{"id":2552,"date":"2026-08-26T22:55:02","date_gmt":"2026-08-26T19:55:02","guid":{"rendered":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/?p=2552"},"modified":"2026-08-26T22:55:02","modified_gmt":"2026-08-26T19:55:02","slug":"jeffrey-epstein-und-die-kastischen-moerder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/2026\/08\/26\/jeffrey-epstein-und-die-kastischen-moerder\/","title":{"rendered":"Jeffrey Epstein und die kastischen M\u00f6rder"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Dieser Text wurde zu Beginn des Jahres im Zuge der Ver\u00f6ffentlichung der Epstein-Akten begonnen und erst jetzt fertiggestellt. Obwohl sich die Medien schon wieder anderen Themen zugewandt haben, sind die Verh\u00e4ltnisse, die die grausamen Verbrechen gegen Frauen und Kinder erst m\u00f6glich gemacht haben, noch immer intakt. W\u00e4hrend wir in der Aufmerksamkeits\u00f6konomie dazu gedrillt werden, Nachrichten im schnellen Takt und zusammenhanglos zu begreifen \u2013 je skandal\u00f6ser, desto mehr Klicks\u00a0\u2013 bleibt eine tiefere Analyse der Verh\u00e4ltnisse oft aus.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Fall Jeffrey Epstein hat uns etwas zu sagen, das \u00fcber das Schicksal von Einzelpersonen hinausgeht. Es handelt sich hier um eine Geschichte, die uns mit einer vielfach verschleierten Realit\u00e4t konfrontiert. Deshalb fasziniert sie auch so stark. Die Ausw\u00fcchse der Macht, die in ihrer Deutlichkeit die Funktionsweise eines ganzen Systems offenbaren. Eigentlich w\u00fcrden sich die Ereignisse f\u00fcr eine moderne mythologische Erz\u00e4hlung eignen, so grotesk sind ihre B\u00f6sewichte in ihrer moralischen Verwerflichkeit. Allerdings handelt es sich hier um die Wahrheit. Die Wahrheit eines Systems, das Jahrtausende alt ist und niemals widerstandslos hingenommen wurde.<\/p>\n<h4 align=\"justify\"><strong>Die Menschenfresser<\/strong><\/h4>\n<p align=\"justify\"><i>Der Tyrann erhebt sich \u00fcber die Menschen. Seinen enormen Reichtum zieht er aus ihren Qualen. Er wohnt in einem gro\u00dfen Schloss. Hunderte Kinder werden ausgew\u00e4hlt und zu ihm gebracht. Ihre K\u00f6rper werden geopfert. Seine Macht und seine Gier sind ohne Grenzen. <\/i><i>Auf seinen Schultern sitzen zwei Schlangen, hungrig nach kindlichen<\/i><!-- Vielleicht auch \u201ajungen und frischen\u2018 oder sowas? Dann klingt da auch noch der aspekt der ausbeutung des denkens mit an.. --><i> Gehirnen. Sich n\u00e4hrend von ihrer Kraft, geben sie dem Tyrannen die Macht,<\/i> <i>\u00fcber das Volk zu herrschen. Diejenigen Kinder, die gerettet werden und \u00fcberleben, wachsen in den W\u00e4ldern heran. Eine Armee aus ehemaligen Opfern erhebt sich. Nach langen Jahren der Schreckensherrschaft, werden sie<\/i> <i>von einem einfachen Mann, einem Schmied, in die Schlacht gegen den Tyrannen gef\u00fchrt \u2013 er wird erschlagen. <\/i><!-- M\u00f6gliche andere Formulierung: Nach langen Jahren der Schreckensherrschaft ist es ein einfacher Mann, ein Schmied, der den Aufstand gegen den Tyrannen anf\u00fchrt. Der Tyrann wird geschlagen und der Schmied, Kawa,\u2026. --><i>Der Schmied, Kawa,<\/i> <i>z\u00fcndet ein Feuer an, um das Ende der Schreckensherrschaft zu besiegeln und den Beginn des Fr\u00fchlings zu verk\u00fcnden.