{"id":683,"date":"2020-04-12T14:37:10","date_gmt":"2020-04-12T11:37:10","guid":{"rendered":"http:\/\/jineoloji.eu\/de\/?p=683"},"modified":"2020-07-01T14:40:29","modified_gmt":"2020-07-01T11:40:29","slug":"perspektiven-auf-die-coronavirus-krise-des-andrea-wolf-instituts-fuer-jineoloji","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/2020\/04\/12\/perspektiven-auf-die-coronavirus-krise-des-andrea-wolf-instituts-fuer-jineoloji\/","title":{"rendered":"Perspektiven auf die Coronavirus-Krise des Andrea Wolf Instituts f\u00fcr Jineoloj\u00ee"},"content":{"rendered":"<p>Der dritte Weltkrieg ist in vollem Gange. Hier, im Gebiet der Autonomen Verwaltung Nord- und Ostsyriens (auch bekannt als Rojava, Westkurdistan), ist er besonders zu sp\u00fcren. Aber dieser Krieg ist nicht nur ein milit\u00e4rischer. Seine Waffen sind die Zerst\u00f6rung der Umwelt, der kommunalen Werte und der Gesundheit. Er macht die Menschheit auf vielf\u00e4ltige Weise krank und die Suche nach unserer eigenen Wahrheit ist heute notwendiger denn je. Abdullah \u00d6calan, der an der Spitze der Befreiungsbewegung Kurdistans steht, sagt: &#171;Um die Wahrheit zu finden, m\u00fcssen wir zu dem Moment zur\u00fcckkehren, an dem wir sie verloren haben&#187;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um eine Krankheit zu verstehen, m\u00fcssen wir wissen, was Gesundheit ist, was sie bedeutet und wie wir sie bewahren k\u00f6nnen. Etymologisch gesehen kommt das Wort \u201ehealth\u201c (Gesundheit) im alten Englisch von dem Wort &#171;whole&#187; (ganz) oder &#171;wholeness&#187; (Ganzheit). Was uns ganz macht, ist, wer wir sind. Vor der Durchsetzung von Patriarchat, Staat und Kapitalismus, die sich seit etwa 5000 Jahren gemeinsam entwickelten, lebte die Gesellschaft in Clans oder gro\u00dfen Familiengruppen, in denen die M\u00fctter im Mittelpunkt des Lebens standen. Die verwendete Medizin basierte auf Pflanzen und der St\u00e4rkung von K\u00f6rper, Geist und Seele der gesamten Gemeinschaft. In den verschiedenen Teilen der Welt entwickelten sich im Laufe der Zeit unterschiedliche Gesundheitssysteme, aber alle finden ihren Ursprung in der nat\u00fcrlichen Gesellschaft der Jung- und Neusteinzeit (Pal\u00e4olithikum und Neolithikum). Dies ist darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass zu dieser Zeit die Menschen in Harmonie mit der Natur lebten. Sp\u00e4ter entwickelten sich die Gesundheitssysteme entsprechend den regionalen und kulturellen Unterschieden. Bis heute ist die Mutter durch das Tragen des Lebens, das F\u00fcttern und Stillen in den ersten Lebensjahren, die erste Bezugsperson und die Tr\u00e4gerin des Wissens dar\u00fcber, wie Leben erhalten und gesch\u00fctzt werden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gesundheit ist keine Institution. Auch Tiere und Lebewesen verf\u00fcgen \u00fcber ein Gesundheitssystem. Alles, was im Universum existiert, versucht zu \u00fcberleben, indem es ein Gleichgewicht aufrechterh\u00e4lt. Gesundheit muss st\u00e4ndig durch verschiedene Selbstverteidigungssysteme gesch\u00fctzt werden, vom Magnetfeld der Erde bis hin zu unseren Antik\u00f6rpern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die fr\u00fchesten medizinischen Traditionen wurden in Babylon, China, \u00c4gypten und Indien entwickelt. Die Geschichte der Medizin zeigt, wie sich die Gesellschaften in ihrem Umgang mit Krankheit und Leiden von der Antike bis zur Gegenwart ver\u00e4ndert haben und wie sie die Frau von ihrer urspr\u00fcnglichen zentralen Rolle der Heilerin getrennt haben. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die Hexenjagd, die vom 6. bis zum 14. Jahrhundert vor allem in Mitteleuropa ver\u00fcbt wurde (und in einigen Teilen der Welt bis heute andauert). Sie war der Versuch, die Rolle der Heilerinnen zu brechen, die bis zum Ende des Mittelalters Gemeinschaften zusammen hielten und verschiedenste Aufgaben erf\u00fcllten. Die staatliche und kirchliche Verfolgung dieser Frauen, die auch als Hebammen arbeiteten, Schmerzen linderten, Abtreibungen und Heilungen durchf\u00fchrten, war brutal. Millionen von Menschen wurden eingesperrt, gefoltert und bei lebendigem Leibe verbrannt. \u00dcber 300 Jahre lang haben die Hexenjagden den Menschen Angst eingejagt, Frauen d\u00e4monisiert und ihnen ihre Rolle als Heilerin entrissen. Sie wurde durch die Figur des m\u00e4nnlichen Arztes ersetzt, der sich nur auf den K\u00f6rper konzentrierte, den er immer weiter in voneinander getrennte Systeme aufteilte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So wurde versucht, die enge Verbundenheit der Frauen mit der Natur zu brechen. Das ist nicht g\u00e4nzlich gelungen, doch die Verbindung bleibt bis heute besch\u00e4digt. Als im 16. Jahrhundert der amerikanische Kontinent von Europ\u00e4ern besetzt wurde, wurde die Hexenjagd fortgesetzt. In ihrem Streben nach Macht und Herrschaft wurden ganze V\u00f6lker massakriert, um deren alte Praktiken und\u00a0 Gemeinschaftsleben zu zerst\u00f6ren. Aber die Waffen der Kolonialherren, die in einigen Gebieten 90 % der indigenen Bev\u00f6lkerung t\u00f6teten, waren nicht ihre Gewehre. Es waren Krankheiten wie die Windpocken, die sie in sich trugen und gegen die sich die Ureinwohner nicht wehren konnten. Das Ergebnis war ein Massaker, auch wenn der Widerstand, der bis heute anh\u00e4lt, nicht vollst\u00e4ndig gebrochen werden konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei der Bek\u00e4mpfung von weltweiten Epidemien standen Frauen immer an vorderster Front. Die Schwarze Pest (1346-1353) war die schlimmste Pandemie in der Geschichte der Menschheit, an der mehrere hundert Millionen Menschen starben. Es waren vor allem Frauen, die die Kranken pflegten und versorgten. Die Pest t\u00f6tete mehr M\u00e4nner, so dass sich die Frauen zusammen taten und damit fortfuhren, sich um einander und andere zu k\u00fcmmern. Die Schwarze Pest brach nach einem enormen Bev\u00f6lkerungswachstum, der Zerst\u00f6rung von W\u00e4ldern, intensivem Handel und \u00fcberproportionalem Wachstum aus, die keine Sorge f\u00fcr Gesundheit und Natur trugen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heutzutage k\u00f6nnen wir einige \u00e4hnliche Muster in der Corona-Krise erkennen. Die Gesellschaftsordnung, in der wir leben, befindet sich in einer tiefen Krise, da die Gemeinschaften und die Natur ebenso wie die Bedeutung von Frauen untergraben wurde. Die Werte, die uns am Leben erhalten haben, und diejenigen, die sie weitergegeben haben, wie unsere \u00c4ltesten und unsere M\u00fctter, werden von der modernen Gesellschaft st\u00e4ndig angegriffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weltweit sind 70% der Besch\u00e4ftigten