{"id":1498,"date":"2024-03-25T09:14:08","date_gmt":"2024-03-25T06:14:08","guid":{"rendered":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/?p=1498"},"modified":"2026-01-08T01:06:25","modified_gmt":"2026-01-07T22:06:25","slug":"paedagogik-der-frauenbefreiung-der-paedagogische-ansatz-der-jineoloji","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/2024\/03\/25\/paedagogik-der-frauenbefreiung-der-paedagogische-ansatz-der-jineoloji\/","title":{"rendered":"P\u00e4dagogik der Frauenbefreiung &#8211; der p\u00e4dagogische Ansatz der Jineoloj\u00ee"},"content":{"rendered":"<blockquote>\n<p align=\"justify\">\u201eEthik und \u00c4sthetik, freies Zusammenleben, Xweb\u00fbn und die Transformation der dominanten M\u00e4nnlichkeit sind die Themen, die in unseren Arbeiten die lebhaftesten Diskussionen ausl\u00f6sen und das gr\u00f6\u00dfte Interesse hervorrufen. In unseren Seminaren k\u00f6nnen die intimsten Themen, die ansonsten oft als Sache des Privatlebens abgetan werden, angstfrei diskutiert und hinterfragt werden.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"justify\">Bildung ist in ihrer aktuellen und historischen Dimension ein Werk von Frauen und gleichzeitig die grundlegendste Lebensaufgabe der Gesellschaft. Wir sagen dies als Frauen einer Gesellschaft, die zutiefst darunter gelitten hat, dass Staaten und Herrscher versuchten diese grundlegende gesellschaftliche Aufgabe unter ihre Kontrolle zu bringen. Bevor wir unsere p\u00e4dagogischen Ans\u00e4tze, Methoden, Bildungsinhalte und die Gestaltung unserer Akademien im Rahmen der Jineoloj\u00ee erl\u00e4utern, m\u00fcssen wir ein wenig \u00fcber die gesellschaftliche Realit\u00e4t Kurdistans sprechen. Denn jede Gesellschaft braucht Bildung, die es ihren Mitgliedern erm\u00f6glicht, sich selbst zu definieren und zu verstehen, ihr Leben zu erhalten, sich zu verteidigen und frei innerhalb ihrer kulturellen und sozialen Realit\u00e4t zu leben. F\u00fcr die kolonisierten Geschlechter, V\u00f6lker, Klassen und Gesellschaften ist Bildung einer der wichtigsten Bereiche des Kampfes um Existenz oder Nichtexistenz. Die V\u00f6lker, die seit Tausenden von Jahren im Fruchtbaren Halbmond oder Mesopotamien leben, und die Kurd:innen, eines dieser V\u00f6lker, haben ihre eigenen Bildungssysteme. Die Kurd:innen geh\u00f6ren zu den arischen V\u00f6lkern in der Region, die auch als Hurri, Mittani, Meder, Karduka usw. bekannt sind, und leben bis heute in dieser Region. Die Bildung, die schon lange vor der Entstehung des Staates eine gesellschaftliche Aktivit\u00e4t war, hat in der kurdischen Gesellschaft &#8211; wie auch in vielen anderen Gesellschaften &#8211; eine Rolle bei der Vorbereitung der Einzelnen auf das gesellschaftliche Leben gespielt. Sie entwickelt sich durch Methoden, die es den Menschen erm\u00f6glichen, Pers\u00f6nlichkeiten zu bilden, die sie zur Mitwirkung in der Gesellschaft bef\u00e4higen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Spuren davon finden wir in den etymologischen Bedeutungen der kurdischen W\u00f6rter <em>perwerde<\/em>, was <em>Bildung<\/em> bedeutet, und <em>f\u00earb\u00fbn<\/em>, <em>h\u00eenbun<\/em>, was <em>Lernen<\/em> bedeutet. Das Wort <em>perwerde<\/em> stammt von einer Wurzel ab, die mit dem Verleihen von Fl\u00fcgeln, der Vorbereitung auf das Fliegen und auch mit Liebe verbunden ist. Das Suffix <em>b\u00fbn<\/em> am Ende des Wortes f\u00fcr <em>lernen<\/em>, dr\u00fcckt das Sein\/Werden aus. Diese begriffliche Wurzel zeigt, dass Bildung nicht