{"id":457,"date":"2017-06-23T17:11:45","date_gmt":"2017-06-23T14:11:45","guid":{"rendered":"http:\/\/jineoloji.eu\/de\/?p=457"},"modified":"2020-07-01T15:03:03","modified_gmt":"2020-07-01T12:03:03","slug":"wir-konnten-nicht-passiv-bleiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/2017\/06\/23\/wir-konnten-nicht-passiv-bleiben\/","title":{"rendered":"Wir konnten nicht passiv bleiben&#8230;!"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" lang=\"de-DE\"><em>erschienen im Kurdistan Report 189, Januar\/Februar 2017<\/em><\/p>\n<p class=\"western\" lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">ANDREA BENARIO<br \/>\n<\/span><\/p>\n<h4 class=\"western\" lang=\"de-DE\">Interview mit Newal Botan zum Widerstand in Ciz\u00eer\u00ea Botan<\/h4>\n<p lang=\"de-DE\"><span lang=\"en-US\">\u00c7\u00eeya Kezwan, Rojava, 19. <\/span>November 2016<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Vor einem Jahr verteidigte die Bev\u00f6lkerung in vielen St\u00e4dten von Bak\u00fbr\/Nordkurdistan ihr Recht auf Selbstverwaltung. Da offensichtlich geworden war, dass sich der AKP-Erdo\u011fan-Faschismus nicht durch Wahlen beseitigen lassen w\u00fcrde und Recht zu Unrecht geworden war, wurde Widerstand zur Pflicht. Viele Gemeinden Kurdistans beteiligten sich an diesem Widerstand, der vom Konzept des Demokratischen Konf\u00f6deralismus und der erfolgreichen Verteidigung von Koban\u00ea inspiriert war. Auch wenn das faschistische AKP-Regime ganze St\u00e4dte mit Panzern und Hubschraubern zerbombte, Hunderte von Menschen bei lebendigem Leibe verbrannte oder durch Scharfsch\u00fctzen ermordete und nun Zehntausende in Gef\u00e4ngnisse sperrt und foltert, so wird es ihm weder gelingen die Wahrheit zu vertuschen noch Menschen von ihrem Kampf f\u00fcr Freiheit und W\u00fcrde abzuhalten. Das sp\u00fcre ich ganz deutlich bei meiner Begegnung mit Newal Botan auf den Kezwan-Bergen in Rojava.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Newal Botan wurde im Jahr 2000 in Silop\u00ee geboren. Urspr\u00fcnglich kommt ihre Familie aus dem Dorf Nerax\u00ee im Kreis Qileban, das im T\u00fcrkischen Uludere hei\u00dft. Ihr Dorf wurde Anfang der 1990er Jahre durch das t\u00fcrkische Milit\u00e4r entv\u00f6lkert und zerst\u00f6rt. \u00dcber ihre Familie sagt Newal: \u00bbUnsere Familie hatte eine an freiheitlichen Werten orientierte Lebenskultur. Deshalb wurden Frauen nicht mehr so wie fr\u00fcher unterdr\u00fcckt. Meine Mutter erz\u00e4hlte, dass mein Vater fr\u00fcher anders gewesen sei. Als sie jedoch mehr und mehr die PKK kennenlernten, wirkte sich das positiv auf die Beziehungen in unserer Familie aus. Das zeigte sich insbesondere im Umgang mit Frauen und Kindern.\u00ab<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Bereits von Kindheit an sind Newal und ihre Familie immer wieder mit staatlichen Repressionen konfrontiert. Nach einer Aktion zum Protest gegen die Ermordung von Haci Lokman Birlik<a href=\"http:\/\/www.kurdistan-report.de\/index.php\/archiv\/2017\/50-kr-18-januar-februar-2017\/539-wir-konnten-nicht-passiv-bleiben#a\"><sup>1<\/sup><\/a> wird sie in \u015eirnax verhaftet. \u00bbIn der Polizeihaft habe ich am eigenen Leib erfahren, was f\u00fcr eine Politik der Staat Frauen gegen\u00fcber anwendet: Folter, Erniedrigung, sexuelle Bel\u00e4stigung bis hin zu Vergewaltigung. Aufgrund mangelnder Beweise mussten sie mich jedoch wieder freilassen\u00ab, erz\u00e4hlt Newal. Sie hatte schon w\u00e4hrend ihrer Schulzeit im jungen Alter von 13 Jahren begonnen, sich in der kurdischen Jugendbewegung zu organisieren; sie beteiligte sich am Aufbau und an der Verteidigung demokratischer Selbstverwaltungsstrukturen \u2013 erst in Bak\u00fbr, nun in Rojava.<\/p>\n<h4 class=\"western\" lang=\"de-DE\">Wie hast Du das Jahr 2015 zwischen den Wahlen vom 7. Juni und den Widerst\u00e4nden f\u00fcr demokratische Selbstverwaltung erlebt?