im Gesundheits- und Sozialwesen Frauen. Auch 90% der Heimarbeiter*innen, die z.B. \u00e4ltere Menschen betreuen, sind Frauen. Frauen tragen die Gesellschaft, denn es geht nicht nur darum, Arzt zu sein, sondern auch zu pflegen, zu ern\u00e4hren, zu erziehen und zu unterst\u00fctzen. Um gesund zu werden und zu bleiben brauchen wir Ethik, Emotionen, Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen, Gemeinschaftssinn und Verbundenheit mit der Natur. Der Umgang mit der Corona-Krise weltweit zeigt uns, wie weit wir uns von diesem umfassenden Verst\u00e4ndnis von Gesundheit entfernt haben und f\u00fchrt uns zu wichtigen Fragen: Wie verstehen wir Leben? Was macht Leben m\u00f6glich?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Kurdistan, Mesopotamien, ist das Wort f\u00fcr Leben in Kurmanci <em>jiyan<\/em>, das seine Wurzel in dem Wort f\u00fcr Frau \u2013 <em>jin<\/em> hat. Frauen sind die Spenderinnen und Pflegerinnen des Lebens. Aber dieses Konzept der Frau ist nicht nur ein biologisches und bezieht sich nicht ausschlie\u00dflich auf die Frau, sondern umfasst ein System von Werten, das f\u00fcr alle Mitglieder der Gesellschaft gilt. Leben ist nicht nur ein lebendiger K\u00f6rper, Leben beinhaltet alle Sch\u00f6pfungen der Natur: Regentropfen, Ozeane, Berge, Emotionen, die menschliche Gesellschaft oder fallende Bl\u00e4tter und ihre Organisation durch die biologische Vielfalt. Das Coronavirus an sich ist etwas Lebendiges, weil es sich fortpflanzt und ausbreitet, aber auch seine Form ver\u00e4ndert, mutiert. Wir m\u00fcssen das Virus also als Teil des Lebens auf dem Planeten verstehen und uns auf die Gr\u00fcnde konzentrieren, warum es auftaucht und sich schnell ausbreitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der modernen Gesellschaft wird die Natur als ein auszubeutendes Objekt betrachtet. Der Mensch hingegen, repr\u00e4sentiert durch den wei\u00dfen, reichen, dominanten Mann, wird als Subjekt gesehen, das aktiv daran arbeitet, die Welt nach den eigenen Bed\u00fcrfnissen umzugestalten. Das Land geh\u00f6rt den Staaten und multinationalen Konzernen, und alles, was auf ihm lebt, wird ihr Eigentum. Die Landschaft wird transformiert. Wo es fr\u00fcher weite R\u00e4ume gab, in denen wir mit der Natur, deren Teil wir sind, leben konnten, haben wir mit Mauern gef\u00fcllte Geb\u00e4ude errichtet, um die Menschen voneinander zu trennen, sogar innerhalb ihrer eigenen Familien. Das wir uns bereits vor Corona in Isolation befanden, unsere Gemeinschaften angegriffen und wir uns nur noch auf den Staat beziehen konnten, wird gerade in dieser Situation deutlich, in der wir noch die letzten Verbindungen abbrechen und uns ganz in Isolation begeben m\u00fcssen. Aber selbst wenn wir in die physische Isolation gezwungen werden, k\u00f6nnen wir immer noch auf vielf\u00e4ltige Weise verbunden sein und in unseren K\u00e4mpfen den Weg zur Freiheit finden. Das Beispiel von Abdullah \u00d6calan inspiriert uns. Auch wenn er sich seit 21 Jahren in Isolationshaft in den H\u00e4nden des t\u00fcrkischen Staates befindet, k\u00e4mpft er weiter, und seine Ideen gehen \u00fcber Mauern und Grenzen hinaus. Tiefe revolution\u00e4re Verbindungen k\u00f6nnen niemals abgebrochen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So wie sie im Moment angewendet wird, spaltet die Isolierung, mit der