mit einem Ansatz begegnet wird, der diktiert und modelliert. Ein p\u00e4dagogischer Ansatz, der das innere Potenzial der Menschen mobilisiert, ist der p\u00e4dagogische Ansatz der alten Kulturen unserer Region. Bildung wird als ein Bildungsprozess definiert, der das Individuum bef\u00e4higt, auf eigenen F\u00fc\u00dfen zu stehen und zu fliegen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Zoroastrismus, dem \u00e4ltesten Glaubenssystem der Kurden und Kurdinnen, werden die Kinder mit den <em>navjota<\/em> genannten Reifezeremonien auf das gesellschaftliche Leben vorbereitet und durchlaufen vor diesen Zeremonien eine spezielle Erziehung. Die Glaubenssysteme der Yaresan-, Kakai-, zoroastrischen, jesidischen und alevitischen Kurd:innen enthalten heute noch Spuren der Bildungsformen dieser alten Epochen. Jede Familie und jede:r Einzelne hat eine:n Lehrer:in, die <i>P<\/i><em><i>\u00eer <\/i><\/em><em>bzw. <\/em><em><i>Ana<\/i><\/em> genannt werden und die ihnen religi\u00f6ses und lebenswichtiges Wissen beibringen. Diese werden eher als Ratgeber:innen gesehen, nicht als hierarchisch \u00dcbergeordnete. Es handelt sich um eine lebenslange Beziehung. Zu bestimmten Zeiten des Jahres durchlaufen die Menschen in Zeremonien, die <em>cem<\/em>, <em>sema<\/em> oder <em>dara \u00e7ekme genannt werden<\/em>, einen Prozess der auch Kritik und Selbstkritik vor der eigenen Gemeinschaft beinhaltet. Dies ist eine M\u00f6glichkeit, die Verbindung zwischen Wissen und Leben zu st\u00e4rken. Ziel ist es, eine Philosophie des Lebens zu vermitteln. Der philosophische Ansatz dieser Glaubenskultur beruht auf der Liebe zur Menschheit, zur Natur und zu den Werten des Gemeinschaftslebens. Aufgrund von Massakern und Angriffen werden die philosophischen Gedanken dieser Gemeinschaften seit jeher durch Musik und Geschichten weitergetragen, aber sie k\u00f6nnen nicht in moderne Bildungseinrichtungen umgewandelt werden.<\/p>\n<p align=\"justify\">In der Kultur der Jesid:innen, Qewller, Alevit:innen, Yaresan und Kakai gibt es daf\u00fcr eine Form philosophischer Gedichte, die musikalisch vorgetragen werden und die <em>gulbang<\/em> oder <em>deyish<\/em> genannt werden. Vor allem in den Yaresan-Gemeinschaften gibt es besonders viele Frauen, Dichterinnen, die diese Gedichte vortragen. Heute sind sie jedoch mehr zu Ritualen geworden, und werden weniger als Formen der Bildung wahrgenommen, welche soziale Bed\u00fcrfnisse erf\u00fcllen, und haben ihre urspr\u00fcngliche Funktion und ihren Zweck weitgehend verloren. Bei den Kurden und Kurdinnen, die der hanafitischen und der schafiitischen Lehre folgen, haben in der Vergangenheit die <em>Madrasas<\/em> (islamisch gepr\u00e4gte Lehreinrichtungen) diese Funktion erf\u00fcllt. Die Madrasas, in denen Kurdisch unterrichtet wurde, leisteten einen gro\u00dfen Beitrag zur Entwicklung der kurdischen Sprache und Literatur. Auch Philosophie, Geschichte und Literatur wurden in diesen Madrasas gelehrt. Eine sehr begrenzte Zahl von Frauen hatte ebenfalls die M\u00f6glichkeit, in diesen Einrichtungen zu studieren. Im Allgemeinen jedoch gab es in Kurdistan, abgesehen von der aristokratischen Schicht, keine Frauen die zur Schule gingen. Aufgrund des kolonialen Status Kurdistans wurden die eigenen Bildungserfahrungen und -institutionen verunglimpft und die kurdische Gesellschaft als eine unwissende Gesellschaft dargestellt, die gebildet, erzogen und zivilisiert werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p align=\"justify\">In den