<\/h4>\n<p lang=\"de-DE\">Zur Zeit der Wahlen vom 7. Juni 2015 war ich in Silop\u00ee und habe dort die Freude und Begeisterung gemeinsam mit der Bev\u00f6lkerung erlebt. Die langen Jahre der M\u00fchen f\u00fcr die Organisierung der Bev\u00f6lkerung in den St\u00e4dten hatte Fr\u00fcchte getragen. Das zeigte sich im Wahlerfolg. Nach all den Jahren, die die KurdInnen unter Folter, Unterdr\u00fcckung und Massakern der AKP gelitten hatten, zeigten sie nun, dass sie auf ihren eigenen Beinen stehen. Es war zu sp\u00fcren, dass die Menschen auf sich selbst und ihre eigene Kraft vertrauen und zu neuen Schritten bereit sind.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Nach den Wahlen gab es einige Gefechte in Silop\u00ee. Jugendliche, Frauen, Kinder, alte Menschen wurden durch die Polizei gezielt ermordet. Beispielsweise wurde eine Mutter mit ihrem Kleinkind auf dem Arm auf dem Dach ihres Hauses in dem Taxa<a href=\"http:\/\/www.kurdistan-report.de\/index.php\/archiv\/2017\/50-kr-18-januar-februar-2017\/539-wir-konnten-nicht-passiv-bleiben#a\"><sup>2<\/sup><\/a> \u015eeh\u00eed Harun durch Scharfsch\u00fctzen der Polizei erschossen. Auch Familien, die der Bewegung zuvor nicht nahe standen, hatten ermordete Angeh\u00f6rige zu beklagen. Die Angriffe des Staates waren auf alle KurdInnen gerichtet \u2013 egal ob sie CHP, HDP oder AKP gew\u00e4hlt hatten. Diese Situation erzeugte politisches Bewusstsein in der gesamten Bev\u00f6lkerung. Zuvor hatte die Familie des A\u011fa (Gro\u00dfgrundbesitzers) immer die AKP unterst\u00fctzt und sich hinter der Polizei versteckt. Aber bei diesen Wahlen realisierte auch diese Familie, dass die AKP die KurdInnen unterdr\u00fcckt. Es gab nach den Wahlen und den Morden eine gro\u00dfe Wut in der Bev\u00f6lkerung von Silop\u00ee. In dieser Zeit begannen wir auch mit der Vorbereitung f\u00fcr den Aufbau und die Verteidigung der lokalen Selbstverwaltung in Silop\u00ee. Wir haben eine kommunale B\u00e4ckerei aufgemacht, wir organisierten Unterricht und er\u00f6ffneten Volksh\u00e4user (Mala Gel) in den Vierteln.\u00ab<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">In Ciz\u00eer (Cizre) gab es Akademien f\u00fcr die politische Bildung der Bev\u00f6lkerung. Auch aus Silop\u00ee und anderen St\u00e4dten gingen Menschen nach Ciz\u00eer, um sich an den Akademien fortzubilden und eine aktive Rolle im Aufbau der verschiedenen Bereiche der Selbstverwaltungsstrukturen spielen zu k\u00f6nnen. Damit wurden Vorbereitungen getroffen, das Modell der Demokratischen Autonomie, dem freiheitlichen Paradigma von Abdullah \u00d6calan entsprechend auch in Bak\u00fbr umzusetzen. Unser Ziel ist, dass sich die Bev\u00f6lkerung \u2013 jenseits von Staat und Macht \u2013 selbst verwalten kann. Die Erfahrungen des Aufbaus und der Verteidigung der Demokratischen Autonomie in Rojava stellten eine wichtige Inspirationsquelle f\u00fcr die Menschen in Bak\u00fbr dar. Mit der Idee des Aufbaus der Demokratischen Autonomie in allen Teilen Kurdistans und des Demokratischen Konf\u00f6deralismus als Verbindung unter den verschiedenen Teilen waren die Grenzen f\u00fcr uns praktisch bedeutungslos geworden. Es ging um den Aufbau einer freien demokratischen Gesellschaft auf der Basis der Frauenbefreiung.<\/p>\n<h4 class=\"western\" lang=\"de-DE\">Wie sind der Aufbau und die Ausrufung der autonomen Selbstverwaltung in Botan verlaufen? Und wie war die Rolle der Frauen und Frauenr\u00e4te in diesem Prozess?<\/h4>\n<p lang=\"de-DE\">W\u00e4hrend des Widerstands von Koban\u00ea hatte es in der Bev\u00f6lkerung eine gro\u00dfe Unterst\u00fctzung und Aufst\u00e4nde gegeben. Die Bev\u00f6lkerung in Botan hat die Bev\u00f6lkerung von Koban\u00ea in jeglicher Hinsicht unterst\u00fctzt, sowohl bei der Verteidigung als auch beim Neuaufbau. Auf dieser Grundlage fand auch der Aufbauprozess der Demokratischen Autonomie in Botan statt.