verhindert werden soll, dass sich Menschen infizieren, die Menschen und erschwert die Selbstorganisation. Die bereits bestehenden Unterst\u00fctzungsnetze werden geschw\u00e4cht. Familien oder Solidarit\u00e4tsnetze k\u00f6nnen sich nicht treffen, um andere Wege zu finden, diese Zeit zu leben oder um ihre verstorbenen Lieben zu betrauern. Stattdessen ist der Staat heute in der Lage, das Leben der Menschen st\u00e4rker als fr\u00fcher zu kontrollieren, indem er entscheidet, wer nach drau\u00dfen gehen kann und wer nicht, welche Arten von Arbeit notwendig sind und welche nicht, wobei dem Kapital und nicht den Menschen Wert beigemessen wird. Um sicher zu sein, dass alle die neuen Regeln befolgen, nutzen Staaten die Situation, um Repression zu verst\u00e4rken, Ausgangssperren einzuf\u00fchren, die Stra\u00dfen mit Polizei und Milit\u00e4r zu f\u00fcllen, Geldstrafen zu verh\u00e4ngen und die \u00dcberwachung zu versch\u00e4rfen. Dies tr\u00e4gt dazu bei, dass sich in den Herzen der Menschen Angst aufbaut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Zeit der Isolation erfolgt die Sozialisierung mit technologischen Mitteln, und Informationen werden \u00fcber das Internet und die Massenmedien empfangen. Der Idee der liberalen individuellen Freiheit folgend gibt es keine ethischen oder moralischen Codes, die kontrollieren, welche Botschaften \u00fcbermittelt werden. Durch die Medien weicht die liberale Politik dem Faschismus, und der Staat ist frei, eine Terrorkampagne zu f\u00fchren, um die soziale Kontrolle zu verst\u00e4rken, die Menschen anf\u00e4lliger daf\u00fcr zu machen, zu akzeptieren, dass ihnen ihre Rechte weggenommen werden, und die soziale Spaltung zwischen denen zu f\u00f6rdern, die als gute und schlechte B\u00fcrger angesehen werden. Die schlechten werden als verantwortlich f\u00fcr die Verbreitung des Virus angesehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sozialisation ist Teil der menschlichen Natur und damit der Gesundheit. Die St\u00e4rke unserer Gesellschaft beruht auf der Liebe, die wir f\u00fcreinander und f\u00fcr das, was wir sind, empfinden. Diese Liebe treibt uns zur F\u00fcrsorge und verbindet unsere Existenz in einer menschlichen Seele. Die gegenw\u00e4rtige Situation der Isolation hat gro\u00dfe Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, da sie Gef\u00fchle der Ohnmacht und Einsamkeit hervorruft, aber dies ist nur die Spitze eines Eisbergs, der vor Hunderten von Jahren zuzufrieren begann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sehen, wie die Menschen in den Gro\u00dfst\u00e4dten um ihr \u00dcberleben k\u00e4mpfen, nachdem sie ihre Einkommensm\u00f6glichkeiten verloren haben. Das zeigt, wie sehr unser Leben mit dem kapitalistischen System verbunden ist und dass das \u00dcberleben nicht mehr in unseren H\u00e4nden liegt. Die Gesellschaft wird nicht von den Menschen selbst gef\u00fchrt, sondern von \u00e4u\u00dferen Mitteln, Staaten oder Produkten. Kein Staat ist auf seinem Territorium in der Lage, die Bed\u00fcrfnisse seiner Bev\u00f6lkerung allein zu befriedigen. Au\u00dferhalb der globalisierten kapitalistischen Logik k\u00f6nnen wir zum Beispiel auf lokaler Ebene in Kurdistan Menschen sehen, die das Land bearbeiten, Nahrung anbauen und Masken f\u00fcr ihre Kommunen herstellen. Obwohl wir hier unter einem Kriegsembargo leben, kann