letzten zwei Jahrhunderten hat Bildung f\u00fcr Kurd:innen eine Bedeutung erlangt, die das Gegenteil der etymologischen Bedeutung des Begriffs darstellt. Die kolonialistische Bildung ist f\u00fcr die Kurd:innen zu einem Werkzeug geworden das gleichbedeutend damit war &#171;aufzuh\u00f6ren, sie selbst zu sein&#187;. In Kurdistan, das in vier Teile geteilt wurde, erhalten Kinder in staatlichen Schulsystemen keinen Unterricht in ihrer Muttersprache, sondern durchlaufen Bildungsprozesse, die ihnen arabischen, persischen und t\u00fcrkischen Nationalismus einimpfen. Seit Jahrzehnten werden kurdische Kinder in Schulen traumatisiert, indem ihre Identit\u00e4t und Muttersprache, die sie zu Hause sprechen, ignoriert werden. In diesen Schulen werden die Kinder durch T\u00fcrkisierung, Persianisierung oder Arabisierung assimiliert. Sie werden von ihrer eigenen Gesellschaft entfremdet, vergessen ihre Sprache und sind zum Verlust ihrer Identit\u00e4t verurteilt. Da Frauen aufgrund der patriarchalen, feudalen Traditionen weder studieren noch arbeiten durften, wurde ihnen das Recht auf Bildung vorenthalten. Diese Situation hat zu ihrer Unterdr\u00fcckung innerhalb der Familie und der Gesellschaft beigetragen. Sie hat jedoch auch verhindert, dass Frauen in kolonialen Institutionen so wie M\u00e4nner assimiliert wurden. Das f\u00fchrte auch dazu, dass kurdische Frauen zu Besch\u00fctzerinnen ihrer Muttersprache und der kurdischen Kultur wurden. Ohne den Kolonialismus in Frage zu stellen, arbeiteten liberale Frauenbewegungen mit dem Staat zusammen, um durch verschiedene Kampagnen sicherzustellen, dass kurdische Frauen lesen lernten. Kurdische Kinder, insbesondere M\u00e4dchen, wurden in einigen Regionen gewaltsam von ihren Familien getrennt und assimiliert, indem sie in Internaten in anderen St\u00e4dten unterrichtet wurden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Trotzdem erkannten die jungen Menschen, die studieren konnten, inspiriert von weltweiten revolution\u00e4ren Bewegungen, die Auswirkungen des Kolonialismus und des Kapitalismus. Sie erkannten, dass auch Kurdistan eine Kolonie ist. Unter dem Einfluss der Jugendbewegungen um 1968 machten die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) und ihr Vorsitzender Abdullah \u00d6calan, der aus den Reihen der Universit\u00e4tsstudierenden hervorging, die Bildung zur grundlegendsten revolution\u00e4ren Arbeit. Die Aktivit\u00e4ten, die mit dem Lesen und Diskutieren von B\u00fcchern in den gemeinschaftlichen H\u00e4usern der Studierenden begannen und die Verschriftlichung dieser Diskussionen, haben das Modell der Akademien hervorgebracht. Dieses pr\u00e4gt bis heute den Bildungsansatz der Freiheitsbewegung Kurdistans sowie der Jineoloj\u00ee.<\/p>\n<p align=\"justify\">Angefangen mit politischer, philosophischer und milit\u00e4rischer Ausbildung in den Camps der Pal\u00e4stinensischen Befreiungsorganisation und dann jahrzehntelang in der Akademie in Damaskus, haben diese Aktivit\u00e4ten einen einzigartigen p\u00e4dagogischen Ansatz und ein einzigartiges Modell von Akademien als Orte gemeinsamen Lebens und gemeinsamer Bildung hervorgebracht. Tausende von Menschen haben sich in diesen Akademien gebildet. In allen Bereichen &#8211; von Guerilla-Camps, Studierenden- und Arbeiter:innenkommunen, Stadtvierteln und D\u00f6rfern bis hin zum akademischen Bereich &#8211; wurde der aus langj\u00e4hrigen Erfahrungen entstandene p\u00e4dagogische Ansatz zu einer wichtigen Grundlage. An allen Orten an denen die Freiheitsbewegung Kurdistans aktiv war, wurden Akademien gegr\u00fcndet. Diese Akademien organisieren bis heute ununterbrochen Bildungsarbeit.