{"id":475,"date":"2017-05-23T17:10:59","date_gmt":"2017-05-23T14:10:59","guid":{"rendered":"http:\/\/jineoloji.eu\/de\/?p=475"},"modified":"2022-03-15T22:12:58","modified_gmt":"2022-03-15T19:12:58","slug":"warum-jineologie-jineologie-bedeutet-frauenwissenschaft-und-zugleich-auch-lebenswissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/2017\/05\/23\/warum-jineologie-jineologie-bedeutet-frauenwissenschaft-und-zugleich-auch-lebenswissenschaft\/","title":{"rendered":"\u00bbWarum Jineologie?\u00ab Jineologie bedeutet Frauenwissenschaft und zugleich auch Lebenswissenschaft"},"content":{"rendered":"<h4>G\u00d6N\u00dcL KAYA, Aktivistin der kurdischen Frauenbewegung<\/h4>\n<p><em> Der Beitrag \u00bbWarum Jineologie\u00ab wurde bereits auf der Jineologie-Konferenz, die vom 28. Februar bis 2. M\u00e4rz 2014 in der Uni K\u00f6ln stattfand, von G\u00f6n\u00fcl Kaya gehalten. Die Konferenz war von dem Frauenbegegnungszentrum Utamara, dem Kurdischen Frauenb\u00fcro f\u00fcr Frieden Cen\u00ee und der Internationalen Stiftung der Freien Frauen organisiert worden.<\/em><br \/>\nLiebe Frauen, sehr geehrte G\u00e4ste,<br \/>\nzu Beginn meines Beitrags m\u00f6chte ich Sie alle herzlich willkommen hei\u00dfen.<br \/>\nIch gratuliere allen, die ihren Beitrag zum Gelingen dieser Konferenz, welche ich aus Sicht der Geschichte des Frauenbefreiungskampfs als wichtigen Schritt bewerte, geleistet haben. Au\u00dferdem m\u00f6chte ich allen Frauen, welche \u00fcber die Zeiten hindurch im Kampf f\u00fcr Freiheit und Gleichberechtigung Widerstand geleistet und gro\u00dfe Opfer gebracht haben, meinen Respekt, meine Liebe und Dankbarkeit aussprechen. Vor allem den am 9. Januar 2013 in Paris ermordeten kurdischen Frauen Sakine Cans\u0131z, Fidan Do\u011fan und Leyla \u015eaylemez, denen diese Konferenz gewidmet ist.<br \/>\nDer Titel meines Redebeitrags lautet \u00bbWarum Jineologie?\u00ab. Die Jineologie wird von der Freien Frauenbewegung Kurdistans als eine wichtige Stufe in ihrem seit etwa 30 Jahren andauernden intellektuellen, ideologisch-politischen Selbstverteidigungs- und Organisierungskampf gewertet. Diese von der kurdischen Frauenbewegung, den Frauenbewegungen der Welt, all denen, die sich mit diesem Thema besch\u00e4ftigen, also Ihnen allen dargereichte Jineologie m\u00f6chte ich \u2013 wenn auch nur kurz \u2013 in ihren Grundrissen vorstellen.<br \/>\nDie Jineologie wird im Freiheitskampf der kurdischen Frauen als die \u00bbBildung eines Frauenparadigmas\u00ab bezeichnet. Dies stellt aus Sicht der kurdischen Frauenbewegung eine neue Phase dar. Die kurdische Frauenbewegung entstand und entwickelte sich innerhalb des kurdischen Volksbefreiungskampfs. Ab 1987 begann sie in Kurdistan mit spezifischer und autonomer Frauenorganisierungsarbeit. Nach dieser Entwicklung geschahen in Kurdistan wichtige Ver\u00e4nderungen und Wandlungen, welche auch den gesellschaftlichen Kampf bestimmt haben. Die kurdische Frauenbewegung hat einerseits ihre spezifische und autonome Organisierung intern vorangetrieben, aber andererseits auch ihre Ergebnisse in alle Bereiche des gesellschaftlichen Kampfs getragen und somit geteilt. Die 1989 gegen die Kolonialisierung Kurdistans begonnenen Volksaufst\u00e4nde \u2013 auf Kurdisch Serhildans \u2013 wurden von Frauen angef\u00fchrt. Aus Sicht der Gesellschaft in Kurdistan war dies der Beginn einer nationalen Widerstandsphase mit einem neuen, Frauen ins Zentrum r\u00fcckendem Charakter. In diesem Sinne hat die