{"id":850,"date":"2020-08-03T13:00:57","date_gmt":"2020-08-03T10:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/jineoloji.eu\/de\/?p=850"},"modified":"2022-10-02T14:36:58","modified_gmt":"2022-10-02T11:36:58","slug":"umbrueche-in-zeiten-der-covid-19-pandemie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/2020\/08\/03\/umbrueche-in-zeiten-der-covid-19-pandemie\/","title":{"rendered":"Umbr\u00fcche in Zeiten der Covid-19-Pandemie"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\"><b>Die Verbindungen unter Frauen, Trans und Non-Bin\u00e4ren Personen st\u00e4rken, die F\u00fcrsorge f\u00fcreinander und das Leben wieder ins Zentrum stellen, die Natur in ihrer Vielf\u00e4ltigkeit achten, sch\u00fctzen und uns wieder als Teil dieser begreifen.<\/b><\/p>\n<p class=\"western\"><b>Bildung und Forschung zu M\u00f6glichkeiten solidarischer, demokratischer Selbstorganisierung aufnehmen und st\u00e4rken \u2013 die Jineoloj\u00ee entwickeln.<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Was wir hier tun:<\/p>\n<ul>\n<li class=\"western\">Wir analysieren die Corona-Pandemie im Zusammenhang von Staat, Kapitalismus und Patriarchat<\/li>\n<li>Wir erkl\u00e4ren, warum nach dem Ausnahmezustand die R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t keine L\u00f6sung sein kann und warum wir ein neues gesellschaftliches Modell brauchen<\/li>\n<li>Wir stellen die Chancen der Organisierung als Frauen, Trans und Non-Bin\u00e4ren Personen und die M\u00f6glichkeiten der Jineoloj\u00ee im Zusammenhang mit den anstehenden radikalen Ver\u00e4nderungen vor<\/li>\n<\/ul>\n<p class=\"western\">Mit der Corona-Pandemie hat eine denkw\u00fcrdige, ungew\u00f6hnliche Zeit eingesetzt, das erlebt jede*r. Die bestehende Ordnung der Gesellschaft, der Wirtschaft, der globalen Beziehungen, war f\u00fcr einige Monate unterbrochen oder grundlegend ver\u00e4ndert und ist es in Teilen weiterhin. Wir haben ein Kontakt- und Versammlungsverbot erlebt, in manchen Regionen Ausgangssperren. Weite Teile des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens standen still oder wurden in digitale Formen verlagert. Die Grenzen innerhalb Europas und noch mehr Europas Au\u00dfengrenzen wurden geschlossen, der Reiseverkehr lag still. Ein Land nach dem anderen weltweit hat solche freiheitsbegrenzenden Regeln erlassen. Ein spezifisches Wahrnehmungsbild der Pandemie wurde verankert, aus dem dann die entsprechenden Ma\u00dfnahmenkataloge abgeleitet wurden. In atemberaubendem Tempo wurden B\u00fcrgerrechte ausgesetzt, Bewegungsfreiheit radikal begrenzt und \u00dcberwachungstechnologien gesellschaftlich und praktisch durchgesetzt. Widersprechende Einsch\u00e4tzungen und Analysen werden hoch emotional abgewiesen. Statt gesellschaftlicher Debatte regiert die Autorit\u00e4t wissenschaftlicher Experten. Die Corona-Pandemie-Statistiken, Hygieneanweisungen und die Erforschung von Impfstoffen und Medikamenten sind zur t\u00e4glichen Nachrichtenroutine geworden. Wissenschaft, Staat und Gesellschaft werden als eine \u201eWir-Gemeinschaft\u201c gest\u00e4rkt. Wir alle sind demnach verantwortlich f\u00fcr das Ausma\u00df oder die Eingrenzung der Pandemie. Der Autorit\u00e4t von Wissenschaft und Staat genauestens zu folgen wird zum L\u00f6sungsweg erhoben.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Verantwortung des Staates und der Wissenschaft f\u00fcr die Ausformung der bestehenden gesellschaftlichen und globalen Strukturen, die die Dramatik dieser Pandemie erst herbeigef\u00fchrt haben, treten so in den Hintergrund. Das ist am deutlichsten erkennbar in Bezug auf die herbeigef\u00fchrte Verknappung der Versorgungskapazit\u00e4ten im Gesundheitsbereich u.a. durch Einsparungen, Privatisierungen und die Schlie\u00dfung von Krankenh\u00e4usern. Aber auch bestehende soziale und globale Ungleichheiten und Benachteiligungen, die mit einer gr\u00f6\u00dferen Gesundheitsgef\u00e4hrdung auch durch den Virus einhergehen, werden sichtbar.<\/p>\n<p class=\"western\">Diese unzureichende Ausstattung im Gesundheitsbereich, die durch eine schnell anwachsende Zahl von Kranken zu den schrecklichen, Angst einfl\u00f6\u00dfenden Bildern und Berichten f\u00fchrten, wie sie u.a. aus Bergamo\/Italien zu sehen waren, zeigen die Unmenschlichkeit des bestehenden, staatlich abgesicherten, kapitalistischen Profitsystems. Benachteiligte Gruppen wie Wohnungslose, Gefl\u00fcchtete in Sammelunterk\u00fcnften und Inhaftierte sind weit h\u00e4rter betroffen als andere. Insbesondere die L\u00e4nder des globalen S\u00fcdens, in denen die Menschen tagt\u00e4glich mit den Folgen von Kolonialismus und neokolonialer Entwicklungs-, Handelspolitik und Kriegen, nicht zuletzt mit fortw\u00e4hrender Armut, Hunger, Vertreibung, fehlender Infrastruktur und insbesondere auch mit v\u00f6llig unzul\u00e4nglicher Gesundheitsversorgung k\u00e4mpfen m\u00fcssen, sind durch den neuen Virus in besonderem Ausma\u00df gef\u00e4hrdet. Das zeigt wie sehr die kapitalistische Moderne, also das gegenw\u00e4rtige Ordnungssystem, gegen die grundlegenden Bed\u00fcrfnisse der Menschen gerichtet ist.<\/p>\n<p class=\"western\">Die destruktiven, lebensfeindlichen Wirkungen des patriarchal-kapitalistischen globalen Systems reichen tief und haben eine lange Geschichte<i>.