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Organisationsmodell der Freiheitsbewegung Kurdistans ist seit 2004 der demokratische Konf\u00f6deralismus. Dieses Modell basiert auf der Selbstorganisierung der Gesellschaft in Kommunen, R\u00e4ten, Akademien und Kooperativen. In diesem Sinne orgnisieren alle denkbaren Bereiche, wie die Frauen, Jugend, Kultur und Kunst, Selbstverteidigung, \u00d6konomie, Politik, eigene Akademien. In \u00fcber 10 Jahren Revolution in Rojava wird in Dutzenden von Akademien in Nord- und Ostsyrien kontinuierlich Bildungsarbeit organisiert. Von Politik bis Selbstverteidigung, von Frauenbefreiung bis Wirtschaft, von Kultur und Kunst bis Pressearbeit wird Bildung in allen Bereichen durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Frauen haben darin ihr eigenes besonderes Bildungssystem entwickelt. In Bildungseinheiten, die als <em>autonome Bildung<\/em> bezeichnet werden, bilden sich Frauen selbst und gegenseitig weiter. Diese autonomen Bildungen spielen eine sehr wichtige Rolle, um gegen die soziologisch-psychologischen Auswirkungen des Sexismus in der Gesellschaft und der patriarchalen Strukturen auf Frauen vorzugehen. Sie bef\u00e4higen Frauen, ihre eigenen R\u00e4ume mit ihrer eigenen Kraft aufzubauen und zu verwalten. Die autonomen Bildungen wirken erm\u00e4chtigend, durch die Entwicklung der eigenen Kraft frei zu denken, den Gewinn von Selbstvertrauen, dem ungezwungenen Austausch untereinander, durch die Analyse von Lebenserfahrungen und durch den Aufbau von genossenschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen zwischen Frauen. Autonome Bildungen werden auch f\u00fcr M\u00e4nner organisiert, diese Bildungen werden jedoch von Frauen geleitet. Seit Jahren werden Seminare und l\u00e4ngere Bildungseinheiten zu den Themen Geschlecht, Frauengeschichte, Geschichte der Frauenbefreiung und Jineoloj\u00ee ausschlie\u00dflich von Frauen gegeben. Die Arbeit, die Lebenserfahrungen der M\u00e4nner zu analysieren und Perspektiven aufzuzeigen, wird ebenfalls von Frauen als Bildungs-Komissionen \u00fcbernommen. Diese Ans\u00e4tze der Bildung mit M\u00e4nnern gr\u00fcnden auf der 1996 von Abdullah \u00d6calan formulierten Theorie <em>&#171;die dominante M\u00e4nnlichkeit t\u00f6ten&#187;<\/em> und dem Projekt der Frauenbefreiungsbewegung Kurdistans, M\u00e4nner zu transformieren. Ziele solcher Bildungseinheiten sind die Demokratisierung der Familie, die \u00dcberwindung sexistischer Sprache und Verhaltensweisen und die Entwicklung egalit\u00e4rer, freiheitlicher Beziehungen zwischen M\u00e4nnern und Frauen auf einer bewussten, philosophischen und wissenschaftlichen Basis.<\/p>\n<p align=\"justify\">Der alternative p\u00e4dagogische Ansatz der Jineoloj\u00ee basiert vor allem auf den fast 50-j\u00e4hrigen Erfahrungen der Freiheitsbewegung Kurdistans. Er wird bereichert durch die Erfahrungen anderer Frauenbewegungen und durch p\u00e4dagogische Ans\u00e4tze, die auf der Analyse des Kolonialismus basieren. So entsteht aus diesem Ansatz allm\u00e4hlich eine p\u00e4dagogische Theorie und Praxis der Frauenbefreiung in allen Bereichen. Die \u00c4hnlichkeiten zwischen Frauen und kolonisierten V\u00f6lkern und Gemeinschaften machen einen solchen p\u00e4dagogischen Ansatz notwendig. Seit etwa 8 Jahren werden im Rahmen der Jineoloj\u00ee weltweit