählen und Lieder zu singen. Es ist ein wichtiger Teil der Bildung, das kollektive Wissen der Vergangenheit auszutauschen, davon zu lernen und Verbindungen wiederherzustellen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in der Jineolojî Bildung jede Bildungseinheit zugleich auch eine soziologische Feldforschung ist. Die geschriebenen Texte, die Gespräche und durchgeführten Umfragen, die gestellten Fragen und die erlebten Widersprüche, sowie Themen, die auf besonderes Interesse stoßen, geben der Jineolojî-Akademie Einsicht darüber, wie und auf welche Weise Zugänge zu Wissen geschaffen werden können. Forschung, die zum Zwecke der Bildung durchgeführt wird, Diskussionen im Bildungsbereich und die daraus gewonnenen Erkenntnisse werden zu Materialien und Bildungsthemen verarbeitet, und das gewonnene Wissen wird wieder an die Gesellschaft weitergegeben. Kurz gesagt, die Bildungsmethoden der Jineolojî ermöglichen es uns, uns mit unseren Wurzeln zu verbinden, unser Wissen und unseren Verstand zu befreien und unser eigenes Wissen zu erlangen. Denn Freiheit kann sich nur entwickeln, indem sie den Kolonialismus in der Mentalität überwindet.

 

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