Frauenbewegung ihre theoretischen und praktischen Arbeiten auf Feldern wie Intellekt, Politik, Gesellschaft, Kultur und Selbstverteidigung vorangetrieben. Die folgenden wichtigen Etappen sind: 1993 \u2013 Gr\u00fcndung der Frauenarmee, 1996 \u2013 Theorie und Praxis der Losl\u00f6sung vom patriarchalen System, nach 1998 \u2013 Frauenbefreiungsideologie, 1999 \u2013 Parteiwerdung, ab 2000 Aufbau des demokratischen Gesellschaftssystems im Sinne des Paradigmas der demokratischen, \u00f6kologischen und geschlechterbefreiten Gesellschaft. In diesem Rahmen Aufbau von Frauenr\u00e4ten, -akademien und -kooperativen. Zusammen mit dem Leitsatz \u00bbDie Befreiung der Frau ist die Befreiung der Gesellschaft\u00ab konzentrierte sich die Frauenbewegung auf ideologische, philosophische und intellektuelle Arbeiten. Im Rahmen der Einheit von Theorie und Praxis arbeitete sie auf eine Umwandlung des Denkens von Frau und Gesellschaft sowie eine Steigerung des Bewusstseins hin. Hierbei suchte sie nach Antworten auf Fragen wie \u00bbWer ist die Frau?\u00ab, \u00bbWo kommt sie her?\u00ab, \u00bbWo geht sie hin?\u00ab, \u00bbWie hat sie bis heute gelebt?\u00ab, \u00bbWie sollte Frau leben?\u00ab, \u00bbWas f\u00fcr eine Gesellschaft?\u00ab und entwickelte eine Kritik des herrschenden Wissenschaftssystems.<br \/>\nWie Sie alle wissen, haben in der Geschichte Herrschende und Machttr\u00e4ger ihre Systeme zun\u00e4chst im Denken errichtet. Als Verl\u00e4ngerung des patriarchalen Systems ist ein Feld von Sozialwissenschaften geschaffen worden, welches vom Charakter her m\u00e4nnlich, klassenspezifisch und sexistisch ist. Dieses Feld ist wiederum in verschiedene, voneinander losgerissene Teile zerst\u00fcckelt. Die Umsetzung der Deutungen dieser Wissenschaften hat f\u00fcr die Natur, die Gesellschaft und den Menschen zerst\u00f6rerische Resultate mit sich gef\u00fchrt: die Normalisierung von Militarismus und Gewalt, die Vertiefung von Sexismus und Nationalismus, die haltlose Weiterentwicklung von Technologie, vor allem der Waffentechnologie, f\u00fcr die Kontrolle von Gesellschaft und Individuen, die Zerst\u00f6rung der Natur, Nuklearenergie, krebsartige Urbanisierung, demographische Probleme, un\u00f6kologischer Industrialismus, gordische Knoten f\u00fcr soziale Fragen, extreme Individualisierung, die Zunahme sexistischer Politik und Praxis gegen\u00fcber Frauen, nur auf dem Papier existierende Rechte und Freiheiten &#8230;<br \/>\nAn diesem Punkt kommen wir zum Jineologie-Vorschlag. Es wurde die Feststellung gemacht, dass die \u00dcberwindung des Systems eines herrschaftlichen Wissenschaftsfelds und die Errichtung eines alternativen Systems von Wissenschaften notwendig sind. Au\u00dferdem gelangte mensch zu der Perspektive, dass das bestehende Feld der Sozialwissenschaften von gesellschaftlichem Sexismus befreit werden muss.<br \/>\nDer Begriff der Jineologie ist zum ersten Mal vom kurdischen Repr\u00e4sentanten, Herrn Abdullah \u00d6calan, in seinen Schriften ab 2003, konkret in seinem Werk \u00bbDie Soziologie der Freiheit\u00ab, benutzt worden. \u00d6calan brachte zum Ausdruck, dass die Notwendigkeit besteht, dass Frauen und alle Individuen, Gesellschaften und V\u00f6lker, die nicht Tr\u00e4ger von Macht und Staat sind, ihre eigenen und freien Sozialwissenschaften entwickeln, dass diese Wissenschaften Soziologie der Freiheit genannt werden k\u00f6nnen, dass diese wiederum auf Grundlage von Jineologie entwickelt werden kann, dass auch Bewegungen, die mit dem Ziel einer freien, gleichen und demokratischen kommunalen Gesellschaft k\u00e4mpfen, ein gro\u00dfes Bed\u00fcrfnis nach Jineologie haben.