<\/i> Dass gef\u00e4hrliche Viren wie jetzt der Ausl\u00f6ser von Covid-19 sich entwickeln und verbreiten k\u00f6nnen, steht in direkter Verbindung mit der Zerst\u00f6rung von Lebensr\u00e4umen und \u00d6kosystemen, der Ausbeutung der Natur, der monokulturellen Landwirtschaft und der industriellen Massentierhaltung, der Verdichtung von Lebensr\u00e4umen in den St\u00e4dten und den globalen Handels- und Reisewegen.<\/p>\n<p class=\"western\">Eins muss uns daher klar sein: Die R\u00fcckkehr zur altbekannten Normalit\u00e4t nach der Ausnahmezeit wird das Bed\u00fcrfnis nach einem sicheren und guten Leben nicht erf\u00fcllen k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich fangen mehr und mehr Menschen in diesem Zustand der Ungewissheit an, Fragen zum Sinn des Lebens, zur Ethik und zur Praxis eines guten Lebens zu stellen.<\/p>\n<p class=\"western\"><b>Es braucht einen Wandel aller gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse<\/b><\/p>\n<p>Die aufgrund des Corona-Virus entstandenen Zust\u00e4nde der Kontaktvermeidung bringen die Kaputtheit der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse und des Ordnungssystems, in dem wir leben, sehr offensichtlich auf den Punkt.<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p class=\"western\">Soziale Ungleichheiten versch\u00e4rfen sich \u2013 sowohl lokal als auch global. Wer keinen guten Computer, ruhige Arbeitsr\u00e4ume und Unterst\u00fctzung im Haushalt hat, kann nicht an Bildung teilhaben. Wer obdachlos ist findet nun kaum noch eine Toilette oder Waschm\u00f6glichkeiten, etc. Es sind nicht die am meisten Gef\u00e4hrdeten, die nun die schon lange ben\u00f6tigte humanit\u00e4re und wirtschaftliche Unterst\u00fctzung erhalten, wie beispielsweise die Gefl\u00fcchteten in \u00fcberf\u00fcllten Lagern an den Grenzen Europas, Menschen in Gef\u00e4ngnissen und in Sammelunterk\u00fcnften, <span style=\"color: #000000;\">Roma <\/span>in Osteuropa, die aufgrund von Diskriminierung bereits zuvor an den Rand des \u00dcberlebens gedr\u00e4ngt waren und oft ohne eigene Wasserleitungen leben, Personen ohne Krankenversicherung, Slumbewohner*innen \u00fcberall auf der Welt, die \u00c4rmsten und am wenigsten infrastrukturell versorgten Menschen weltweit. Europa macht stattdessen die Grenzen f\u00fcr die Einreise von Fl\u00fcchtenden dicht, selbst innerhalb Europas werden nationale Grenzen und Interessen forciert, Gefangene und Menschen in Sammelunterk\u00fcnften werden schweren Gesundheitsrisiken ausgesetzt, Roma erfahren zus\u00e4tzliche rassistische Anfeindungen. Wir wissen genau, dass Wirtschaftsf\u00f6rderpl\u00e4ne nicht gemacht werden, um die menschenverachtende, neokoloniale, globale Ungleichheit zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<\/li>\n<li class=\"western\">Die Kleinfamilie als zentrales Konzept und einzige soziale Bezugsgruppe wird verst\u00e4rkt. Nur engste Familienkontakte sind erlaubt und Frauen, auch hochprofessionell qualifizierte Frauen, finden sich zu ihrer eigenen Verwunderung in der klassischen Rolle der Hausfrau und betreuenden Mutter wieder.<\/li>\n<li class=\"western\">Patriarchale und sexualisierte Gewalt gegen Kinder und gegen Frauen nimmt zu. Frustrationen werden gewaltvoll und noch massiver als zuvor gegen die Schw\u00e4chsten, gegen Kinder, gerichtet. Morde an Frauen (Feminizide<a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a>) nehmen zu. Das eigene Zuhause ist f\u00fcr viele Frauen ein gef\u00e4hrlicher Ort. K\u00f6rperliche Selbstbestimmung auch z.B. \u00fcber Schwangerschaften wird reduziert, da Verh\u00fctungsmittel weniger verf\u00fcgbar sind (u.a. Spiralen nicht mehr eingesetzt werden) und Schwangerschaftsabbr\u00fcche zu lange hinausgez\u00f6gert werden oder nicht mehr vor dem Partner oder den Eltern verheimlicht werden k\u00f6nnen. Geschlechtsangleichende Versorgung, die f\u00fcr viele Transgenderpersonen wichtig ist, wird aufgeschoben.<\/li>\n<li class=\"western\">Der psychische Druck, die Einsch\u00fcchterung, Bedrohungsszenarien wie auch Einsamkeit und die gro\u00dfen Unsicherheiten der Corona-Krise sind f\u00fcr viele Menschen nicht zu verarbeiten. Gleichzeitig werden sie aufgrund erzwungener \u201esozialer Distanz\u201c alleingelassen, professionelle psychosoziale Hilfe ist oft nur noch telefonisch verf\u00fcgbar. Die allgemeinen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse schw\u00e4chen die Menschen zusehends und machen psychisch und auf allen Ebenen krank.<\/li>\n<li class=\"western\">Die Individualisierung und Vereinsamung nimmt zu. Die Isolation der Menschen voneinander \u2013 Kontaktverbot\/-vermeidung, Distanz, abgeschottete Grenzen \u2013 ist die Hauptl\u00f6sung, die uns angeboten und aufgezwungen wird. Die Zersplitterung weiter, solidarischer Zusammenh\u00e4nge, der Verweis auf die Kleinfamilie als sozialer Bezug, die soziale Einsamkeit und Konkurrenz zwischen den Menschen sind charakteristisch f\u00fcr das patriarchal-kapitalistische System.