{"id":1652,"date":"2025-03-19T23:27:36","date_gmt":"2025-03-19T20:27:36","guid":{"rendered":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/?p=1652"},"modified":"2025-03-25T21:26:29","modified_gmt":"2025-03-25T18:26:29","slug":"die-rolle-des-paradigmas-in-den-sozialwissenschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/2025\/03\/19\/die-rolle-des-paradigmas-in-den-sozialwissenschaften\/","title":{"rendered":"Die Rolle des Paradigmas in den Sozialwissenschaften"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zozan Sima<\/strong><\/p>\n<p>In diesen Tagen erleben wir, wie ein Perspektivwechsel neue L\u00f6sungswege f\u00fcr die hartn\u00e4ckigsten Probleme er\u00f6ffnen kann. Damit einhergehend sind auch die Paradigmen-Debatten wieder neu entfacht. Die Diskussion \u00fcber das Paradigma, das in seiner einfachsten Form \u201ePerspektive\u201c oder \u201eSichtweise\u201c bedeutet, begann in den 1970er Jahren und wurde in den 1990er Jahren immer breiter gef\u00fchrt. Diejenigen, die den Zusammenbruch und Bankrott des alten Paradigmas erkl\u00e4rten, vers\u00e4umten es jedoch, das neue Paradigma zu formulieren. Die Freiheitsbewegung Kurdistans hat mit den 2003 verfassten Athener Verteidigungsschriften von R\u00eaber Apo begonnen, ein neues Paradigma zu diskutieren. Seit 22 Jahren wissen wir also, was unser neues Paradigma ist. Doch es zu kennen bedeutet nicht, dass wir in dieses Paradigma eingetreten sind und entsprechende Perspektiven entwickelt haben. In dieser Hinsicht befinden wir uns in einer Zeit, in der wir intensiver denn je \u00fcber die Entwicklung von Perspektiven im Sinne des neuen Paradigmas diskutieren m\u00fcssen, mag es auch mit noch so gro\u00dfer Verz\u00f6gerung sein. Da die Frauenbefreiung einer der Grundsteine unseres Paradigmas ist und Frauen bei der Verwirklichung des Paradigmas eine wegweisende Rolle haben, w\u00e4chst unsere Verantwortung. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, die Rolle des Paradigmas in der Wissenschaft, besonders in den Sozialwissenschaften, und die Verbindung zwischen unserem Ziel der gesellschaftlichen Transformation und dem Paradigma zu definieren.<\/p>\n<h4>Wegbereiterinnen der Wissenschaften<\/h4>\n<p>Die Ideen und Erfindungen, die s\u00e4mtlichen Wissenschaften zugrunde liegen, sind ein gemeinsames Erbe der Menschheit, das sich \u00fcber Jahrtausende angesammelt hat. In jeder Epoche gab es Geographien, Denkschulen, Philosophinnen und Philosophen, die den Weg f\u00fcr wissenschaftliche Entwicklungen bereitet haben. Die erste Geographie und Epoche, in der die wissenschaftliche Entwicklung einen Sprung machte, war das Neolithikum (die Jungsteinzeit) im Fruchtbaren Halbmond. Die neolithische Revolution, die zwischen 10.000 und 4000 v. Chr. stattfand und die ca. 6000 v. Chr. in der alten kurdischen Region Til Xelef (auch: Tell Halaf) ihren H\u00f6hepunkt erreichte, war sowohl eine d\u00f6rfliche und landwirtschaftliche Revolution, als auch eine wissenschaftliche und technologische Revolution. Gordon Childe war der erste, der die neolithische Revolution als wissenschaftlich-technologische Revolution bezeichnete, vergleichbar mit der wissenschaftlichen Revolution im Europa des 16. Jahrhunderts. Diese technologischen und wissenschaftlichen Entwicklungen, die sich um Til Xelef entwickelten, verbreiteten sich allm\u00e4hlich in anderen Regionen und V\u00f6lkern. R\u00eaber Apo definiert die neolithische Revolution als eine Frauenrevolution. Daher ist es angemessen zu sagen, dass <strong>die erste wissenschaftliche Revolution in den H\u00e4nden der Frauen Gestalt annahm<\/strong>. Die Wissenschaft ist ein gemeinsamer Wert und eine Errungenschaft der Gesellschaft, trat jedoch in der Folgezeit in einen Prozess ein, in dem sie durch patriarchale Dominanz und die Herrschaft des Staates immer mehr von den Frauen, der Gesellschaft und dem Leben getrennt wurde.