{"id":2392,"date":"2026-03-13T17:30:45","date_gmt":"2026-03-13T14:30:45","guid":{"rendered":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/?p=2392"},"modified":"2026-03-15T19:28:08","modified_gmt":"2026-03-15T16:28:08","slug":"leben-in-der-aera-des-kolonialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/2026\/03\/13\/leben-in-der-aera-des-kolonialismus\/","title":{"rendered":"Leben in der \u00c4ra des Kolonialismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Aus dem Jineoloj\u00ee Magazin, Ausgabe 25 (Thema Kolonialismus)<\/em><\/p>\n<p align=\"justify\">Wie und warum entwickelte sich die Idee des Kolonialismus? Was f\u00fchrte zu dieser Mentalit\u00e4t und welche Folgen hatte sie? Und vor allem: Wie ist diese Mentalit\u00e4t entstanden? Zweifellos sind dies Fragen, die beantwortet werden m\u00fcssen, um die Welt, in der wir leben, zu verstehen und zu ver\u00e4ndern. Wenn wir die Geschichte der Menschheit betrachten, sehen wir neben schrecklichen Kolonialkriegen auch sehr kraftvolle K\u00e4mpfe f\u00fcr Freiheit und Demokratie. Das Streben nach Macht, das in den Menschen entsteht, hat das gesellschaftliche Leben von der Vergangenheit bis zur Gegenwart beeinflusst. Insbesondere mit der Entwicklung der \u00dcberproduktion hat dieses Streben auch die Moral, die die Gesellschaft pr\u00e4gt, untergraben, was zur Ausbeutung von Menschen durch andere gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Kolonialismus als System (Kolonialismus oder Imperialismus) begann mit der gewaltsamen Aneignung der gesellschaftlichen Produktion und der Ausbeutung der Arbeitskraft zum Nutzen der Kolonialm\u00e4chte. Die fr\u00fchesten Formen des Kolonialismus wurden zu Zwecken wie der Expansion von Imperien, der Suche nach neuen Lebensr\u00e4umen f\u00fcr die wachsende Bev\u00f6lkerung, dem Bedarf an kostenloser Arbeitskraft, der L\u00f6sung des Rohstoffproblems in den Zentren der kapitalistischen Moderne, der Eroberung geografisch und geopolitisch wichtiger Gebiete und dem Versuch, eine bestimmte Religion zu verbreiten, betrieben. Da die kolonialisierten Gebiete nicht allein auf der Grundlage der Ausbeutung der Arbeit und Aneingnung von Ressourcen bewohnt werden konnten, wurde das Ziel des Kolonialismus bald erweitert. Die Kolonialisten strebten eine Expansion an, indem sie die Kultur, den Glauben und die Geschichte der V\u00f6lker, die sie erobert hatten, unterwarfen, ihren Willen usurpierten und sie wirtschaftlich und politisch von sich abh\u00e4ngig machten. Durch die Ausbeutung von V\u00f6lkern, Gemeinschaften, Nationen und Staaten wollten die Kolonialisten diese intellektuell und kulturell von ihrer eigenen Identit\u00e4t und ihren Werten entfremden, um sie in das vorherrschende System zu integrieren. Sie von ihrer eigenen Sprache und Kultur zu entfremden und sie so empf\u00e4nglicher f\u00fcr die Herrschaft zu machen, war die Garantie f\u00fcr diese Expansion.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wir k\u00f6nnen davon ausgehen, dass der Kolonialismus mit der Entstehung der Idee der Herrschaft \u2013 also der Dominanz \u2013 und mit dem Prozess ihrer Institutionalisierung in Form des Staates einhergeht. Wir gehen davon aus, dass das Ph\u00e4nomen des Staates mit der Kolonisierung der Frauen und der Untergrabung der von ihnen entwickelten Werte begann sich zu entwickeln. Daher ist der Kolonialismus im Kern von einer patriarchalen Mentalit\u00e4t gepr\u00e4gt. Der Beginn der Hegemonie eines Geschlechts \u00fcber das andere Geschlecht bedeutet auch die Ausbeutung der von ihm geschaffenen Werte. Dieses System der Ausbeutung schafft, genau wie der Kolonialismus, eine Realit\u00e4t, in der bestehende gesellschaftliche Strukturen nach den W\u00fcnschen der hegemonialen Macht gestaltet werden. Herrschaft, Souver\u00e4nit\u00e4t, Eigentum und Macht k\u00f6nnen sich ohne Kolonisierung nicht entwickeln. Wie Mehmet Hayri Durmu\u015f in seinem Werk \u201eGeschichte Kurdistans\u201d darlegt, sehen wir die erste systematische Kolonisierung in der Figur des Sargon. Sargon, der akkadische Kaiser, leitete die Phase des kolonialen Staates ein, indem er die sumerischen Stadtstaaten nacheinander unterwarf. Abdullah \u00d6calan vermittelt in seinen Verteidigungsschriften vor dem EGMR die Politik dieser Zeit wie folgt: \u201eGeplante Gewalt, um Menschen zu t\u00f6ten, ihnen alles zu nehmen, was sie haben, sie zu versklaven, die Orte zu kolonisieren, die wichtig f\u00fcr sie sind, und sie von sich abh\u00e4ngig zu halten. Dar\u00fcber hinaus bedeutet dies, dass der Kolonialismus im klassischen Sinne eine verfluchte Geschichte hat, die sich von etwa 2000 v. Chr. bis in die Gegenwart erstreckt. Unterdr\u00fcckung, Entfremdung und Ausbeutung wurden in den Kolonien als miteinander verflochten erlebt. Mit anderen Worten: Herrschaft, Expansion und Kolonisierung entwickelten und systematisierten sich durch ihre Verflechtung.