sich die Gesellschaft besser an die neuen Bedingungen anpassen, weil sie gemeinschaftlich organisiert ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Frau betreffend sehen wir, dass \u00fcberall auf der Welt die Abgeschiedenheit zu Hause zu einem Gef\u00e4ngnis f\u00fcr diejenigen wird, die mit geschlechtsspezifischer Gewalt konfrontiert sind. Frauen sind in ihrem eigenen Zuhause Gewalt und Tod ausgesetzt. Sie bleiben in ihren Kleinfamilien und sind vom \u00f6ffentlichen Raum ausgeschlossen, f\u00fcr den wir so hart gek\u00e4mpft haben. Frauen k\u00f6nnen nur frei sein, wenn die Gesellschaft frei ist. Wenn wir also gemeinsam stark bleiben und die Ethik der Gesellschaft bewahren, wird der Kampf f\u00fcr die Freiheit lebendig bleiben. Wir d\u00fcrfen niemanden allein lassen. Wir werden unsere Verbundenheit miteinander weiter ausbauen, denn unsere Verbindungen bilden die Grundlage f\u00fcr unsere Verteidigung und daf\u00fcr, Todesf\u00e4lle verhindern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf den Stra\u00dfen, in den Gef\u00e4ngnissen und an den Grenz\u00fcberg\u00e4ngen hat die Gewalt zugenommen. Rassistische politische Ma\u00dfnahmen werden umgesetzt und Rechte werden eingeschr\u00e4nkt. Wir sehen auch, wie die imperialistischen Staaten im Namen des Lebens handeln und die Menschen auffordern, zu Hause zu bleiben, w\u00e4hrend Kriegsflugzeuge und Drohnen in die L\u00fcfte steigen. Der Krieg geht weiter, besetzt Land, t\u00f6tet Menschen und bedroht das Leben selbst. So wie hier in Nord- und Ostsyrien, wo der t\u00fcrkische Staat Zivilist*innen bombardiert und die Wasser- und Stromversorgung unterbricht, von der Tausende von Menschen abh\u00e4ngig sind, um zu leben und das Virus zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sehen, dass die wirkliche Krankheit nicht vom Coronavirus kommt, sondern vom kapitalistischen, kolonialen, patriarchalen System, das die Menschheit \u00fcberhaupt erst krank gemacht hat. Wie Abdullah \u00d6calan in seinen Verteidigungsschriften schreibt, &#171;gibt es viele Anzeichen, die das Ende des Systems signalisieren, sowie viele wahre Sagen, die dem zustimmen &#8211; aber das eigentliche Problem liegt in der Entscheidung, welche freien, gleichen und demokratischen Werte aus diesem Chaos heraus vergemeinschaftet werden sollen&#187;. Das Coronavirus ist nur ein Anzeichen daf\u00fcr, dass ein radikaler Paradigmenwechsel notwendig ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Saat f\u00fcr den Aufbau eines neuen Paradigmas haben wir bereits ges\u00e4t. Diejenigen, die sich bis heute der Unterdr\u00fcckung widersetzt haben, tragen in sich noch immer demokratische Werte und kennen Wege, sich kollektiv und solidarisch miteinander zu organisieren. In der revolution\u00e4ren Bewegung Kurdistans finden wir einen Vorschlag f\u00fcr ein neues Paradigma. In diesem Moment weltweiter Krankheit m\u00fcssen wir uns darauf konzentrieren, wie wir das Leben, seine wahre Ethik und Freiheit auf globale und ganzheitliche Weise verteidigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der kurdischen Befreiungsbewegung ist Selbstverteidigung ein Synonym f\u00fcr Existenz. So hei\u00dft es: &#171;Ein Wesen, das sich nicht verteidigen kann, kann nicht existieren&#187;. Selbstverteidigung ist mit Gesellschaft und Identit\u00e4t verbunden. Alle