{"id":1715,"date":"2025-04-21T09:19:10","date_gmt":"2025-04-21T06:19:10","guid":{"rendered":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/?p=1715"},"modified":"2025-04-22T07:53:41","modified_gmt":"2025-04-22T04:53:41","slug":"lasst-uns-den-fruehling-feiern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/2025\/04\/21\/lasst-uns-den-fruehling-feiern\/","title":{"rendered":"Lasst uns den Fr\u00fchling feiern!"},"content":{"rendered":"<p>Wenn wir das Leben befreien, Sch\u00f6nheit schaffen und gemeinsam in Freiheit leben wollen, dann m\u00fcssen wir uns auf eine Suche begeben, deren Weg zu uns selbst f\u00fchrt. Wir m\u00fcssen uns selbst kennenlernen, unsere Gesellschaft und ihre Wurzeln verstehen, die auch unsere eigenen sind. Wir suchen nach unserer Geschichte, der Geschichte der Menschheit, die lange vor der Errichtung des Patriarchats, vor der Entstehung des Kapitalismus beginnt. Wir suchen nach den vielen Jahrtausenden von Geschichte, in denen menschliche Gesellschaften zusammen lebten, ohne einander und die Natur zu unterdr\u00fccken. Wir suchen nach ihren Br\u00e4uchen, ihrer Sicht auf die Welt, ihren Geschichten. Wie ist das kommunale Leben gewesen, wie wurde die Zeit verbracht, wie miteinander gelebt? Was hat Gemeinschaften verbunden und zusammengehalten? Wie haben sie sich verteidigt und ihre Werte entwickelt und aufrechterhalten?<\/p>\n<h2>Die Anf\u00e4nge der Kultur und Mutterg\u00f6ttinnen<\/h2>\n<p>Menschen haben fr\u00fch begonnen sich Fragen nach der Welt und dem Leben zu stellen und Antworten darauf zu finden. Die ersten Kulturen, die sich daraus entwickelten, beruhten auf der Verehrung der Natur \u2013 in Staunen und Ehrfurcht vor den rohen Kr\u00e4ften von Leben und Tod, in Anbetung einer Erde voller au\u00dfergew\u00f6hnlicher Kreaturen und eindrucksvoller Landschaften. Gemeinschaften haben aus der Erfahrung gelernt, auf das Land und den Himmel zu h\u00f6ren, den menschlichen K\u00f6rper und die K\u00f6rper aller Lebewesen zu verstehen und die Wirkungsweisen von Kr\u00e4utern und Fr\u00fcchten zu entdecken. Sie haben die M\u00e4chte der sie umgebenden Berge, Fl\u00fcsse und Quellen erlebt, die Wechsel der Jahreszeiten beobachtet, die Geheimnisse der Sterne und die Bewegungen von Sonne und Mond erforscht. So konnten sie mehr und mehr begreifen, wie alles miteinander verbunden ist und sich gegenseitig bedingt.<\/p>\n<p>Ihr Spiritualit\u00e4t brachte die Vorstellung von Sch\u00f6pferinnen und H\u00fcterinnen der Welt und des Lebens hervor. Wir nennen diese die Mutterg\u00f6ttinnenkultur. Relikte von ihr sind \u00fcber die ganze Erde verstreut ausgegraben worden. Ihre Spuren lassen sich in Geschichten finden, die durch die Jahrhunderte und Jahrtausende weitererz\u00e4hlt wurden. Darin tragen die G\u00f6ttinnen viele verschiedene Namen. In unserer Region hie\u00df sie zum Beispiel Holle, Holda, Helle, Perchta, Bertha, Frigga oder Freya. Die Mutterg\u00f6ttin erschien oftmals in einer Dreifaltigkeit, als junge Frau, Mutter und alte, weise Frau. Zehntausende Jahre lebten Menschen diese Spiritualit\u00e4t, die das Leben, die Gemeinschaft und Natur heiligte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1723\" aria-describedby=\"caption-attachment-1723\" style=\"width: 201px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1723 size-medium\" src=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/image00006-201x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/image00006-201x300.jpeg 201w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/image00006-688x1024.jpeg 688w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/image00006-768x1144.jpeg 768w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/image00006-1031x1536.jpeg 1031w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/image00006-1375x2048.jpeg 1375w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/image00006-scaled.jpeg 1719w\" sizes=\"auto, (max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1723\" class=\"wp-caption-text\">Newroz in Berlin. Bild von Granatapfel mit Salz.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Werte und gemeinsamen Glauben leben und lebten Menschen unter anderem in Form von Br\u00e4uchen, Traditionen, Ritualen aus. Oft orientieren sich diese am sich ewig wiederholenden Zyklus vom Werden und Vergehen der Natur. Jahreskreisfeste gaben dem gemeinsamen Leben eine Struktur, waren Anleitung f\u00fcr T\u00e4tigkeiten, wie S\u00e4hen, Ernten, Ruhen und Feiern und ein Anlass zum Ausdr\u00fccken von Bitten und Dankbarkeit gegen\u00fcber den Kr\u00e4ften, die alles gaben und nahmen.