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Kolonialsystem muss expandieren, um dauerhaft zu bestehen, da es im Wesentlichen darauf basiert, sich durch die Arbeit anderer zu reproduzieren. Mehr Expansion bedeutet, mehr Arbeitskraft f\u00fcr sich gewinnen zu k\u00f6nnen. Daher entwickelten sich Kolonialismus und Imperialismus in Verbindung miteinander. Imperialismus wird definiert als das Bestreben eines Staates, zu expandieren und andere Staaten zu beherrschen. Der Begriff Imperialismus, abgeleitet vom lateinischen Begriff \u201eImperium\u201d f\u00fcr Reich, wurde erstmals im Jahr 1880 im Englischen verwendet und bezog sich auf die Doktrin der Anh\u00e4nger des imperialen Regimes. Der Ursprung des Wortes ist das Wort \u201ePer\u201d, was in der proto-indoeurop\u00e4ischen Sprache \u201eerlangen\u201d bedeutet. Obwohl das Wort im 19. Jahrhundert verwendet wurde, l\u00e4sst sich dieser Prozess bis zu den Sumerern zur\u00fcckverfolgen. In der Geschichte der hegemonialen Zivilisation hat sich der expansionistische Charakter in der Entwicklung aller Staaten und Imperien manifestiert. Die zivilisierenden M\u00e4chte wandten eine immer wiederkehrende Methode an: zuerst t\u00e4uschen, dann einsch\u00fcchtern und schlie\u00dflich, sobald die Herrschaft erreicht war, wie eine Dampfwalze zermalmen. Menschen aus ihrer Heimat zu vertreiben, sie gewaltsam zu versklaven und sie in anderen L\u00e4ndern arbeiten zu lassen, ist eine der \u00e4ltesten Kolonialisierungspraktiken. Der Transport von Menschen in ausgebeutete Gebiete war ebenfalls eine h\u00e4ufig angewandte Methode. Die Kontrolle der einheimischen Bev\u00f6lkerung in ausgebeuteten Gebieten durch Erpressung und die Ernennung verschiedener Verwalter aus den Reihen der einheimischen Bev\u00f6lkerung ist eine Methode, die auch heute noch angewendet wird. Die erzwungene Vermischung der indigenen Bev\u00f6lkerung mit Gruppen, die aus anderen Gebieten verschleppt wurden, um hybride Gesellschaften zu schaffen, war eine weitere weit verbreitete Kolonialstrategie. Wie aus der Geschichte hervorgeht, haben sich die Methoden ge\u00e4ndert, aber die Ziele sind dieselben geblieben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Kolonialismus entwickelte sich in Europa gegen Ende des 15. Jahrhunderts immer intensiver und systematischer. Die Entdeckung neuer Seewege und die Erfindung des Kompasses hatten einen bedeutenden Einfluss auf die M\u00f6glichkeiten der Reisen zu verschiedenen Kontinenten. Die koloniale Zerst\u00f6rung w\u00e4hrend dieser Zeit war sehr schmerzhaft, tragisch und blutig. Der Kolonialismus wurde in dieser Zeit durch Sklaverei, fortschrittliche Waffen und das Christentum durchgesetzt. Die L\u00e4nder Westeuropas, vor allem das britische, franz\u00f6sische, spanische und portugiesische Imperium, f\u00fcgten den von ihnen kolonialisierten Gesellschaften und den von ihnen versklavten Menschen in S\u00fcdamerika, Nordamerika, Afrika, Asien und Australien schreckliches Leid zu. So wurden beispielsweise zwischen 1486 und 1641 1.389.000 Menschen aus Angola als Sklav:innen nach Amerika gebracht. Millionen von Menschen wurden Opfer der Kolonialpolitik, Menschen wurden gefangen genommen, versklavt und zur Arbeit gezwungen. Zus\u00e4tzlich zu denjenigen, die w\u00e4hrend der Reise starben, wurden die nach Amerika verschleppten Menschen schrecklicher Folter ausgesetzt. Die V\u00f6lker, die in ihren eigenen L\u00e4ndern bleiben konnten, fanden sich allen Arten von Gewalt seitens der Kolonialm\u00e4chte ausgesetzt, bis ihnen schlie\u00dflich jegliches Recht aberkannt wurde, dort zu leben. Sie mussten arbeiten, um die Bed\u00fcrfnisse der Kolonialisten zu befriedigen, und diese Folter bestand nicht nur in der Arbeit. Die Kulturen und Lebensweisen der ausgebeuteten Gemeinschaften wurden gedem\u00fctigt, indem schreckliche Ma\u00dfnahmen ergriffen wurden, um ihnen Schamgef\u00fchle einzufl\u00f6\u00dfen und sie zu bedingungslosem Gehorsam zu zwingen. In Koloniall\u00e4ndern wie Amerika und Europa wurden die kolonialisierten Menschen in K\u00e4figen ausgestellt. Diese Barbarei, die sie als \u201emenschlichen Zoo\u201d bezeichneten, dauerte bis 1958 an. Wir erw\u00e4hnen all das, um die verschiedenen Dimensionen des Kolonialismus aufzuzeigen. Obwohl die Sklaverei heute offiziell verboten ist, wird sie in L\u00e4ndern wie Mauretanien weiterhin praktiziert. Heute wird der Kauf und Verkauf von Sklav:innen weltweit offiziell nicht mehr toleriert, aber die Fortsetzung dieser Mentalit\u00e4t wird nicht beachtet und nicht als Widerspruch angesehen.