<br \/>\nDer Begriff Jineologie bedeutet \u00bbFrauenwissenschaft\u00ab. \u00bbJin\u00ab ist kurdisch und bedeutet \u00bbFrau\u00ab. Logie stammt vom griechischen Begriff f\u00fcr Wissen ab. \u00bbJin\u00ab wiederum stammt vom kurdischen Begriff \u00bbJiyan\u00ab ab, welcher \u00bbLeben\u00ab bedeutet. Im indoeurop\u00e4ischen Sprachgebrauch und im Mittleren Osten sind Jin, Zin oder auch Zen, die alle \u00bbFrau\u00ab bedeuten, gleichbedeutend mit Leben und Vitalit\u00e4t.<br \/>\nIn der Menschheitsgeschichte wird das Geschlecht der Frau als erste Existenz, die Erkenntnis \u00fcber das eigene Selbst gewonnen hat, bewertet. Das Leben und die Sozialit\u00e4t wurden auf Grundlage von moralischen und politischen Prinzipien mit der Frau im Zentrum gestrickt. Die nat\u00fcrliche Gesellschaft mit ihren moralischen und politischen Werten wurde von der Frau errichtet. Zwischen der Frau und dem Leben besteht ein nicht zu l\u00f6sendes Band. Gegen\u00fcber der Wirklichkeit des Lebens ist die Frau umfassender. Die Frau stellt sowohl als K\u00f6rper als auch als Bedeutung den umfassendsten Teil der sozialen Natur dar. Dies ist der Grund f\u00fcr eine derartige Gleichsetzung der Frau mit dem Leben. Die Frau steht f\u00fcr das Leben, das Leben symbolisiert die Frau. Aus diesem Grund wird die Jineologie als Frauenwissenschaft zugleich auch als Lebenswissenschaft bezeichnet.<br \/>\nBei genauer Betrachtung der patriarchalen Systemetappen, beginnend mit der sumerischen Zivilisation, wird deutlich, dass die Herrschenden bis zum heutigen Tag ihre Machtpositionen zun\u00e4chst im Denken errichtet haben. Beispielsweise die Unterscheidung von Subjekt und Objekt in den modernen Wissenschaften ist in gesellschaftlichen Strukturen zun\u00e4chst im Geiste errichtet worden. Mit dieser Fiktion wurde der Gesellschaft eingetrichtert, dass Mann Subjekt, Frau Objekt, Herr Subjekt, Knecht Objekt, Staat Subjekt, Gesellschaft Objekt sei. Diese Machtlogik hat sowohl Frau als auch Gesellschaft an diese Unterscheidung von Herrschenden und Beherrschten glaubend gemacht. Mythologie, Philosophie und Wissenschaft hat sie sich hierf\u00fcr zunutze gemacht. Das Paradigma des gesellschaftlichen Sexismus ist in diesem Sinne aufgebaut worden.<br \/>\nWissensgef\u00fcge bed\u00fcrfen, ihrer Natur entsprechend, freie Diskussion. Aber wenn wir uns die Beziehung zwischen Wissen und Macht anschauen, ist dies nur schwer zu erkennen. In diesem Zusammenhang ist die Hinterfragung von patriarchalen, machtzentrierten Strukturen notwendig. Ebenso beginnend mit einer Epistemologie zugunsten von Mensch, Frau, Natur und Gesellschaft besteht die Notwendigkeit f\u00fcr eine neue Untersuchung, Deutung, Erneuerung und Bewusstwerdung. Die Prinzipien, Hypothesen und Ergebnisse der bestehenden Sozialwissenschaften m\u00fcssen erneut und kritisch er\u00f6rtert werden. Richtige und falsche Informationen m\u00fcssen voneinander getrennt werden. Es ist von gro\u00dfer Bedeutung, dass wir eine wahrheitsgem\u00e4\u00dfe Deutung der geschichtlichen Gesellschaft erreichen.