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">In dieser Zeit spielte in Silop\u00ee Hevala Pakize<a href=\"http:\/\/www.kurdistan-report.de\/index.php\/archiv\/2017\/50-kr-18-januar-februar-2017\/539-wir-konnten-nicht-passiv-bleiben#a\"><sup>3<\/sup><\/a> eine wichtige Rolle. Sie hat sich insbesondere auch um den Frauenrat gek\u00fcmmert. Zu diesem Zeitpunkt war die Selbstverwaltung noch nicht offiziell ausgerufen worden, aber es fanden Planungen dazu statt. Wir diskutierten viel mit der Bev\u00f6lkerung dar\u00fcber, wie wir uns selbst verwalten k\u00f6nnen. Haus f\u00fcr Haus, Stra\u00dfe f\u00fcr Stra\u00dfe wurden die Familien besucht und gemeinsam wurde diskutiert. Es wurden Demonstrationen organisiert. Die Bev\u00f6lkerung entwickelte ein gro\u00dfes Bewusstsein und wurde immer aktiver. Sie arbeiteten in allen Bereichen mit \u2013 egal, ob legal oder illegal. Die Jugendbewegung fand immer mehr Zulauf. Wir organisierten Kundgebungen und Proteste. Im Mala Gel fanden viele Versammlungen und Gespr\u00e4che statt, um die Demokratische Autonomie bekannt zu machen und Menschen zu ermutigen, sich selbst in den Aufbauprozess einzubringen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Im Mala Gel und im Volksrat organisierte sich die Bev\u00f6lkerung. Die Menschen kamen von selbst, denn diese Orte waren f\u00fcr sie ein Ausdruck der Menschlichkeit und der Solidarit\u00e4t. M\u00fctter, Kinder, Jugendliche, alte Menschen, alle waren bereit. Es war ein sehr sch\u00f6nes Umfeld und eine gute Stimmung.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Nach der Verk\u00fcndung der demokratischen Selbstverwaltung und den Angriffen des Staates darauf konnten wir nicht passiv bleiben. Das hie\u00df f\u00fcr uns, mit dem militanten Widerstand beginnen; den Feind aus unserer Nachbarschaft und unseren Stadtvierteln zu vertreiben.<\/p>\n<h4 class=\"western\" lang=\"de-DE\">Welche Rolle haben die MitarbeiterInnen der Volksr\u00e4te und Frauenr\u00e4te in dieser Phase gespielt?<\/h4>\n<p lang=\"de-DE\">Die ersten Gefechte mit dem Staat hatte es in Silop\u00ee w\u00e4hrend der Wahlen gegeben.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Deshalb waren wir davon ausgegangen, dass die ersten und h\u00e4rtesten K\u00e4mpfe h\u00f6chstwahrscheinlich in Silop\u00ee beginnen werden. Darum waren wir \u00fcberrascht, als pl\u00f6tzlich die K\u00e4mpfe in Ciz\u00eer in einer solchen H\u00e4rte losgingen. Ich war eine Woche nach den Wahlen von Silop\u00ee nach Ciz\u00eer gekommen. Die AKP hatte verlautbaren lassen, dass sie die Wahlen nicht anerkennt. Es folgten Hinrichtungen, Pl\u00fcnderungen und Repressionen. Sie planten ein derartiges Massaker, dass die Bev\u00f6lkerung die Wahlen vergessen sollte. Damit bereiteten sie Einsch\u00fcchterungen und Wahlbetrug f\u00fcr die erneuten Wahlen vor.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Im September 2015 wurde die Stadt 9 Tage lang durch das Milit\u00e4r belagert, die Strom- und Wasserversorgung der Stadt wurde abgestellt. Niemand konnte mehr in die Stadt rein oder raus. Es war lebensgef\u00e4hrlich sich auf der Stra\u00dfe zu bewegen. Aber unser entschlossener Widerstand der Selbstverteidigung bewirkte, dass sich das Milit\u00e4r nach 9 Tagen wieder zur\u00fcckzog und die Ausgangssperre wieder aufgehoben werden musste.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Zum ersten Mal habe ich in Ciz\u00eer wirklich gesp\u00fcrt, dass das Volk zur PKK geworden war. Die Parole \u00bbDie PKK ist das Volk und das Volk ist die PKK!\u00ab war in den Pers\u00f6nlichkeiten von Heval Mehmet Tun\u00e7 und Hevala Asya verwirklicht. Obwohl er kein Kader war, war die Haltung von Heval Mehmet wirklich die eines Militanten der PKK. Das hei\u00dft, so sehr ein Mensch sich seelisch mit den Werten der PKK identifiziert, so sehr kann er sie auch in seinem Leben repr\u00e4sentieren und umsetzen. Die Worte von Heval Mehmet und Hevala Asya, ihre Aufrufe haben der Bev\u00f6lkerung Kraft gegeben. Wenn Heval Mehmet durch die Stra\u00dfen ging, haben sich alle gefreut. Er hat sich mit allen unterhalten, hatte f\u00fcr alle Verst\u00e4ndnis. Wenn es ein Problem gab, hat er sich daf\u00fcr eingesetzt, es zu l\u00f6sen. Deshalb genoss er in der Bev\u00f6lkerung gro\u00dfes Vertrauen. Er hat wirklich seine Rolle gespielt. Er ist aufgestanden und hat den Menschen Mut gegeben, selbst auch aufzustehen. Die Pers\u00f6nlichkeiten von Heval Mehmet, Hevala Asya und Hevala Seve waren f\u00fcr mich ein gro\u00dfes Beispiel. Ihre Eigenschaften und ihre Haltung haben mich sehr beeindruckt. Heval Mehmet hat uns als Jugendlichen jedes Mal, wenn er kam, Perspektiven gegeben und uns in unserer Arbeit unterst\u00fctzt. Er hat das als Vorschlag formuliert: \u00bbGuckt, wenn ihr das nicht so macht, sondern so, dann w\u00e4re das viel besser &#8230;\u00ab Das, was er gesagt hat, hatte wirklich Hand und Fu\u00df. Es war sehr wertvoll f\u00fcr uns.