«Denn für mich liegt der Sinn des Lebens in der Möglichkeit, dass Frauen frei leben können»
Nachricht von Abdullah Öcalan an die Jineolojî Konferenz in Europa
Liebe Weggefährtinnen… Trägerinnen des Bewusstseins und Wirkens der Jineolojî, Erbauerinnen eines freien Lebens,
Seit meiner Kindheit trage ich eine Suche in mir: die Befreiung der Frauen zu erleben und einen Lebens-Raum zu eröffnen, der ihnen würdig ist. Diese Suche vertiefte sich noch mehr, als meine Spielgefährtin nicht mehr mit mir spielen konnte und meine Schwester im Tausch gegen einen Sack Bulgur weggegeben wurde. Im stillen Widerstand der Frauen des Dorfes und im Aufleben dessen, was von den Göttinnen erhalten geblieben war, sah ich, dass Befreiung möglich war. Auch ich folgte diesem Vertrauen. Ich bin immer ihren Fußspuren gefolgt. Denn ich wusste, dass die tiefste Wunde der Gesellschaft die Versklavung der Frau war. Ohne dieses Verständnis wären weder Freiheit, noch Gleichberechtigung, noch eine echte Demokratie möglich gewesen.
Als ich die Jineolojî vorschlug, war es nicht mein Ziel, nur ein Konzept zu schaffen. Unsere wichtigste Aufgabe, die wir der Geschichte hinterlassen würden, sollte darin bestehen, die Existenz der Frau in ihrer historischen und gesellschaftlichen Realität neu zu definieren; sie aus der Rolle des Objekts zu befreien und zum Subjekt zu machen. Ich wollte die Weisheit der Göttinnen, die durch Jahrtausende patriarchaler Zivilisation verdeckt worden war, und die frauenzentrierte Lebensweise der Jungsteinzeit wieder ans Licht bringen. Der Dolch der im Rücken der Gesellschaft steckte, war die Versklavung der Frauen; ohne diesen Dolch zu entfernen, konnte kein gesellschaftliches Problem an der Wurzel gelöst werden. Jineolojî entstand genau als eine Wissenschaft, die diesen Dolch identifiziert, ihn entwurzelt und durch das Wissen um ein freies Leben ersetzt.
Die gesamte bisher im Namen der Jineolojî geleistete Arbeit – alles, was geschrieben, diskutiert und organisiert wurde – hat gezeigt, dass diese Wissenschaft zugleich eine Lebensweise ist. Sie war wie ein Hauch frischer Luft, ein Atemzug für die Frauenperspektive. Die Identität der Frau von sexistischen Mustern zu befreien, einen eigenen Raum des Denkens und Handelns zu schaffen, die eigene Geschichte zu schreiben: Das ist die Aufgabe und die lebenswichtige Pflicht, die der Menschheitsgeschichte hinterlassen werden sollte. Sie sind zum grundlegenden Handlungsfeld und zur Kampfform der Jineolojî geworden. Der Grundsatz „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“ ist wichtig. Dieses Werden darf jedoch nicht innerhalb der von Männern auferlegten Grenzen stattfinden, sondern muss durch die eigene Kraft der Frau verwirklicht werden. Deshalb haben wir bekräftigt, dass jede Frau ein eigenes Zimmer, eine eigene Stimme und ihr eigenes Wissen haben muss.
Als Mann habe ich mich in diesem Prozess ständig hinterfragt und erneuert. Wir haben dem gemeinsam Bedeutung gegeben und uns zum Ziel gesetzt, uns von der jahrhundertelangen Vorherrschaft der Männer zu befreien. Ich habe betont, dass die Freiheit der Frauen das Grundprinzip des Sozialismus ist. Denn der Maßstab dafür, ob ein Mann wirklich sozialistisch sein kann, ist seine Fähigkeit, eine richtige, gleichberechtigte und freie Beziehung zu Frauen aufzubauen. In den meisten großen sozialistischen Experimenten der Geschichte fehlte dieses Prinzip. Dieser Mangel führte dazu, dass die Revolutionen unvollständig blieben. Ich habe mich bemüht, diesen Mangel zu beheben, und wollte den Göttinnen würdig sein. Den Mann zu verändern und ihn dazu aufzurufen, sich gemeinsam mit der Frau zu befreien, ist für mich zu einer unabdingbaren Aufgabe geworden.
Heute stehen wir vor einem neuen Prozess. Das Streben nach Frieden und Demokratie ist ebenso sehr ein Prozess politischer Verhandlungen wie ein Prozess des gesellschaftlichen Wiederaufbaus. Es werden die Frauen sein, die die Vorreiterinnenrolle bei diesem Wiederaufbau übernehmen. Denn mehr als die Hälfte aller wichtigen Schritte, die bisher unternommen wurden, sind dank der Arbeit, des Widerstands und der Intelligenz der Frauen zustande gekommen. Und so wird es auch von nun an sein. Die Jineolojî muss weiterhin die wissenschaftliche und ideologische Grundlage dieser Vorreiterinnenrolle bilden.
Ich werde weiterhin an eurer Seite stehen, mit euch nachdenken und gemeinsam mit euch etwas schaffen, wann immer ihr mich braucht. Denn für mich liegt der Sinn des Lebens in der Möglichkeit, dass Frauen frei leben können. [Denn der Sinn des Lebens konkretisiert sich für mich darin, dass Frauen frei leben können.]
Möge diese Konferenz sowohl über die Vergangenheit als auch über die Zukunft der Jineolojî sprechen. Möge sie die Existenz der Frau richtig definieren. Möge sie das Wissen über das freie Leben erweitern. Mein unvollendetes Projekt wird sich durch die Kraft dieser Diskussionen vervollständigen. Mein Vertrauen in euch ist unerschütterlich. Vergesst nicht, dass ich immer bei euch bin.
Mit meiner unendlichen Sehnsucht und Liebe…
Abdullah Öcalan
Imrali