<\/li>\n<li class=\"western\">Totalit\u00e4re und faschistische Kr\u00e4fte gewinnen an Macht und Einfluss. Rechte, autorit\u00e4re Regierungen nutzen die Corona-Krise, um ihre Macht zur Diktatur auszuweiten. Die ungarische Regierung hat das Parlament entmachtet und regiert per Dekret. Die rechts-nationale Regierung Polens hat das Wahlgesetz ge\u00e4ndert und hatte versucht, w\u00e4hrend des Corona-Stillstandes Pr\u00e4sidentschaftswahlen zu ihren Gunsten durchzuf\u00fchren. Andere europ\u00e4ische Staaten haben \u00e4u\u00dferst demokratiefeindliche Ausnahmegesetze erlassen. Die britische \u201eCoronavirus Bill\u201c wurde f\u00fcr die Dauer von zwei Jahren eingesetzt und enth\u00e4lt ein B\u00fcndel drastischer Zwangsma\u00dfnahmen wie beispielsweise die M\u00f6glichkeit, Personen bei Verdacht auf Infizierung f\u00fcr die Isolierung festzunehmen und Testverweigerer sowie Menschen mit geistiger Behinderung zu inhaftieren. In Deutschland wurden im April Proteste f\u00fcr die Ausweitung der Corona-Solidarit\u00e4t auf Gefl\u00fcchtete u.a. f\u00fcr die Aufl\u00f6sung der \u00fcberf\u00fcllten griechischen Lager, trotz eingehaltenem physischen Abstand und Gesichtsmasken, mit Verweis auf die Infektionsschutzverordnung aufgel\u00f6st, Teilnehmende wurden festgenommen und registriert. Sogar ein Autokorso wurde unterbunden. Eine \u00f6ffentliche Zwei-Frauen-Kunstaktion wurde unter Androhung hoher Strafen verhindert, denn nicht nur Bewegung im Freien mit einer politischen Motivation sei nicht mehr erlaubt, es sei auch verboten, Objekte mit politischem Hintergrund abzulegen. Auch in den Monaten danach wurden mit Verweis auf die Durchsetzung von Hygieneregeln immer wieder Menschen gewaltt\u00e4tig durch die Polizei angegriffen.<\/li>\n<li class=\"western\">Sicherheit wird in Autorit\u00e4ten gesucht: Wissenschaft, Statistik, Virologen und durch diese informierte RegierungspolitikerInnen oder auch Verschw\u00f6rungstheoretiker, die eindeutige Aussagen zu<span style=\"color: #ce181e;\">r<\/span> Ursache und zu Wirkungen und Ma\u00dfnahmen machen, die befolgt werden m\u00fcssen.<\/li>\n<li class=\"western\">Die T\u00e4tigkeiten in der Krankenversorgung, der Altenpflege, im Lebensmittelvertrieb, in der Kinderbetreuung, in der Reinigung und Hygiene, in der h\u00e4uslichen Versorgung und (Vorrats-) Hauswirtschaft \u2013 alles klassischerweise unter- oder nichtbezahlte T\u00e4tigkeiten von Frauen \u2013 werden nun als \u201esystemrelevant\u201c bezeichnet und dankend beklatscht \u2013 radikales Umdenken findet nicht statt.<\/li>\n<\/ul>\n<blockquote>\n<p class=\"western\">\u201e<span style=\"font-size: small;\">Die Krise der Pandemie des Corona-Virus zeigt uns einmal mehr, dass patriarchale Staaten niemals in der Lage sein werden, eine angemessene Antwort auf die Probleme zu geben, mit denen wir als Gesellschaft konfrontiert sind. Wir m\u00fcssen eine andere Gesellschaft aufbauen, [\u2026]\u201c<br \/>\n<\/span><span style=\"font-size: small;\">(Amargi, WomenDefendRojava)<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"western\"><b>Wir sind durch mehr als eine Pandemie gef\u00e4hrdet<\/b><\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"western\">\u201e<span style=\"font-size: small;\">Wir als Frauen m\u00fcssen eine entscheidende Rolle \u00fcbernehmen uns selbst zu verteidigen und nicht zuzulassen, dass diese Pandemie dazu genutzt wird, die Gesellschaft weiter zu zerst\u00f6ren, uns noch mehr Gewalt zuzuf\u00fcgen oder ein System fortzusetzen, das zur Vernichtung des Planeten f\u00fchrt.\u201c<br \/>\n(Amargi, WDR)<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"western\">Auch ohne die Corona-Pandemie und freiheitsberaubende autorit\u00e4re Ma\u00dfnahmenkataloge ist die patriarchal-kapitalistische Ordnung vor allem f\u00fcr Frauen, Trans- und Interpersonen eine st\u00e4ndig und zunehmend gewaltt\u00e4tige und lebensbedrohende Ordnung. Feminizide \u2013 also Morde an Frauen aufgrund ihres Geschlechts \u2013 nehmen weltweit zu.<\/p>\n<p class=\"western\">Mehr als die H\u00e4lfte aller Transpersonen und mehr als jede dritte Frau erf\u00e4hrt k\u00f6rperliche und\/oder sexualisierte Gewalt \u2013 in manchen L\u00e4ndern deutlich mehr. Es ist leider keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, den Schmerz \u00fcber diese Gewalt zu sp\u00fcren und aufzuschreien. Es geh\u00f6rt zur Normalit\u00e4t, dass weggeschaut und diese Gewalt wie eine private Angelegenheit behandelt wird. Gewaltverbrechen an Frauen werden heruntergespielt: als private Angelegenheit, \u201eBeziehungsdrama\u201c oder Schicksal. Mehr als ein Drittel der Morde an Frauen werden von den m\u00e4nnlichen Partnern in heterosexuellen Partnerschaften begangen. In Deutschland wird allein nach den registrierten F\u00e4llen im Schnitt jeden Tag ein Frauenmord in Partnerschaften versucht und davon wird mehr als jeder Dritte vollendet. Feminizid wird auch eingesetzt, um ganze ethnische bzw. kulturelle, religi\u00f6se, indigene oder andere Gruppen auszul\u00f6schen. In allen Kriegen werden Frauen aus strategischen Gr\u00fcnden vergewaltigt. Mit ganz besonderer H\u00e4rte und menschenverachtender Brutalit\u00e4t werden Frauen, die mit der Waffe f\u00fcr eine geschlechterbefreite Gesellschaft k\u00e4mpfen, angegriffen und deren Folter und Ermordung \u00f6ffentlich bekannt gemacht, um ein Exempel zu statuieren und damit auch alle anderen zu entmutigen und abzuschrecken.