In Erinnerung an Nagihan Akarsel, die am 4. Oktober 2022 in Suleymaniya ermordet wurde, veröffentlichen wir einen übersetzten Auszug aus einem Artikel, den sie 2018 für das Jineolojî Magazin schrieb.1
Bewegung ist ein Zustand des Werdens. Sie ist Handlung und sie ist lebendig. Es ist daher schwierig, etwas zu definieren, das lebendig ist. Sich nur auf die Ergebnisse der Handlung zu konzentrieren, bedeutet, dass die Details im Prozess des Werdens verloren gehen. Es ist daher ganz natürlich, dass es schwierig ist, sich mit Konzepten wie Ethik und Ästhetik auseinanderzusetzen. Sie befinden sich in Bewegung und haben ihren Ursprung sowohl im gesellschaftlichen Gefüge als auch im Individuellen. Wir können sie sowohl einzeln als auch in Verbindung miteinander betrachten. Sich all dem mit der Perspektive der Jineolojî zu nähern, mag noch schwieriger sein, weil es bedeutet, die Worte von den scharfen Definitionen des Positivismus zu befreien. Es erfordert ebenso, gegen die vom Positivismus auferlegten engen Grenzen gewappnet zu sein. Es erfordert, sich mit vielfältigen Methoden auseinanderzusetzen, insbesondere mit hermeneutischen Methoden2, die sich auf ein demokratisches, ökologisches und frauenbefreiendes Paradigma beziehen. Das wiederum erfordert, in den Gefühlen, der Wahrnehmung, der Kraft des Denkens und der Erzählung frei und verbunden zu fließen.
Das Thema dieses Artikels ist weniger die Definition zweier Konzepte, sondern vielmehr der Versuch, sie auf der Grundlage ihrer Wechselwirkungen im Leben zu verstehen. Es geht darum zu verstehen, was es heißt „gut und schön zu werden”; Begriffe, die wir im Alltag häufig verwenden. Es geht darum zu verstehen, worauf die Definitionen des Guten und Schönen basieren und wie sie sich verändert haben. Das bedeutet den gemeinsamen universellen Rahmen zu erforschen und die Ursprünge zu verstehen. Damit verbunden ist das Wissen darüber, wie wir die Sprache, die Handlungen und die Theorie des Guten und Schönen gestalten können. Das heißt, sich mit Hilfe der Jineolojî darauf zu konzentrieren, wie das Gute und Schöne organisiert werden kann.
Es ist wohl kein Zufall, dass gerade Frauen, die das Gute denken, das Schöne verteidigen und damit die Gesellschaftlichkeit ermöglichen, heute am meisten davon entfremdet sind. Als Frauen können wir diese Kraft der Gesellschaftlichkeit wieder aufbauen, indem wir uns der Utopie3 zuwenden, anstatt uns mit der gegebenen Dystopie4 abzufinden.
Schönheit und kollektive Maßstäbe
Ästhetik ist die Wissenschaft vom Erlangen des Wissens über das Schöne; ein Begriff, der zu weitläufig ist, um ihn auf die Bereiche der Philosophie und Kunst zu reduzieren. Die Beschränkung der Ästhetik auf den weiblichen Körper, der nach männlichen Vorstellungen und Begierden geformt ist, ist darüber hinaus ein bewusster Versuch der kapitalistischen Moderne5, die Wahrnehmung zu verzerren. Es ist sinnvoller, den Begriff anhand von Beispielen aus Zeiten zu definieren, in denen alles, was dem Leben Wert und Schönheit verlieh, als heilig und schön galt.
