{"id":2220,"date":"2026-02-01T20:54:27","date_gmt":"2026-02-01T17:54:27","guid":{"rendered":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/?p=2220"},"modified":"2026-02-01T20:54:27","modified_gmt":"2026-02-01T17:54:27","slug":"raqqa-der-widerstand-der-wuerde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/2026\/02\/01\/raqqa-der-widerstand-der-wuerde\/","title":{"rendered":"Raqqa, der Widerstand der W\u00fcrde"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Besuch in Raqqa. Das war im Juni 2018. Einige Monate zuvor, im Oktober 2017, endete die sogenannte Operation \u201eZorn des Euphrats\u201c. Bereits im Juni desselben Jahres war sie in ihre letzte Phase eingetreten. Mit ihr fanden vier Jahre der Dunkelheit unter der Herrschaft des IS ein Ende, der die Stadt zur Hauptstadt seines Terror-Kalifats erkl\u00e4rt hatte. Nach monatelangen heftigen K\u00e4mpfen befreiten die Syrischen Demokratischen Kr\u00e4fte (SDF) unter der F\u00fchrung der Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) die Stadt und ihre Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p align=\"justify\">Raqqa ist eine sehr alte Stadt mit einer arabischen Mehrheit, in der seit jeher Kurd*innen und Assyrer*innen co-existieren. Sie hat ein W\u00fcstenklima, das jedoch vom intensiven Blau des Euphrat und der gr\u00fcnen Vegetation an seinen Ufern gepr\u00e4gt ist. Als wir die Stadt 2018 besuchten, waren 90 % der Stadt durch den Krieg zerst\u00f6rt. Ich erinnerte mich sehr gut an den Platz, von dem aus die YPJ-Kommandantur das Ende der Schlacht um Raqqa und die Befreiung der Stadt verk\u00fcndete. Dieser Platz war von Daesh genutzt worden, um seine Terrorbotschaft zu verbreiten, indem man enthauptete K\u00f6pfe um ihn herum aufstellte und Menschen in K\u00e4figen in seiner Mitte einsperrte. Derselbe Platz, der vier Jahre lang ein Symbol f\u00fcr die tiefste Brutalit\u00e4t unseres Jahrhunderts gewesen war, wurde nun zu einem Symbol der Befreiung und Hoffnung.<\/p>\n<p align=\"justify\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2223 aligncenter\" src=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Raqqa-Square-300x134.jpeg\" alt=\"\" width=\"518\" height=\"231\" srcset=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Raqqa-Square-300x134.jpeg 300w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Raqqa-Square.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 518px) 100vw, 518px\" \/><\/p>\n<p align=\"justify\">Das zweite Mal besuchte ich Raqqa vor einigen Monaten. Sieben Jahre sp\u00e4ter wirkte die Stadt ver\u00e4ndert. Raqqa war wieder aus ihren Ruinen auferstanden. Das Leben, der L\u00e4rm und die Farben hatten nichts mehr mit der Stille, dem Misstrauen und der Traurigkeit gemeinsam, die bei meinem ersten Besuch herrschten. Raqqa war aus einem Albtraum erwacht, der zu lange gedauert hatte und nicht leicht zu vergessen war. Mit gro\u00dfer Anstrengung und Entschlossenheit war die ehemalige Hauptstadt des IS zur Verwaltungshauptstadt der Demokratischen Autonomen Verwaltung Nord- und Ostsyriens geworden, die von Frauen gef\u00fchrt wird und in der alle ethnischen und religi\u00f6sen Gemeinschaften vertreten sind. Wir hatten die Gelegenheit, das Zenobia-Zentrum zu besuchen, die Frauenbewegung der arabischen Regionen oder in ihren Worten: der befreiten Regionen. Arabische Frauen f\u00fchrten ebenso wie kurdische Frauen den Transformationsprozess ihrer Gesellschaft an, leisteten Aufkl\u00e4rungs- und Sensibilisierungsarbeit und bildeten andere Frauen aus und organisierten sie. Das Zentrum war mit