<\/p>\n<p>Das letzte Jahreskreisfest war die Tagundnachtgleiche um den 21. M\u00e4rz herum. Tagundnachtgleiche bedeutet, wie der Name es sagt, dass Tag und Nacht genau gleich lang sind. Im Mittleren Osten feiern viele Kulturen am 21. M\u00e4rz das Neujahrsfest, z.B. das kurdische Newroz-Fest. Nach dem langen Winter beginnt die Wiederauferstehung der Natur. Pflanzen k\u00e4mpfen sich durch das Erdreich hinaus zum Licht, Knospen erwachen an den B\u00e4umen, Blumen sprie\u00dfen aus dem Boden, das Wachstum ist nicht mehr aufzuhalten. Die geballte Energie von Mutter Erde ist nie so stark zu sp\u00fcren wie in diesen Tagen. Das Neue schafft sich seinen Raum, Menschen treffen sich wieder mit Freund*innen und Familie an der frischen Luft, begr\u00fcnen ihre G\u00e4rten oder Balkone und erfreuen sich gemeinsam daran, dass nun die K\u00e4lte der W\u00e4rme weicht. Wir k\u00f6nnen die Wildkr\u00e4uter Giersch, Brennnessel und B\u00e4rlauch sammeln und damit unsere K\u00f6rper reinigen und Kraft sammeln. Licht, W\u00e4rme und Energie kommen kraftvoll zur\u00fcck in die Welt.<\/p>\n<h2>Christentum und \u00e4ltere Br\u00e4uche<\/h2>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1720 alignleft\" src=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/IMG_20250420_094130_371-300x226.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"226\" srcset=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/IMG_20250420_094130_371-300x226.jpg 300w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/IMG_20250420_094130_371-1024x771.jpg 1024w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/IMG_20250420_094130_371-768x578.jpg 768w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/IMG_20250420_094130_371-1536x1157.jpg 1536w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/IMG_20250420_094130_371-2048x1542.jpg 2048w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/IMG_20250420_094130_371-86x64.jpg 86w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>In der christlich gepr\u00e4gten Kultur gilt als Fr\u00fchlingsfest das Osterfest. Noch immer erz\u00e4hlen wir uns, dass Nachts ein Hase durch die Gegend hoppelt und bunte Eier versteckt, die wir dann am Morgen suchen gehen. Doch Hase und Eier kommen in der Bibel gar nicht vor, wie auch der Begriff Ostern nicht. Es muss daf\u00fcr also andere Urspr\u00fcnge geben. Und diese liegen in den vor-christlichen Kulturen, die zum Teil gro\u00dfen Widerstand gegen die Christianisierung geleistet haben. W\u00e4hrend ihre Fr\u00fchlingsfeste dem Wiedererwachen der Natur nach den Wintermonaten und dem damit verbundene Versprechen der \u00dcberwindung des Todes gewidmet waren, feiern Christ*innen zu diesem Zeitpunkt die Wiederauferstehung Jesu und das damit verbundenen Versprechen der \u00dcberwindung des Todes. Darin l\u00e4sst sich nicht nur eine klare Parallele sehen, sondern auch die Verschiebung von einer Kultur. Die einstige Verehrung der Natur selbst, wird abgel\u00f6st, durch die Verehrung eines Gottes, der sich \u00fcber den Menschen und der Natur befindet.<\/p>\n<p>Ein m\u00f6glicher Ursprung f\u00fcr das Wort Ostern ist das altgermanische Wort Austro, was mit Morgenr\u00f6te \u00fcbersetzt werden kann, und seinen Ursprung wiederum im indogermanischen von: hell werden, Feuer holen hat. Der Begriff Ostern kann auch von der Mutter- und Lichtg\u00f6ttin Ostara hergeleitet werden. Einer keltischen Sage nach hat Ostara zu Anbeginn der Zeit ein Ei gelegt, das sie viele Jahrtausende lang zwischen ihren Br\u00fcsten trug, um es zu w\u00e4rmen und im Anschluss der Dunkelheit zu \u00fcbergeben. Als das reife Ei schlie\u00dflich aufbrach, ist aus ihm die ganze Welt geschl\u00fcpft: Pflanzen, Gew\u00e4sser, Menschen und Tiere. W\u00e4hrenddessen ist der Eidotter zur Sonne geworden, die Licht in die Dunkelheit brachte. Die Gabe der Eier, als Sinnbild der Erdenmutter Ostara, ist also ein Ritual, das der Geburt der Erde gedenkt. Hase und Eier sind au\u00dferdem sehr alte Symbole f\u00fcr den Fr\u00fchling und die Fruchtbarkeit. Der Hase, weil er eines der ersten Tiere ist, die im Fr\u00fchjahr Nachwuchs bekommen und weil er grunds\u00e4tzlich ein sehr fruchtbares Tier ist. Eine andere Erkl\u00e4rung ist, dass im Vollmond zur