Abdullah Öcalans Aussage „Ich halte Schönheit außerhalb einer moralischen und politischen Gesellschaft nicht für Schönheit. Schönheit ist moralisch und politisch,“6 erzählt uns davon, was der grundlegende Maßstab für Schönheit sein sollte. Tatsächlich haben in allen Kulturen Held:innen, Göttinnen und religiöse Bewegungen immer den Weg der Schönheit, der Güte und der Wahrheit gewiesen. Frauen wurden in diesen Kulturen als Quelle der Schönheit beschrieben, in der das Heilige verkörpert wurde. (…)
Für die auf Frauen basierenden Agrargesellschaften fanden Schönheit, Fruchtbarkeit, Güte und Gerechtigkeit ihren Sinn im Glauben an Göttinnen. Inanna, Ishtar, Demeter, Isis, Astarte, Kubaba, Atargatis, Anahita, Al-Uzza und Aphrodite, die alle als Quellen der Fruchtbarkeit, Liebe und Schönheit dargestellt wurden, repräsentierten die landwirtschaftliche Tradition der Gesellschaft und ihre moralische und politische Lebensweise. (…)
Eine weitere wichtige Definition von Schönheit findet ihren Ausdruck in kollektiven Werten. Diejenigen, die sich die Maxime „bescheidener Zweifel ist das Licht der Weisen”7 zu eigen machten, die Mutigen und Selbstlosen, die in Gemeinschaft lebten, diejenigen, die sich gegen Ungerechtigkeiten wehrten und für Gerechtigkeit eintraten, galten als schön. Gedichte, Bilder, Epen, Geschichten, Sprichwörter, Dengbêjî8 und viele andere Formen der Kunst vermitteln dies und erzählen davon. Wir finden ihren Ausdruck in vielen Kunstwerken, Skulpturen, Musikstücken, Gemälden und Architektur wieder. Auch Heiler:innen, die sich der Tradition der Heilkunst für ein gesundes Leben verschrieben hatten, wurden als eine Quelle der Schönheit angesehen. Kurz gesagt, das Maß für Schönheit waren die schöpferischen kommunalen Werte.
Mit der Entwicklung der staatlichen Zivilisation begann sich das Maß für Schönheit jedoch zu verändern. Griechische Philosophen definierten das Maß für Schönheit anhand der idealen Zahlen und Proportionen der Mathematik. (…)
Ästhetik ist die Verschönerung des Lebens. Wenn wir das Leben nicht verschönern, ist alle Schönheit in Gefahr. Alle Schönheiten der Natur sind potentielle Beute für den Kapitalismus. Der Mensch als Teil der Natur wird ständig körperlich, psychisch und durch seine Arbeit ausgebeutet und entfremdet sich zunehmend von sich selbst. Wo Entfremdung herrscht, ist es unmöglich von Schönheit zu sprechen.
Gut sein
Wenn es um menschliche und soziale Probleme geht, die mit dem gesellschaftlichen Gefüge und dem Individuum zusammenhängen, ist es schwer, zu einer Definition abstrakter Konzepte zu kommen. Diese abstrakten Konzepte sind relativ. Es ist möglich, dass das, was für mich gut ist, für jemand anderen schlecht ist. Entscheidend ist hier die Perspektive.
Die Definition des Guten und seine Verbindung zur Moral wurden zu einem Thema der Religion und Philosophie gemacht, während die Wissenschaft sich von diesem Konzept distanziert hat. Ausschlaggebend für diese Haltung ist die Tatsache, dass sich die Wissenschaft innerhalb der Grenzen des Positivismus bewegt und ihre Verbindung zur Bedeutung verloren hat. Abdullah Öcalan hingegen sagt: „Wissenschaft ist Interpretation von Bedeutung“.9 Damit macht er deutlich, dass Wissenschaft überall dort vorhanden ist, wo Bedeutung vorhanden ist. Bedeutung zu geben ist auch eine Form der Schaffung von Wert.