vielen kleinen Flaggen von Abdullah \u00d6calan geschm\u00fcckt, dem Vordenker und Begr\u00fcnder des Paradigmas der demokratischen Nation, dem Konzept, auf dem die Rojava-Revolution basiert; ein Paradigma, in dem die arabischen Frauen von Raqqa die M\u00f6glichkeit gefunden hatten, zu existieren. Diese Frauen hatten unter dem Joch des IS gelebt hatten und lehnten sich weiterhin gegen die klassischen und traditionellen Rollen auf, die ihre Gemeinschaft von ihnen erwartete. Sie waren gl\u00fccklich, stark und entschlossen, weiterhin auf Freiheit und W\u00fcrde zu bestehen.<\/p>\n<p align=\"justify\">In den letzten Tagen, angesichts der Angriffe der Gruppen der \u00dcbergangsregierung von Damaskus und der T\u00fcrkei in der Region und nachdem Raqqa wieder unter der Kontrolle der HTS steht, einer neuen Bezeichnung f\u00fcr die salafistische Ideologie des IS, und angesichts all der Bilder und Informationen, die von dort \u00fcber die R\u00fcckkehr des Albtraums kommen, den sie seit 2017 zu vergessen versuchten, frage ich mich st\u00e4ndig: Was ist wohl aus ihnen geworden?<\/p>\n<p align=\"justify\">Was heute angegriffen wird, ist nicht nur ein Volk und ein Land, sondern eine Lebensweise und Kultur, die W\u00fcrde selbst und die Sch\u00f6nheit des Zusammenlebens. Aber wenn Rojava und Raqqa in diesen Jahren eines gezeigt haben, dann ist es, dass nichts die Augen von Frauen wieder schlie\u00dfen kann, wenn sie einmal ge\u00f6ffnet sind; dass Frauen, wenn sie sich einmal f\u00fcr ein Leben in Freiheit entschieden haben, immer einen Weg finden werden, dieses Ziel zu erreichen; dass nichts die Kraft und den Willen von Frauen aufhalten kann.<\/p>\n<p align=\"justify\">Ich m\u00f6chte diesen kurzen Beitrag nutzen, um einen Teil des Interviews zu teilen, das 2019 mit <strong>Cihan Sheik Ahmed, Kommandantin der YPJ und Sprecherin der Schlacht um Raqqa<\/strong>, gef\u00fchrt und in dem Buch \u201eMujer Vida Libertad: En el fuego de la revoluci\u00f3n de las mujeres de Rojava\u201d (\u00fcbersetzt \u201eFrau Leben Freiheit: Im Feuer der Revolution der Frauen von Rojava\u201c) ver\u00f6ffentlicht wurde. Cihan ist Kurdin aus Raqqa:<\/p>\n<p align=\"justify\">\u201eF\u00fcr mich war es eine gro\u00dfartige Erfahrung, als Sprecherin den Krieg zu koordinieren. Ich habe mich als Vertreterin der YPJ in die Geschichte eingeschrieben. Ich bin wirklich gl\u00fccklich. Als die Dschihadisten in Raqqa einmarschierten, war ich dort. Es war wie eine Wunde. Ich wurde in Raqqa verwundet. Wir mussten fliehen. Aber in meinem Kopf gab es immer den Traum, nach Raqqa zur\u00fcckzukehren, Raqqa zu befreien. Als die Front in Raqqa begann, war es selbstverst\u00e4ndlich, dass ich mich daran beteiligte. Denn ich kenne sowohl das Gebiet als auch die Menschen. Die Menschen in Raqqa riefen uns; sie kannten die Syrischen Demokratischen Kr\u00e4fte und wussten, dass ihr Leid unter Daesh ein H\u00f6chstma\u00df erreicht hatte. Daher war unser Start an der Front einerseits f\u00fcr die Menschen und andererseits f\u00fcr die Rache der jesidischen Frauen. Raqqa war eine friedliche Stadt. Es gibt Kurdinnen, Araberinnen, Assyrerinnen &#8230; Unsere Nachbarn kamen aus allen Teilen der Welt; Musliminnen, Christinnen. Es gab keine Unterschiede zwischen uns. Diese Stadt, die in Ihrer Vorstellung immer sch\u00f6n ist, ist jetzt ein Ort, an dem Frauen verkauft und vergewaltigt werden. Meine Familie lebte ein Jahr lang in Raqqa unter Daesh. Der Schmerz der Familie und der Menschen war der Hauptgrund, die Stadt zu befreien, zusammen mit dem Ruf des Volkes.