<\/i><\/p>\n<p align=\"justify\">Seit mehr als 2500 Jahren wird diese Geschichte erz\u00e4hlt und gefeiert. Der Mythos des kurdischen Festtages Newroz, der am 21. M\u00e4rz begangen wird, ist eine Erz\u00e4hlung \u00fcber die Tyrannei der Herrschaft und die Entmenschlichung einer misshandelten und unterdr\u00fcckten Bev\u00f6lkerung\u00a0\u2013 aber vor allem ist er eine Hymne des Widerstandes. Diese Geschichte ist tausende Jahre alt und doch ist sie auch ein Spiegel der Gegenwart.<\/p>\n<p align=\"justify\">Jeffrey Epstein hatte keine Schlangen auf den Schultern\u00a0\u2013 auch, wenn das diejenigen, die die Enth\u00fcllungen \u00fcber seine Verbrechen zu Beginn des Jahres gebannt verfolgt haben, wohl kaum noch \u00fcberraschen w\u00fcrde. In Schlagzeilen, Dokumentationen und Posts wird das Bild eines m\u00e4chtigen und gut vernetzten Mannes gezeigt, Teil einer elit\u00e4ren Clique, die systematischen Missbrauch, Vergewaltigung und Menschenhandel von Kindern und Frauen betreibt. Die teilweise Ver\u00f6ffentlichung tausender Seiten von Ermittlungsakten gibt Einblicke in die oberste Spitze des organisierten Patriarchats.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Kurdischen gibt es ein Wort f\u00fcr die parasit\u00e4re Beziehung der Eliten zu den Ausgebeuteten. &#171;Kedxwar&#187;, was w\u00f6rtlich so viel bedeutet wie &#171;jemand, der die Arbeit\/M\u00fche<!-- Evtl. Arbeit --> von Anderen isst&#187;, beschreibt einen Ausbeuter oder Kapitalisten. Es wird deutlich, dass dieser nicht \u00fcberleben k\u00f6nnte, ohne sich die Lebenskraft anderer buchst\u00e4blich einzuverleiben. Vielleicht ist es also kein Wunder, dass dieses Verh\u00e4ltnis seinen Ausdruck findet in Mythen und Geschichten von Tyrannen, die Menschen essen. Auch heute wird \u00fcber Epstein gesagt, dass er und seine m\u00e4chtigen Freunde, Menschen gegessen haben sollen. Im Bezug auf den Fall Epstein wimmelt das Internet vor solchen Darstellungen, die viele Mutma\u00dfungen enthalten und oft faktisch nicht der Wahrheit entsprechen. Es reicht allerdings nicht aus, sie einfach damit abzutun. Von den altert\u00fcmlichen Mythen, bis zu den modernen Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen: In jeder Geschichte steckt auch immer ein wahrer Kern.<\/p>\n<p align=\"justify\">Solche Ideen, die reale oder imagin\u00e4re Eliten mit Kannibalismus in Verbindung bringen, existieren schon lange. In ihrem Zentrum stehen Personen, die das Unmenschliche verk\u00f6rpern. Denn, wer andere Menschen isst und vernichtet, verliert damit selbst seine eigene Menschlichkeit. Wenn wir diese Erz\u00e4hlung \u00fcbertragen, sehen wir darin eine moralische Unterscheidung zwischen der Gesellschaft und ihren jenseits jeglicher Moral handelnden Feinden, die au\u00dferhalb der Gemeinschaft stehen und diese bedrohen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Diese Bilder werden auch immer wieder durch Machthabende benutzt, um die Gesellschaft zu spalten und bestimmte Gruppen und V\u00f6lker als Feinde zu markieren: kolonisierte V\u00f6lker als barbarische Kannibalen, J\u00fcdinnen und Juden als monstr\u00f6se menschenopferbetreibende Elite und Frauen als kinderfressende Hexen. Diese Erz\u00e4hlungen verzerren die Realit\u00e4t und dienen der Kontrolle. Doch wenn wir uns den Fall Epstein anschauen, dann scheint es so, dass es wirklich eine gef\u00e4hrliche Minderheit gibt, die kedxwar, die unmoralischen Tyrannen, \u201edie Menschenfresser\u201c.