{"id":2161,"date":"2026-01-28T12:55:28","date_gmt":"2026-01-28T09:55:28","guid":{"rendered":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/?p=2161"},"modified":"2026-01-29T21:51:02","modified_gmt":"2026-01-29T18:51:02","slug":"gegen-die-politik-der-ohnmacht-widerstand-leisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/2026\/01\/28\/gegen-die-politik-der-ohnmacht-widerstand-leisten\/","title":{"rendered":"Gegen die Politik der Ohnmacht Widerstand leisten"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">In einer Zeit des Krieges, des Genozids und der Versuche, die Rojava Revolution zu zerschlagen, setzt das System neben Waffen auch Werkzeuge der speziellen Kriegsf\u00fchrung ein. Diese zielen insbesondere darauf ab, uns die Hoffnung zu nehmen und uns in den Nihilismus zu treiben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die psychologische Spezialkriegsf\u00fchrung ist eines der am h\u00e4ufigsten genutzten Mittel hegemonialer Staaten, um den Willen von Menschen, Gesellschaften und Frauen zu brechen. Sie wird eingesetzt, um die Ideologie und die blo\u00dfe Existenz der Gesellschaft anzugreifen \u2013 etwas, das wir derzeit in Rojava beobachten k\u00f6nnen. Diese Form der Kriegsf\u00fchrung manipuliert unsere Emotionen, die sich naturgem\u00e4\u00df ver\u00e4ndern je nach dem was geschieht und was wir sehen. In den ersten Tagen der Angriffe waren die kollektiven Emotionen d\u00fcster und traurig. Als sich die Bev\u00f6lkerung von Rojava jedoch erhob und entschied, f\u00fcr ein freies Leben zu k\u00e4mpfen, \u00e4nderten sich die Gef\u00fchle und die Moral stieg.<\/p>\n<p align=\"justify\">Es liegt in der Natur der Gef\u00fchle, auf Stimuli zu reagieren; genau hier setzt der Spezialkrieg an, da darin eine menschliche Schw\u00e4che liegt. F\u00fcr Frauen ist dies noch einschneidender. Angesichts von Femiziden und Bildern von Gewalt und Folter empfinden wir Empathie und sind oft wie blockiert \u2013 wir leiden und werden w\u00fctend \u2013 doch dies f\u00fchrt nicht immer zu Organisierung und Handeln.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der Spezialkrieg arbeitet gezielt daran, Menschen zum Schweigen zu bringen und zu l\u00e4hmen; sie inaktiv zu machen, in einem Prozess, der Kampf, Willen und Widerstand erfordert. Die hegemoniale Macht, die jede Form des freien kommunalen Lebens zu zerst\u00f6ren versucht, spielt mit Bildern, um Angst und Panik zu sch\u00fcren. Ich glaube, niemand, der in irgendeiner Weise mit Rojava in Kontakt steht, bleibt angesichts dieser Angriffe unber\u00fchrt, f\u00fchlt keinen Schmerz oder keine Sorge. Die Bilder, die uns erreichen, sind gepr\u00e4gt von Misogynie, Hass auf das was aufgebaut wurde und Unmenschlichkeit. W\u00e4hrend sie einerseits Wut und Schmerz ausl\u00f6sen, die zum Handeln dr\u00e4ngen, k\u00f6nnen sie andererseits auch zur Erstarrung f\u00fchren. Viele sagen: \u201eJeden Tag gibt es ein Massaker, jeden Tag Krieg. Was k\u00f6nnen wir tun?\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Dieser Spezialkrieg erzeugt Panik und Verwirrung und schr\u00e4nkt die F\u00e4higkeit ein, sich richtig zu organisieren. Er f\u00fchrt dazu, dass Menschen sich machtlos f\u00fchlen, aufh\u00f6ren, sich zu informieren, oder planlos reagieren und sich gegenseitig bek\u00e4mpfen. Wir sind daran gew\u00f6hnt, Tod im Fernsehen, in Zeitungen und auf dem Handy zu sehen \u2013 ein regelrechtes Bombardement, das nicht den K\u00f6rper, sondern die Seele trifft. Das Ziel ist es, uns glauben zu lassen, dass wir angesichts dieses Grauens machtlos sind und dass dessen Existenz unvermeidlich sei.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wieder einmal wird der K\u00f6rper der Frau zum Mittel f\u00fcr diese Manipulation, besonders in Rojava und Nordostsyrien, wo Frauen seit Jahrzehnten f\u00fcr ein gerechteres Leben k\u00e4mpfen. Der erste Schlag muss sie treffen, ihre Symbole und alle die sie unterst\u00fctzen. Dies muss demonstriert werden, um die Emotionen zu beeinflussen, damit Frauen das Gef\u00fchl bekommen, dass sie niemals Erfolg haben werden; und damit M\u00e4nner sich angesichts der Angriffe auf ihre Genossinnen machtlos f\u00fchlen oder sich sch\u00e4men, M\u00e4nner zu sein. Es ist ein Spiel, das die Emotionen ber\u00fchrt und Patriarchat und Sexismus best\u00e4rkt.