<\/p>\n<h4>Wissenschaft und Macht<\/h4>\n<p>Die Auseinandersetzungen von Wissenschaft und Macht begannen schon sehr fr\u00fch. Zuerst rund um die Zikkurats der Sumerer, dann machten die babylonischen, \u00e4gyptischen und indischen Zivilisationen Wissen und Wissenschaft zu Instrumenten ihrer Macht. Wir k\u00f6nnen ganz klar sagen, dass es nicht die staatliche Zivilisation ist, die Wissen und Wissenschaft hervorbringt. Wissenschaftliche Entwicklungen sind auch nicht das Produkt des m\u00e4nnlichen Verstandes. Vielmehr wurde das von den Frauen und der Gesellschaft gestohlene Wissen f\u00fcr die Institutionalisierung der zivilisatorischen Herrschaft benutzt. In der Geschichte gab es jedoch immer auch diejenigen, die sich f\u00fcr eine freie Wissenschaft eingesetzt haben.<\/p>\n<p><strong>Es kam immer wieder zu Konflikten zwischen Wissenschaft im Dienste der Herrschaft und freier Wissenschaft.<\/strong> Die Bibliothek von Alexandria wurde dreimal niedergebrannt, die Philosophin Hypatia, eine Vertreterin der freien Wissenschaft, wurde brutal ermordet. Die Bibliothek von Bagdad wurde durch die Angriffe der Mongolen gepl\u00fcndert, und man sagt, es seien so viele B\u00fccher vernichtet worden, dass der Fluss Tigris tagelang die Farbe von Tinte gehabt h\u00e4tte. Die \u00e4ltesten Akademien der Geschichte, von Haran, Nisibis und Gunde Shapur, wurden gepl\u00fcndert und die Forschenden und Lernenden mussten auswandern, um ihre Studien in freieren L\u00e4ndern fortzuf\u00fchren. Sokrates wurde unter dem Vorwand get\u00f6tet, die Jugend in die Irre zu f\u00fchren. Mani, Suhrawardi und Hallac-i Mansur wurden ermordet, weil sie sich den religi\u00f6sen Dogmen widersetzten. Im mittelalterlichen Europa wurden Alchemist:innen und weise Frauen mit der Begr\u00fcndung get\u00f6tet, sie seien Feind:innen der Religion. Bruno wurde verbrannt, Galileo wurde gezwungen zu leugnen, dass sich die Erde dreht. Aufgrund dieses Erbes trat die wissenschaftliche und technologische Revolution in Europa zun\u00e4chst f\u00fcr freies Denken ein, im Gegensatz zu Religion und dogmatischen Philosophien.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, die Wurzeln und Quellen des wissenschaftlichen Fortschritts und der wissenschaftlichen Revolution in Europa zu beleuchten. Denn eine der Hauptursachen f\u00fcr die Krisen und Katastrophen, die wir heute erleben, ist die <strong>kapitalistische Aneignung der wissenschaftlichen Entwicklungen<\/strong>, die im Europa des 16. Jahrhunderts entstanden sind. Der Kapitalismus legitimiert sich am meisten \u00fcber die Entwicklungen in Wissenschaft und Technik. Diese sind jedoch keine Errungenschaften des Kapitalismus, sondern Ergebnis von Erfahrung und der Ansammlung von Wissen im Laufe der Geschichte. Der Kapitalismus hat diese ausgebeutet. F\u00fcr die Prozesse der Ausbeutung sind das <strong>mechanistische Paradigma<\/strong> und der <strong>Positivismus<\/strong>, auf denen die wissenschaftliche Methode beruht, ausschlaggebend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Paradigma, Wahrheitsverst\u00e4ndnis und Methodologie<\/h4>\n<p>Der Physikprofessor Thomas Kuhn brachte erstmals zur Sprache, dass wir wissenschaftliche Entwicklungen nur auf der Grundlage der Paradigmen verstehen k\u00f6nnen, die in der jeweiligen Epoche Einfluss auf die Wissenschaft hatten.