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Er hatte gro\u00dfes Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung, er verstand die Psychologie der Menschen. Er wusste, was die Menschen wollen und wann sie bereit sind, wann der Zeitpunkt gekommen war zu handeln. Ich habe zum ersten Mal so einen Menschen kennengelernt, der die Phase so tief und genau verstanden hat und genau wusste, was zu tun war. Er ist auf Menschen zugegangen, die uns nicht die T\u00fcr ge\u00f6ffnet haben. Er ist mit sehr gro\u00dfem Mut auf die Stra\u00dfe gegangen und hatte niemals Angst davor, ermordet zu werden. Er hat alles getan, um die Bev\u00f6lkerung in Bewegung zu versetzen und zum Widerstandleisten Mut gemacht. Obwohl ihm viele sagten, \u00bbes ist gef\u00e4hrlich, geh nicht auf die Stra\u00dfe!\u00ab, war er trotz Ausgangssperre st\u00e4ndig in Bewegung.<\/p>\n<h4 class=\"western\" lang=\"de-DE\">War die Bev\u00f6lkerung darauf vorbereitet gewesen?<\/h4>\n<p lang=\"de-DE\">Ja. Aber nicht in allen Stra\u00dfenz\u00fcgen. In den Vierteln, die unorganisiert waren, hatte ein Gro\u00dfteil der Menschen schon Angst. Denn sie waren das erste Mal mit solchen massiven Angriffen des Milit\u00e4rs konfrontiert und konnten die politischen Entwicklungen nicht wirklich verstehen. Insgesamt war die Psychologie der Menschen in Ciz\u00eer noch nicht f\u00fcr den Krieg bereit.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Aber in dieser Phase ist Heval Mehmet st\u00e4ndig in Bewegung gewesen: von dem Taxa Cemk\u00f6k\u00fc lief er zum Taxa Cud\u00ee, von dort zum Taxa S\u00fbr. Uns als Jugendlichen ist es nicht gelungen, von einer Taxa in eine andere zu gelangen, denn der Feind hatte uns mit einem derart massiven Aufgebot eingekreist, dass es kein Durchkommen gab. Aber Heval Mehmet gelang es immer, einen Weg zu finden. Selbst in dieser Phase ging er in die Volksh\u00e4user und besuchte Familien, um sie zur Teilnahme am Aufstand zu organisieren und zu ermutigen. Das war im November 2015.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Wir hatten kein Essen und kein Wasser. Die Menschen litten Hunger. Das war sehr schmerzhaft, weil wir mit ansehen mussten, wie Kleinkinder verhungert oder verdurstet sind. Damit Kinder nicht verdursten, mussten die Menschen ihnen verschmutztes Wasser geben. Aber trotz dieser gro\u00dfen Schmerzen, gab es dort einen sehr w\u00fcrdevollen, starken Widerstand.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Die Scharfsch\u00fctzen der Polizei nahmen insbesondere kleine Kinder ins Visier, weil sie wussten, dass sie damit der Bev\u00f6lkerung die gr\u00f6\u00dften Schmerzen zuf\u00fcgen. Sie ermordeten ganz gezielt Kinder, um die Bev\u00f6lkerung einzusch\u00fcchtern und den M\u00fcttern ihre Kraft zu rauben, sie zur Aufgabe zu zwingen. Aber die M\u00fctter, deren Kinder ermordet wurden, wurden noch viel w\u00fctender und entschlossener, sich am Feind zu r\u00e4chen. Der Widerstandsgeist der Bev\u00f6lkerung, der M\u00fctter, der Menschen jeglichen Alters bewirkte, dass wir den Feind zur\u00fcckschlagen konnten.<\/p>\n<h4 class=\"western\" lang=\"de-DE\">Wie gelang es Euch, die Angriffe des Feindes zu brechen?<\/h4>\n<p lang=\"de-DE\">Wir hatten unsere Stellungen zur Verteidigung der Stra\u00dfenz\u00fcge eingerichtet. Da wir keine Munition hatten, mussten wir phantasievoll sein. Zum Beispiel haben wir Bettdecken auf Panzer geworfen und sie damit aufgehalten. Wir haben unsere Gehirne in Bewegung gesetzt, um neue Taktiken zu entwickeln, und sie dann einfach ausprobiert. Alles was sich irgendwie zur Verteidigung benutzen lie\u00df, haben wir verarbeitet und eingesetzt. Obwohl wir nichts in der Hand hatten, gab uns allein das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung Kraft zum Widerstand.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Als wir sahen, wie einige M\u00fctter die Kalaschnikow in die Hand nahmen, sagten wir uns, dann k\u00f6nnen wir auch k\u00e4mpfen. Die Organisierung der Bev\u00f6lkerung \u00f6ffnete uns neue T\u00fcren. Obwohl es kein Wasser und nichts zu essen gab, teilen die Menschen das wenige Essen ihrer Kinder mit uns. Sie sagten: \u00bbIhr k\u00e4mpft und braucht Kraft. Damit ihr nicht umkippt und Energie habt, m\u00fcsst ihr essen.