„Unsere Würde basiert vollständig auf dem Denken. Lasst uns daher danach streben, gut zu denken. Das ist das Prinzip der Ethik“.10 Die in diesem Satz zum Ausdruck gebrachte Wahrheit verdeutlicht die Bedeutung des guten Denkens. Das Gute ist, was sinnvoll ist. Das Gute ist das, was schön ist. Das Gute ist das, was gerecht ist. Gut ist, was beiträgt, stärkt, Sinn gibt und sowohl die Gesellschaft als auch die Einzelnen glücklich macht.
Das Gute hat einige universelle Maßstäbe. Bescheidenheit ist ein Maßstab für das Gute, wird aber in der heutigen virtuellen Welt als Schwäche angesehen. Zuhören ist eine Tugend, heute gilt jedoch viel zu reden als kultivierteste Handlung. Empathie ist eine der schönsten menschlichen Eigenschaften, doch der Egoismus erfreut sich heute größter Beliebtheit. Die Wahrheit zu sagen und zu verteidigen, koste es, was es wolle, ist eine grundlegende Eigenschaft des Guten, doch in unserer Zeit herrscht oft Pragmatismus vor. All das sind Folgen des Liberalismus. Im Liberalismus sind vor allem die Interessen, Wünsche, Emotionen, Triebe und Impulse der Einzelnen von Bedeutung. Anstelle von gutem Denken wird ein haarspalterischer kleinlicher Ansatz verfolgt.
Im Liberalismus werden Individualismus und die damit verbundenen Motive hochgehalten. Im Demokratischen Sozialismus hingegen bestehen die Maßstäbe für das Wohl der Einzelnen und der Gesellschaft in gegenseitiger Ergänzung, Integration, Weiterentwicklung und Glücklichsein. Es ist die Verbindung des Selbstverständnisses der Einzelnen, dem „Ich bin ich“, insbesondere der Frau, verbunden damit „Sich selbst zu kennen“. Es geht darum, dass die Einzelnen sich bewusst werden, dass sie Teil der historischen gesellschaftlichen Realität sind.
In Zeiten, in denen das Leben ganzheitlich verstanden wurde, lag der Maßstab für die wissenschaftliche Betrachtung aller Lebensbereiche in dem Prinzip ihrer Nützlichkeit für die Gesellschaft, von der Wirtschaft über die Gesundheit bis hin zu Politik und Kultur. Heute jedoch wirkt die Wissenschaft eher wie eine übergeordnete Institution, die versucht, die Gesellschaft zu formen, als eine Instanz, die gesellschaftliche Ressourcen und Beziehungen reguliert. (…)
Das Gute und Schöne der Frauen von Gilani
Auf unserer Suche nach dem Guten und Schönen nehmen wir jene Momente als Grundlage, in denen die gesellschaftliche Kraft des Zusammenlebens im Einklang mit dem Gefüge des Lebens steht. (…) Die Gilani, die in der Provinz Gilan am Kaspischen Meer im Norden des Iran leben, sind ein Beispiel dafür. (…) Die Reis- und Teeernte, die äußerste Sorgfalt und Mühe erfordert, prägt ihr gesamtes Leben. Und die Gilani-Frauen spielen aufgrund ihrer entscheidenden Rolle in dieser Produktion auch im Leben eine entscheidende Rolle. Je tiefer wir in unsere Forschung über die Gilani eintauchen, desto mehr erkennen wir, dass dieses Volk, das aus seinen Wurzeln schöpft, in der Geschichte den Widerstand von Babek und Hurrem anführte, um seine kommunalen Werte zu bewahren. (…)
Der grundlegende Wert, sich auf die eigenen Wurzeln zu besinnen, lebt auch im Volk der Gilan weiter. Besonders die Lotusblume wird sehr geliebt und ihr wird in Gedichten und Liedern Ausdruck verliehen. Die Art und Weise, wie die Gilani sich der Blume von Anahita11, der Göttin des Wassers, angenommen haben und sie bis heute bewahren, drückt sowohl ihre Verbindung zu ihren Wurzeln als auch ihr Bestreben aus, die Erinnerung in der Gegenwart zu beleben. Dieses und viele ähnliche Beispiele sind ein Zeichen dafür, dass auch für Menschen, denen man heute die Erinnerung nehmen will, ein alternatives Leben möglich ist.