<br \/>\nDie Frau stellt auch heute eine Realit\u00e4t dar, auf der die meisten Politiken betrieben werden. Diese Politiken werden nicht entwickelt, um die Frau zu befreien oder ihren Willen zu st\u00e4rken. Aufgrund dieser Politiken wird die Frau st\u00e4rker unterdr\u00fcckt, auf feine oder harte Weise get\u00f6tet, ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart verdunkelt. Heute stehen Wissen und Wissenschaft an vorderster Stelle der grundlegenden Machtr\u00e4ume. Bei der st\u00e4ndigen Reproduktion von frauen- und gesellschaftsfeindlichen Ideologien und Politiken in den Bereichen Politik, Gesellschaft, \u00d6konomie, Religion, Technologie, Philosophie etc. spielen die Wissenschaften eine gro\u00dfe Rolle. Die Verkn\u00fcpfung zwischen Wissen und Macht zusammen mit der Ausgrenzung von Ethik ist vor allem in diesem Zeitalter unbegrenzt vorangetrieben worden. Der sexistische Charakter der Wissenschaft hat am meisten in diesem Zeitalter Probleme als unl\u00f6sbar erkl\u00e4rt und vertieft.<br \/>\nDie Sozialwissenschaften im generellen Sinn \u00fcberdecken den Fakt, dass es sich bei der Frau um eine soziale Wirklichkeit handelt. Das herrschende Verst\u00e4ndnis von Wissenschaft legt das, was der Frau geh\u00f6rt, angefangen in der Geschichte, nicht frei. Bei der Beschreibung der Frau und ihrer gesellschaftlichen Rolle definiert das herrschende Wissenschaftsverst\u00e4ndnis Statuten \u00fcber die biologischen Unterschiede zwischen Frau und Mann. Beispielsweise ausgehend von ihrer Geb\u00e4rf\u00e4higkeit soll weisgemacht werden, dass sie allein \u00bbauf Emotionalit\u00e4t gest\u00fctzt\u00ab handele. Oder aufgrund der k\u00f6rperlichen Unterschiede des Mannes wird behauptet, Gewalt sei Teil seiner Natur. Gleiches soll mit wissenschaftlichen Begriffen und Experimenten bewiesen werden. Auf diese Weise werden der Frau eine passive, dem Mann wiederum eine aktive Rolle zugeschrieben. Unterwerfung und Gewalt werden als zur Natur des Menschen geh\u00f6rende, un\u00fcberwindbare Tatsachen dargestellt. Die Wissenschaft wird hierf\u00fcr instrumentalisiert und die Standbeine des Systems werden somit gefestigt.<br \/>\nBis zum heutigen Tag haben viele feministische Forscherinnen wichtige Arbeiten geleistet, in denen die Verkn\u00fcpfung zwischen Wissen und gesellschaftlichem Sexismus aus verschiedenen Perspektiven dargestellt worden ist. Mit diesen Arbeiten haben sie dargestellt, dass die ab dem 17. Jahrhundert entstandene moderne Wissenschaft eine m\u00e4nnliche Sprache und Struktur besitzt. Sie haben gezeigt, dass das Problem in der Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, welches die Grundlage des wissenschaftlichen Wissens darstellt, von Beginn an mit sexistischen Metaphern gedacht worden ist. Beispielsweise haben sie uns gezeigt, wie sehr die moderne Wissenschaft im Denken von Francis Bacon, welcher als Gr\u00fcnder der modernen Wissenschaft gilt, eine sexistische Haltung und Sprache aufweist. Bacon schuf das Wissensverh\u00e4ltnis zwischen Natur und Menschengeist als wahres Herrschaftsverh\u00e4ltnis. Dabei nutzte er nur zu gern die patriarchale Familie und die Ehe als Metaphern und ebenso betrieb er Hexenjagd. Aus Sicht von Bacon, dem das Zitat \u00bbWissen ist Macht\u00ab geh\u00f6rt, ist Vernunft m\u00e4nnlich, Natur weiblich. Das Verh\u00e4ltnis zwischen der vom K\u00f6rper abstrahierten Vernunft und der als seelenloses Material abgestempelten Natur kann Bacon zufolge nur ein Verh\u00e4ltnis von Bem\u00e4chtigung, Eroberung, Verleitung sein. Und so stellt seine Utopie von Neu-Atlantis eine Insel von M\u00e4nnern, welche Wissen und Wissenschaft zur Grundlage ihrer Macht machen, dar.