\u00ab Die Bev\u00f6lkerung versorgte auch unsere verletzten FreundInnen. Auch lie\u00df die Bev\u00f6lkerung nicht zu, dass die Leichen der Gefallenen in die H\u00e4nde des Feindes gerieten. Sie versteckten und bestatteten sie. Die Bev\u00f6lkerung verteidigte sich und den Widerstand mit ganzem Engagement. Sowohl unsere FreundInnen als auch die Bev\u00f6lkerung hatten volles Vertrauen zueinander. Deshalb hatte auch niemand mehr Angst. So viele Menschen \u2013 Frauen, alte Menschen, Kinder \u2013 waren ermordet worden. Wir waren auch sehr ersch\u00f6pft, denn wir waren Tag und Nacht in Bewegung, um unsere belagerten Stra\u00dfenz\u00fcge gegen die permanenten Angriffe von Polizei und Milit\u00e4r zu verteidigen. Wir waren von den Menschen und unseren FreundInnen in den anderen Stadtvierteln abgeschnitten. Deshalb waren wir st\u00e4ndig in Sorge um sie. Aber wir mussten alle Schwierigkeiten \u00fcberwinden. Die Bev\u00f6lkerung forderte Rache f\u00fcr ihre ermordeten Kinder, sie ging auf die Stra\u00dfe und war ihrer Sache verbunden.<\/p>\n<h4 class=\"western\" lang=\"de-DE\">Kannst Du den Aufbauprozess der Selbstverwaltungsstrukturen etwas genauer beschreiben? Wie sind der Staat und staatliche Institutionen verdr\u00e4ngt worden? Welche Alternativen habt Ihr trotz der Kriegsbedingungen aufbauen k\u00f6nnen?<\/h4>\n<p lang=\"de-DE\">Es gab einige Kampagnen zur Unterst\u00fctzung von Ciz\u00eer, so wurde zum Beispiel ein Gesundheitskomitee aufgebaut. F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung wurden Erste-Hilfe-Kurse organisiert, damit sie wissen, was bei Verletzungen zu tun ist. In der Taxa Cud\u00ee gab es ein Haus f\u00fcr die Trauerfeiern. Dort haben wir mit Kurdisch-Unterricht f\u00fcr die Kinder begonnen. Das Frauenkulturzentrum Ronah\u00ee wurde er\u00f6ffnet. Das Mala Gel war das Zentrum des Volksrates, von dort aus wurden die Aufbauarbeiten organisiert, Volksversammlungen durchgef\u00fchrt, auf denen die Phase diskutiert wurde. Dann gingen die Demonstrationen los. Die Verteidigung und die politische Arbeit griffen ineinander. Es gab eine gro\u00dfe Beteiligung, viele schlossen sich der Bewegung an. Wir f\u00fchrten Bildungsarbeit insbesondere f\u00fcr die Jugendlichen und f\u00fcr Frauen durch. Viele junge Frauen wollten sich anschlie\u00dfen. Aber zumeist stellten sich die M\u00fctter dagegen, weil die V\u00e4ter dann zuhause \u00c4rger machten und das wiederum die M\u00fctter zu sp\u00fcren bekamen.<\/p>\n<h4 class=\"western\" lang=\"de-DE\">Wie verliefen die Wahlen am 1. November? Waren sie unter den Bedingungen der Belagerung und des Krieges \u00fcberhaupt noch ein Thema in Ciz\u00eer?<\/h4>\n<p lang=\"de-DE\">Am 1. November hatten erneut Wahlen stattgefunden. In der Wahlnacht waren alle Menschen auf der Stra\u00dfe und warteten auf die Ergebnisse. Es gab eine freudige Aufregung. Als klar wurde, dass die AKP die Wahlergebnisse manipuliert hatte, setzte sich die Bev\u00f6lkerung zornig in Bewegung. Die ganze Nacht hindurch gab es Sitzblockaden, Kundgebungen und Auseinandersetzungen mit der Polizei. Damals stand eine alte Frau auf und sprach: \u00bbWir wissen, dass wir nicht verloren haben, wir haben gewonnen! Daran kann auch Euer Betrug nichts \u00e4ndern.\u00ab Danach griff der Feind die Menge an.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Ich ging diese Nacht zum Taxa Yavuz. Morgens gegen 3.30 Uhr gingen auf einmal die Gefechte los. Als Erstes schoss der Feind eine Bombe in unser Viertel. Die Gefechte zur Verteidigung unseres Viertels dauerten bis gegen 16 Uhr an. Es waren sehr schwere Gefechte. Viele unserer FreundInnen wurden verletzt. Zumeist waren es leichte Verletzungen wie kleine Bomben- oder Granatsplitter. Die Bev\u00f6lkerung war auf den Stra\u00dfen und versuchte zu helfen. Sie trugen Verletzte an sichere Orte, brachten Nachschub zu den Stellungen. Wir waren ganz erstaunt, denn auf einmal brachten uns die Menschen sogar Waffen!