<\/p>\n<p align=\"justify\">In diesen Prozessen wurde das Land mit den dort lebenden Menschen, seinen unterirdischen und oberirdischen Ressourcen und Reicht\u00fcmern, seiner Natur und seinen Tieren einer schrecklichen Ausbeutung unterworfen, und es kam zu Massakern gro\u00dfen Ausma\u00dfes. Menschen und andere Lebewesen wurden buchst\u00e4blich als Werkzeuge und Waren benutzt und zu Kadavern gemacht. Die Seelen wurden verwundet. Die Indigenen Amerikas wurden massiv von ihrem Land verdr\u00e4ngt. Die Aborigines, die indigenen V\u00f6lker Australiens, k\u00e4mpfen in Waldgebieten ums \u00dcberleben. Auch viele Tierarten sind aufgrund der Jagd und der Zerst\u00f6rung der Natur ausgestorben oder vom Aussterben bedroht. Die Natur wurde einem Prozess der Industrialisierung und Ausbeutung unterworfen, um das Gesetz des maximalen Profits zu erf\u00fcllen. Die Produktion von G\u00fctern, die \u00fcber das Notwendige hinausgeht und auf maximalen Profit abzielt, sowie die vollst\u00e4ndig dem Gewinn untergeordnete Produktionslogik, haben durch die Zerst\u00f6rung der Umwelt das nat\u00fcrliche Gleichgewicht gest\u00f6rt. Das spiegelt sich unweigerlich auch in den menschlichen Beziehungen und Lebensweisen wider. Die unaufh\u00f6rliche Produktion und die Besessenheit vom maximalen Profit haben die Menschen zu Robotern gemacht \u2013 zu unerm\u00fcdlichen Ameisen ohne Autonomie. Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen, dass der Kolonialismus offensichtlich die strukturelle und ideologische Grundlage bildet, auf der die kapitalistische Moderne aufgebaut wurde.<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\">Um diese Grundlage zu verstehen, ist es notwendig, die mentale Hegemonie, die Kolonisierung des Denkens und den Prozess, ein \u201ekolonisiertes Wesen\u201c zu werden, richtig zu analysieren. Das Denken ist ein wunderbarer Segen f\u00fcr die Menschen; es hilft uns, die Welt zu verstehen und zu interpretieren. In gewisser Weise hat das Denken eine recht flexible Struktur. Damit sich ein Gedanke entwickeln und verbreiten kann, sind vor allem drei Faktoren entscheidend: eine solide Grundlage, eine gute Organisation und die Nutzung sich bietender Gelegenheiten. Dies gilt sowohl f\u00fcr positives Denken (das mit dem Guten und Sch\u00f6nen verbunden ist) als auch f\u00fcr negatives Denken (das mit dem H\u00e4sslichen und B\u00f6sen verbunden ist), sodass die Kraft neuer Ideen die Gef\u00fchle, Stimmungen und Gedanken der Menschen beeinflussen und zu einer \u00fcberw\u00e4ltigenden Macht werden kann. All das beeinflusst, lenkt, reguliert, st\u00f6rt und zerstreut das gesellschaftliche Leben und lenkt gleichzeitig den Lauf der Geschichte. Die F\u00e4higkeit des Menschen zum positiven Denken hat dazu gef\u00fchrt, dass er die Welt versteht, interpretiert und Kultur schafft, w\u00e4hrend negatives Denken dazu gef\u00fchrt hat, dass er die Herrschaft \u00fcber die Erde anstrebt. Auch der Kolonialismus hat sich als Ergebnis dieses negativen Denkens entwickelt. Die Entsprechung dessen l\u00e4sst sich auch in der menschlichen Realit\u00e4t finden. Das hei\u00dft, sowohl das Gute als auch das B\u00f6se sind potenziell im Menschen vorhanden; der Teil, der am meisten gen\u00e4hrt wird, gedeiht. Deshalb ist der Kolonialismus ein Ph\u00e4nomen, das sich vor allem in der Mentalit\u00e4t entwickelt hat.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"justify\">Dieses System kann nicht realisiert werden, ohne zwischen \u201e<i>uns<\/i> und <i>den anderen<\/i>\u201c zu unterscheiden. Wenn zwischen uns und den anderen eine hierarchische Beziehung der Entfremdung hergestellt wird, werden die anderen entweder als Bedrohung oder als Objekte in unserem Dienst positioniert. Wenn sich \u201ewir und die anderen\u201c als konfliktreiche Beziehungsgrundlage entwickelt, ist damit auch der Grundstein f\u00fcr Ausbeutung gelegt. Diese Unterscheidung wurde sp\u00e4ter die Quelle von Nationalismus und Rassismus \u2013 Ideologien der kapitalistischen Moderne. In diesen Ideologien entwickelt sich die Beziehung zu den anderen auf der Grundlage nationaler oder rassischer Interessen, basierend auf Vernichtung, Dem\u00fctigung oder Assimilation und Kolonialisierung. Jede Gesellschaft hat jedoch ihre eigenen Unterschiede und Besonderheiten, und diese Unterschiedlichkeit l\u00e4sst sich nicht auf einer Skala von \u00dcberlegenheit oder Unterlegenheit einordnen. Hier kommt der Gedanke der Herrschaft ins Spiel \u2013 gepr\u00e4gt von der kolonialen Mentalit\u00e4t, von einer Sichtweise, die nichts \u00fcber dem Menschen anerkennt au\u00dfer sich selbst \u2013 und ma\u00dft sich das Recht an, andere Gesellschaften und V\u00f6lker zu unterwerfen und zu instrumentalisieren. Angriffe gegen indigene Bev\u00f6lkerungen werden organisiert, indem man sie als barbarisch, reaktion\u00e4r, primitiv und anachronistisch darstellt, w\u00e4hrend man sich selbst als zivilisiert, modern, zeitgem\u00e4\u00df und fortschrittlich pr\u00e4sentiert. Auch heute noch wird diese