<\/p>\n<p align=\"justify\">Vielleicht schafft die Zeit, in der wir leben, deshalb so ein fruchtbares Klima f\u00fcr Verschw\u00f6rungstheorien, da in ihnen auch ein Teil der Wahrheit ausgedr\u00fcckt ist: Es gibt ein System der Macht, das mordet. Diejenigen, die von ihm profitieren, handeln entgegen aller Moralvorstellungen. Die wichtigste Ware, mit der sie handeln, sind die K\u00f6rper von Frauen und Kindern. Doch ist der Fall Epstein besonders? Wie k\u00f6nnen wir die Wurzel dieser Gewalt begreifen und uns dabei nicht von falschen Erz\u00e4hlungen in die Irre leiten lassen?<\/p>\n<h4 align=\"justify\"><strong>Die Elite<\/strong><\/h4>\n<p align=\"justify\">In seinen Verteidigungsschriften beschreibt Abdullah \u00d6calan den historischen Prozess der Herausbildung von herrschenden Monopolstrukturen. So zieht er eine direkte Linie von den antiken Gottk\u00f6nigen zu den Nationalstaaten, von der Riege der H\u00e4ndler der alten Zivilisationen des Mittleren Ostens zur Klasse der modernen Kapitalisten. Den Monopolen liegt ein parasit\u00e4res Verh\u00e4ltnis zugrunde: die Ausbeutung und der Verkauf von Werten, f\u00fcr den eigenen Mehrgewinn, welche nicht selbst geschaffen, sondern lediglich kontrolliert werden. Es handelt sich um eine <i>Einverleibung<\/i> &#8211; von der Rodung eines Waldst\u00fccks bis zur Vereinnahmung von kulturellen Errungenschaften, von der Ausbeutung der Arbeitskraft eines Menschen bis zur Vernichtung des ganzen Wesens eines Sklaven oder einer Frau. Der Unterschied der modernen Kapitalisten zu den historischen H\u00e4ndlern allerdings ist, dass letztere in den meisten Gesellschaften sehr marginal blieben und an deren Rand standen, da ihr Handeln moralisch verurteilt wurde. Ihr Einfluss auf die Gesellschaft als Ganzes hielt sich dadurch lange in Grenzen. Die Aktienh\u00e4ndler und Investmentbanker unserer Zeit sind jedoch weder im Bezug auf ihre Macht noch auf ihre Skrupellosigkeit zu \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Schauen wir uns die Nachrichten der letzten Monate und Jahre an, sehen wir rei\u00dferische Schlagzeilen und Epsteins Gesicht unter tiefen, dunklen Schatten, eine Art Teufel. Diese Darstellung von Epstein als eine Abnormalit\u00e4t, schockierend und unerkl\u00e4rlich wie ein Unfall, verschleiert die Realit\u00e4t. Denn erz\u00e4hlbar ist seine Geschichte nur, wenn man \u00fcber ein gro\u00dfes Netzwerk der Macht, das systematische Verbrechen gegen die Gesellschaft begeht, spricht. Damit steht er in einer Linie mit unz\u00e4hligen Frauenfeinden und Tyrannen in der Geschichte.<\/p>\n<p align=\"justify\">Epstein war Teil einer Kaste der m\u00e4chtigsten Personen des zivilisatorischen Systems. Er baute sein Verm\u00f6gen, seinen Einfluss und sein Missbrauchssystem mit ihnen auf. Er selbst stammte aus einer Familie der Mittelklasse. Reich wurde er durch seine Arbeit als Finanzinvestor und Berater von Klienten, die der winzigen Gruppe der Milliard\u00e4re angeh\u00f6ren. In der Recherche um den Fall Epstein ist besonders auff\u00e4llig, wie gut vernetzt die Superreichen und Superm\u00e4chtigen sind. Auch im Verlauf seiner Karriere war Epstein genau f\u00fcr seine guten Verbindungen gefragt. Eine Anruf von Epstein sorgte zum Beispiel daf\u00fcr, dass die Kinder von ausl\u00e4ndischen Diplomaten und Stars Jobs in hochrangigen Unternehmen bekamen und an Eliteuniversit\u00e4ten aufgenommen wurden. Gefallen solcher Art wurden erwidert: Als Epstein 2008 das erste Mal wegen Prostitution Minderj\u00e4hriger verurteilt wurde, war der Staatsanwalt, Alexander Acosta, der ehemalige Arbeitskollege des Anw\u00e4lteteams, das f\u00fcr Epstein arbeitete. Acosta setzte sich daf\u00fcr ein, dass Epstein weitestgehend auf freiem Fu\u00df blieb und seine Gesch\u00e4fte und Verbrechen ungehindert fortsetzte.