<\/p>\n<p align=\"justify\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2224 alignleft\" src=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Raqqa-Berxwedan-154x300.webp\" alt=\"\" width=\"242\" height=\"471\" srcset=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Raqqa-Berxwedan-154x300.webp 154w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Raqqa-Berxwedan.webp 360w\" sizes=\"auto, (max-width: 242px) 100vw, 242px\" \/>In Raqqa war es Realit\u00e4t, dass Frauen sowohl in der Koordination als auch im Kampf und an den vordersten Fronten vertreten waren. Unsere Genossen haben auch gek\u00e4mpft, das will ich nicht bestreiten. Aber bis heute wurden alle Kriege auf der Welt und in der Geschichte immer mit der Mentalit\u00e4t der M\u00e4nner gef\u00fchrt, und der Krieg, den M\u00e4nner f\u00fchren, unterscheidet sich sehr von dem Krieg, den Frauen f\u00fchren. Der Krieg, den M\u00e4nner f\u00fchren, bringt mehr Zerst\u00f6rung mit sich. Er bringt Macht. Aber der Krieg, den Frauen f\u00fchren, bringt Leben mit sich. Ich war als Sprecherin in Raqqa. Vielleicht kannten sie uns anfangs nicht im ideologischen Sinne, weil wir direkt an die Front gingen, aber die Menschen sahen in den Frauen, in ihrem Kampf und in ihrer Opferbereitschaft die Revolution, die wir heute als Revolution im Norden und Osten Syriens bezeichnen. Wir sagen, dass unsere Revolution f\u00fcr ganz Syrien ist, obwohl zuvor die Menschen in Manbij, Raqqa und Deir ez-Zor weit von uns entfernt waren. Sie mochten uns nicht besonders. An der Front sahen Frauen, M\u00e4nner, M\u00e4dchen oder \u00e4ltere Frauen, als wir sie in Sicherheitszonen brachten, unsere St\u00e4rke, das hei\u00dft, sie sahen Leben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Bei den Frauen unserer arabischen Bev\u00f6lkerung geschah etwas sehr Seltsames, denn unsere kurdische und arabische Kultur unterscheiden sich voneinander. Au\u00dferdem haben wir als kurdische Gesellschaft ein Erbe, wir kennen die Bewegung und sind sensibel daf\u00fcr. Deshalb haben wir seit Jahren unser Streben nach Freiheit weiterentwickelt. Das war im kurdischen Volk schon immer so. Aber in unserer arabischen Gesellschaft, insbesondere bei den Frauen, war das nicht der Fall. Sie lernten es nach der Befreiung dieser St\u00e4dte kennen. Als die jungen arabischen Frauen zu uns kamen, sagten sie zun\u00e4chst: \u201eGebt uns Waffen, wir werden uns an Daesh r\u00e4chen.\u201c Daesh hatte ihren Vater, ihre Mutter oder ihren Bruder get\u00f6tet, ihnen die Kehle durchgeschnitten. Sie wollten Rache, denn der Schmerz, den die Frauen unter Daesh erlitten haben, ist wirklich sehr gro\u00df. Aber nachdem sie angekommen waren und sich uns angeschlossen hatten, war es zun\u00e4chst einmal notwendig, dass sie sich selbst kennenlernten, ihre Pers\u00f6nlichkeit, ihre Geschichte und ihre Existenz, damit sie ihre eigenen Entscheidungen treffen konnten. Deshalb sagten wir: \u201eUnsere Rache ist alles, was wir \u00fcber uns selbst als Frauen wissen k\u00f6nnen.\u201c Unsere Rache ist nicht nur milit\u00e4rischer Natur. Warum sage ich das? Die YPJ zieht nicht nur in den Krieg und k\u00e4mpft gegen Feinde. Sie will vor allem diese Machtmentalit\u00e4t beenden, die sich seit Jahrtausenden in der Gesellschaft etabliert hat; sie will die Mentalit\u00e4t der Unterdr\u00fcckung durchbrechen und einen neuen eigenen Willen der Frauen aufbauen. Als die arabischen Frauen diese Realit\u00e4t verstanden, wurden sie st\u00e4rker, was ihr Denken und ihr Selbstvertrauen angeht. Es wurde der Welt bekannt gemacht, dass