Idee, Zivilisation zu exportieren, indem man andere V\u00f6lker als primitiv herabw\u00fcrdigt, h\u00e4ufig verwendet. Infolge dieser barbarischen Angriffe wurde jede Art von Zerst\u00f6rung gegen die erste und zweite Natur angewendet. Eine Mentalit\u00e4t, die die:den andere:n und nicht sich selbst als ein auszurottendes Insekt betrachtet, beschreibt den Kolonialismus sehr gut. Und wenn alle als Insekten betrachtet werden, haben die Herrscher kein Problem damit, sie wie mit einer Dampfwalze zu \u00fcberrollen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Denken wir an den Mechanismus einer Maschine. Wenn ein Teil kaputt geht, wird sofort ein neues Teil an seiner Stelle eingesetzt. Wenn dies nicht getan wird, funktioniert die Maschine nicht mehr. Der Kolonialismus ist ein System, das diesem Mechanismus \u00e4hnelt. Er ist nicht zuf\u00e4llig entstanden. Wie wir oben dargelegt haben, entwickelt sich der Kolonialismus nicht nur in materieller Hinsicht, sondern auch in Emotionen, Gedanken und Geist. Wenn sich Herrschaft, Macht und Kontrolle im Bewusstsein eines Menschen festsetzen, werden gesellschaftliche Werte, Moral und Gewissen zu etwas, das \u00fcberwunden werden muss. Aus diesem Grund ist es f\u00fcr die koloniale Macht unerl\u00e4sslich, die Kolonisierten zu dem\u00fctigen, indem sie sie von sich selbst entfremdet \u2013 sie m\u00fcssen sich selbst mit den Augen der Kolonisierenden betrachten. Aus diesem Grund ist es f\u00fcr den Kolonialismus unerl\u00e4sslich, den kolonisierten Gesellschaften Angst einzufl\u00f6\u00dfen, sie dazu zu bringen, sich vor ihrem eigenen Schatten zu f\u00fcrchten. Es ist entscheidend f\u00fcr die Kolonisierung von Gesellschaften und die Aufrechterhaltung des kolonialen Systems, den Menschen das Gef\u00fchl zu geben, minderwertig, klein, einfach, gew\u00f6hnlich und unbedeutend zu sein. Die gro\u00df angelegten Massaker, unvorstellbaren Folterungen, Verbannungen und Versklavungen, die von der Vergangenheit bis zur Gegenwart stattfanden, k\u00f6nnen keinen anderen Grund f\u00fcr ihre Existenz haben als die Aufrechterhaltung eines Systems kolonialer Herrschaft. Auf dieser Grundlage k\u00f6nnen wir sagen, dass das koloniale System die dunkle Seite der Menschheitsgeschichte ist. Wenn diese dunkle Seite verstanden und \u00fcberwunden wird, wird die Menschheit ans Licht kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Mittleren Osten, einem Zentrum der alten Menschheitsgeschichte, hielt der expansionistische eurozentrische Kolonialismus 1880 Einzug. Die Geschichte des kulturellen Widerstands gegen diese hegemoniale Zivilisation ist ebenso tief verwurzelt wie die Zivilisation selbst, und genau diese Tiefe erm\u00f6glicht die Entwicklung einer einzigartigen Dynamik. Aus diesem Grund konnte sich der eurozentrische Kolonialismus im Mittleren Osten nicht so etablieren wie auf anderen Kontinenten. Der Kolonialismus wurde meist durch Mandatsregime umgesetzt und bildete ein System, das den klassischen Kolonialismus mit einem neuen Konzept des Kolonialismus verband. Mit der Begr\u00fcndung, dass die V\u00f6lker hier (im Mittleren Osten) sich nicht selbst regieren k\u00f6nnten, wurden diesen L\u00e4ndern westliche Verwalter aufgezwungen; oder es wurden kollaborierende Personen, die an europ\u00e4ischen Schulen ausgebildet worden waren, zu Verwaltern ernannt, ohne jedoch \u00fcber ein Marionettenregime hinauszukommen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Auf diese Weise wurden die Gebiete ausgebeutet und die Menschen in Armut zur\u00fcckgelassen. Diese Politik besteht bis heute fort, wenn auch in anderen Formen. Kurdistan, das im Zentrum des Mittleren Ostens liegt, wird von vier Staaten (Irak, Iran, T\u00fcrkei und Syrien) ausgebeutet. In dieser Geographie und auf Kosten der dort lebenden Menschen werden unterirdische und oberirdische Ressourcen aus Profitgier zerst\u00f6rt. Zw\u00f6lftausend Jahre Geschichte werden versch\u00fcttet, und die Menschen in der Region sind mit Krieg und Zerst\u00f6rung konfrontiert. Obwohl Kurdistan von den genannten Staaten nicht als Kolonie definiert wird, wird ein klares Kolonialrecht angewendet. In den 1970er Jahren wurde dieses Kolonialsystem von Abdullah \u00d6calan analysiert, und es wurden die Grundlagen f\u00fcr den Kampf gegen dieses System gelegt, das sich in Kurdistan sowohl strukturell als auch mental etabliert hatte. Dieser Kampf zielte nicht nur darauf ab, die kolonialen M\u00e4chte zu bek\u00e4mpfen, sondern auch die durch den Kolonialismus gepr\u00e4gte Vorstellung von der kurdischen Existenz zu zerst\u00f6ren. Dieser Punkt ist wichtig, denn um die Unterdr\u00fcckungsmaschinerie funktionsunf\u00e4hig zu machen, muss die koloniale Pers\u00f6nlichkeit zerst\u00f6rt werden. Die erste Kugel sollte nicht nur auf die Kolonialmacht abzielen, sondern auch auf die