Lebewesen haben ein Verteidigungssystem. Alle Existenz ist ein st\u00e4ndiger Kampf. Ein Beispiel daf\u00fcr ist der L\u00f6wenzahn, dessen Samen vom Wind verweht wird und die Pflanze nackt und scheinbar abgestorben zur\u00fcck l\u00e4sst, aber seine Samen verbreiten sich \u00fcberall. Oder die Rose, die ihr Leben mit Dornen verteidigt, die auch als Warnung dienen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Selbstverteidigung ist eine Form, die Gesellschaft zu organisieren. In den letzten zwei Monaten haben wir gesehen, wie \u00fcberall auf der Welt Mechanismen der sozialen Selbstverteidigung in Form von Solidarit\u00e4tsnetzwerken mit den am st\u00e4rksten von der Isolation betroffenen Menschen aktiviert wurden, indem zum Beispiel Nahrungsmittel und Masken verteilt wurden. Die Menschen haben sich zusammengeschlossen, um gegen Ma\u00dfnahmen zu k\u00e4mpfen, die das soziale Gewebe zerst\u00f6ren, das uns sch\u00fctzt. Arbeiter*innen haben Streiks organisiert, es werden Solidarit\u00e4tsbotschaften aus der ganzen Welt verschickt, es finden Hungerstreiks und Proteste in den Gef\u00e4ngnissen zur Verteidigung der grundlegenden Menschenrechte statt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Leere Stra\u00dfen, die nicht-menschlichem Leben Platz machen, zeigen uns auch die sch\u00e4dlichen Auswirkungen des kapitalistischen Systems auf die Umwelt. Die Luftverschmutzung ist an einigen Orten seit Beginn der Isolation um bis zu 40% zur\u00fcckgegangen. Wenn wir die Macht sehen, Leben aus der Natur zu schaffen, und uns mit ihr als Teil von ihr verbinden, k\u00f6nnen wir die liberale Denkweise, die auferlegten falschen Bed\u00fcrfnisse, die Vormachtstellung des Menschen \u00fcber die Natur oder die Vormachtstellung des Mannes \u00fcber die Frau \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Angesichts jeder Krise entsteht eine Option f\u00fcr einen revolution\u00e4ren Wandel, ein Wandel, der eine L\u00f6sung f\u00fcr alle Gesellschaften in der Welt bringt. Das Wort Krise kommt vom griechischen <em>krisis<\/em>, was &#171;Entscheidung&#187; bedeutet. In diesem Moment der Corona-Krise m\u00fcssen wir eine Entscheidung treffen. Wir sehen das Ende von Kapitalismus, Imperialismus und Patriarchat n\u00e4her denn je, weil seine Wahrheit ans Licht kommt. In dieser Zeit gibt es ebenso viel Angst und Verzweiflung \u00fcber die Ausnahmesituation wie Hoffnung und die reale M\u00f6glichkeit eines Wandels. Der Glaube daran erh\u00f6ht die Chancen, die Weltrevolution Wirklichkeit werden zu lassen, und es ist notwendig, sich hier und jetzt daran zu erinnern, dass wir im Jahrhundert der Frauen leben. Das Coronavirus ist vielleicht genau der Schlag, der es uns erlaubt, diesen Moment des Chaos zu einer Chance f\u00fcr eine wirkliche Ver\u00e4nderung werden zu lassen. Aus unserem gemeinsamen Schmerz und unserer kollektiven Hoffnung kann eine neue M\u00f6glichkeit erwachsen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der dritte Weltkrieg ist in vollem Gange. Hier, im Gebiet der Autonomen Verwaltung Nord- und Ostsyriens (auch bekannt als Rojava, Westkurdistan), ist er besonders zu sp\u00fcren. Aber dieser Krieg ist nicht nur ein milit\u00e4rischer. Seine Waffen sind die Zerst\u00f6rung der Umwelt, der kommunalen Werte und der Gesundheit. 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