<br \/>\nIm modernen Wissensverst\u00e4ndnis besteht eine Konstituierung des Selbst als herrschendes Subjekt, indem eine Absonderung vom \u00bbAnderen\u00ab, d.h. der Natur und dem Weiblichen, sowie eine Objektivierung dieses stattfinden. Aus diesem Grund wird das \u00bbAndere\u00ab kontrolliert und unter Gewaltherrschaft gesetzt. Beispielsweise bei Descartes werden intuitive, empathische Elemente aus Wissenschaft und Philosophie ausgegrenzt. Dies dr\u00fcckt ein verm\u00e4nnlichtes Verst\u00e4ndnis von Wissenschaft aus. Auch der Positivismus stellt die Grundlage dieses Wissensverst\u00e4ndnisses dar. Realit\u00e4ten werden so voneinander losgel\u00f6st, Probleme werden jeglicher Definition beraubt, die Gr\u00fcnde von Problemen werden innerhalb aktueller Grenzen gesucht, historische Wurzeln werden au\u00dfer Acht gelassen. Dieser Sichtweise nach ist Geschichte leblos. Sie wurde durchlebt und hat ihr Ende erreicht. Dar\u00fcber hinaus stellt aus Sicht des Positivismus, welcher universelle Gesetze auf die Gesellschaft anwendet, das Faktum die einzige, unver\u00e4nderbare Wahrheit dar.<br \/>\nDiese sexistische und parteiische Wissenschaft erkl\u00e4rt Geschichte, Politik, den gesellschaftlichen Bereich, \u00d6konomie, Kultur, Kunst, \u00c4sthetik und andere Themenbereiche der Sozialwissenschaften entsprechend ihrem Machtverst\u00e4ndnis. Die Haltung der bestehenden Wissenschaften gegen\u00fcber der Frau, der Natur und allen Unterdr\u00fcckten ist parteiisch.<br \/>\nWissenschaftlerinnen, feministische Bewegungen und Akademikerinnen haben mit ihren Forschungen und kritischen Analysen einen wichtigen Beitrag geleistet, welcher unsere Arbeiten zur Jineologie st\u00e4rkt. Wertvolle Werke haben die m\u00e4nnliche Analyse von Geschichte ans Tageslicht ger\u00fcckt. Dar\u00fcber hinaus gibt es weltweit Frauenuniversit\u00e4ten, Frauenforschungslehrst\u00fchle, Frauenforschungszentren. Es geh\u00f6rt zu den wichtigsten Zielen der Jineologie, eine Br\u00fccke zu diesen wichtigen Errungenschaften zu schlagen. Au\u00dferdem ist es aus Sicht von Frauen notwendig, gemeinsam ein alternatives Feld von Sozialwissenschaften zu schaffen, das System der Frauenwissenschaften zu errichten, die momentane Verstreutheit zu \u00fcberwinden, den wissenschaftlichen Fluss und Verkn\u00fcpfungen zu st\u00e4rken.<br \/>\nDie Freie Frauenbewegung Kurdistans bewertet das 21. Jahrhundert als das Jahrhundert der Frauen und V\u00f6lker. Die Frage der Freiheit der Geschlechter und aller Unterdr\u00fcckten hat sich niemals zuvor so brennend gestellt. Eine dementsprechende Organisierung sowie Entwicklung von alternativen Systemen und Strukturen ist unentrinnbar. Eine umfangreiche Analyse und \u00dcberwindung von gesellschaftlichem Sexismus stellt aus unserer Sicht ein wichtiges Ziel dar. Die Freie Frauenbewegung Kurdistans schl\u00e4gt in diesem Zusammenhang die Jineologie sowohl f\u00fcr die L\u00f6sung der gr\u00f6\u00dften Widerspr\u00fcche unseres Zeitalters als auch f\u00fcr den Aufbau der Geisteswelt der Frau als Methode vor.<br \/>\nDie Jineologie stellt einen Vorschlag f\u00fcr radikale Intervention in die patriarchale Geisteshaltung und das patriarchale Paradigma dar. In diesem Sinne handelt es sich bei der Jineologie um einen epistemologischen Prozess. Erzielt wird ein direkter Zugang der Frau und der Gesellschaft zum Bereich des Wissens und der Wissenschaft, welcher momentan von den Herrschenden kontrolliert wird. Ziel ist es, der Frau und der Gesellschaft, welche von ihrer Wahrheit losgel\u00f6st worden sind, den Weg zu ihrer Wurzel und ihrer Identit\u00e4t zu \u00f6ffnen. Die Frau soll ihre eigenen Disziplinen bilden, eigene Deutungen und Bedeutungen erreichen und diese mit der gesamten Gesellschaft teilen.