koloniale Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\">Da Kolonialismus im klassischen Sinne des Wortes nicht mehr aufrechterhalten werden kann, hat er heute neue Dimensionen angenommen. Vor allem seit den 1960er und 1970er Jahren manifestierte sich der Kolonialismus in einer neuen Form \u2013 n\u00e4mlich in der Schaffung formal unabh\u00e4ngiger Staaten in ehemals kolonialisierten Gebieten, deren \u201eUnabh\u00e4ngigkeit\u201c jedoch nach wie vor stark vom westlichen Einfluss gepr\u00e4gt war, insbesondere von den Staaten, die sie kolonialisiert hatten. Diese Art der \u201eUnabh\u00e4ngigkeit\u201d, die Erneuerung des Kapitalismus als Finanzkapital und die Entwicklung der Globalisierung sind einige Beispiele daf\u00fcr, wie sich der Kolonialismus gewandelt hat. Im Vergleich zur Sklaverei des klassischen Kolonialismus werden heute profitablere Methoden entwickelt. Mit der Etablierung der Industrie verlor der Sklavenhandel seine Funktion und an seine Stelle trat die moderne Sklaverei, die auf dem Verkauf von Arbeitskraft basiert. Die Invasion von Land und dessen Kontrolle durch multinationale Konzerne und lokale Kollaborateure \u2013 also ohne direkte Besiedlung \u2013 erwies sich als ein wirtschaftlicheres und nachhaltigeres Modell f\u00fcr die kapitalistische Moderne. Das Wesen der Ausbeutung hat sich nicht ver\u00e4ndert, nur ihre Form.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"justify\">Wir haben festgestellt, dass die ersten Prozesse des Kolonialismus in der Geschichte zusammen mit dem Imperialismus stattfanden, w\u00e4hrend der neue Kolonialismus in Verbindung mit der Globalisierung Gestalt annimmt. Die Globalisierung, die die ideologische Form des Kolonialismus in der neuen \u00c4ra ist, ist ein wirtschaftspolitisches Konzept und hat einen multidimensionalen Charakter, der auch das Recht umfasst. Die Ausbeutung setzt sich durch kulturellen und ideologischen Expansionismus fort, der im Namen der Universalit\u00e4t von Konzepten wie Demokratie, Freiheit und Menschenrechten betrieben wird. Was fr\u00fcher als \u201ewild und unzivilisiert\u201d bezeichnet wurde, wird heute \u201eTerroristen\u201d genannt. Hegemoniale M\u00e4chte erkl\u00e4ren die Kr\u00e4fte, die sie als Bedrohung wahrnehmen, zu Terroristen und setzen sie auf schwarze Listen. Es ist derselbe Mechanismus, den die Kolonialisten in der Vergangenheit angewandt haben, indem sie die V\u00f6lker, die sie unterwerfen wollten, als \u201eWilde\u201d und \u201eBarbaren\u201d bezeichneten. Heute erfolgt die Ausbeutung unter dem Deckmantel des Kampfes gegen den Terrorismus, der denen angeh\u00e4ngt wird, die sich gegen ihre Ausbeutung wehren.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wir k\u00f6nnen diese Globalisierung auch als einen Prozess definieren, der darauf abzielt, einen globalen Markt zu schaffen, alle wirtschaftlichen Barrieren zu beseitigen, um den freien Kapitalverkehr zu erm\u00f6glichen, und M\u00e4rkte in einzelne Nationalstaaten zu integrieren. Das kapitalistische System exportiert seine \u00dcberschussproduktion, indem es sich neue M\u00e4rkte erschlie\u00dft, und dies geschieht durch die Globalisierung. Heute k\u00f6nnen transnationale Konzerne, die \u00fcber Staaten hinausgehen, die Welt nach ihren W\u00fcnschen gestalten. Anstelle von deportierten Sklav:innen, die zur Arbeit gezwungen wurden, werden Menschen heute zu modernen Sklav:innen, die f\u00fcr einen miserablen Lohn arbeiten m\u00fcssen, w\u00e4hrend sich die Herrschenden bereichern, indem sie Unternehmen in \u00fcberbev\u00f6lkerten und armen L\u00e4ndern gr\u00fcnden. Wenn die Kolonialherren alle nat\u00fcrlichen und sozialen Ressourcen ausgebeutet haben und sich zur\u00fcckziehen, hinterlassen sie Armut, Abh\u00e4ngigkeit, Unterentwicklung, Degeneration, Krieg, Assimilation, Krankheit, verw\u00fcstetes Land und tragische Geschichten. Man muss sich nur die Verschuldung, die Abh\u00e4ngigkeiten und die tiefe Armut vor Augen f\u00fchren, in der der Globale S\u00fcden \u2013 der die ehemaligen Kolonien repr\u00e4sentiert \u2013 versinkt, um dies klar zu erkennen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Obwohl heute formal von Unabh\u00e4ngigkeit gesprochen wird, sieht die gelebte Realit\u00e4t ganz anders aus. Von echter Unabh\u00e4ngigkeit kann keine Rede sein \u2013 weder im politischen noch im wirtschaftlichen oder milit\u00e4rischen Bereich. Die Globalisierung und die wachsende gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit der L\u00e4nder machen dies deutlich. Epidemien wie Covid-19 betreffen die ganze Welt, und ein Krieg, wo auch immer er ausbricht, geht letztendlich alle etwas an.