Bildungscamps, Diskussionen, Bildungstage, Akademie-Durchl\u00e4ufe, Seminare, Workshops, Arbeitsgruppen und weitere Bildungsaktivit\u00e4ten durchgef\u00fchrt. Es werden auch gemischte Bildungen organisiert, ebenso wie Bildungen nur f\u00fcr Frauen oder nur f\u00fcr M\u00e4nner. Die Themen und Methoden werden je nach den Bed\u00fcrfnissen und der Zusammensetzung der Teilnehmenden ausgew\u00e4hlt. Nach jeder Bildungseinheit werden Reflexionen zu Inhalt und Methoden eingeholt, die mit der Jineoloj\u00ee Akademie geteilt werden. Forschungen, Studien, Inhalte und Bildungsmethoden werden entsprechend den Bed\u00fcrfnissen entwickelt, die sich aus der soziologischen Realit\u00e4t ergeben. Wenn wir an dieser Stelle versuchen, konkreter zu werden, k\u00f6nnen wir einige Aspekte, die unser p\u00e4dagogischer Ansatz l\u00f6sen will, wie folgt formulieren:<\/p>\n<p align=\"justify\">1- Das Ziel der Bildung ist es, die Einzelnen und die Gemeinschaft zu bef\u00e4higen, sie selbst zu werden (Xweb\u00fbn). Das Konzept von Xweb\u00fbn gr\u00fcndet auf der Verbindung zwischen Existenz und Bewusstsein. W\u00e4hrend die Geographie in der wir leben und die kulturelle und gesellschaftliche Realit\u00e4t, durch die wir gepr\u00e4gt sind, eine Seite unserer Existenz darstellen, finden sich auf der anderen Seite die Zerst\u00f6rung, Assimilation und Vernichtung durch die Ideologien der Herrschaft. In dieser Hinsicht ist es f\u00fcr unseren p\u00e4dagogischen Ansatz von wesentlicher Bedeutung mehr \u00fcber unsere soziologische historische Realit\u00e4t zu lernen. Wenn wir etwas \u00fcber die kurdische gesellschaftliche Realit\u00e4t lernen, haben wir die M\u00f6glichkeit, das Wissen \u00fcber unsere gesellschaftliche Realit\u00e4t zu erneuern und die dominanten kolonialistischen Spuren in unseren Pers\u00f6nlichkeiten zu \u00fcberwinden. Das Gleiche gilt in noch st\u00e4rkerem Ma\u00dfe f\u00fcr Frauen. Wir entdecken die lebensgestaltende historische Weisheit der Frauen, ihre \u00f6kologische Sensibilit\u00e4t und ihren Widerstand, sowie die Ausbeutung der Frauen durch die sexistischen Machtideologien, das patriarchale System und den Kapitalismus. Indem wir solche Verbindungen zwischen Existenz und Bewusstsein herstellen, folgen unsere Bildungen dem Prinzip <em>&#171;Erkenne dich selbst&#187;<\/em> der alten Weisen.<\/p>\n<p align=\"justify\">2- In den Bildungen stellen wir die Verbindung zwischen Wissen und Leben auch mit einer Methode her, die wir <em>&#171;analysieren&#187;<\/em> (kurdisch: <i>dah\u00fbrandin<\/i>, t\u00fcrkisch: <em>\u00e7\u00f6z\u00fcmleme<\/em>) nennen. Dabei wird in Hinblick auf verschiedene Themen hinterfragt, wie die Teilnehmenden dieses Wissen in ihrem Leben anwenden oder warum sie es nicht anwenden. Bei der Diskussion \u00fcber das Thema Geschlecht werden Teilnehmende beispielsweise dazu ermutigt, Beispiele aus der eigenen Kindheit oder ihrem aktuellen Leben zu teilen und die eigenen Pr\u00e4gungen zu analysieren, woraufhin die anderen Teilnehmenden Fragen stellen, die Analyse erg\u00e4nzen und Perspektiven mit auf den Weg geben k\u00f6nnen. Auch Verhalten kann Gegenstand der Analysen sein. In einer Bildung zum Thema Geschlecht hinterfragt ein Mann, warum er Frauen geringsch\u00e4tzt oder Gewalt anwendet. Eine Frau legt die Gr\u00fcnde offen, warum sie sich f\u00fcr unzul\u00e4nglich h\u00e4lt und von M\u00e4nnern erwartet, dass sie sie besch\u00fctzen. Dies tr\u00e4gt auch zur Gesellschaftlichkeit, zur Empathie, zum gegenseitigen Kennenlernen und zur Ver\u00e4nderung bei. In den Akademien werden auch Sport, k\u00fcnstlerische Aktivit\u00e4ten, Alphabetisierung oder verschiedene technische Bildungsaktivit\u00e4ten organisiert.