<\/p>\n<p align=\"justify\">Auch \u00fcber Epsteins Verbindungen zu Geheimdiensten wie dem israelischen Mossad wird spekuliert. Die Verbindungen, die sich aus den Epstein-Akten ergeben, zeichnen das Bild einer zutiefst anti-demokratischen Politik in der Verflechtung von Staaten und Kapitalinteressen. Epstein ist darin keineswegs alleiniger Strippenzieher, er selbst hat dieses Spiel gespielt, ist dadurch aufgestiegen, aber darin auch austauschbar, genauso wie viele andere, mit denen er sich umgab. Dass er mit seinen Verbindungen zu Staatsoberh\u00e4uptern und Wirtschaftsbossen nicht mindestens von Geheimdiensten angesprochen wurde, ist unwahrscheinlich. In den ver\u00f6ffentlichten E-Mails wird sichtbar, wie er mit dem ehemaligen israelischen Premierminister Eluh Barak \u00fcber Investitionen in israelische Start-ups spricht und Treffen mit dem milliardenschweren Gr\u00fcnder des \u00dcberwachungsunternehmens Palantir Peter Thiel arrangiert.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Finanzinvestor und US-Sondergesandte f\u00fcr Syrien, Tom Barrack, der auch in dem Krieg gegen die Selbstverwaltung in Nordostsyrien zu Beginn des Jahres eine Schl\u00fcsselrolle spielte, pflegte nachweislich engen Kontakt zu Epstein und wurde auch auf dessen Insel eingeladen, auf der systematischer Missbrauch an Frauen und Jugendlichen stattfand. Auch zu russischen und Putin-nahen Kreisen stand Epstein in regem Austausch. Diese internationalen Netzwerke zeigen, dass die M\u00e4chtigen, die Kriege f\u00fchren und anheizen und darin sogar vermeintlich verfeindeten Lagern angeh\u00f6ren, dennoch ein Band der m\u00e4nnlichen Komplizenschaft und gemeinsamer Interessen verbindet. Wie diese Interessen aussehen, brachte Epstein selbst in einer E-Mail auf den Punkt: \u201eSaudi has oil, Moscow has girls.\u201c (\u201eDie Saudis haben \u00d6l. Moskau hat M\u00e4dchen.\u201c)<\/p>\n<h4 align=\"justify\"><strong>Der kastische M\u00f6rder<\/strong><\/h4>\n<p align=\"justify\">Ohne Grenzen und Moral\u00a0\u2013 und wenn es nach ihnen geht: unsterblich. Der Blick in Epsteins Leben ist der Blick in die Existenz einer anderen Sph\u00e4re. Ihre modernen Pal\u00e4ste, die Hochh\u00e4user, Villen und Privatinseln, zeugen von einer sich verschanzenden und abschirmenden Herrschaft. Der Takt der Aktienkurven, des Public-Relations-Bombardements und die politischen Hinterzimmerdeals sind der Rhythmus, nach dem die Bev\u00f6lkerung leben, arbeiten und sterben soll. Ihre Politik ist eine der Machtspielchen und Manipulation. Es verwundert kaum, dass diejenigen, die von diesem System profitieren, alles tun, um Epstein als einen einzigartigen, gl\u00fccklicherweise inzwischen verstorbenen, B\u00f6sewicht darzustellen\u00a0\u2013 oder wiederum den Skandal nutzen, um ihre eigenen politischen Gegner zu neutralisieren. Versteckt werden soll damit die Existenz einer m\u00f6rderischen Kaste, in deren Reihen Epstein kaum mehr als ein Funktion\u00e4r war. Sein Fall ist nur ein besonders \u00f6ffentlichkeitswirksames Beispiel f\u00fcr die Funktionsweise des herrschenden Systems.