<br \/>\nDie kurdische Frauenbewegung hat 2011 mit dem Aufbau des Felds der Jineologie begonnen. Sie schafft ein Bildungssystem f\u00fcr Frauen und die Gesellschaft sowie Frauenakademien. Es werden Diskussionen zu Themenfeldern wie Frauen und Sozialwissenschaften, Frauen und \u00d6konomie, Frauen und Geschichte, Frauen und Politik, Frauen und Demographie sowie weiblicher Ethik und \u00c4sthetik gef\u00fchrt.<br \/>\nEs ist notwendig, die Existenz von Frauen in all ihren Dimensionen wissenschaftlich auszudr\u00fccken, ebenso wie jegliche Erkenntniskonstruktionen in Zusammenhang mit der Geschichte, Gesellschaft, Natur und dem Universum vergleichend und systematisch zu kritisieren und zu interpretieren. Die Frau ist eine universale, soziale, historische und ganzheitliche Existenz, deren Ursprung in der Natur liegt, daher erfordert die Definition weiblicher Existenz einen radikalen und umfassenden Wandel von Erkenntnis und Geist. Von der Kolonialisierungsgeschichte des weiblichen Geistes \u00fcber die \u00f6konomische, soziale, politische, emotionale und physische Kolonialisierung wird eine Positionierung der Frauen ben\u00f6tigt. Dies ist notwendig, um die wissenschaftlichen Daten und Interpretationen zu vertiefen und miteinander zu verschmelzen, die bisher im Feld der Erkenntniskonstruktionen, Psychologie, Physiologie, Anthropologie, Ethik, \u00c4sthetik, \u00d6konomie, Geschichte, Politik, Demographie etc. erlangt wurden, und sie zu einem wissenschaftlichen System zusammenzuf\u00fcgen. Die L\u00f6sung des Freiheitsproblems von Frauen wird durch Organisationen und Strukturen, die auf solch einem ausgedehnten, ganzheitlichen Feld von Wissen und Wissenschaft aufbauen, m\u00f6glich sein.<br \/>\nIn der gesamten Geschichte der Menschheit haben Frauen und Unterdr\u00fcckte als Akteure f\u00fcr Freiheit und Demokratie Widerstand geleistet. Dennoch war es nicht m\u00f6glich, das bestehende, dominante System zu \u00fcberwinden. Das Hauptproblem ist, dass die Kr\u00e4fte f\u00fcr Frieden und Demokratie es nicht geschafft haben, ein System f\u00fcr ihre Werte von Frieden, Gleichheit und Gerechtigkeit zu schaffen, zu historisieren und sie von den Parametern der Macht loszul\u00f6sen. Systematisierung und Historisierung erfordert vor allem den Aufbau alternativer Paradigmen in den K\u00f6pfen.<br \/>\nDaher ist es f\u00fcr uns, als Frauenfreiheitsbewegung, von besonderer Wichtigkeit, eine Mentalit\u00e4t zu schaffen, z. B. ein Feld innerhalb der Sozialwissenschaften, die Frauen und die Gesellschaft ins Zentrum r\u00fcckt. Wir m\u00fcssen in der Lage sein, den Geist unseres alternativen Systems zu schaffen. Was ist, wenn dies nicht geschieht? Im Namen einer Alternative werden dieselben Denkmuster, Methoden und Instrumente des herrschenden Systems \u2013 das System selbst \u2013 erneut wiederholt und reproduziert, dieses Mal im Namen der Frauen und der Unterdr\u00fcckten.<br \/>\nDies ist ein weiteres Argument f\u00fcr die Jineologie. Ihr Ziel ist es, das Paradigma der Macht auf der einen Seite zu entschl\u00fcsseln und auf der anderen Seite die L\u00f6sung voranzubringen. Es ist nicht ausreichend, das existierende System nur zu kritisieren, seine Unzul\u00e4nglichkeiten aufzudecken oder zu sagen, wie eine Alternative aussehen sollte. Es ist wichtig, sich selbst von der Krankheit des Liberalismus zu befreien, der besagt: \u00bb\u00dcbe Kritik. Sag mir, wie es sein sollte. Sag mir, was die L\u00f6sung ist, aber setze die L\u00f6sung nicht in die Tat um, gib nur vor, dies zu tun.