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Ein Paradigma bestimmt das Wahrheitsverst\u00e4ndnis, die Deutungsweise und die Methoden mit denen herangegangen wird: Welche Fragen stellt die Wissenschaft? Welche Forschungen werden durchgef\u00fchrt? Welche Quellen werden f\u00fcr diese Forschungen genutzt? Und welche Methoden werden zum Teilen und Ver\u00f6ffentlichen von Wissen und Informationen verwendet?<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-1689 alignleft\" src=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/IMG_1928-585x390-1-300x213.png\" alt=\"\" width=\"377\" height=\"268\" srcset=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/IMG_1928-585x390-1-300x213.png 300w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/IMG_1928-585x390-1-1024x726.png 1024w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/IMG_1928-585x390-1-768x545.png 768w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/IMG_1928-585x390-1-1536x1090.png 1536w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/IMG_1928-585x390-1-2048x1453.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 377px) 100vw, 377px\" \/>Das Konzept des Paradigmas als Perspektive zu Grunde zu legen bedeutet, die Realit\u00e4t hinter etwas zu sehen. Thomas Kuhn erl\u00e4uterte den Paradigmenbegriff am Beispiel eines Eisbergs. Er vergleicht den kleinen Teil des Eisbergs, der sich \u00fcber der Wasseroberfl\u00e4che befindet, mit Theorien und Ideen; aber es gibt ein Paradigma, das diesen Theorien und Ideen zugrunde liegt und das erstmal nicht gleich sichtbar ist. Die drei grundlegenden Komponenten eines wissenschaftlichen Paradigmas werden als die Lehre vom Sein (Ontologie), die Erkenntnistheorie (Epistemologie) und die wissenschaftliche Methodologie definiert. Die Vorstellung, dass Wissenschaft losgel\u00f6st von Philosophie und Ideologie ist und nur greifbare und sichtbare Fakten analysiert, ist im Laufe der Zeit immer mehr hinterfragt geworden. In jeder Epoche haben Wissenschaftler:innen, Philosoph:innen und Wahrheitssuchende Theorien aufgestellt, die auf dem jeweils vorherrschenden Paradigma basierten. Wenn diese Theorien jedoch nicht ausreichten, wenn sie keine zufriedenstellenden Antworten auf die Fragen lieferten, wurde &#8211; genau wie bei gesellschaftlichen Revolutionen &#8211; ein Wechsel des wissenschaftlichen Paradigmas f\u00fcr notwendig erachtet. Die Wissenschaft hat sich durch Revolutionen weiterentwickelt.<\/p>\n<p>Seit dem Zweiten Weltkrieg wird \u00fcber die Sch\u00e4den diskutiert, die die <strong>eurozentristische Wissenschaft<\/strong> angerichtet hat. Auch das Paradigma, auf dem diese Wissenschaft basiert, wird in Frage gestellt. Schauen wir uns einmal genauer an, wie die Welt und der Mensch in dem mechanistischen Paradigma, auf dem die eurozentrische Wissenschaft beruht, behandelt werden.<\/p>\n<p>Das eurozentristisch gepr\u00e4gte Wissenschaftsverst\u00e4ndnis hat dazu gef\u00fchrt, dass die Welt wie eine mechanische Uhr begriffen wurde. Die Lebewesen in der Welt wurden wie die Zahnr\u00e4der und Schrauben einer Uhr betrachtet. Die Welt mit einer hierarchischen Perspektive zu betrachten, mit dem Menschen an der Spitze und anderen Lebewesen darunter, ist zugleich Grundlage f\u00fcr \u00f6kologische Katastrophen und Klassenunterschiede. In anderen Zeiten der Geschichte betrachteten Menschen die Welt vielmehr als lebendig und ganzheitlich. Doch das mechanistische Paradigma hat diese Sichtweise zerst\u00f6rt. Es hat die Beziehungen zwischen Mensch und Natur sowie zwischen Mensch und Mensch auf der Achse von <strong>Subjekt und Objekt<\/strong> definiert. Die Subjekt-Objekt-Unterscheidung bedeutet kurz gesagt, dass eine Seite (als Subjekt) die Macht hat und bestimmend ist, w\u00e4hrend die andere Seite (als Objekt) in einer passiven, untergeordneten Position bleibt. So wurden die Natur gegen\u00fcber dem Menschen, die Frau gegen\u00fcber dem Mann, die Unterdr\u00fcckten gegen\u00fcber den Herrschenden objektiviert und ihre Beziehung als Beziehung von Subjekt und Objekt konstruiert. Diese Herrschaftsmentalit\u00e4t hat Ausma\u00dfe von <strong>Genoziden und Massakern<\/strong> erreicht.