<\/p>\n<p class=\"western\">Doch der Widerstand gegen patriarchale Familienkonzepte, Arbeitsteilung, Naturausbeutung und Gewalt hat eine lange Geschichte. Diese Jahrtausende w\u00e4hrende Tradition wird von den gegenw\u00e4rtigen K\u00e4mpfen gegen patriarchale Gewalt, die weltweit gef\u00fchrt werden, fortgef\u00fchrt. Diese verbreiten sich von einem Land und Kontinent zum n\u00e4chsten. So geht der Internationale Aktionstag zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November zur\u00fcck auf einen Beschluss der ersten Feministischen Konferenz Lateinamerikas und der Karibik, die 1981 in Kolumbien stattfand. Der Tag bezieht sich auf den Mord an den Mirabel-Schwestern, die in der Dominikanischen Republik gegen den Diktator Trujillo k\u00e4mpften. Seither wurde dieser Tag in allen Teilen der Welt und von zahlreichen, sehr verschiedenen Organisationen und Bewegungen aufgegriffen und mit Aktivit\u00e4ten gest\u00e4rkt. Auch in Deutschland finden seit einigen Jahren an diesem Tag Demonstrationen, Fahnenaktionen, Ausstellungen, Diskussionsveranstaltungen und anderes statt. Auch die Tradition der #NiUnaMenos Demonstrationen gegen Frauenmorde hat in Lateinamerika, insbesondere in Argentinien, ihren Anfang genommen und wurde inzwischen zu einer weltweiten Kampagne, die vor allem Feminzid, aber auch die Ungleichbehandlung und Entrechtung von Frauen und Transpersonen thematisiert. \u00dcberall werden Praktiken der Selbstverteidigung entwickelt und weitergegeben. So entwickelten in den USA und in Europa Frauen und Lesben seit den 1960er Jahren mit Wendo, dem \u201eWeg der Frauen\u201c, eine Form der Selbstverteidigung und Selbstbehauptung, die nur unter Frauen und M\u00e4dchen weitergegeben wird. \u00c4hnliche Praktiken der Organisierung zur St\u00e4rkung der Selbstverteidigungsf\u00e4higkeiten bestehen an vielen Orten weltweit, wie beispielsweise die Gulabi in Indien.<\/p>\n<p class=\"western\">Wir k\u00f6nnen beobachten wie in den letzten Jahren feministische Debatten, Organisierungen und Proteste wieder mehr Aufmerksamkeit, Dynamik und Zulauf erhalten, beispielsweise der Frauenstreik am 8. M\u00e4rz. Nach erfolgreichen Frauenstreiks in Argentinen und Polen im Herbst 2016 nahm die aktuelle Welle von Frauenstreiks ihren Anfang. In Polen wurde eine noch sch\u00e4rfere Version des Abtreibungsverbotes verhindert. 2017 wurde in \u00fcber 50 L\u00e4ndern f\u00fcr gleiche Bezahlung, gegen h\u00e4usliche Gewalt und Feminizide sowie f\u00fcr k\u00f6rperliche Selbstbestimmung gestreikt. Seither rei\u00dfen die Streiks nicht ab. 2018 streikten allein in Spanien 5 Millionen Frauen, Trans und Non-Bin\u00e4re Personen am 8. M\u00e4rz. Frauenstreiks haben eine Tradition, die sich bis ins 16. Jahrhundert zur\u00fcckverfolgen l\u00e4sst. Zum Beispiel streikten die First Nation Frauen der Haudenosaunee f\u00fcr das Veto-Recht bei Entscheidungen \u00fcber Kriege.<\/p>\n<p class=\"western\"><b>Mit Jineoloj\u00ee auf selbstbestimmte, freiheitliche Gesellschaftsalternativen schauen<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Die Gesellschaft erkennt derzeit die essentielle Bedeutung von T\u00e4tigkeiten der Versorgung, F\u00fcrsorge, Pflege, Krankenversorgung, Kinderbetreuung, Sozialen Arbeit und Bildung. Diese Aufgaben, die alle um das Leben und um soziale Zusammenh\u00e4nge zentriert sind, werden im patriarchal-kapitalistischen System herabgew\u00fcrdigt, gering oder gar nicht bezahlt. Dennoch werden trotz \u00dcberlastung diese T\u00e4tigkeiten ethisch-verantwortlich ausgef\u00fchrt und ein pflegebed\u00fcrftiger Patient oder Kinder nicht einfach sich selbst \u00fcberlassen. Die Jineoloj\u00ee erforscht Wissen f\u00fcr ein alternatives Modell gesellschaftlichen Lebens, welches Leben zu geben, zu versorgen und zu gestalten ins Zentrum stellt. Dabei bilden matriarchale Werte, das Wissen von Frauen wie auch die Ideen und Praktiken von revolution\u00e4ren Frauenbewegungen weltweit eine wichtige Basis.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"western\">\u201e<span style=\"font-size: small;\">Denn das Corona-Virus zeigt uns einmal mehr, dass es keine andere nachhaltige Alternative gibt als eine Gesellschaft, die Menschen und Gesellschaften durch demokratische Prozesse in den Mittelpunkt der Entscheidungsfindung stellt. Die auf der Befreiung der Frauen basiert und die auf \u00f6kologische Weise mit dem Planeten verbunden ist. Eine Alternative, die das Leben verteidigt [\u2026]\u201c<br \/>\n(Amargi, WomenDefendRojava)<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"western\">Wir sprechen hier von einem grundlegend anderen Blickwinkel auf die Welt und auf das Leben. Die vorherrschende, positivistische Methode als Erkenntnisweise ist grundlegend f\u00fcr die Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, die uns in die gegenw\u00e4rtige Krise gebracht haben. Dabei wird die wissenschaftlich-objektive Aussage zur Autorit\u00e4t f\u00fcr staatliche, naturverwertende und sozial-technokratische Planungen und Fortschrittsdenken. Nur Abbildbares, aber keine subjektiven, ethischen oder metaphysischen Faktoren werden ber\u00fccksichtigt. Zudem basiert diese Erkenntnisform meist auf vereinfachenden Gegensatzpaaren, also bin\u00e4ren, hierarchisch geordneten Kategorien wie Mann-Frau, Kultur-Natur, \u00f6ffentlich-privat, Subjekt-Objekt. Wir alle sind von dieser positivistischen Erkenntnislehre gepr\u00e4gt \u2013 unsere Denkweisen, unsere Wertebasis, unsere Art und Weise wie wir Beziehungen zu anderen Menschen, aber auch zur Natur denken und gestalten, welches Wissen wir als wahr annehmen oder als irrational verwerfen. Das k\u00f6nnen wir als patriarchale Mentalit\u00e4t bezeichnen, denn diese Methode zu Erkenntnissen, Erkl\u00e4rungen, Wissen und Weltbildern zu kommen, ist ein Werkzeug des Patriarchats, um diese zerst\u00f6rerische, hierarchische Ordnung gesellschaftlich tief zu verankern und dagegen abzusichern, angezweifelt zu werden.