\u00ab F\u00fcr ein gutes, gerechtes und sch\u00f6nes Leben ist Erkenntnis allein nicht l\u00e4nger ausreichend. Es ist notwendig, das existierende System zu \u00fcberwinden und ein neues aufzubauen, das \u00fcber die Grenzen des alten hinausgeht.<br \/>\nAls Frauenbewegung und soziale Bewegung, die gegen das kapitalistische und patriarchale System k\u00e4mpft, m\u00fcssen wir eine neue Phase des Wandels und der Transformation durchlaufen. Das kritische Hinterfragen des Einflusses des existierenden Systems auf unser Denken und unser Handeln muss weiter vertieft werden. Zweifellos haben die Erfahrung, der Wandel, die Transformation und der Erneuerungsprozess der Frauenbewegungen den Weg f\u00fcr dieses kritische Hinterfragen bereitet. In diesem Sinne ist Jineologie Ergebnis und Fortsetzung bisheriger Erfahrungen und Bem\u00fchungen von Frauenbewegungen. Sie zeigt sich als eine Realit\u00e4t, die auch Feminismus beinhaltet. W\u00e4hrend sie sich selbst das Ziel setzt, einen Schritt weiter zu gehen, ist es ihr Grundsatz, auf dem Weg der Erfahrungen von Frauenbewegungen zu wandern.<br \/>\nEs besteht die Notwendigkeit, Frauen als soziale Realit\u00e4t zu konzeptualisieren, ihre Existenz entsprechend ihrer eigenen Realit\u00e4t zu definieren, zu erkl\u00e4ren, was nicht dazugeh\u00f6rt, das \u00bbWie\u00ab ihrer Befreiung zu bestimmen und die Spezifikationen des Frauseins zu diesem Zweck zum Ausdruck zu bringen.<br \/>\nAu\u00dferdem ist es wichtig, Wissen und Wissenschaft nicht aus dem sozialen Feld herauszul\u00f6sen, nicht zu elitisieren, sie nicht zur Basis der Macht zu machen und die gesellschaftlichen Beziehungen stets stark zu erhalten. In nat\u00fcrlichen Gesellschaften, vor der patriarchalen Zivilisation, waren Wissen und Wissenschaft Teil der ethischen und politischen Gesellschaft. Solange die wesentlichen Bed\u00fcrfnisse dies nicht erforderten, war es nicht m\u00f6glich, Wissen zu einem anderen Zweck zu verwerten. Einhergehend mit der patriarchalen Zivilisation wurden Frauen und die Gesellschaft ihres Wissens und ihrer Wissenschaften beraubt. Machthaber und Regierungskr\u00e4fte wurden mithilfe von Wissen und Wissenschaft st\u00e4rker. Dies hat zur radikalen Abtrennung von Wissen von der Gesellschaft gef\u00fchrt, insbesondere von Frauen. Jineologie m\u00f6chte diese Verbindung wieder herstellen.<br \/>\nDie Analyse der Geschichte der Kolonialisierung der Frau setzt voraus, die Menschheitsgeschichte neu zu schreiben, und wird somit einen aufschlussreichen und aufkl\u00e4rerischen Charakter haben. Gemeinsam mit der ausgedehnten und grundlegenden Bewertung der tiefgehenden Versklavung von Frauen wird es auch m\u00f6glich sein, die Chiffriercodes der in sie eingeh\u00e4mmerten Versklavung aufzul\u00f6sen.<br \/>\nJineologie wird es uns m\u00f6glich machen, die Verkn\u00fcpfung von Wissen und Freiheit wieder herzustellen, die voneinander getrennt wurden. Denn es besteht ein wichtiger Zusammenhang zwischen Wissen und Freiheit. Wissen erfordert Freiheit, Freiheit setzt wiederum Wissen und Weisheit voraus. Die Teilnahme von Frauen am gesellschaftlichen Leben wird anhand des Grades ihrer Freiheit beurteilt werden. Die Sehnsucht von Frauen nach Wissen und Freiheit ist auch ein Streben nach Wahrheit.