<\/p>\n<blockquote><p><strong> Hat sich diese Mentalit\u00e4t erst einmal in den K\u00f6pfen festgesetzt, wird man in der Natur entsprechende Beispiele finden: Der gro\u00dfe Fisch frisst den kleinen Fisch, der L\u00f6we frisst das Reh, der Starke besiegt den Schwachen. Aber es gibt in der Natur noch viel mehr Beispiele f\u00fcr Lebewesen, die sich erg\u00e4nzen, die sich nicht gegenseitig schaden, sondern solidarisch zusammenleben.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>In diesen Beziehungen, die wir als symbiotische Beziehungen bezeichnen, unterst\u00fctzen kleine Lebewesen gro\u00dfe Lebewesen, Raubtiere unterst\u00fctzen diejenigen, die nicht jagen und so weiter. In einem \u00d6kosystem teilen B\u00e4ume, Menschen, Insekten, Fische und Algen ein gemeinsames Leben. Bei der Frage nach dem Paradigma geht es genau darum, wie diese Realit\u00e4ten betrachtet werden. Diese Sichtweise spiegelt sich auch in den gesellschaftlichen Beziehungen wider. Jedes Lebewesen im \u00d6kosystem hat eine Bedeutung und einen Wert. \u00dcber einen sehr langen Zeitraum der Geschichte war ein ganzheitlicher Ansatz in den Beziehungen zwischen Mensch und Natur und zwischen Mensch und Mensch ma\u00dfgebend. Doch als im Rahmen der Herrschaftssysteme die Subjekt-Objekt-Unterscheidung etabliert wurde, und sie als wissenschaftliche Methode an die Stelle der Realit\u00e4t trat, kam es zu tats\u00e4chlichen Katastrophen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu einem mechanistischen Paradigma, das die Welt als Maschine betrachtet, bedarf es eines Paradigmas, das die Welt auf lebendige und ganzheitliche Weise versteht. Der Positivismus, der auch die menschliche Gesellschaft in mechanistische Funktionsweisen einordnet, hat die Gesellschaftlichkeit an den Rand der Zerst\u00f6rung gebracht. Die Folgen der Behandlung der Gesellschaft als eine Masse von Fakten, ist einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr die gro\u00dfen V\u00f6lkermorde der letzten beiden Jahrhunderte.<\/p>\n<h4>Die Welt aus einer anderen Perspektive betrachten<\/h4>\n<p>Das Paradigma der Demokratischen Moderne, das auch als demokratisches, \u00f6kologisches und Frauenbefreiungs-Paradigma bekannt ist, bietet eine Alternative und L\u00f6sungsperspektiven. Die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, an anderen Punkten anzusetzen und L\u00f6sungen f\u00fcr Probleme zu finden, ist mit dem Verst\u00e4ndnis und der Realisierung des neuen Paradigmas verbunden.<\/p>\n<p>\u00d6kologische Zerst\u00f6rung, Genozide und Feminizide sind die sichtbarsten Zeichen f\u00fcr die Krise dieser Zeit. Die L\u00f6sungskraft des demokratischen, \u00f6kologischen und Frauenbefreiungs-Paradigmas ist mit dieser Realit\u00e4t verbunden. Die demokratische Kultur steht f\u00fcr die Einheit von Unterschieden, Vielf\u00e4ltigkeiten und Verschiedenheiten, wie die Harmonie von bunten F\u00e4den in einem Teppichmuster. Das Paradigma der Demokratischen Moderne erlaubt uns, demokratische Modelle wie die Harmonie einer Kette aus bunten Perlen und Steinen zu denken. Nur mit dem neuen Paradigma k\u00f6nnen wir an Systeme denken, in denen jede und jeder ihre eigene Farbe und Identit\u00e4t bewahrt, aber Teil des Ganzen ist. Wir k\u00f6nnen kein demokratisches konf\u00f6derales System institutionalisieren, wenn wir es nicht aus der Perspektive des neuen Paradigmas betrachten. Die vielf\u00e4ltigen Verbindungen zwischen Institutionen und Gesellschaften k\u00f6nnen nur mit der Perspektive des neuen Paradigmas Bedeutung erlangen.