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Begriff der Kaste kommt von dem portugiesischen Wort \u201ecasta\u201c (\u201eRasse\u201c), hat aber auch Verbindungen zum lateinischen &#171;castus&#187; (&#171;rein&#187;). Im Gegensatz zum marxistischen Begriff der Klasse bezeichnet die Kaste ein noch rigideres System, das nicht nur die \u00f6konomische Dimension, sondern alle Bereiche des Menschseins umfasst. Sie verschlingt den Menschen als Ganzes. In der Kaste gibt es kein Entrinnen, sie stellt eine scheinbar \u00fcbernat\u00fcrliche Ordnung dar. Der Begriff des <i>kastischen M\u00f6rders<\/i> (kastik qetil) wurde von Abdullah \u00d6calan in seinem 2025 ver\u00f6ffentlichten Manifest eingef\u00fchrt. Mehr als nur eine Gruppe an Menschen, die &#171;Clique der Hinterm\u00e4nner&#187;, die den Verschw\u00f6rungstheorien zugrunde liegt, bezeichnet \u00d6calan mit den kastischen M\u00f6rdern ein System, das die gesamte Gesellschaft einem kontinuierlichen <em>physischen und moralischen<\/em> Mord aussetzt. Dieser Mord wird nicht von einer Person begangen, sondern durch den Siegeszug der dominanten M\u00e4nnlichkeit, eine Struktur des T\u00f6tens, die jedes Leben in Gefahr bringt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Funktionsweise von Herrschaft und patriarchaler Gewalt zeigt sich in den Zusammenschl\u00fcssen von M\u00e4nnern: M\u00e4nnerb\u00fcnden, die um sich eine Schicht der Undurchdringbarkeit und des Schweigens erschaffen und so die patriarchale Kastifizierung der Gesellschaft zementieren.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der amtierende US-Pr\u00e4sident Donald Trump erz\u00e4hlte dem New York Magazine bereits 2002: &#171;Er [Epstein] ist ein gro\u00dfartiger Typ. Es wird sogar gesagt, dass er sch\u00f6ne Frauen genauso mag wie ich, und viele von ihnen sind auf der j\u00fcngeren Seite.&#187; Diese Kommentare zeigen, dass M\u00e4nner in der \u00d6ffentlichkeit keinesfalls daf\u00fcr bestraft werden, dass sie Frauen als Ware behandeln\u00a0\u2013 sie werden daf\u00fcr belohnt. Wenn die Gewalt gegen Frauen, dann doch \u00f6ffentlich angeprangert wird, sind die M\u00e4nnerb\u00fcnde direkt zur Stelle, um zur Verteidigung und zum Gegenangriff auszuholen. Der US-Strafverteidiger und hochrangige Harvard-Professor Alan Dershowitz verteidigte als Anwalt sowohl Donald Trump und Epstein, als auch den Sexualstraft\u00e4ter Harvey Weinstein \u2013 dessen \u00dcbergriffe im Zentrum der &#171;Me too&#187; Bewegung standen \u2013 und den mutma\u00dflichen Frauenm\u00f6rder O.J. Simpson. Die Komplizenschaft der M\u00e4nnerb\u00fcnde ist keineswegs nur ein Ph\u00e4nomen der Elite, sondern zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. Sie schafft ein Klima der Gewalt, eine Kultur der Kollaboration der Ausgebeuteten mit den Herrschenden.<\/p>\n<h4 align=\"justify\"><strong>Die kastische Gesellschaft<\/strong><\/h4>\n<p align=\"justify\">Dass eine Gruppe, wie Epstein, seine Komplizen und diejenigen, die bereitstehen, seinen Platz zu f\u00fcllen, so viel Macht besitzen, h\u00e4ngt mit der Gewalt des Systems, das sie m\u00e4chtig gemacht hat, zusammen. Diese Gewalt durchdringt alle Poren der Gesellschaft. Namenlos bleibt in dem Medienskandal um Epstein die Masse derjenigen, die kollaborieren und mittragen: die \u00c4rzte, die die M\u00e4dchen behandelten, die von Epstein vergewaltigt wurden, die Bediensteten, die f\u00fcr ein Gehalt wegschauten, jeder Mann, der sich eigentlich w\u00fcnscht, so wie Epstein zu sein, die Filme und Boulevardmagazine, die ein Bild davon zeichnen, wie normal und romantisch es ist, wenn junge Frauen einem reichen Mann &#171;geh\u00f6ren&#187;. Auch sie alle sind ein Produkt der m\u00f6rderischen Kastifizierung der Gesellschaft.