Es ist beachtenswert, dass wir bei den Frauen von Gilan Parallelen zu den Frauen von Afrin sehen können, die den Widerstand in Afrin anführten. Der Tanz der Frauen von Gilan mit ihren Reiskörben und bunten Kleidern und die Verbindung der Frauen von Afrin mit der Natur und dem Land als Grundlage ihres Widerstands sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sich die landwirtschaftliche Produktion in der Ästhetik widerspiegelt. (…)
Die Mondine und ihr Widerstand
Die „Mondine“ genannten Reisarbeiterinnen in Italien, dem größten Reisproduzenten Europas, ergänzen das von uns angeführte Beispiel der Frauen von Gilan. Flora Derounian, die zwischen 1940 und 1965 Forschungen über Reisarbeiterinnen in Italien durchgeführt hat, erklärt, dass sie ihre Forschungen auf Interviewprojekte und Dokumentionen stützte. Flora Derounian stellt fest, dass die Arbeit dieser Frauen, die von Mai bis Juli dauerte, es verdient, weiter untersucht zu werden. Sie erklärt: „Obwohl die gläsernen Spiegel der unter Wasser stehenden Reisfelder idyllisch wirken mögen, hallten die Reisfelder oft vom Klang der Protestlieder der Arbeiterinnen wider. Um nicht für das Reden während der Arbeitszeit bestraft zu werden, hatten sie ein unglaubliches Repertoire an mehrstimmigen Liedern entwickelt, in denen sie meist die miserablen Arbeitsbedingungen und die Ausbeutung durch die Herren beklagten.”12 (…)
Die Reisarbeiterinnen, die für die Befreiung Italiens von der Nazi-Besatzung kämpften, die sich manchmal weigerten, auf den Feldern zu arbeiten, die nicht selten in linken Organisationen tätig waren, kämpften und als Kuriere tätig waren, waren sich vielleicht bewusst, dass das Feingefühl ihrer Arbeit und das Feingefühl der Verteidigung ihres Landes sich gegenseitig ergänzten… Vielleicht ist es nicht möglich, die tiefe dieses Bewusstseins vollständig zu verstehen, aber die Tatsache, dass die Lieder dieser Frauen, die mit ihren Gesängen und Kostümen Kultstatus erlangten, und deren Lieder heute von Chören und jungen Rockbands gesungen werden, sagt einiges über die Integrität und Ganzheitlichkeit des Lebens aus.
Anders sein und die Roma
Jede:r von uns hat unterschiedliche Vorstellungen von der Gesellschaft der Roma.13 Jedes Mal, wenn wir Roma-Frauen sehen, wissen wir nicht genau, was wir denken sollen – obwohl die Energie, die sich in ihren Stimmen, ihrem Verhalten und ihren Tänzen widerspiegelt, faszinierend ist, bleibt immer das Gefühl, nicht zu wissen, wie wir sie wahrnehmen sollen… Dieses Gefühl ist wichtig, um unsere Wahrnehmung von Gutem und Schönem zu verstehen. Die gängigste Meinung über Roma ist, dass sie von der Gesellschaft ausgegrenzt leben, dass sie unangepasst sind, sich nicht an die moralischen Normen der Gesellschaft halten, sich nicht an Regeln und Disziplin halten und ähnliches. Dies führt zu Vorurteilen und obwohl ihre Flexibilität und Ungezwungenheit anziehend sind, führt es zu einer distanzierten Haltung.
