{"id":532,"date":"2017-09-11T11:46:39","date_gmt":"2017-09-11T08:46:39","guid":{"rendered":"http:\/\/jineoloji.eu\/de\/?p=532"},"modified":"2022-10-02T16:07:48","modified_gmt":"2022-10-02T13:07:48","slug":"bericht-ueber-das-jineoloji-camp-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/2017\/09\/11\/bericht-ueber-das-jineoloji-camp-2017\/","title":{"rendered":"Bericht \u00fcber das Jineoloj\u00ee-Camp 2017"},"content":{"rendered":"<p><em>R\u00fcckmeldung einer Teilnehmerin aus Spanien<\/em><\/p>\n<p><em>\u201e<span style=\"font-family: Apple Garamond;\"><span style=\"font-size: medium;\">Wir waren um die 60 Frauen jeden Alters und Hintergrunds, aus verschiedenen Ecken der Welt, die um einen Tisch sa\u00dfen und gef\u00fcllte Bl\u00e4tter und Linsensuppe a\u00dfen. Ich sah meine anarchistischen Freundinnen an, wir alle hielten inne, nachdem eine Gruppe von \u00e4lteren Christinnen aus Deutschland zu einem Gebet aufgerufen hatten. Wir alle sa\u00dfen da, zu verschiedenen G\u00f6ttern und G\u00f6ttinnen betend, sowohl im w\u00f6rtlichen, als auch im \u00fcbertragenen Sinne. Ich dachte an diesen wundervollen Kitt namens Jineoloj\u00ee, der mich dazu veranlasst hat, an dieser Feier trotz meiner Ablehnung von Religion festzuhalten, da es eben nicht unsere Unterschiede sind, die von Bedeutung sind. Eine halbe Stunde zuvor besuchten wir eine Fotoausstellung \u00fcber Frauen in Rojava. Die Bilder \u2013 am Eingang einer Kirche einer kleinen Stadt in Deutschland ausgestellt &#8211; zeigten unter anderem verschleierte Frauen, die Kalaschnikows in den H\u00e4nden hielten. Ich denke, es gibt wenig mehr zu sagen.<\/span><\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><em><span style=\"font-family: Apple Garamond;\">Wenn eine b\u00f6se au\u00dferirdische Invasion auf die Erde k\u00e4me, wie es in Filmen der Fall ist, w\u00fcrden die Menschen sich vereinigen m\u00fcssen, um sie zu besiegen, oder wir w\u00fcrden zugrunde gehen. Aber die Invasion von Au\u00dferirdischen ist in Wirklichkeit nicht so fremd. Es ist die stille Krankheit des Patriarchats, welche die Gesellschaft von innen heraus t\u00f6tet. Wir sehen diesen gemeinsamen Feind nicht, und konzentrieren uns stattdessen auf die verschiedenen Konsequenzen davon und k\u00e4mpfen nach Ans\u00e4tzen, die miteinander in Konflikt stehen. Ich glaube, dass Jineoloj\u00ee es schafft, das wahre universelle Problem zu identifizieren, K\u00e4mpfe und Perspektiven zu vereinen, durch die Erfahrung von Frauen auf der ganzen Welt zu wachsen und erfolgreich ist in der Schaffung einer gemeinsamen Grundlage, die es als Instrument gegen die dominanten Systeme zu nutzen versteht.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: medium;\"><em><span style=\"font-family: Apple Garamond;\"><span lang=\"de-DE\">Ich f\u00fchle mich stolz und privilegiert, dem\u00fctig und \u00fcberw\u00e4ltigt vom Ansatz der Jineoloj\u00ee, weil es der Kampf von allen sein kann.\u201c<\/span><\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p>Vom 19. bis zum 23. August 2017 sind Frauen aus 11 verschiedenen L\u00e4ndern zusammen gekommen, um \u00fcber Jineoloj\u00ee und die M\u00f6glichkeiten der Umsetzung in Europa zu diskutieren.