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ein weiteres offensichtliches Problem besteht darin, dass die L\u00e4nder, die fr\u00fcher Kolonien des Westens waren, auch nach ihrer \u201eUnabh\u00e4ngigkeit\u201c weiterhin vom Westen abh\u00e4ngig sind. Diese Abh\u00e4ngigkeit besteht in intellektueller, spiritueller und materieller Hinsicht fort und wird ideologisch durch Progressivismus und Modernismus gen\u00e4hrt. Der Progressivismus hat die Unterscheidung zwischen uns und \u201eden Anderen\u201c globalisiert. Der Weg f\u00fcr \u201edie Anderen\u201c, sich von ihrem Minderwertigkeitsgef\u00fchl zu befreien, h\u00e4ngt von ihrer F\u00e4higkeit ab, sich in westliche Werte zu integrieren. Das Bestreben dieser \u201eAnderen\u201c, sich von sich selbst zu befreien, manifestiert sich in der Bewunderung f\u00fcr den Westen \u2013 so zu sein wie \u201esie\u201c; \u201eihre\u201c Lebensweise zu sch\u00e4tzen und zu bevorzugen; \u201eihre\u201c Sprache zu sprechen; \u201eihre\u201c Schulen zu besuchen; usw. Heute gibt es weltweit nur noch wenige Menschen, die den Westen nicht bewundern oder ihn nicht als fortschrittlich ansehen. Formal unabh\u00e4ngigen Staaten, die als Entwicklungs- oder unterentwickelte L\u00e4nder eingestuft werden, werden vorgefertigte Rezepte \u2013 sowohl politische als auch wirtschaftliche \u2013 pr\u00e4sentiert, wie sie den vom Westen festgelegten \u201eentwickelten\u201d Standard erreichen k\u00f6nnen. Durch diesen Mechanismus institutionalisiert der Westen seine eigene politische, wirtschaftliche und kulturelle Hegemonie und erh\u00e4lt sie aufrecht. Der Mechanismus des globalen Kolonialismus wird durch \u201eBranding\u201c (Markenbildung) im Bereich von Kultur, Kunst und Intellekt, sowie durch Institutionen wie die Vereinten Nationen (UN), die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Weltbank, den Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) und die NATO betrieben.<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\">Dieses neue System transportiert Menschen nicht mehr gewaltsam, um sie zu Sklav:innen zu machen, sondern versklavt jede:n an dem Ort, an dem sie:er sich gerade befindet. Die Gesellschaft als Ganzes wird ausgebeutet, weil sie durch Nationalstaaten in einem \u201eeisernen K\u00e4fig\u201c gefangen ist. Sowohl innerhalb als auch au\u00dferhalb wurde ein brutales koloniales System aufgebaut, das die F\u00e4higkeit der in diesen eisernen K\u00e4figen gefangenen Gesellschaften, f\u00fcr ihre eigene Existenz zu sorgen, untergr\u00e4bt. Aus diesem Grund wird einerseits der Nationalismus der Nationalstaaten angeheizt, andererseits wird durch den Diskurs der Weltb\u00fcrgerschaft der Traum eines Entrinnens gesch\u00fcrt. Doch die Grenzen, die f\u00fcr das Kapital verschwinden, werden f\u00fcr die Menschen zu t\u00f6dlichen Fallen. Diejenigen, die aus diesen K\u00e4figen fliehen und in die Zentren der kapitalistischen Moderne str\u00f6men, werden auf dem Altar eines erneuerten Nationalismus als die neuen \u201eAnderen\u201c des globalen Systems geopfert.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"justify\">Der neue Kolonialismus organisiert sich in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Verteidigung, Wirtschaft, Politik, Medien sowie allen anderen Lebensbereichen. Um maximale Gewinne zu erzielen, werden selbst die grundlegendsten Bed\u00fcrfnisse kommerzialisiert und die Leben der Menschen ruiniert. Die Reduzierung der Wirtschaft auf Geld und die Anh\u00e4ufung immenser Reicht\u00fcmer durch die Ausbeutung von Ressourcen, sowohl unterirdisch als auch oberirdisch, verwandeln durch menschliche Arbeit ganze Landstriche in \u00d6dland, und es scheint, als g\u00e4be es keine bewohnbaren Orte mehr. Es ist kein Zufall, dass die reichsten Menschen der Welt, nachdem sie die Ressourcen des Planeten ersch\u00f6pft haben, nun die Kolonisierung des Mars und die Suche nach neuen Lebensr\u00e4umen anderswo in Angriff genommen haben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ein weiteres ideologisches Instrument, auf dem der neue Kolonialismus basiert, ist der Szientismus (die \u00dcberzeugung, dass Wissenschaft die einzige oder wichtigste Quelle von Wissen ist). Die Pl\u00fcnderung der Erde als Rohstoffquelle, die Ausbeutung der menschlichen Gesundheit als Versuchsfeld und die Kolonisierung des Weltraums werden im Namen des Fortschritts gerechtfertigt und als unvermeidliche und notwendige Schritte dargestellt.