<\/p>\n<p align=\"justify\">3- Der Ort der Bildung, die Leitung, die Referent:innen und die Zusammensetzung der Teilnehmenden werden je nach Bedarf und M\u00f6glichkeiten vereinbart. Alle Bildungen finden mit der Perspektive der Akademie statt. Denn die Akademie ist eine flexiblere Form der Bildung in Bezug auf die Dauer, die Zusammensetzung und den Raum. Eine Akademie kann manchmal unter einem Baum entstehen, im Garten eines Hauses, manchmal auf einem Universit\u00e4tscampus, in einem Fl\u00fcchtlingszelt, unter einem Felsen in den Bergen oder in der Lagerhalle eines Geb\u00e4udes. Der Bildungsraum wird meist gemeinsam vorbereitet. Es gibt keine K\u00f6ch:innen, Reinigungskr\u00e4fte, Manager:innen, Sekret\u00e4r:innen oder Sicherheitskr\u00e4fte. Einzeln oder in Gruppen \u00fcbernehmen die Teilnehmenden t\u00e4glich Verantwortung f\u00fcr die verschiedenen Aufgaben und l\u00f6sen sich damit gegenseitig ab. Der Erfolg, Misserfolg und die Art und Weise der Realisierung dieser Aufgaben wird auch im Rahmen der Bildung bewertet. Ist eine Person unverantwortlich? Ist er\/sie willk\u00fcrlich? Ist er\/sie egoistisch? Ist er\/sie verletzend? Ist er\/sie ausgleichend? Ist er\/sie kreativ? Ist er\/sie demokratisch? Die Art und Weise wie diese wichtigen Aufgaben angegangen werden, zeigt meist mehr Realit\u00e4t als Selbsteinsch\u00e4tzungen im Rahmen der Bildung. Inputs k\u00f6nnen sowohl von Teilnehmenden der Bildung als auch von au\u00dfenstehenden Referent:innen gegeben werden. In dem Fall, dass Referent:innen kommen um Inputs zu geben, bereiten sich jedoch zwei Teilnehmende aus der Akademie vor, um zusammen mit den Referent:innen den Input zu geben. In Hinblick auf die Zusammensetzung der Teilnehmenden wird eine ausgewogene Zusammensetzung gegen\u00fcber bestimmten Kategorien bevorzugt. Das Gleichgewicht beruht auf einer ausgeglichenen Zusammensetzung in Bezug auf Alter, Geschlecht, Bildung, Erfahrung und so weiter. Auf diese Weise wird ein Spiegel der allgemeinen gesellschaftlichen Realit\u00e4t sichtbar und die Widerspr\u00fcche zwischen Generationen, Geschlechtern und Klassen machen die Bildung fruchtbar. Bei der Bildung geht es nicht darum, Konflikte zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Realit\u00e4ten zu verhindern, sondern darum, die Kraft zur L\u00f6sung der gesellschaftlichen Probleme zu entfalten.<\/p>\n<p align=\"justify\">4- Die Organisation des gemeinsamen Lebens w\u00e4hrend der Bildung bildet eine elementare Grundlage. Es wird versucht, Menschen die F\u00e4higkeit zu vermitteln, nicht nur mit denjenigen in Kontakt zu kommen, die sie m\u00f6gen, lieben und mit denen sie mehr gemeinsam haben, sondern mit allen. Aus diesem Grund wird zum Beispiel die Zusammensetzung der Menschen, die sich R\u00e4ume teilen, in bestimmten Abst\u00e4nden ge\u00e4ndert. Einzelne Personen sollten ihr Umfeld nicht dominieren und niemand soll an den Rand gedr\u00e4ngt werden. Die Teilnehmenden lernen, wie sie in soziale Beziehungen treten k\u00f6nnen, ohne ihre Identit\u00e4t darin zu verlieren. Sie gewinnen die F\u00e4higkeit, einander zu vertrauen, mit allen zu sprechen, Konflikte auszuhandeln und zuzuh\u00f6ren. Durch ein System regelm\u00e4\u00dfiger gemeinsamer Versammlungen und Auswertung, welches die kollektive Auswertung der eint\u00e4gigen oder