<\/p>\n<p>Am ersten Tag wurde die Geschichte und der Vorschlag der Jineoloj\u00ee vorgestellt. Worauf baut Jineoloj\u00ee auf? Was kritisiert Jineoloj\u00ee genau an positivistischer Wissenschaft? Wie sieht die Alternative aus? Wie sieht das in der Umsetzung aus? Die Kritik an der herrschenden, eurozentristischen Wissenschaft wurde nochmals vertieft in der Vorstellung von alternativen Wissenskonzepten und Methoden des Erlangens und der Weitergabe von Wissen. Wir konnten sehen, wie viel Wissen, wie viel Wahrheit in 3 Zeilen Poesie liegen k\u00f6nnen. Wie Wahrheit in Wandteppiche gewebt ist. Wie sie in traditionellen Liedern, zum Beispiel den kurdischen dengb\u00eaj zum Ausdruck kommt.<\/p>\n<p>Am zweiten Tag hat jede Gruppe die Situation von Frauen und LGBTIQ in ihrer Herkunftsregion vorgestellt. Wie sind sie am politischen, kulturellen, \u00f6konomischen Leben beteiligt? Welche Rolle wird ihnen gegeben? Welche Sichtweise auf die Frau herrscht in den Gesellschaften vor? Welche Formen von Gewalt erleben sie? Wie steht es um ihre Selbstbestimmung? Welche Formen von Widerstand gab und gibt es? Welche Ziele haben diese verfolgt und wie k\u00f6nnen wir heute daran ankn\u00fcpfen, ohne die gleichen Fehler zu machen? Wie k\u00f6nnen wir ihr Wissen, ihre Ideen, ihre Tr\u00e4ume und Visionen von einer freien Gesellschaft weitertragen? Wissen wir \u00fcberhaupt genug \u00fcber sie? Werden wir der Aufgabe gerecht, die Erinnerung an sie wach zu halten und an nachkommende Generationen weiter zu geben? Wir waren uns alle darin einig, dass dieses Geschichtsbewusstsein in unseren K\u00e4mpfen bislang vernachl\u00e4ssigt wurde. Aus diesem Grunde wollen wir zuk\u00fcnftig diesen Strang weiterverfolgen und uns st\u00e4rker mit den Geschichten von k\u00e4mpfenden Frauen und Frauen- und Freiheitsbewegungen befassen und diese Erkenntnisse weiter zusammen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Den dritten Tag haben wir uns mit der queer Theorie und Praxis besch\u00e4ftigt. Nach einer Einf\u00fchrung in Theorie, Begrifflichkeiten und Fragestellungen h\u00f6rten wir gespannt den Erfahrungsberichten einer trans-Feministin und einer kurdischen LGBTIQ-Aktivistin zu. Was uns in dieser Frage zusammenbringt ist die gemeinsame Suche nach dem revolution\u00e4ren Kern der heute von Sexismus, Kapitalismus, Imperialismus und Liberalismus stark vereinnahmten Praxis. Wir sind auf interessante Fragen gesto\u00dfen, an denen wir weiter suchen werden: Wieso dreht sich in der LGBTIQ-Szene fast alles nur um Sex? Wie wird dieser Diskurs vom patriarchalen Herrschaftssystem vereinnahmt? Wie h\u00e4ngen Sexualisierung und Kapitalismus zusammen?<\/p>\n<p>Wie kann der Eurozentrismus \u00fcberwunden werden? Wie kann ein gesundes Verh\u00e4ltnis von Individuum und Gesellschaft aussehen? Welche Vorstellungen von einem freien partnerschaftlichen Zusammenleben brauchen wir? Wie k\u00f6nnen wir zu einer gesellschaftlichen Kraft werden, um die ausbeuterische, zerst\u00f6rerische imperiale M\u00e4nnlichkeit wirklich zu \u00fcberwinden? Bekanntlich ist ja einer der wichtigsten Schritte zur L\u00f6sung eines Problems, die richtige Fragestellung zu