<\/p>\n<p align=\"justify\">F\u00fcr Tests von biologischen und nuklearen Waffen wird das Leben von Millionen von Lebewesen, darunter auch Menschen, geopfert. Genau wie bei der Massakrierung von Menschen, die als Sklav:innen von Afrika nach Amerika deportiert wurden, werden auch diese Leben als unvermeidliche Opfer des Fortschritts betrachtet. Wie wir bei der j\u00fcngsten Covid-19-Epidemie gesehen haben, wird die Gesundheit der Gemeinschaft f\u00fcr maximale Gewinne geopfert, indem man beispielsweise die Krankheit sich zun\u00e4chst ausbreiten l\u00e4sst und dann Medikamente dagegen produziert, w\u00e4hrend man den Anschein erweckt, an einer L\u00f6sung zu arbeiten, um Menschen zu retten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Biomacht als Methode des neuen Kolonialismus beginnt, das Leben auf sehr gef\u00e4hrliche Weise zu beeinflussen. Biomacht, also der Zustand, in dem der Mensch Unterdr\u00fcckung in sich selbst verinnerlicht und deren Anforderungen erf\u00fcllt, hat mit der Verbreitung der Informationstechnologien eine neue Phase erreicht. Die Schaffung virtueller Welten hat dazu gef\u00fchrt, dass sich die Menschen vom realen Leben abgekoppelt haben und dazu gedr\u00e4ngt werden, in einer Welt der Simulationen zu leben \u2013 einer Welt, die nicht real ist, aber als solche wahrgenommen wird. Die Entwicklung der k\u00fcnstlichen Intelligenz und das Klonen von Menschen und Tieren zeigen, wie gef\u00e4hrlich der Szientismus geworden ist. Menschliche Erinnerungen werden in k\u00fcnstliche Intelligenz kopiert, und Eingriffe in die Erinnerungen von Menschen werden immer direkter.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ein weiteres ideologisches Instrument, auf dem der neue Kolonialismus basiert, ist der Sexismus. Das patriarchale Monopol, das von der Vergangenheit bis zur Gegenwart \u00fcber Frauen etabliert wurde, besteht auch in der neuen kolonialen Ordnung weiter. Die K\u00f6rper von Frauen werden zur Unterst\u00fctzung des Systems auf v\u00f6llig kommerzialisierte Weise instrumentalisiert, indem sie Arbeiter:innen zur Welt bringen und gro\u00dfziehen, billige Arbeitskr\u00e4fte bereitstellen, den Markt unterbieten, in der Werbung eingesetzt werden und vieles mehr. Noch heute gilt die Arbeit von Frauen als die billigste \u2013 und sogar als die wertloseste \u2013 der Welt. Die Covid-19-Pandemie hat dies noch deutlicher gemacht, da Frauen als Erste entlassen wurden und ihre Arbeit verloren und die gr\u00f6\u00dfte Last der Pflegearbeit auf ihnen lastete. Es ist kein Zufall, dass das Konzept der Feminisierung der Arbeit zu den meistdiskutierten Themen dieses Jahrhunderts geh\u00f6rt. In der Zeit, in der wir leben, sind Frauen einer brutalen Kolonisierung ausgesetzt und befinden sich in einer emotionalen, mentalen und spirituellen Sackgasse.<\/p>\n<p align=\"justify\">Von der Vergangenheit bis zur Gegenwart hat sich ein sehr starker Widerstand gegen die eben beschriebene Zerst\u00f6rung durch den Kolonialismus entwickelt. Dank dieses Widerstands wurde der Kolonialismus eingeschr\u00e4nkt und die Kolonialm\u00e4chte wurden oft besiegt. Der Aufstand gegen den Kolonialismus legte den Grundstein f\u00fcr viele Bewegungen, von Bewegungen gegen die Sklaverei bis hin zu nationalen Befreiungsbewegungen, von \u00f6kologischen Bewegungen bis hin zu Antikriegsbewegungen. Die britischen, franz\u00f6sischen und portugiesischen Kolonialreiche dominierten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, und zus\u00e4tzlich zu diesen wurden sp\u00e4ter auch L\u00e4nder wie Italien und Deutschland in den Kolonialprozess einbezogen. Der antikoloniale Kampf, der sich in Lateinamerika bis ins 18. Jahrhundert erstreckte und in anderen Teilen der Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts seinen H\u00f6hepunkt erreichte, entwickelte sich um zwei grundlegende Forderungen: einerseits die politische Unabh\u00e4ngigkeit und andererseits die Forderung nach wirtschaftlicher und kultureller Autonomie. In den kolonialisierten L\u00e4ndern, in denen sich der Widerstand unter dem Banner der nationalen Unabh\u00e4ngigkeit organisierte, entstanden nach der Erlangung der Unabh\u00e4ngigkeit unterschiedliche ideologische Positionen, darunter die F\u00f6rderung des postkolonialen Nationalismus und Formen der internationalen politischen Solidarit\u00e4t zwischen ausgebeuteten L\u00e4ndern. Die unterschiedlichen politischen Positionen f\u00fchrten auch zu unterschiedlichen theoretischen Ans\u00e4tzen. Insbesondere im 21. Jahrhundert bildeten die in postkolonialen L\u00e4ndern entwickelten intellektuellen Str\u00f6mungen \u2013 die sogenannte antikoloniale Theorie \u2013 eine wichtige Grundlage f\u00fcr die Analyse der neuen Formen des Kolonialismus.