<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Das hie\u00df, die Bev\u00f6lkerung hatte sich selbst bewaffnet, um sich verteidigen zu k\u00f6nnen. In ihren H\u00e4usern hatten sie Tunnel angelegt. Sie zeigten uns Wege, die wir nicht kannten, um von einer Stra\u00dfe in die n\u00e4chste zu gelangen. Die Bev\u00f6lkerung setzte f\u00fcr den Erfolg des Widerstandes alle Mittel ein. Wir waren derart vom Feind eingekreist, dass seine Scharfsch\u00fctzen zwei unserer Viertel gezielt unter Beschuss nehmen konnten. Der Feind hatte seine Panzer auf den strategischen H\u00fcgeln um Ciz\u00eer herum stationiert. Sie beschossen die Viertel, zerst\u00f6rten eine Schule. In den Internaten der Stadt hatten sie die Sonderkommandos der Polizei untergebracht.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Die ersten Gefechte ereigneten sich im Taxa Yavuz. Wir wussten nicht, was sich in den Stra\u00dfenz\u00fcgen Taxa Cud\u00ee, Taxa S\u00fbr und Taxa Cemk\u00f6k\u00fc abspielte. Dort war auch mit Aktionen begonnen worden, um Taxa Yavuz zu entlasten. Die Gefechte dauerten von den fr\u00fchen Morgenstunden bis nachmittags gegen 15 Uhr an. Die Bev\u00f6lkerung war voll mit dabei. Einige hatten gef\u00fcllte Weinbl\u00e4tter gemacht und brachten sie den Widerstandsk\u00e4mpferInnen. Mitten in der Nacht weckten sie uns auf und sagten, wir sollten essen. So verbrachten wir die Tage und N\u00e4chte gemeinsam. Die Menschen haben uns gro\u00dfes Vertrauen entgegengebracht.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Am sch\u00f6nsten war es nachts mit den M\u00fcttern zusammen Wache zu halten. Sie hatten immer gute Moral, riefen Parolen und trillerten Til\u00eel\u00eel\u00ee. Insgesamt hatten sich die Familien in den belagerten Stra\u00dfenz\u00fcgen sehr weiterentwickelt, sie waren sich vieler Dinge bewusst geworden und organisierten ihren Alltag der Belagerungssituation und dem Widerstand entsprechend. Sie hielten gemeinsam mit uns Wache. Die M\u00fctter achteten darauf, dass sich niemand Unbekanntes einschlich.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Nachts hielten sie die Menschen auf und fragten: \u00bbTu k\u00ee y\u00ee?\/Wer bist Du?\u00ab Wenn jemand keine Antwort gab, sagten sie: \u00bbWenn Du Deinen Namen nicht sagst, dann bewerfe ich Dich mit meinen Pantoffeln!\u00ab Sie nahmen ihre Verantwortung sehr ernst, aber auch mit Humor.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Wir haben Vorkehrungen f\u00fcr die Verteidigung unserer Viertel getroffen, Gr\u00e4ben aushoben und Barrikaden gebaut. Wir haben in den Stra\u00dfen Verteidigungssysteme errichtet.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Wir organisierten uns als Frauenkommission in der YDG-H (Patriotisch Revolution\u00e4re Jugendbewegung). Die jungen Frauen aus dem Taxa Yavuz kamen zu mir und sagten: \u00bbLass uns hier in der Stra\u00dfe eine Frauenkommune aufbauen. Wir k\u00f6nnen unabh\u00e4ngig von den M\u00e4nnern aus eigener Kraft k\u00e4mpfen. Wir sind zur Verteidigung unseres Viertels bereit, ihr m\u00fcsst uns nur ausbilden.\u00ab<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Und uns gelang es dann wirklich, die Angriffe auf unsere Stra\u00dfenz\u00fcge zur\u00fcckzuschlagen. Wir beschlagnahmten einen Panzer der Soldaten. Damals regnete es sehr stark. Unter diesen Wetterbedingungen haben die Menschen trotzdem Wache gehalten und ihre Rolle gespielt. Sie haben einander gegenseitig unterst\u00fctzt und das Wasser aus den H\u00e4usern geschaufelt. Niemand hatte schlechte Laune, denn sie waren bereit, alles f\u00fcr die Freiheit zu geben.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Abends f\u00fchrten wir in den Stra\u00dfenz\u00fcgen Diskussionsveranstaltungen, Seminare oder Filmvorf\u00fchrungen durch. Es kamen alle zusammen. Wir haben auch getanzt und gesungen. Aus dem Vertrauen war Freude und Moral geworden. Es war wirklich ein sehr kommunales Leben und die Bev\u00f6lkerung war bereit zum Widerstand. Alle Menschen waren sehr aufopferungsbereit. Die N\u00e4chte \u00fcber waren wir in den Stellungen. Tags\u00fcber haben wir dann die politischen Arbeiten gemacht.