Frauen, wenn sie mental triumphieren, sich befreien. Solange Frauen mental nicht frei sind, k\u00f6nnen sie nicht zu den Waffen greifen und k\u00e4mpfen. Daesh repr\u00e4sentiert die h\u00f6chste Stufe der Mentalit\u00e4t der Unterdr\u00fcckung, eine Mentalit\u00e4t, die uns ausl\u00f6schen will. Wenn wir nicht vereint sind, wenn wir keinen starken Kampf f\u00fchren, wenn wir unsere Organisation nicht vergr\u00f6\u00dfern, werden wir immer mit dieser Mentalit\u00e4t konfrontiert sein. Morgen wird Daesh einen anderen Namen tragen. Es dauert nicht mehr lange, bis wir Daesh besiegt haben, aber seine Mentalit\u00e4t besteht weiterhin. Deshalb endet unser Kampf nicht mit dem Ende von Daesh. Unser Kampf wird mit der Beseitigung der Mentalit\u00e4t der Dominanz enden. Wenn wir wirklich eine freie Gesellschaft mit der Farbe der Frauen aufbauen, dann k\u00f6nnen wir sagen, dass wir das gew\u00fcnschte Ergebnis erreicht haben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Es war ein gro\u00dfer Erfolg. Einerseits k\u00e4mpften wir, andererseits bauten wir auch unsere Organisation auf und aus. Wir eroberten ein Dorf, und alle jungen Leute schlossen sich uns an. Sie wurden ausgebildet und k\u00e4mpften an der Front mit. Die Stammesf\u00fchrer trafen sich mit uns, halfen uns sehr, und die Menschen standen auf unserer Seite. Wenn in einem Krieg die Menschen auf deiner Seite stehen, wirst du gewinnen, das ist eine Tatsache. Die Menschen sagten: \u201eWir sind beruhigt, wenn wir sehen, dass Frauen an der Spitze einer Truppe stehen, denn wir wissen, dass dieses Dorf befreit werden wird, dass dieses Viertel befreit werden wird.\u201c In Raqqa sprachen sie von \u201ekurdischen Frauen\u201c, aber eigentlich waren es die Frauen der YPJ. F\u00fcr uns war das eine gro\u00dfartige Erfahrung. Die Menschen in Raqqa hatten aufgrund der Gewalt durch den IS eine andere Mentalit\u00e4t. Als du diese Menschen befreit hast, als du ihnen in die Augen geschaut hast, hast du gesehen, dass der Wert des Lebens, die Hoffnung auf Leben, gestorben war. Deshalb war unsere Front in Raqqa nicht nur milit\u00e4risch, sondern auch sozial, sie war eine humanit\u00e4re Front. Wie bringt man einen Menschen zur\u00fcck ins Leben? Man h\u00f6rt den Kindern zu, die Daesh indoktriniert hat, und wei\u00df, dass diese Kinder ihre Kindheit verloren haben. Krieg, Mord, Enthauptungen, Abhacken von H\u00e4nden. Wenn man sie umarmt und sie l\u00e4cheln, entsteht etwas Neues in ihnen, man sp\u00fcrt, dass sie sich nach Leben sehnen. Als wir in Raqqa ankamen, sagten die Menschen zu uns: \u201eSeid ihr wirklich echt?\u201c Es war wie ein Traum. Einmal kam eine Frau auf mich zu, k\u00fcsste mich und sagte: \u201eDas reicht mir, du bist eine Frau, die gekommen ist, um uns zu befreien. Eine Frau, die kommt, um Frauen zu befreien, eine Frau, die kommt, um Frauen zu retten. Eine andere Frau sagte: \u201eIch sehe dich an und bin gl\u00fccklich, ich sehe mich selbst in dir.\u201c Es stimmt, wir haben Raqqa befreit, wir haben Manbij befreit, jetzt (2019) befreien wir Deir ez-Zor, aber diese Menschen brauchen dringend psychologische Hilfe. Eine Stadt wieder aufzubauen ist kein Problem, aber einen Menschen wieder aufzubauen, das ist das Wichtigste. Wenn wir uns die Geschichte ansehen, sehen wir, dass alle Kriege, die es gab, um Macht und Herrschaft gef\u00fchrt wurden, aber Frauen k\u00e4mpfen um ihre Existenz, um Freiheit.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Besuch in Raqqa. Das war im Juni 2018. 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