<\/p>\n<p>Ohne einen <strong>\u00f6kologischen Ansatz<\/strong> k\u00f6nnen wir kein Gleichgewicht zwischen der ersten und zweiten Natur herstellen. Die Vorstellung, dass der Mensch Teil der Natur ist, macht ihn gegen\u00fcber der Natur verantwortlich. Die Natur hat die Kraft, sich selbst zu erneuern und zu regenerieren. Doch das grenzenlose Streben nach Macht und Profit durchkreuzen dies. Der \u00f6kologische Ansatz beschr\u00e4nkt sich dabei nicht nur auf den Umgang mit der Natur, sondern beinhaltet eine ganzheitliche, globale und gesellschaftliche Perspektive.<\/p>\n<h4>Die wissenschaftliche Methodologie der Jineoloj\u00ee<\/h4>\n<p>Angesichts der uneingeschr\u00e4nkten patriarchalen Hegemonie ist es unm\u00f6glich, die Krise des Systems zu \u00fcberwinden, ohne ein Leben auf der Grundlage der Freiheit der Frauen aufzubauen.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Die Jineoloj\u00ee ist eine Wissenschaft, die auf dem Paradigma der Demokratischen Moderne basiert. Daher werden die Themen, die sie erforscht, die Quellen auf die sie sich bezieht, und die wissenschaftlichen Methoden, die sie anwendet, auf der Grundlage dieses Paradigmas bestimmt.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Jede Wissenschaft st\u00fctzt sich auf eine wissenschaftliche Methodologie. W\u00e4hrend sich die Jineoloj\u00ee als neue Wissenschaft entwickelt, ist eine der am h\u00e4ufigsten gestellten Fragen die Frage nach ihrer wissenschaftlichen Methode, d.h. ihrer Methodologie. Da das eurozentristische Verst\u00e4ndnis von Wissenschaft seine eigene wissenschaftliche Methode zum einzig g\u00fcltigen wissenschaftlichen Kriterium gemacht hat, kann etwas nur dann als Wissenschaft gelten, wenn diese Methoden anwendet werden. Diese Situation ist jedoch in den letzten 50 Jahren zunehmend in Frage gestellt worden. Die eurozentristische positivistische wissenschaftliche Methode, die sich als Wahrheitsformel aufdr\u00e4ngt, ist jedoch selbst mit einer ernsthaften Blockade konfrontiert. Die Frage, was die wissenschaftliche Methode und Methodologie der Jineoloj\u00ee ist, h\u00e4ngt damit zusammen, wie die Jineoloj\u00ee diese Blockade l\u00f6sen kann.<\/p>\n<p>Die Methodologie als Lehre von den Methoden ist ein Teilgebiet der Philosophie, das sich mit den Methoden der verschiedenen Wissenschaftsbereiche befasst. Wenn wir \u201cMethode\u201d als den k\u00fcrzesten und fruchtbarsten Weg zum Ziel, in diesem Falle zur Erkenntnis definieren, ist die Methodologie das System und die Gesamtheit dieser Bem\u00fchungen. Bei dem Bestreben, das Problem der Methodologie zu verstehen und zu l\u00f6sen, sind Ausspr\u00fcche der philosophischen Tradition des Mittleren Ostens wegweisend. So hei\u00dft es beispielsweise: <strong>\u201eDie Wahrheit ist eine &#8211; die Wege, die zu ihr f\u00fchren, sind tausend und einer,\u201c<\/strong> oder <strong>\u201edie Menschen sind des wusul, d.h. der Wahrheit, beraubt, weil sie den Weg bzw. die Methode, d.h. die tariqa, bzw. die usul verlieren\u201c<\/strong>. In diesem Zusammenhang diskutieren wir die Methode der Jineoloj\u00ee. Sie beruht auf dem Prinzip, die Vielfalt der Methoden zu ber\u00fccksichtigen, die es uns erm\u00f6glichen, die Wahrheit zu erfassen. Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass die Jineoloj\u00ee keine Methode hat. R\u00eaber Apo kl\u00e4rt die Frage der Methode wie folgt und zeigt einen Weg auf, wie wir uns dem Thema Methoden ann\u00e4hern k\u00f6nnen:<\/p>\n<blockquote><p><strong>\u201eWir suchen nicht nach einer alternativen Methode, sondern nach einem Ausweg aus den schweren Problemen, die durch ein Leben verursacht werden, das mit falschen Vorstellungen belastet und vom Wert der Freiheit entfernt ist.\u201c (R\u00eaber Apo)<br \/>\n<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Die wissenschaftliche Methode, die sich als falsch erwiesen hat und nicht zur Wahrheit f\u00fchrt, zerst\u00f6rt den Sinn des Lebens, und diese Situation bildet die Grundlage f\u00fcr die Zerst\u00f6rung der Gesellschaft. Es gibt viele Kritikpunkte an der derzeitig herrschenden wissenschaftlichen Methode. Das Hauptproblem ist die Aufdr\u00e4ngung dieser Methode. Die <strong>eurozentristische Wissenschaft zwingt ihre eigenen Methoden auf und missachtet die Wissensformen anderer Geographien, Gesellschaften und von Frauen<\/strong>. So verunglimpft sie beispielsweise altes Heilwissen, indem sie es als \u201eAltweiberheilmittel\u201c bezeichnet. Der Ursprung der modernen Medizin, Pharmazie und Arzneimittel liegt jedoch ebenfalls in dieser Heiltradition. Das historische Wissen, das in mythologischen Geschichten und Epen zum Ausdruck kommt, wird nicht als signifikante Quelle betrachtet, da es nicht auf Beweisen beruht und nicht aufgeschrieben wurde. Themen wie Spiritualit\u00e4t und Metaphysik werden nicht als wissenschaftlich betrachtet. Gef\u00fchle und Intuitionen werden nicht als Quellen des Wissens gesch\u00e4tzt. Die eurozentristische Wissenschaft analysiert die Gesellschaft und die menschliche Realit\u00e4t als Objekte. Sie besch\u00e4ftigt sich mit dem Menschen, indem sie ihn von der Gesellschaft, der Geschichte, der Zeit und dem Raum losl\u00f6st. Anstatt Ereignisse tats\u00e4chlich in ihrer historischen Dimension zu betrachten, befasst sie sich mit der Geschichte als sei diese eine lineare Abfolge. Aus diesem Grund verf\u00e4llt sie in eine Position, die weit von der Wahrheit entfernt ist und Informationen\/Wissen entsprechend den Bed\u00fcrfnissen von Macht und Kapital produziert.<\/p>\n<p><strong>Die Weisheitstradition des Mittleren Ostens, die Philosophien der Regionen Chinas und Indiens und die Wissensformen der unterdr\u00fcckten V\u00f6lker au\u00dferhalb Europas sind nach wie vor Methoden, mit denen diese Denkweise \u00fcberwunden werden kann. Die Entwicklung der Quantenphysik, die Kritik an klassischen Formen der Geschichtsschreibung, sowie die Kritiken von Seiten \u00f6kologischer und feministischer Bewegungen, haben den Boden f\u00fcr neue methodologische Wege bereitet. Auf diesem Erbe aufbauend, bestimmt und entwickelt die Jineoloj\u00ee ihre eigenen Methoden.<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die wissenschaftliche Methode der Jineoloj\u00ee ist es von wesentlicher Bedeutung, eine Perspektive zu entwickeln, welche <strong>die durch die Subjekt-Objekt-Unterscheidung geschaffenen Machtverh\u00e4ltnisse aufbrechen kann. Verstehen statt Definieren und Einf\u00fchlen statt Objektivieren f\u00fchren zu einem tieferen Verst\u00e4ndnis. In jeder Forschung, die im Zusammenhang mit dem Leben und der Gesellschaft gemacht wird, erleben wir, dass Subjekt und Objekt st\u00e4ndig ihren Platz wechseln und sich gegenseitig beeinflussen.