<\/p>\n<p align=\"justify\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2169 alignleft\" src=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Rose-169x300.jpg\" alt=\"\" width=\"245\" height=\"435\" srcset=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Rose-169x300.jpg 169w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Rose.jpg 576w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/>Eine Form des Widerstands muss genau im Bereich der Emotionen liegen: sie zu politisieren, zu organisieren und zu vergesellschaften. Emotionen sind ein Zeichen von Lebendigkeit. Es gibt keine \u201enegativen\u201c oder \u201epositiven\u201c Emotionen, da sie alle unser Denken und Handeln leiten. Selbst extreme Wut oder tiefe Trauer k\u00f6nnen politisiert und effektiv auf ein Ziel gerichtet werden. Wenn Emotionen jedoch entweder verflachen oder unkontrolliert herausbrechen, l\u00e4hmen sie uns \u2013 und der Spezialkrieg hat gewonnen. Alle Emotionen sind wertvoll, aber wenn wir sie nicht politisieren k\u00f6nnen sie uns blockieren oder in einen Zustand der Inaktivit\u00e4t fallen lassen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wir sollten versuchen, uns auf das Leben zu konzentrieren, nicht auf den Tod; auf die Freude, die aus Einigkeit und gemeinsamen K\u00e4mpfen entsteht. Gef\u00fchle zu unterdr\u00fccken, oder so zu tun als w\u00e4ren sie nicht da, ist keine Politisierung, sondern eine Falle des Spezialkrieges, der uns entweder ausdruckslos, distanziert und kalt oder emotional v\u00f6llig \u00fcberfordert sehen will. Die St\u00e4rke besteht darin, unsere Gef\u00fchle in unserem Handeln zu zeigen \u2013 um dem, was wir verteidigen wollen, eine tiefere Bedeutung zu geben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Revolution ist nicht vorbei, denn sie ist nichts, was einfach so anf\u00e4ngt und endet; sie ist ein st\u00e4ndiges Werden, das sich je nach Situation ver\u00e4ndert, wandelt und fortsetzt. Die Rojava Revolution flie\u00dft im Boden selbst, getr\u00e4nkt mit dem Blut tausender Gefallener. Sie lebt in den Frauen, die K\u00e4mpfen und alles verteidigen was sie aufgebaut haben; sie lebt in den jungen Frauen und M\u00e4nnern, die stolz darauf sind in einem revolution\u00e4ren Land aufgewachsen zu sein; sie lebt in der kollektiven Erinnerung all jener Menschen, die diesen Ort durchlaufen haben; und in der Sprache, die sich f\u00fcr das Leben und die Liebe entscheidet; sie lebt in dem Bewusstsein dessen, was verteidigt wird \u2013 und wir sind bereit daf\u00fcr unser Leben zu geben. Die Rojava Revolution ist ein Wind, der jeden Teil der Welt erreicht hat und sich nicht so leicht zerst\u00f6ren l\u00e4sst.<\/p>\n<p align=\"justify\">Um sie zu verteidigen, m\u00fcssen wir uns mit diesen Aspekten besch\u00e4ftigen, mit den verstecktesten Details dieser Revolution. Die Feinde der Revolution und der Menschheit wissen, dass diese Aspekte am schwierigsten zu zerst\u00f6ren sind. Aus diesem Grund wenden sie psychologische Kriegsf\u00fchrung an und versuchen, alle Emotionen, die mit diesem Ort, und mit diesen Menschen verbunden sind, auszul\u00f6schen oder uns durch Angriffe auf das Ged\u00e4chtnis vergessen zu lassen. Oder sie versetzen uns in die Angst, etwas tun zu m\u00fcssen, ohne die Gegenwart mit Blick auf die Zukunft zu reflektieren oder zu analysieren, was uns manchmal dazu bringt, die Gr\u00fcnde zu vergessen, warum wir diese Revolution verteidigen. Wir d\u00fcrfen nicht zulassen, dass die Sprache dieses Feindes den pers\u00f6nlichsten Teil von uns ber\u00fchrt \u2013 unseren Wunsch, f\u00fcr eine gerechte Welt, f\u00fcr die Freiheit der Frauen und f\u00fcr eine freie Gesellschaft zu k\u00e4mpfen. Unser Denken und unsere Methode sollten auf Reflexion und Tiefe basieren und nicht nur die K\u00f6pfe der Menschen, sondern auch ihre Seelen erreichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p align=\"justify\">\u00dcber Rojava zu sprechen bedeutet auch \u00fcber Demokratischen Konf\u00f6deralismus zu sprechen. Es bedeutet, dass seit 12 Jahren verschiedene Bev\u00f6lkerungsgruppen (Kurd:innen, Armenier:innen, Araber:innen, Tschetschen:innen, Turkmen:innen, Assyrer:innen) mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen (christlich, muslimisch, jesidisch, zoroastrisch) gemeinsam ein Leben aufbauen, das auf der Freiheit der Frauen, Basisdemokratie und \u00d6kologie basiert; ein kommunales Leben, das auf Beziehungen und einem freieren und besser organisierten Zusammenleben beruht. Da spezielle Kriegsf\u00fchrung eher spaltet als vereint, f\u00f6rdert sie den Nationalismus, um das Projekt des Demokratischen Konf\u00f6deralismus zu zerst\u00f6ren, das auf den Konzepten der Frauenbefreiung und Kommunalit\u00e4t basiert. In diesem Sinne ist es auch eine Art, Widerstand zu leisten und dieses Projekt und die Menschen, die Teil dessen sind zu unterst\u00fctzen, wenn man dar\u00fcber spricht, wie Unterschiede aufeinandertreffen, welche Energien sie freisetzen und welche Gef\u00fchle dahinterstecken \u2013 gegen den physischen, politischen und gesellschaftlichen Genozid an den Werten des Demokratischen Konf\u00f6deralismus und der Frauenrevolution.