<\/p>\n<p class=\"western\"><b>Jineoloj\u00ee als wissenschaftliche Methode<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns die Jineoloj\u00ee als wissenschaftliche Methode aneignen, die wir brauchen, um diesen Wechsel zu vollziehen. Das schlie\u00dft die eigene Ver\u00e4nderung ein, also die patriarchale Mentalit\u00e4t in uns zu erkennen und zu \u00fcberwinden. Das k\u00f6nnen wir nicht alleine \u201eim stillen K\u00e4mmerlein\u201c. Daf\u00fcr brauchen wir solidarische, kritische Kommunikation und kollektive Prozesse. Auch in Zeiten, die kaum k\u00f6rperliches Zusammensein erlauben, d\u00fcrfen wir nicht aufh\u00f6ren, kollektive Beziehungen aufzubauen und zu pflegen. Die selbstorganisierten Gemeinschaften der zapatistischen Bewegung in Chiapas, Mexiko, und die selbstorganisierte Gesellschaft der Demokratischen F\u00f6deration Nord- und Ostsyrien beispielsweise rufen sowohl dazu auf, in den H\u00e4usern zu bleiben und sich nicht zu versammeln, als auch dazu, die kollektiven Beziehungen nicht zu unterbrechen.<\/p>\n<p class=\"western\">Das ist etwas anderes als die staatlich angewiesene Kampagne f\u00fcr ein \u201egemeinsames Narrativ (#wirbleibenzu-hause)\u201c, die in einem Strategiepapier des Bundesinnenministeriums vorgedacht wurde und die auch die Beziehung zwischen Staat und Bev\u00f6lkerung festigen soll. Im demokratisch selbstverwalteten Nord- und Ostsyrien wurde beispielsweise dem Gesundheitspersonal die F\u00fchrung des Kommandos \u00fcbertragen \u2013 keinem Ministerium, nicht dem Milit\u00e4r oder der Polizei. Die Bev\u00f6lkerung ist dazu aufgerufen, ihnen beizustehen.<\/p>\n<p class=\"western\">Die selbstbestimmten Beziehungen als den Ausgangspunkt der ethischen Gesellschaft und von Erkenntnis zu begreifen ist entscheidend. Freie Beziehungen, freie Familien ohne Abh\u00e4ngigkeits- und Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse \u2013 Hevjiyana azad \u2013 brauchen die \u00dcberwindung der dominanten M\u00e4nnlichkeit, die sich u.a. als Besitzdenken, Machtaus\u00fcbung und einem patriarchalen Ehrbegriff zeigt. Freie, uns st\u00e4rkende Beziehungen und gesellschaftliche Verbindungen erm\u00f6glichen Mechanismen von Selbstverteidigung, die in der Welt der positivistischen und kapitalistischen Ausbeutungspolitik jedoch permanent angegriffen werden und dadurch schwach entwickelt sind.<\/p>\n<p class=\"western\">Verantwortliche, respektvolle, ehrliche und f\u00fcrsorgliche Beziehungen auf Augenh\u00f6he sind die Grundlage, um Wissen zu entwickeln und weiterzugeben, um die Welt zu verstehen und Probleme zu l\u00f6sen. Das unterscheidet sich grundlegend von der positivistischen Wissenschaft, die Objekte isoliert, kategorisiert, kontrolliert und den Forscher zum mystisch erh\u00f6hten Experten erkl\u00e4rt, der sich \u2013 vermeintlich k\u00f6rperlos \u2013 von der Welt distanzieren kann, die er beforscht.<\/p>\n<p class=\"western\">Wissen und K\u00f6rperlichkeit k\u00f6nnen nicht voneinander getrennt werden. Unsere K\u00f6rperlichkeit, kulturelle und andere Erfahrungen gehen in unsere Denkweise und Forschungen ein. Die Situation, in der wir leben, unsere Gedanken und die Art unserer Beziehungen pr\u00e4gen wiederum unsere K\u00f6rper und unsere Gesundheit. Eine Mitarbeiterin von \u015e\u00eefa Jin, dem Anfang M\u00e4rz 2020 er\u00f6ffneten Gesundheitszentrum f\u00fcr Frauen und Kinder im Frauendorf Jinwar, Nordsyrien, erkl\u00e4rt: \u201eWenn unsere Beziehungen zwischen uns und unserer Umgebung, den Menschen und der Natur, aus dem Gleichgewicht geraten, beeinflusst das auch unsere Gesundheit. [\u2026] Die Probleme, mit denen Frauen in die Klinik kamen, waren, wie wir erwartet hatten, mit ihrer Rolle im Haus, in der Gesellschaft und auch mit der Art ihres Lebens verbunden. [\u2026] Wir sagen: Verstehen bedeutet Freiheit. Und nat\u00fcrlich gibt es nichts, was heilender ist als Freiheit. Unser K\u00f6rper f\u00fchlt sich besser. Unser Herz und unser Verstand f\u00fchlen sich besser.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\"><b>Jin-Jiyan-Azad\u00ee, Frauen-Leben-Freiheit: Mit der Natur verbundene Lebensweisen wieder zur\u00fcckerlangen<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Die Probleme hierarchischer sozialer Teilungen, der Kontrolle, der Fremdbestimmung und Ausbeutung, die sich gegen Menschengruppen und gegen die Natur als der uns versorgende Lebensraum richtet, nahmen mit der Entstehung des Patriarchats ihren Anfang. Im Verh\u00e4ltnis zur langen Menschheitsgeschichte sind die wenigen Jahrtausende patriarchaler Herrschaft allerdings eine recht kurze Phase, zumal zu keiner Zeit die Gesellschaften und insbesondere die Frauen und Non-Bin\u00e4ren Personen aufgeh\u00f6rt haben gegen das Vordringen dieser frauen-, natur- und insgesamt lebensfeindlichen Ordnungsform Widerstand zu leisten. Nur langsam konnte das Patriarchat in die egalit\u00e4ren, kollektiven, um das f\u00fcrsorgende Leben herum organisierten Lebensweisen eindringen und diese ver\u00e4ndern. In Europa brauchte es zu Beginn der Neuzeit die Verfolgung, D\u00e4monisierung, Folter und Ermordung hunderttausender Frauen als Hexen, um eine neue hierarchische Zwei-Geschlechterordnung durchzusetzen. Auch jeder Ausdruck von nicht-bin\u00e4ren Geschlechtsentw\u00fcrfen, also Menschen, die sich weder als Mann oder Frau verorten, wurde folglich rigoros verfolgt. Sexualit\u00e4t wurde streng reglementiert und sollte fortan ausschlie\u00dflich