<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\">Ein Epstein schafft tausende von Epsteins, junge M\u00e4nner, die in Menschen wie ihm, das Bild eines erfolgreichen Mannes sehen, nach dem sie selbst streben. Auch wenn sie selbst in diesem System verlieren und niemals so viel Geld und Macht besitzen werden, so werden auch sie sich genauso tyrannisch gegen\u00fcber Frauen und Kindern verhalten. W\u00e4hrenddessen werden junge Frauen dazu konditioniert, die Rolle der Konkubine und Prostituierten als romantisch und erstrebenswert zu betrachten. Sie werden damit den M\u00e4nnern \u201ezum Fra\u00df\u201c vorgeworfen. Die Vergewaltigungskultur ist eine Fessel, die mit ihrem tausendj\u00e4hrigen Gewicht das gesellschaftliche Leben umschn\u00fcrt. Sowohl Frauen als auch M\u00e4nner, sowohl Unterdr\u00fccker als auch Unterdr\u00fcckte werden durch sie in verformte Identit\u00e4ten gepresst.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"justify\">Das Kastensystem, das im Fall Epstein deutlich wird, ist mehr als nur die blo\u00dfe Existenz einer Elite. Es zeigt sich in einem umfassenden Prozess der Entmenschlichung. Die Krankheit der Macht speist sich aus dem Mord an der Frau als Mensch. Im Zentrum dieses Prozesses steht die Herausbildung einer dominanten M\u00e4nnlichkeit, als Grundlage der Herrschaft.<\/p>\n<h4 align=\"justify\"><strong>Das Feuer des Widerstands<\/strong><\/h4>\n<p align=\"justify\">Dies ist ein Text \u00fcber die M\u00f6rder und ihr Kastensystem. Doch damit endet die Geschichte nicht. Die Geschichte der Freiheit wartet noch darauf, geschrieben zu werden. Der Mythos von Newroz ist ein Symbol daf\u00fcr, dass selbst die m\u00e4chtigsten Imperien zu Fall kommen, wenn die Bev\u00f6lkerung den unterdr\u00fcckten Zustand, in dem sie lebt, erkennt und sich dagegen organisiert. Diejenigen, die \u00fcberleben, schlie\u00dfen sich zusammen, um das Feuer einer neuen Zeit zu entz\u00fcnden. Auch im Fall Epstein waren es vor allem die \u00dcberlebenden, die Jahrzehnte lang gek\u00e4mpft haben, um die Wahrheit ans Licht zu bringen und Konsequenzen einzufordern.<\/p>\n<p align=\"justify\">Sie zeigen, dass Widerstand m\u00f6glich ist. Und dass entgegen der tyrannischen Systeme, die das Menschsein verschlingen, der erste und wichtigste Kampf, der um die Existenz ist. Die T\u00f6chter Kawas entscheiden sich jeden Tag dazu, der Grausamkeit eine lebendige Sch\u00f6nheit entgegenzusetzen. Sie organisieren sich entgegen der patriarchalen Rollen, die ihnen zugewiesen wurden, und bauen ein anderes Leben auf. Sie schlie\u00dfen sich zusammen und st\u00e4rken sich. Sie begeben sich auf den Weg, herauszufinden, was es bedeutet, Frau, Jugendlicher, Kind oder Mann zu sein, jenseits der Vergewaltigungskultur. Der Tag wird kommen, an dem sie auf den Tr\u00fcmmern der Pal\u00e4ste der Epsteins dieser Welt ein gro\u00dfes Newrozfeuer entz\u00fcnden werden.<\/p>\n<p align=\"justify\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Text wurde zu Beginn des Jahres im Zuge der Ver\u00f6ffentlichung der Epstein-Akten begonnen und erst jetzt fertiggestellt. Obwohl sich die Medien schon wieder anderen Themen zugewandt haben, sind die Verh\u00e4ltnisse, die die grausamen Verbrechen gegen Frauen und Kinder erst m\u00f6glich gemacht haben, noch immer intakt. W\u00e4hrend wir in der Aufmerksamkeits\u00f6konomie dazu gedrillt werden, Nachrichten im schnellen Takt und zusammenhanglos zu begreifen \u2013 je skandal\u00f6ser, desto mehr Klicks\u00a0\u2013 bleibt eine tiefere Analyse der Verh\u00e4ltnisse oft aus. 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