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Im November waren wir dann eines Tages vollst\u00e4ndig vom Milit\u00e4r und Sonderkommandos eingekreist. Wir hatten auf dem H\u00fcgel hinter dem Taxa S\u00fbr eine sehr gro\u00dfe Fahne der PKK gehisst gehabt, die war in ganz Ciz\u00eer zu sehen. Der Staat war gekommen, hatte die Fahne abgenommen und seine Fahne aufgeh\u00e4ngt. Es war ein regelrechter Fahnenkrieg entfacht.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Zugleich begannen die Gefechte immer st\u00e4rker zu werden. Zu Anfang gab es ab und zu noch Gefechtspausen, aber dann dauerten die Gefechte ununterbrochen an und wurden immer schwerer. Es gab Verletzte. Aber auch die verletzten FreundInnen k\u00e4mpften weiter. Dem Feind gelang es nicht, in unser Viertel hineinzukommen. Denn wir hatten unsere Gr\u00e4ben und Barrikaden sehr gut gemacht und die FreundInnen, die Wache hielten, waren sehr wachsam. Nachdem es dem Feind nicht gelungen war, in unsere Viertel einzudringen, haben sie ihre Panzer auf den H\u00fcgeln rund um Ciz\u00eer positioniert. Als unsere Stadtviertel pl\u00f6tzlich ohne jegliche Vorwarnung gezielt mit Panzersch\u00fcssen angegriffen wurden, l\u00f6ste das einen Schock aus. Unsere Viertel wurden unter Dauerbeschuss genommen und zerst\u00f6rt. Ehrlich gesagt, damit hatte niemand von uns gerechnet. Ganze Familien wurden ermordet, Kinder wurden hingerichtet. Die Schmerzensschreie der M\u00fctter und Kinder waren \u00fcberall in den Stra\u00dfen zu h\u00f6ren. Der Krieg intensivierte sich immer mehr, es gab immer mehr Tote.<\/p>\n<h4 class=\"western\" lang=\"de-DE\">Kannst Du etwas \u00fcber die FreundInnen sagen, die ihr Leben f\u00fcr die Verteidigung von Ciz\u00eer gegeben haben?<\/h4>\n<p lang=\"de-DE\">Viele sehr wertvolle FreundInnen sind in diesem Widerstand gefallen. Hevala Ek\u00een und Hevala Berj\u00een fielen verletzt in die H\u00e4nde des Feindes. Dann haben die Soldaten sie vergewaltigt und \u2013 genauso wie Ek\u00een Wan \u2013 ihre entkleideten K\u00f6rper zur Schau gestellt. Hevala Ek\u00een (in Ciz\u00eer) war eine Freundin, die den Namen von Ek\u00een Wan angenommen hatte, da sie von ihrer Kraft sehr beeindruckt war. Und letztendlich wurde sie genauso ermordet wie Ek\u00een Wan. Wir fanden die nackten Leichen unserer beiden Freundinnen Ek\u00een und Berjin auf der Stra\u00dfe. Das war ein sehr gro\u00dfer Schmerz. Heval Berj\u00een war gerade mal 18 Jahre alt, Hevala Ek\u00een war 20 Jahre alt. Wir wollten die Leichen begraben, doch alle Menschen wie Heval\u00ea T\u00eer\u00eaj und Heval\u00ea Cavre\u015f, die sich den Leichen gen\u00e4hert hatten, waren durch Scharfsch\u00fctzen erschossen worden. Als sie losgegangen waren, um die Leichen zu holen, waren sie aus dem Hinterhalt erschossen worden und \u00fcber die Leichen der beiden Freundinnen gefallen. Es konnte sich ihnen niemand n\u00e4hern.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Die Anzahl der FreundInnen, die in den Stellungen k\u00e4mpften, wurde immer geringer. Viele waren gefallen oder verletzt worden. Wir hatten die Verletzten in Keller gebracht, um sie zu sch\u00fctzen und zu behandeln. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass der Feind insbesondere die Verletzten so brutal vernichten w\u00fcrde. Letztendlich fiel der Feind nach langen Tagen des Widerstands Ende Dezember 2015 in unsere Viertel ein und pl\u00fcnderte die H\u00e4user, verbrannte sie. Wir waren in einem Haus am Rande. In unserem Nachbarhaus waren etwa 10 FreundInnen im Keller untergebracht. Als die Einheiten in ihr Haus eindrangen, schickten sie einige Soldaten weg und sagten: \u00bbHier ist niemand!\u00ab Darauf erschossen sie Vater, Mutter und die Kinder. Dann \u00fcbergossen sie unsere FreundInnen mit Benzin und verbrannten sie bei lebendigem Leibe. Das Geschrei anzuh\u00f6ren war unertr\u00e4glich. Das wirkte sich auf die Psychologie sowohl unserer FreundInnen als auch der Bev\u00f6lkerung aus. Die Schmerzensschreie der Kinder und der M\u00fctter waren wirklich nicht zu ertragen. Unsere FreundInnen wurden vor unseren Augen verbrannt und wir konnten zu diesem Zeitpunkt nichts machen. Das war wirklich sehr schwer.