Tagundnachtgleiche ein Hase entdeckt werden kann, der Mondhase \ud83d\ude42<\/p>\n<p>Sowohl das Osterfeuer, als auch die Verwendung von Eiern zum Fr\u00fchlingsfest, kann bis in den Mittleren Osten zur\u00fcckverfolgt werden. Auch dort springen Menschen zu Newroz \u00fcber das Feuer, das zum Sonnenuntergang angez\u00fcndet wird. Und in der \u00cazidischen Kultur werden zum &#171;Roten Mittwoch&#187; (&#171;\u00c7ar\u015fema Sor&#187;) Eier bemalt, die die Perle symbolisieren, aus der laut ihrer Erz\u00e4hlung die Welt entstanden ist. Das Kochen der Eier wird als Parallele zur Entstehung des Universums gesehen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlicherweise legen viele H\u00fchner im Winter keine Eier. Erst mit dem Fr\u00fchlingsanfang kommen sie zur\u00fcck. Das Ei ist daher in vielen Kulturen ein Symbol f\u00fcr das Leben und die Fruchtbarkeit und wurde von fr\u00fchen Christen in Mesopotamien, ebenso wie von Sorben im heutigen Deutschland zum Fr\u00fchlingsfest bemalt und verschenkt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1719 alignright\" src=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Osterfeuer-2025-300x226.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"226\" srcset=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Osterfeuer-2025-300x226.jpeg 300w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Osterfeuer-2025-1024x771.jpeg 1024w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Osterfeuer-2025-768x578.jpeg 768w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Osterfeuer-2025-1536x1157.jpeg 1536w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Osterfeuer-2025-2048x1542.jpeg 2048w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Osterfeuer-2025-86x64.jpeg 86w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Wir sehen also, dass das Christentum, auch wenn es gewaltsam zur dominanten Kultur gemacht wurde, den Glauben, die Symbole und Br\u00e4uche der Menschen von davor nicht g\u00e4nzlich verdr\u00e4ngen konnte. Zum Beispiel werden noch heute an vielen Orten Osterfeuer entz\u00fcndet, die nicht von der Kirche, sondern von der Dorfgemeinschaft organisiert sind. Menschen kommen dabei zusammen und der Gr\u00fcnschnitt des letzten Jahres wird verbrannt. Auch backen viele Frauen zu Ostern noch immer den aus drei Str\u00e4ngen geflochtenen Osterzopf \u2013 ein Symbol daf\u00fcr, dass Dinge sich wandeln und das Muster daf\u00fcr neu gewebt wird. Vielleicht auch f\u00fcr die drei Formen der Mutterg\u00f6ttin, die sp\u00e4ter auch vom Christentum \u00fcbernommen wurden.<\/p>\n<p>Viele Br\u00e4uche sind aber auch dabei zu verschwinden oder l\u00e4ngst vergessen worden. Das R\u00e4uchern mit getrockneten Kr\u00e4utern zum Fr\u00fchlingsputz, das Segnen der Felder, das Abschreiten der Grundst\u00fccksgrenzen und die Spr\u00fcche oder Gebete, die die Menschen dabei sprachen.<\/p>\n<h2>Eine Kultur des Widerstands und der Revolution<\/h2>\n<p>Wenn wir ein freies Leben aufbauen wollen, dann brauchen wir auch eine Kultur, die die Werte der moralisch-politischen Gesellschaft enth\u00e4lt, vermittelt und sch\u00fctzt. Wir brauchen Erz\u00e4hlungen, Feste und Br\u00e4uche, die die ethischen und politischen Eigenschaften und Werte der Gesellschaft in den Mittelpunkt stellen, sie zusammenbringt, belebt und verbindet. Wir m\u00fcssen uns diese nicht aus den Fingern saugen. Wir k\u00f6nnen damit beginnen nach ihnen zu suchen und uns mit dem, was wir finden, auf den Weg zu etwas Neuem machen. Die Suche nach der kommunalen, naturverbundenen, freien Gesellschaft in unserer Geschichte, das Verstehen der Angriffe auf sie und ihres heutigen Zustands, wird uns helfen sie wieder zu st\u00e4rken, zu errichten und zu verteidigt.<\/p>\n<p>Mit diesen Worten w\u00fcnschen wir euch einen kraftvollen, verbundenen, widerst\u00e4ndigen Fr\u00fchling \u2013 Jin, Jiyan, Azad\u00ee!<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #808080;\">Aus dem Brief zum Fr\u00fchling des Jineoloj\u00ee Komitees Deutschland, 2023<\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir das Leben befreien, Sch\u00f6nheit schaffen und gemeinsam in Freiheit leben wollen, dann m\u00fcssen wir uns auf eine Suche begeben, deren Weg zu uns selbst f\u00fchrt. Wir m\u00fcssen uns selbst kennenlernen, unsere Gesellschaft und ihre Wurzeln verstehen, die auch unsere eigenen sind. 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