<br \/>\nWahrhaftigkeit ist die erste und eigentliche Form gesellschaftlicher Natur. All das, was bedeutungsvoll war, bevor es durch das patriarchale System deformiert wurde. Die Stufen der normalen Entwicklung im System der nat\u00fcrlichen Gesellschaft repr\u00e4sentieren das, was wir Wahrhaftigkeit nennen. Daher beschreibt Jineologie auch das Streben nach diesen verf\u00e4lschten Wahrheiten. Dieses Streben wird mit unserer Suche nach Wissen, Weisheit und Freiheit verkn\u00fcpft werden.<br \/>\nIm 21. Jahrhundert warten wichtige Aufgaben auf uns: der philosophisch-theoretische und wissenschaftliche Rahmen der Frauenbefreiung, die historische Entwicklung des Widerstands und der Befreiung der Frauen, gemeinsamer sich gegenseitig erg\u00e4nzender Dialog innerhalb des Feminismus, \u00f6kologische und demokratische Bewegungen, die erneute Bestimmung aller sozialen Institutionen (z. B. der Familie) gem\u00e4\u00df den Prinzipien der Befreiung, die grundlegenden Strukturen eines freien Miteinanders, die Entwicklung eines neuen Verst\u00e4ndnisses von Sozialwissenschaft auf Basis der Frauenbefreiung. Dieses Feld einer neuen Sozialwissenschaft f\u00fcr all die Kreise, die nicht Teil der Macht und des Staates sind, gilt es aufzubauen. Dies ist die Aufgabe f\u00fcr alle antikolonialistischen, antikapitalistischen, machtkritischen Bewegungen, Individuen, Frauen. Wir betrachten diese alternativen Sozialwissenschaften als die Soziologie der Freiheit. Jineologie wird die Grundlage dieser neuen Sozialwissenschaften bilden und sie weiterentwickeln. In dieser Hinsicht ist sie eine Vorreiterin. Sie wird sowohl diese Freiheitssoziologie aufbauen als auch selbst deren Teil sein.<br \/>\nDie kurdische Frauenbewegung, die die Jineologie seit 2011 ausarbeitet und dieses Thema zur Diskussion gebracht hat, misst den bisher weltweit erreichten Ergebnissen gro\u00dfen Wert bei. Sie ist sehr an Diskussionen, dem Teilen von Ergebnissen und Befunden, der Kooperation mit und dem Lernen von all jenen, die f\u00fcr die Freiheit von Frauen k\u00e4mpfen, interessiert. Auch diese Konferenz ist Teil dieser Bem\u00fchungen.<br \/>\nWir, als kurdische Frauen, sagen: \u00bbDas 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Revolution der Frauen und V\u00f6lker sein.\u00ab Wir glauben, dass die Jineologie f\u00fcr den Aufbau einer Geisteshaltung der Befreiung, ethische und politische Strukturen und eine freie Gesellschaft, die die Frauenbefreiung ins Zentrum r\u00fcckt, eine historische Rolle spielen wird. Wir glauben fest daran, dass es m\u00f6glich sein wird, den 5 000 Jahre alten gordischen Knoten zu durchschlagen und die toten Winkel der Geschichte auszuleuchten, die immer noch darauf warten, entdeckt zu werden, indem wir die Jineologie und die Soziologie der Freiheit als eine neue Sozialwissenschaft weiterentwickeln und sie zur Grundlage unseres gesellschaftlichen Kampfes machen.<br \/>\nIch danke Euch allen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00d6N\u00dcL KAYA, Aktivistin der kurdischen Frauenbewegung Der Beitrag \u00bbWarum Jineologie\u00ab wurde bereits auf der Jineologie-Konferenz, die vom 28. Februar bis 2. M\u00e4rz 2014 in der Uni K\u00f6ln stattfand, von G\u00f6n\u00fcl Kaya gehalten. Die Konferenz war von dem Frauenbegegnungszentrum Utamara, dem Kurdischen Frauenb\u00fcro f\u00fcr Frieden Cen\u00ee und der Internationalen Stiftung der Freien Frauen organisiert worden. 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