<\/strong> Um Ver\u00e4nderungen herbeif\u00fchren und kritisch betrachten zu k\u00f6nnen, ist es wichtig, die Wahrheit aus allen Blickwinkeln zu verstehen, in jeder Hinsicht Bedeutung zu geben. Die <strong>\u00dcberwindung der fragmentierten Perspektive<\/strong>, die die Ganzheitlichkeit der Wahrheit zerst\u00f6rt, ist ein weiteres wichtiges Thema. Daf\u00fcr ist es wichtig, die <strong>Sozialwissenschaften als Grundlage aller Wissenschaften<\/strong> zu betrachten, um die Fragmentierung zwischen den Wissenschaften zu \u00fcberwinden. Die Sozialwissenschaften zur Grundlage aller Wissenschaften zu machen, bedeutet, eine Verbindung zwischen den wissenschaftlichen Entwicklungen, einschlie\u00dflich der Physik, Chemie, Biologie, der Naturwissenschaften, und dem gesellschaftlichen Leben herzustellen. <strong>In den Forschungsarbeiten der Jineoloj\u00ee sind viele Themen miteinander verwoben, wie \u00d6konomie, Demografie, Politik, Ethik und \u00c4sthetik, Gesundheit, Bildung, \u00d6kologie und Medizin. Die Jineoloj\u00ee entwickelt ihre Arbeiten, indem sie von den Erfahrungen der Frauen, dem Wissen der Frauen und den Erkenntnisformen der Frauen ausgeht und diese auf einen neuen Stand bringt.<\/strong><\/p>\n<blockquote><p><strong>In einer Geographie, in der der Dritte Weltkrieg stattfindet und wir als Gesellschaften und Frauen mit Massakern konfrontiert sind, haben wir berechtigte und vitale Gr\u00fcnde, gegen diese Wissenschaft und ihre Methoden Einspruch zu erheben. Die hegemoniale wissenschaftliche Methode ist nicht in der Lage, die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Angriffe und Massaker mit denen wir konfrontiert sind, die Bedeutung unseres Widerstandes und das Gesellschaftssystem, das wir aufbauen wollen, zu erkl\u00e4ren. Ziel der Jineoloj\u00ee ist es, dort Auswege zu schaffen, wo die wissenschaftliche Methode Blockaden und Zerst\u00f6rungen verursacht und die Realit\u00e4t verdunkelt. Die Jineoloj\u00ee begibt sich auf die Suche nach Werkzeugen und Methoden, die die Quellen des Wissens freilegen, dessen Wahrheit verleugnet und ignoriert wurde.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-1663\" src=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/IMG_1928-585x390-1-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"1361\" height=\"907\" srcset=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/IMG_1928-585x390-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/IMG_1928-585x390-1.jpg 585w\" sizes=\"auto, (max-width: 1361px) 100vw, 1361px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bedeutet &#171;Paradigma&#187;? Welche Probleme gehen mit dem eurozentristischen, positivistischen wissenschaftlichen Paradigma einher? Was bedeutet das Paradigma der Demokratischen Moderne f\u00fcr die wissenschaftliche Methodologie der Jineoloj\u00ee? Ein Artikel von Zozan Sima.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1665,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[47,17,57,27,38],"tags":[106,103,102,101,105,104],"class_list":["post-1652","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-almani","category-veroeffentlichungen","category-was-ist-jineoloji","category-ziman","tag-demokratische-moderne","tag-methode","tag-methodologie","tag-paradigma","tag-sozialwissenschaft","tag-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1652","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1652"}],"version-history":[{"count":29,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1652\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1692,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1652\/revisions\/1692"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1665"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1652"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1652"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1652"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}