der Fortpflanzung dienen. Die Frau wurde gleichgesetzt mit \u201edie Geb\u00e4rende\u201c, ins H\u00e4usliche verbannt und unter die Kontrolle des Ehemannes gestellt. Dabei wurde bewahrtes Wissen wie bspw. \u00fcber Verh\u00fctung und Abtreibung und die gesellschaftliche Rolle von Frauen und non-bin\u00e4ren Personen z.B. in der kollektiven Bewirtschaftung von Land und der Versorgung von Bed\u00fcrftigen zerst\u00f6rt. Auch Rituale und Feiern der Gemeinschaft wurden zunehmend verdr\u00e4ngt und gingen verloren. Die Existenz von vielf\u00e4ltigen Geschlechtsidentit\u00e4ten in Europa vor der Durchsetzung der hierarchischen Mann-Frau Ordnung durch die Hexenverfolgung ist heute nahezu unbekannt und erst Recht der Widerstand, den diese Menschen \u00fcber viele Jahrhunderte leisteten. Die Selbstst\u00e4ndigkeit, aber auch die Vielf\u00e4ltigkeit von Frauen wurde durch die Praxis der Hexenverfolgung massiv angegriffen. Bis heute ist unser Verst\u00e4ndnis von \u201eFrau\u201c durch diese Zeit gepr\u00e4gt und die Isolation der Frauen voneinander sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p class=\"western\">All dies bedeutet aber auch, dass das Wissen \u00fcber alternative Lebensweisen und Geschlechterrollen nur wenige Generationen vor uns noch vorhanden war. Die Zerst\u00f6rung freiheitlichen Lebens ist zwar immer weiter und tiefer in die Gesellschaften und ins uns alle eingedrungen, doch es ist bis heute nicht alles verloren gegangen. Das ist wichtig zu begreifen.<\/p>\n<p class=\"western\"><b>Selbstorganisierung als Frauen, Trans und Non-bin\u00e4re<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Die gegenw\u00e4rtige Krise, die sich als eine weitere Krise zum Krisenzustand des kapitalistisch-patriarchalen Systems addiert, f\u00fchrt uns noch deutlicher vor Augen wie sehr und wie bald (oder auch dringend) wir gesellschaftsumfassende, organisierte Frauenstrukturen brauchen, die tragf\u00e4hig und langandauernd sind. Wie die Sch\u00fcler*innen von FridaysforFuture dazu ermahnen, die radikale Ver\u00e4nderung unserer Lebens- und Wirtschaftsweise nicht weiter aufzuschieben, so betrifft das nicht nur die Klimakatastrophe. Die Katastrophe, die keinen Aufschub zul\u00e4sst, ist umfassend \u2013 wir haben dazu einiges im ersten Teil des Textes geschrieben. Die Katastrophe sind das Patriarchat sowie die kapitalistisch-staatliche Struktur.<\/p>\n<p class=\"western\">Der radikale Stillstand durch die Corona-Pandemie hat der Natur lange nicht dagewesene Freir\u00e4ume geschaffen. Die Luft konnte aufklaren und Berge waren von weit her wieder sichtbar, Fische kamen wieder Fl\u00fcsse herauf, in denen das Wasser nun sauber war, wilde Tiere waren in verkehrsstillen St\u00e4dten anzutreffen. Die Natur ist stark und die \u00f6kologische Katastrophe wird so erst recht sp\u00fcrbar. Denn es gibt ja keine Wende in Bezug auf die Naturzerst\u00f6rung. Diese wird im Gegenteil mit der Wiederankurbelung der Wirtschaft verst\u00e4rkt fortgesetzt.<\/p>\n<p class=\"western\">Eine komplette Hinterfragung des Gesamten und die Suche nach einer L\u00f6sung, die uns aus diesem System herausf\u00fchrt, ist unsere Orientierung. Der Wunsch nach Freiheit und die M\u00f6glichkeit daf\u00fcr \u2013 f\u00fcr ein gutes Leben, f\u00fcrsorglich miteinander und in Verbindung mit der Natur treibt uns an. Unser Slogan und Orientierung f\u00fcr ein neues Leitbild ist \u201eJin-Jiyan-Azad\u00ee\u201c \u2013 Frauen, Leben, Freiheit. In diesem Slogan steckt eine Lebensphilosophie. Diese zeigt uns, dass nur durch die freie Frau das freie Leben aufgebaut werden kann. Es ist ein Ruf gegen die patriarchale Mentalit\u00e4t. Wir k\u00f6nnen keine freie Gesellschaft aufbauen, wenn die Geschlechterverh\u00e4ltnisse nicht befreit sind. Um die gesellschaftlichen Probleme zu l\u00f6sen und f\u00fcr ein gutes Leben, braucht es die Freiheit der Frau in all ihrer Vielfalt als Grundlage.<\/p>\n<p>Das Andrea Wolf Institut, das zur Jineoloj\u00ee Akademie in Rojava\/Nord- und Ostsyrien geh\u00f6rt, schreibt:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"western\">\u00a0<span style=\"font-size: small;\">\u201eDie Saat f\u00fcr den Aufbau eines neuen Paradigmas haben wir bereits ges\u00e4t. Diejenigen, die sich bis heute der Unterdr\u00fcckung widersetzt haben, tragen in sich noch immer demokratische Werte und kennen Wege, sich kollektiv und solidarisch miteinander zu organisieren. In der revolution\u00e4ren Bewegung Kurdistans finden wir einen Vorschlag f\u00fcr ein neues Paradigma. In diesem Moment weltweiter Krankheit m\u00fcssen wir uns darauf konzentrieren, wie wir das Leben, seine wahre Ethik und Freiheit auf globale und ganzheitliche Weise verteidigen.\u201c<\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"western\"><b>Jineoloj\u00ee \u2013 Wissenschaft aus der Perspektive der Frau und Bildung f\u00fcr den Aufbau alternativer gesellschaftlicher <\/b><span style=\"color: #000000;\"><b>Modelle<\/b><\/span><\/p>\n<p class=\"western\">Seit 2014 wird die Jineoloj\u00ee in Europa bekannt gemacht und seit 2017 bauen wir Strukturen f\u00fcr die Jineoloj\u00ee-Arbeit auf. Es gibt seither Jineoloj\u00ee-Bildungscamps und ein Netz von regionalen Jineoloj\u00ee-Komitees in vielen Regionen Europas: Nord- und S\u00fcditalien, Katalonien, Baskenland, Gro\u00dfbritannien, Schweden, Belgien und Deutschland. Die Jineoloj\u00ee wird in weiteren Regionen Europas diskutiert. Sie wird im Nahen und Mittleren Osten immer bekannter wie auch in Indien und in Lateinamerika. In vielen L\u00e4ndern Lateinamerikas k\u00f6nnen die Bewegungen mit gro\u00dfer Leichtigkeit die Jineoloj\u00ee an vorhandene indigene Kosmologien ankn\u00fcpfen.