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wir sehen hier, wie wichtig Erinnerung ist. Eine kollektive und historische Erinnerung. Unsere liebe Freundin Nagihan Akarsel hat uns gezeigt, wie sehr Erinnerung ein wichtiges Mittel im Kampf und im Widerstand ist und wie sehr Frauen das historische Ged\u00e4chtnis der Gesellschaft repr\u00e4sentieren. Wir sollten \u00fcber Rojava und sein Leben, seine Geschichte, die Freuden und Leiden dieses Landes und dieser V\u00f6lker sprechen, aber auch \u00fcber den Alltag der Frauen, der Menschen, die dort leben \u2013 mit all ihren Unterschieden. Jede:r, der schon mal in Rojava war, sollte \u00fcber das Leben dort erz\u00e4hlen, \u00fcber die erlebten Momente, damit das Gebiet nicht nur in der romantischen Vorstellung bleibt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"justify\"><em>\u201eIch schreibe diesen Text aus einem Gebiet, in dem Leben gleichbedeutend mit Widerstand ist. Widerstand: ein Wort, das alle Bedeutungen des eigenen Territoriums umfasst. Das Leben selbst&#8230; Die tugendhafte Position der Existenz. Das Manifest der gr\u00f6\u00dften Freiheitsbewegung unserer Zeit, das mit dem Satz beginnt: \u201aWiderstand ist Leben\u2018. Die Formel einer bewussten Organisation, die die Wahrheit sucht, sch\u00fctzt und verteidigt, indem sie sich an diesen Satz klammert. Eine Art des Existierens, die mit einer ganzheitlichen Stimme im Kontext von Zeit und Raum auf Deleuzes Aussage antwortet: \u201aWenn die Macht das Leben zu ihrem Ziel macht, wird das Leben selbst zum Widerstand gegen die Macht\u2018&#8230; Zu schreiben, was man lebt, ist ein schwieriger Akt. Die Bedeutung dessen, was man erlebt hat, aus der Perspektive auszudr\u00fccken, die es verdient, ist noch schwieriger. Dieses Gef\u00fchl kann alle Ans\u00e4tze, die man unternehmen m\u00f6chte, untergraben. Denn du befindest dich in einer Zeit, in der du beginnst, die Herzschl\u00e4ge derer zu z\u00e4hlen, die sich der Bedeutung des Widerstands verschrieben haben. Derer, die sich weigern, ihren K\u00f6rper, Zelle f\u00fcr Zelle, all den Schmerzen ihres Territoriums auszusetzen&#8230; Der sch\u00f6nsten Menschen unserer Zeit, die mit ihrem Leben die Bedeutung des Widerstands offenbaren&#8230;\u201d<\/em><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-2173 aligncenter\" src=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Mond-und-Pistazienbaeume-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"394\" srcset=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Mond-und-Pistazienbaeume-300x169.jpg 300w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Mond-und-Pistazienbaeume-768x432.jpg 768w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Mond-und-Pistazienbaeume.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\"><i><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> \u00a0<\/i>\u00dcbersetzung eines Abschnitts aus: Nagihan Akarsel: <span style=\"color: #222222;\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">Varolu\u015fun Erdemli Duru\u015fu: Direni\u015f. Jineoloj\u00ee Dergisi, Say\u0131: 12, 2019, 10-21.<\/span><\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Spezialkrieg, Gef\u00fchle und den Widerstand gegen die Politik der Ohnmacht in Zeiten des Dritten Weltkriegs.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":2167,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[46,47,17,5,56],"tags":[198,194,197,97,196],"class_list":["post-2161","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-akademie","category-artikel","category-almani","category-politik","category-selbstverteidigung","tag-demokratischer-konfoederalismus","tag-nord-und-ostsyrien","tag-politisierung-der-emotionen","tag-rojava","tag-spezialkrieg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2161","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2161"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2161\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2184,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2161\/revisions\/2184"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2167"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2161"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2161"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2161"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}