Unser Unbehagen gegenüber der Leichtigkeit der Roma-Frauen – die Tatsache, dass ihre Fluidität Unruhe hervorruft – ist eigentlich ein Thema, das einer separaten Analyse bedarf… Wir sprechen hier von einem Volk, das seine Einzigartigkeit mit seiner Freiheit vereint hat.. Was wir hier besonders betrachten möchten, ist, nach welchen Kriterien wir bestimmen, was gut oder schön ist, und was unsere Wahrnehmung beeinflusst.
Denn das, was anders ist von vornherein abzulehnen, ist eine in unserer Zeit sehr verbreitete Befangenheit. Nicht zu glauben, dass das, was anders ist, auch gut und schön sein kann, führt dazu, dass dieses Vorurteil weiterbesteht. Die Maßstäbe, die unsere Wahrnehmung bestimmen, sind dabei die Maßstäbe der Zeit, in der wir leben, also der Moderne. Die Behauptung, dass diese Maßstäbe absolut richtig sind, ist die wichtigste und tiefgreifendste geistige Konstruktion, die der Modernismus geschaffen hat.
Dabei sollte das Maß für das Gute und Schöne nicht in einem unreflektierten direkten Urteil bestehen, sondern vielmehr darin, die Geschichte, Realität, Mythologie, Philosophie, Glaubensvorstellungen und Weltanschauungen der Roma zu verstehen. Ebenso wichtig ist es, zu betrachten, wie die Roma ein kollektives Lebensgefüge geschaffen haben. Denn sie verfügen über eine Struktur, die ihre Lebensweise schützt, ohne sich auf staatliche Organisation zu stützen.
Paradigmatisches Betrachten und Verstehen
Vor allem dieses Beispiel zeigt, dass es einer paradigmatischen Sichtweise bedarf, um das was anders ist zu verstehen. Nach dem mechanistischen Paradigma werden Roma als ein Volk definiert, das nicht den Maßstäben der Moderne entspricht. Sie entsprechen auch nicht den Gesetzmäßigkeiten der Newton’schen Physik. Sie stellen Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge auf den Kopf und machen die auf Fakten basierende Realität des Positivismus zunichte. (…) Es ist wohl kein Zufall, dass man einem widerspänstigen Kind in der Kernfamilie der Moderne sagte: „Wenn du nicht brav bist, geben wir dich den Zigeunern.“ oder „Wir haben dich von den Zigeunern geholt.“
Wenn wir stattdessen mit einem Paradigma schauen, das auf Demokratie, Ökologie und der Freiheit der Frauen basiert und Wissenssysteme repräsentiert, auf denen die demokratische Zivilisation beruht, so stoßen wir auf völlig andere Realitäten. (…)
Dieses Paradigma, das mehr auf dem Willen der Menschen zusammenzuleben als auf der Staatslogik basiert, gründet sich auf Prinzipien wie Einheit der Unterschiede, Lebendigkeit, Fluidität, Freiheit und Ungewissheit. Es spricht nichts dagegen, es als eine auf der Quantenphysik basierende Struktur zu betrachten. Nach diesem Paradigma sind die Roma ein Volk, das natürlich lebt, seine Freiheiten nicht auf Abhängigkeitsverhältnisse gründet, sich an einem freien Wirtschaften orientiert, Musik und Kultur schätzt und ein entspanntes, originelles Volk ist. Allerdings trägt seine Geschichte auch die negativen Auswirkungen der Moderne in sich. Was wir hier hervorheben möchten, ist die Frage, was das Maß für das Gute und Schöne des Andersseins ist. Es ist wichtig, Unterschiede und Anderssein nicht als Quelle von Vorurteilen zu betrachten, sondern im Gegenteil als paradigmatischen Reichtum.