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Jineoloj\u00ee wurde aus den Erfahrungen der Kurdischen Frauenbewegung entwickelt, inmitten und aus dem revolution\u00e4ren Befreiungskampfes heraus. Sie hat starke Wurzeln in der Geschichte matriarchaler Kultur in Mesopotamien und wird in eigenen Akademien, Forschungszentren, einer universit\u00e4ren Fakult\u00e4t, mittels einer Fachzeitschrift, einer internationalen Website, Brosch\u00fcren und B\u00fcchern in den kurdischen Gebieten und dar\u00fcber hinaus weitergegeben und weiterentwickelt. Aufbauend auf den Grundgedanken der Jineoloj\u00ee wurden au\u00dferdem in Nord- und Ostsyriens, bekannt als Rojava, bereits viele Projekte der Frauenbildung und Frauenselbstorganisierung, wie unter anderem das Frauendorf Jinwar mit aufgebaut. Jineoloj\u00ee wurde in die Schulbildung und die universit\u00e4re Ausbildung integriert.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Jineoloj\u00ee als neue Wissenschaft ist eine Methode und bietet Grundideen, um die <span style=\"color: #000000;\">patriarchale Realit\u00e4t <\/span>der Welt und von uns selbst in unserer Pers\u00f6nlichkeit zu analysieren und neu zu denken. Jineoloj\u00ee ist ein gesellschaftliches Projekt. Alle gesellschaftlichen Bereiche \u2013 Wirtschaft, Politik, Bildung, Ethik, \u00c4sthetik etc. \u2013 und unser Verh\u00e4ltnis zur Natur k\u00f6nnen so auf eine neue Art erforscht werden. Forschung und Bildung sind mit dem Aufbau kollektiver Beziehungen verbunden und die neue, auf ethischen Werten basierende, politisch selbstverantwortliche Gesellschaftlichkeit zu entwickeln. Die Analysen von Gesellschaft, von Pers\u00f6nlichkeit, von Geschichte sind Teil der radikalen Ver\u00e4nderung der bestehenden Verh\u00e4ltnisse. Die Jineoloj\u00ee ist Teil revolution\u00e4rer Prozesse der \u00dcberwindung des kapitalistischen Patriarchats.<\/p>\n<p class=\"western\"><b>Aus der Corona-Krise Wissen f\u00fcr eine alternative Gesellschaftlichkeit ziehen<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">In dieser Umbruchsituation angesichts der Pandemie wird bereits viel neues Wissen entwickelt und altes wiederbelebt. Au\u00dferhalb des Staates und der technokratisch vorgedachten Aufforderungen entwickeln sich autonome Formen der Selbstorganisierung, Kommunikation und Unterst\u00fctzung in vielen Nachbarschaften. In diesen Prozessen k\u00f6nnen sich Beziehungen zueinander und der Zusammenhalt der lokalen Gemeinschaften ver\u00e4ndern. Die Ver\u00e4nderung kann tiefer gehen als allein pragmatische Aspekte wie Lebensmitteleink\u00e4ufe f\u00fcr Bed\u00fcrftige oder wieder zu wissen, wie Hefe und Selbstgebackenes hergestellt werden.<\/p>\n<p class=\"western\">Wir denken, dass das autonome System der Gesellschaftsorganisierung, das parallel zum staatlichen System entsteht, eine Verbindung mit den beschriebenen mentalen Ver\u00e4nderungen des staatlich-kapitalistisch-patriarchalen Systems in uns selbst braucht. Viele Fragen werden bereits aufgeworfen, die wir verst\u00e4rken k\u00f6nnen. Wie w\u00e4re ein Leben ohne das gegenw\u00e4rtige System? Wie k\u00f6nnte das Leben anders organisiert werden? Statt Mietenbremse zu fordern, k\u00f6nnten wir fragen, warum wir Mieten zahlen m\u00fcssen. Nach der Erfahrung der staatlichen Beschneidung von Freiheitsrechten und strenger Regulierung gepaart mit dem Erwartungsdruck, den Staat bei allen Ma\u00dfnahmen zu unterst\u00fctzen: Wollen und brauchen wir einen Staat? Statt mit Pr\u00e4mien f\u00fcr Gesundheitsarbeiter*innen zufrieden zu sein, kann die Frage betont werden, wie k\u00f6rperliche Selbstbestimmung der Menschen in Zukunft aussehen k\u00f6nnte. Der negative Blickwinkel auf die Ausnutzung von Frauen in sozialen Berufen k\u00f6nnten wir ver\u00e4ndern hin zur Beachtung der gro\u00dfen gesellschaftlichen Wirksamkeit von Frauen.<\/p>\n<p class=\"western\">Das wiederum braucht Bildung \u2013 nicht im Sinne herk\u00f6mmlicher, im positivistischen Wissenschaftsverst\u00e4ndnis fu\u00dfender Bildung, sondern als revolution\u00e4re Bildung. Wir m\u00fcssen grundlegende Fragen neu stellen: Was ist (gutes) Leben? Was ist Freiheit? Was ist Frau? Was ist Wahrheit? In was f\u00fcr einer Gesellschaft wollen wir leben? Was ist eine politische Gesellschaft?<\/p>\n<p class=\"western\">Die Kurdische Bewegung und Abdullah \u00d6calan mit seinen politisch-philosophischen Ideen und Konzepten sind uns Inspiration, nicht zuletzt damit, wie Bildungsprozesse in allen Bereichen der Bewegung und als gesellschaftliche Bildung verankert sind. Revolution\u00e4re Prozesse werden im Kern als Bildungsprozesse verstanden, die die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung mit einbeziehen. F\u00fcr viele freiheitsliebende Menschen weltweit ist insbesondere der gesellschaftliche Neuaufbau im selbstverwalteten Nord- und Ostsyrien, der sich an den Ideen Abdullah \u00d6calans orientiert, eine gelebte Utopie. Es ist lehrreich sich mit diesem Beispiel auseinanderzusetzen.