finden. Wir jedenfalls haben festgestellt, dass wir alle einen Kampf um Selbstbestimmung f\u00fchren. Wir w\u00e4hlen zwar verschiedene Methoden, doch sind wir alle davon betroffen, dass jahrtausendealte patriarchale Strukturen und Ideologien uns dazu bringen wollten, unsere gesellschaftliche Kraft und Sch\u00f6nheit nicht zu erkennen, die darin liegt, dass wir uns selbst geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Der vierte Tag war Ausf\u00fchrungen und Diskussionen zu den Themen Natur und Frau sowie Ethik und \u00c4sthetik gewidmet. Wir haben uns damit besch\u00e4ftigt, wie sogenannte indigene V\u00f6lker, die in Verbundenheit mit der Natur leben, durch imperiale und koloniale M\u00e4chte auszul\u00f6schen versucht wurden. Wir haben uns mit den Paralleln zu den Hexenverbrennungen befasst, in denen die gleiche Logik zu finden ist. Bei den Hexenverbrennungen ging es um die Vernichtung von kollektivem, aus dem Zusammenleben in der Natur kommenden Wissen und kollektiven Strukturen sowie die Ausl\u00f6schung m\u00e4chtiger Frauen, die eine gesellschaftliche Rolle spielten. Ethik und \u00c4sthetik, als eine Methode, uns selbst zu werden und unsere Kraft zu finden und zum Ausdruck zu bringen war der letzte inhaltliche Programmpunkt. Auch hier wurde wild diskutiert und wir alle h\u00e4tten diese Diskussionen wohl gerne noch stundenlang oder tagelang weitergef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Aber da die Welt nicht still steht und wir so viele neue Ideen entwickelt haben, auf deren Umsetzung wir nun brennen, haben wir den letzten Tag darauf verwendet, diese Ideen zu kollektivieren und ein gemeinsames Vorgehen zu bestimmen. Zuerst jedoch haben wir erst einmal gemeinsames Fazit gezogen und Verbesserungsvorschl\u00e4ge eingebracht. Im n\u00e4chsten Jineoloj\u00ee Camp wollen wir auf jeden Fall mehr Raum und Zeit lassen f\u00fcr Diskussionen und wir wollen noch vielf\u00e4ltigere Methoden ausprobieren, um gemeinsam unser Wissen und unser Bewusstsein vom Zustand unserer Gesellschaften und den M\u00f6glichkeiten, L\u00f6sungen f\u00fcr unsere Probleme zu finden, zu vergr\u00f6\u00dfern. Wir sind schon gespannt, was wir uns einfallen lassen werden!<\/p>\n<p>Unser Camp lebte nicht nur von den inhaltlichen Beitr\u00e4gen, es war vor allem deshalb so aufregend und kraftgebend, weil wir mit all unseren Sinnen, all unserer Kraft und sehr viel Neugierde und Liebe voneinander lernen wollten und uns respektvoll und mit offenen Herzen begegnet sind. Wir haben allein damit schon einen wichtigen Schritt getan, gemeinsam die Kraft und Haltung zu erschaffen, die gesellschaftsver\u00e4ndernd und revolution\u00e4r sein kann!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>R\u00fcckmeldung einer Teilnehmerin aus Spanien \u201eWir waren um die 60 Frauen jeden Alters und Hintergrunds, aus verschiedenen Ecken der Welt, die um einen Tisch sa\u00dfen und gef\u00fcllte Bl\u00e4tter und Linsensuppe a\u00dfen. Ich sah meine anarchistischen Freundinnen an, wir alle hielten inne, nachdem eine Gruppe von \u00e4lteren Christinnen aus Deutschland zu einem Gebet aufgerufen hatten. 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