Die Frauen von Rojava als Quelle der Schönheit
Die Organisation der Schönheit, die Bildung einer Verteidigungskraft und der Kampf gegen alle Ungerechtigkeiten manifestiert sich in der Rojava-Revolution, die auch als Frauenrevolution bezeichnet wird. Wenn wir die Frauenrevolution als eine Verschönerung des freien Lebens betrachten, ist es nicht schwer zu verstehen, wie entscheidend die Rolle der Frauenverteidigungseinheiten in dieser Revolution war. Es ist wichtig, die Kämpferinnen, die gegen den IS gekämpft haben, der als die dunkelste Kraft der Welt in die Geschichte eingegangen ist, als Frauen zu betrachten, die nicht nur Kurdistan vor der Dunkelheit gerettet haben, sondern die ganze Welt. Die Tatsache, dass Fotos von diesen Kämpferinnen, die das Licht gegen die Dunkelheit repräsentieren, auf Titelseiten von Zeitschriften zu sehen sind und sie als schöne Kriegerinnen fetischisiert werden, ist eine bewusst inszenierte Situation. Hier wird weniger ihre Kraft zu Kämpfen, die Tradition ihrer Kämpfe, das Paradigma auf das sie sich beziehen und ihre Ziele in den Vordergrund gestellt, sondern vielmehr ihre äußerliche Schönheit, die objektiviert und auf diese Weise hervorgehoben wird. Die Werte ihres Kampfes, durch die diese jungen Frauen – die das Licht repräsentieren – schön werden, werden kaum erwähnt. (…) Anstatt Schönheit als kollektives Erfahrung zu betrachten, die vor allem in Politik, Wirtschaft und Kultur, aber auch in allen anderen Lebensbereichen eine Rolle spielt, fällt auf, dass weibliche Kämpferinnen mit berühmten Schauspielerinnen verglichen werden und versucht wird, über den Körper eine bestimmte Wahrnehmung zu erzeugen.
Natürlich ergänzen sich Form und Inhalt. Der Maßstab für Schönheit ist, dass sich Inhalt und Form ergänzen. Eine einseitige Betrachtung ist das grundlegendste Merkmal des Systems. Nur wenn es uns jedoch gelingt, ethische und ästhetische Werte in allen Bereichen des Lebens zur Geltung zu bringen, können wir wahre Schönheit erreichen und selbst zu einer Quelle der Schönheit werden.
In diesem Sinne werden wir die Schönheit des Lebens in erster Linie durch den Kampf gegen das Böse, das Zerstörerische und die Hässlichkeit erreichen, die uns umgeben. Es ist eine wichtige Voraussetzung für ein freies und schönes Leben, dass Frauen ihre Verantwortung, die Schönheit des Lebens zu entwickeln, im Bereich des Wissens und der Wissenschaft durch die Jineolojî verwirklichen. Eine solche Realität der Frauen ist nicht nur eine Quelle der Schönheit, sondern auch das grundlegende Moment einer ethischen und politischen Gesellschaft.
Fazit
Es gibt noch viele weitere Beispiele dafür, wie die Sprache, die Handlungen und die Theorien des Guten und Schönen gestaltet und mit Leben erfüllt werden und wie es gelingt, die Freiheit und Besonderheiten mit der Kraft gemeinsamer Kämpfe zu bewahren. Es ist nicht unmöglich, das Gute und Schöne zu verwirklichen, das mit Freiheit verbunden ist, kollektive Werte verkörpert und mit individueller Kreativität ganzheitlich wird. Dies ist unsere Form der Existenz. Vielleicht müssen wir die Theorie unseres kommunalen Lebens weiter stärken. Mehr Forschung betreiben und Materialien vorbereiten, die diese kollektiven Werte hervorheben.
Wir müssen daran glauben, dass diese Werte dazu führen, dass die Menschen glücklich und lebendig bleiben. Dass dies nicht unmöglich ist, sehen wir am Beispiel der Gilani-Frauen, der Mondine-Arbeiterinnen, der Roma-Frauen und der Kämpferinnen in Rojava… In einer Zeit und einem System, in dem spirituelle Werte entwertet werden und Utopien bewusst als unmögliche Ideale definiert werden, müssen wir vor allem daran glauben, dass es möglich ist Widerstand zu leisten und sich dabei auf das Wissen um das Gute und Schöne und die Jineolojî zu stützen… Das heißt, unsere Utopie gegen die aufgezwungene Dystopie zu verteidigen…
1 Übersetzter Auszug aus: Nagihan Akarsel, “Verili Distopyaya Karşı Ütopyamıza Sarılmak”, Jineolojî Dergisi, Sayı:10, 2018, 46-58.