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Forschungen der Jineoloj\u00ee sind eingebettet in den Aufbau der ethisch-politischen, selbstverantwortlichen Gesellschaft. Damit sollen die vielen tiefen Fragen eines neuen Lebens und einer neuen Gesellschaftlichkeit gemeinsam und als Teil der revolution\u00e4ren Ver\u00e4nderungen beantworte<span style=\"color: #ce181e;\">t<\/span> werden.<\/p>\n<p class=\"western\">Die gegenw\u00e4rtigen Bedingungen und Zuspitzungen sind f\u00fcr uns eine Motivation, die Forschungs- und Bildungsaktivit\u00e4ten zu verst\u00e4rken. Wir m\u00f6chten auch andere dazu motivieren.<\/p>\n<p class=\"western\">Physische Distanz einzuhalten schlie\u00dft sich nicht mit kollektivem Lesen aus. Gedanken k\u00f6nnen ausgetauscht werden, um gemeinsam tiefer zu gehen, und sie k\u00f6nnen kreativ und \u00f6ffentlich verbreitet werden (nicht nur digital). Im M\u00e4rz ist das erste deutsche Jineoloj\u00ee-Buch ver\u00f6ffentlicht worden. Es enth\u00e4lt die Beitr\u00e4ge des ersten Jineoloj\u00ee-Bildungscamps in Deutschland, das im September 2018 stattfand. Ihr k\u00f6nnt das Buch beim Jineoloj\u00ee Komitee Deutschland (<span style=\"color: #0563c1;\"><u><a href=\"mailto:jineolojide@riseup.net\">jineolojide@riseup.net<\/a><\/u><\/span>) bestellen. Heftchen zum Download, die eine kurze Einf\u00fchrung in die politische Philosophie der Kurdischen Bewegung bieten, findet ihr hier: <span style=\"color: #0563c1;\"><u><a href=\"https:\/\/civaka-azad.org\/service\/broschueren\/\">https:\/\/civaka-azad.org\/service\/broschueren\/<\/a><\/u><\/span>. Auf der Jineoloj\u00ee Website findet ihr viele Beitr\u00e4ge \u2013 Texte und Kurzvideos \u2013 zu grundlegenden und spezifischen Aspekten der Jineoloj\u00ee in Deutsch und anderen Sprachen: <a href=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/\">https:\/\/jineoloji.eu\/de\/<\/a>. Derzeit entstehen neue Webinare vom Network Women Weaving Future, dem Netzwerk, das 2018 die Internationale Frauenkonferenz \u201eRevolution in a Making\u201c in Frankfurt durchgef\u00fchrt hat und am Aufbau eines Weltkonf\u00f6rderalismus der Frauen arbeitet. Diese Webinare findet ihr hier: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/channel\/UCov_LD9WpZu3gc5ANZtGu-Q\">https:\/\/www.youtube.com\/channel\/UCov_LD9WpZu3gc5ANZtGu-Q<\/a><\/p>\n<p class=\"western\">Ihr k\u00f6nnt euch in eurer Nachbarschaft und in eurem sozialen Umfeld umschauen. Oder von den Erfahrungen der gesellschaftlichen Selbstorganisierung lernen, die weltweit an vielen Orten weiterbestehen oder neu entwickelt werden. Kollektive und feministische Organisierung, ob lokal, national und transnational, findet auch jetzt in Pandemie-Zeiten weiter und in neuen Formen statt. Wir k\u00f6nnen dort nach Antworten f\u00fcr eine radikale Ver\u00e4nderung der Lebensverh\u00e4ltnisse suchen und Verbindungen schaffen.<\/p>\n<p class=\"western\">Ein kritischer Blick auf das bestehende System der Krankenversorgung und Pflege ist schon lange f\u00fcr viele damit verbunden, alternative Heilweisen, Gesundheitspraktiken und Wissen zur Unterst\u00fctzung gesellschaftlicher Teilhabe von Menschen mit Beeintr\u00e4chtigungen zu entwickeln. Auch feministische Gesundheitszentren haben eine lange Tradition. Wir finden es wichtig und haben angefangen, die Verwicklung von Patriarchat und Gesundheit gut zu begreifen und selbstbestimmtes Heilwissen zu verbreiten.<\/p>\n<p class=\"western\">Es gibt viele Erfahrungen aus feministischen und anderen Widerstandsbewegungen, die wir aufgreifen k\u00f6nnen. Wenn jetzt beispielsweise der Sinn von regionaler statt globaler Versorgung erkannt wird, k\u00f6nnen die Erfahrungen mit solidarischer \u00d6konomie ausgewertet werden. Solidarische \u00d6konomie bezieht sich auf bed\u00fcrfnisorientierte, soziale, demokratische und \u00f6kologische Ans\u00e4tze und solidar\u00f6konomische Projekte sehen sich im Dienste des Menschen stehend. Wir k\u00f6nnen \u00fcberlegen, wie diese und viele weitere Ideen und Erfahrungen eingehen k\u00f6nnen in die notwendige, radikale Ver\u00e4nderung aller Herrschaftsverh\u00e4ltnisse und wie wir einen weltweiten Demokratischen Konf\u00f6deralismus der Frauen aufbauen.<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: right;\"><a name=\"_GoBack\"><\/a><em>Jineoloj\u00ee Komitee Deutschland, 25.06.2020<\/em><\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p class=\"sdfootnote-western\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a>\u0002 Die Begriffe Femizid und Feminizid werden meist synonym verwendet. Wir benutzen hier den Begriff Feminizid, da dieser den Mord an Frauen gesellschaftspolitisch und zwar als Folge von Geschlechterdiskriminierung einordnet. Das entspricht auch dem spanischsprachigen \u201efeminicidio\u201c, das im feministisch-theoretischen Wortschatz Lateinamerikas und Spaniens etabliert ist (statt \u201efemicidio\u201c f\u00fcr Mord an Frauen). \u201eFemizid\u201c ist in Deutschland jedoch f\u00fcr viele genauso feministisch-politisch gepr\u00e4gt wie \u201eFeminizid\u201c.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Verbindungen unter Frauen, Trans und Non-Bin\u00e4ren Personen st\u00e4rken, die F\u00fcrsorge f\u00fcreinander und das Leben wieder ins Zentrum stellen, die Natur in ihrer Vielf\u00e4ltigkeit achten, sch\u00fctzen und uns wieder als Teil dieser begreifen. Bildung und Forschung zu M\u00f6glichkeiten solidarischer, demokratischer Selbstorganisierung aufnehmen und st\u00e4rken \u2013 die Jineoloj\u00ee entwickeln. 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