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Dann haben wir die anderen Verletzten zu dem Keller gebracht, in dem Heval Mehmet Tun\u00e7, Heval F\u00eeraz, Hevala Asya, Heval Zindan, Heval Aram, Heval Ruken, Heval D\u00eeyar und Heval Rizgar waren. Heval Rizgar war erst 15 Jahre alt. Die meisten waren sehr jung, noch unter 20 Jahre alt, und sind sp\u00e4ter gefallen. Das Einzige, was wir in dieser Situation noch machen konnten, war uns zu verteidigen und die Verletzten dort hinzubringen. Letztendlich beauftragte uns Heval F\u00eeraz damit, die Verletzten \u00fcber die Grenze nach Rojava zu bringen. Wir waren sehr emotional und wollten nicht gehen. Damals ging ich zu Heval Mehmet Tun\u00e7 und sagte ihm: \u00bbKomm mit uns nach Rojava. Du bist wichtig f\u00fcr uns und f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung.\u00ab Aber Heval Mehmet antwortete mir nur: \u00bbIch komme nicht!\u00ab Da sind mir die Tr\u00e4nen gekommen. Und ich habe gesagt: \u00bbWenn Du nicht mitkommst, dann gehe ich auch nicht.\u00ab Da ist Heval Mehmet sauer auf mich geworden: \u00bbLos, geh und bring die FreundInnen in Sicherheit.\u00ab Er hat mich regelrecht angeschrien, damit ich gehe. Aber ich wollte nicht gehen und mich retten, w\u00e4hrend ich meine FreundInnen dort zur\u00fccklassen musste.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Letztlich \u00fcberzeugte mich Heval F\u00eeraz. Er sagte mir: \u00bbGeh und erz\u00e4hl den Menschen, was Du hier erlebt hast. Das m\u00fcssen die Menschen wissen. Bring nur die Verletzten \u00fcber die Grenze und komm dann wieder.\u00ab Damals wusste ich nicht, dass ich nicht wieder zur\u00fcckkehren werde. Sie wollten mich sch\u00fctzen, weil ich noch so jung war.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Wir sind losgezogen und haben aus den Kellern insgesamt 15 FreundInnen, die am schwersten verletzt waren, rausholen k\u00f6nnen. Anfang Januar 2016 gelang es uns, an einem nebeligen Tag durch einen Tunnel zu entkommen. Danach sind wir dann zur Grenze gegangen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Sp\u00e4ter hatte ich von Rojava aus noch einmal die M\u00f6glichkeit, mit Heval Mehmet am Telefon zu sprechen. Er sagte: \u00bbIch wei\u00df, dass wir hier nicht heil rauskommen werden. Aber wie wir mit W\u00fcrde gelebt haben, so werden wir auch in W\u00fcrde sterben.\u00ab<\/p>\n<hr \/>\n<p lang=\"de-DE\"><a name=\"a\"><\/a>\u00a0Fu\u00dfnoten:<br \/>\n1\u00a0Am 3. Okt. 2015 wurde der kurdische Schauspieler Haci Lokman Birlik von Polizisten in der Innenstadt von \u015eirnax gefoltert, erschossen und nackt an ein Polizeiauto angebunden durch die Gegend geschleift.<br \/>\n2\u00a0Tax: kurdischer Begriff f\u00fcr Stadtviertel, Nachbarschaft oder Stra\u00dfenz\u00fcge<br \/>\n3 Pakize Nayir, Kovorsitzende des Volksrates von Silop\u00ee. Sie wurde gemeinsam mit den Aktivistinnen der Frauenbewegung Fatma Uyar und Seve Demir am 5. Januar 2016 in Silop\u00ee durch t\u00fcrkische Spezialeinheiten ermordet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>erschienen im Kurdistan Report 189, Januar\/Februar 2017 ANDREA BENARIO Interview mit Newal Botan zum Widerstand in Ciz\u00eer\u00ea Botan \u00c7\u00eeya Kezwan, Rojava, 19. November 2016 Vor einem Jahr verteidigte die Bev\u00f6lkerung in vielen St\u00e4dten von Bak\u00fbr\/Nordkurdistan ihr Recht auf Selbstverwaltung. Da offensichtlich geworden war, dass sich der AKP-Erdo\u011fan-Faschismus nicht durch Wahlen beseitigen lassen w\u00fcrde und Recht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":458,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[45],"tags":[],"class_list":["post-457","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-in-den-medien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/457","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=457"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/457\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":473,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/457\/revisions\/473"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/458"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=457"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=457"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=457"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}