2 Hermeneutik kann als die Kunst verstanden werden, sowohl individuelle sprachliche Kontexte als auch Sprache als Ganzes zu verstehen und zu interpretieren.
3 Ein griechisches Wort, gebildet aus der Vorsilbe „ou” für „nicht” und dem Wort „topos” für „Ort”. Der Begriff „Utopie” wurde erstmals von Thomas Morus verwendet, der ein Buch mit dem Titel „Utopia” veröffentlichte.
4 Ein Wort, das aus der Kombination zweier altgriechischer Begriffe entstanden ist: dem Präfix „dis“, das „schlecht“ bedeutet, und dem Wort „topos“ (eigentlich „topos“), das „Ort“ bedeutet. Der Begriff „Dystopie“ wurde erstmals von John Stuart Mill verwendet. George Orwells „1984“ oder Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ gelten als dystopische Werke der Literatur.
5 Die kapitalistische Moderne basiert auf Kapitalismus, Industrialismus und dem Nationalstaat und steht im Gegensatz zur demokratischen Moderne, die auf direkter Demokratie, sozialer Ökologie und Frauenbefreiung gründet. Zum Weiterlesen: Abdullah Öcalan, Manifest der demokratischen Zivilisation, Band 3: Soziologie der Freiheit.
6 Abdullah Öcalan: Manifest der demokratischen Zivilisation, Band 3: Soziologie der Freiheit. Münster: Unrast & Internationale Initiative Edition 2020.
7 William Shakespeare, Troilus und Cressida, übersetzt von Mina Urgan und Sebahattin Eyüboğlu, Istanbul: Kulturverlag der Türkischen Bank, 2014, 2. Akt, 2. Szene.
8 Eine Form des traditionellen Gesangs über die spannende und schmerzhafte Geschichten und Erfahrungen erzählt werden. Sie sind ein grundlegender Bestandteil der Kultur Kurdistans.
9 Abdullah Öcalan, Manifest der demokratischen Zivilisation, Band 3: Soziologie der Freiheit.
10 Blaise Pascal, Pensées, übersetzt von Devrim Çetinkasap, Istanbul: Kulturverlag der Türkischen Bank, 2017. Michael Shermer, The Science of Good and Evil, übersetzt von Sinem Gül, Istanbul: Varlık Verlag, 2004.
11 Der Lotus ist besonders in Asien ein heiliges Symbol, das für die Reinheit der Seele steht. Er symbolisiert Reinheit und Sauberkeit im Schmutz. Als Symbol für diese Eigenschaft ist er geografisch weit verbreitet. Im alten Persien wird er als Rose der Göttin Anahita geschätzt. Aydın Afacan, „Mythopoetic Dynamics in the Lotus“, Journal of Folklore/Literature, Band: 20, Ausgabe: 80, 2014/4, 119-128.
12 „Die Reisarbeiterinnen, die den Faschismus in Italien herausforderten“, Evrensel, 18. März 2018, https://www.evrensel.net/haber/347977/italyada-fasizme-kafa-tutan-pirinc-iscisi-kadinlar (Letzter Zugriff: 14. November 2022)
13 Während des Prozesses des Schreibens fiel mir auf, dass mein Schreiben von einem individuellen Stil geprägt ist. Mir ist auch klar geworden, dass die geschriebene Sprache ihre Feinheiten hat und die Emotionen, die mit dem Thema verbunden sind, aus ihrer Initiative heraus lenkt.