<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\">Antikoloniale Bewegungen realisierten die Kritik am Kolonialismus in der Praxis, indem sie verschiedene Allianzen und Gruppen bildeten, wie beispielsweise die Afro-Asiatische Solidarit\u00e4t, die Bewegung der blockfreien Staaten und die Trikontinentale Bewegung (Asien, Afrika und Lateinamerika). Andererseits hat die postkoloniale Theorie wirtschaftliche Entwicklung sowie modernistische und nationalistische Politik auf der Grundlage der Gleichstellung kolonialisierter und kolonisierender Nationen verinnerlicht. Wenn man bedenkt, dass der heutige Neokolonialismus seine Hegemonie \u00fcber formal unabh\u00e4ngige L\u00e4nder durch wirtschaftspolitische Ma\u00dfnahmen aufrechterh\u00e4lt, l\u00e4sst sich die Kritik der postkolonialen Theorien nachvollziehen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"justify\">Die Kritik am globalen Kapitalismus, die durch den antikolonialen Kampf der zapatistischen Bewegung in Lateinamerika vorangetrieben wurde; der in s\u00fcdasien entwickelte Kampf, der auf der Dialektik zwischen lokal und global basiert, zusammen mit der Kritik an der Ausbeutung der Natur; das Ziel der Befreiung aller afrikanischen L\u00e4nder, verk\u00f6rpert im Panafrikanismus, dessen Symbol \u00c4thiopien war, vorangetrieben durch den antikolonialen Widerstand in Afrika; die Strategie der algerischen Revolution, den Kampf sowohl gegen die kolonisierte Pers\u00f6nlichkeit als auch gegen die Kolonialist:innen zu richten; und das Ziel des Aufbaus einer demokratischen Nation und eines weltweiten Konf\u00f6deralismus demokratischer V\u00f6lker, das von der kurdischen Revolution unter der F\u00fchrung von Abdullah \u00d6calan entwickelt wurde, werden fortgetragen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wir haben genug Erfahrungen in K\u00e4mpfen gesammelt, um sagen zu k\u00f6nnen, dass diese und viele andere antikoloniale Theorien, Strategien und Politiken \u2013 zu viele, um sie alle aufzuz\u00e4hlen \u2013 sich durch eine solide Organisation der globalen Solidarit\u00e4t und des internationalen Kampfes durchsetzen k\u00f6nnen. Heute kann das Problem der Freiheit von Gesellschaften, die kolonialer Ausbeutung ausgesetzt sind \u2013 dem sogenannten Globalen S\u00fcden, der kolonialen Welt oder der Dritten Welt von gestern \u2013 nur \u00fcberwunden werden, indem man sich den milit\u00e4rischen, politischen, wirtschaftlichen, mentalen und kulturellen Dimensionen des Kolonialismus umfassend stellt und den internationalen Kampf verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Voraussetzungen f\u00fcr die Entstehung eines solchen Kampfes im 21. Jahrhundert haben sich an mehreren Fronten herausgebildet. Neben den negativen Aspekten der sich rasch entwickelnden Technologien und Informationstechnologien gibt es auch Aspekte, die im Hinblick auf die Dynamik der gesellschaftlichen K\u00e4mpfe positiv bewertet werden k\u00f6nnen. Die M\u00f6glichkeit, sofort zu erfahren, was auf der anderen Seite der Welt geschieht, f\u00f6rdert direkte Solidarit\u00e4t unter den Menschen und erzeugt Spannungen innerhalb des Systems selbst. Die bewussten und moralischen Werte, die den Menschen zum Menschen machen, haben sich in einen Kampf um die Erhaltung der eigenen Existenz gegen das System entwickelt. Wenn Gesellschaften sich ihrer eigenen Unterschiedlichkeiten bewusst werden, verurteilen sie die enge Verbindung zwischen Nationalismus und Kolonialismus. In einer Welt, in der sich alle in Hinblick auf Mode-Labels \u00e4hneln, ist es gerade die Begegnung mit denen, die anders sind \u2013 also mit dem, was aus dem Gegenteiligen hervorgeht \u2013, die die eigene Besonderheit\/Unterschiedlichkeit sichtbar macht. Der Unterschied wird in dem Ma\u00dfe wahrgenommen, wie \u201edie:der Andere\u201d abgelehnt wird. Die heutige Welt spielt daher eine doppelte Rolle. Einerseits homogenisiert sie, andererseits dr\u00e4ngt sie dazu, die eigene Besonderheit zu verstehen und zu bewahren. Eine Kultur kann als lebendiges Gebilde nur in dem Ma\u00dfe \u00fcberleben, wie es ihr gelingt, sich selbst zu bewahren und weiterzuentwickeln. In diesem Sinne ist Widerstand gegen das koloniale System \u2013 das heute seine extremsten Formen erreicht \u2013 nur m\u00f6glich, wenn ein Bewusstsein aufrechterhalten wird, das auf der Einheit und Gleichheit der Unterschiede gr\u00fcndet. Es ist eine bekannte Tatsache, dass auf den H\u00f6hepunkt der Niedergang folgt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die gegenseitige Solidarit\u00e4t, die sich zwischen Gesellschaften entwickelt, die gesellschaftliche Sensibilit\u00e4t, das zunehmende Aufkommen von Frauenbewegungen, Menschenrechte, Demokratie und eine auf Freiheit basierende Politik \u2013 Werte, die angesichts der Diskurse unserer Zeit an Bedeutung gewinnen \u2013 sind wertvolle Ansatzpunkte. In diesem Sinne kann das 21. Jahrhundert noch immer eine neue \u00c4ra der Hoffnung f\u00fcr die Menschheit sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Jineoloj\u00ee Magazin, Ausgabe 25 (Thema Kolonialismus) Wie und warum entwickelte sich die Idee des Kolonialismus? Was f\u00fchrte zu dieser Mentalit\u00e4t und welche Folgen hatte sie? Und vor allem: Wie ist diese Mentalit\u00e4t entstanden? Zweifellos sind dies Fragen, die beantwortet werden m\u00fcssen, um die Welt, in der wir leben, zu verstehen und zu ver\u00e4ndern. 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