mehrt\u00e4gigen Bildungseinheiten und sozialen Beziehungen erm\u00f6glicht, werden die Dynamiken und Fortschritte in der Bildung, im Zusammenleben, in den kollektiven Aufgaben und Verantwortungsbereichen ausgewertet. Durch gegenseitige Kritik und Selbstkritik werden Probleme und positive Entwicklungen bei der Organisation der Bildung, in Hinblick auf die Inhalte und das Zusammenleben bewertet, wodurch Probleme rechtzeitig erkannt und angemessen gel\u00f6st werden k\u00f6nnen. Auf demokratische Art und Weise werden Pl\u00e4ne durch den gemeinsamen Willen bestimmt und gemeinsam umgesetzt.<\/p>\n<p align=\"justify\">5- Die Bildungsinhalte werden je nach Bedarf festgelegt und nach jedem Bildungsdurchlauf \u00fcberarbeitet. Neben Themen wie Weltgeschichte, Philosophie, Wissenschaft, Geschichte der Religionen, Geschichte der Frauenbefreiung und Soziologie werden je nach Bedarf auch Themen wie Anatomie, Gesundheit und Erste Hilfe angeboten. Au\u00dferdem werden Sprache, Ausdruck und Stil gelehrt, um sich besser ausdr\u00fccken zu k\u00f6nnen und die sozialen Beziehungen zu st\u00e4rken. Da sowohl die kurdische als auch die mittel\u00f6stliche Gesellschaft und die Frauen st\u00e4ndig Krieg und Angriffen ausgesetzt sind, ist auch das Thema Selbstverteidigung sowohl auf theoretischer als auch auf praktischer Ebene Teil der Bildung. Am Ende jeder Bildungseinheit fragt der oder die Referent:in die anderen Teilnehmenden wie die Einheit verlaufen ist, und es werden Bewertungen geteilt. Kritik und Vorschl\u00e4ge werden ge\u00e4u\u00dfert und die St\u00e4rken und Schw\u00e4chen der Bildungseinheit werden bewertet. Dabei ist das Verst\u00e4ndnis grundlegend, dass die Lehrenden immer auch Lernende sind und umgekehrt.<\/p>\n<p align=\"justify\">6- Oft werden Audioaufnahmen der Bildungseinheiten aufbewahrt und einige von ihnen werden in B\u00fcchern ver\u00f6ffentlicht. Eigene Brosch\u00fcren und Materialien werden auf der Grundlage dieser Aufnahmen erstellt. Obwohl Kurdisch die Hauptsprache in den meisten Bildungseinheiten ist, \u00e4u\u00dfern sich diejenigen, die kein Kurdisch sprechen, in den Sprachen, die sie kennen, und es wird \u00fcbersetzt. Wenn eine Gruppe \u00fcberwiegend eine andere Sprache spricht, wird die Bildungseinheit in dieser Sprache abgehalten.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Lichte dieser Grunds\u00e4tze, die unser Akademie- und Bildungsmodell ausmachen, wollen wir Menschen bef\u00e4higen, sich selbst zu erkennen und auszudr\u00fccken und die Hindernisse, die einer befreienden Entwicklung im Wege stehen, auf vielf\u00e4ltige Weise zu \u00fcberwinden. Die Lehrmethoden der nationalstaatlichen Schulsysteme basieren auf stumpfem Auswendiglernen, ohne dass Informationen wirklich verstanden werden. Wir entwickeln Methoden, die diesen Ansatz des Auswendiglernens \u00fcberwinden und die F\u00e4higkeit des freien Denkens und der bewussten Interpretation st\u00e4rken. Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel Methoden in denen die Teilnehmenden schriftliche, visuelle oder akustische Materialien oder Geschichten mit ihren eigenen Interpretationen gestalten. Manchmal machen wir \u00dcbungen, um Gedanken und Gef\u00fchle zu einem Thema in Form von Texten, Theater oder Poesie auszudr\u00fccken. Wir bitten die Teilnehmenden, Gruppen zu bilden und Pr\u00e4sentationen vorzubereiten, und bitten dann die Gruppen, sich gegenseitig R\u00fcckmeldung zu geben. Wir versuchen Arten und Weisen aufzuzeigen, wie alle ihre eigenen Erfahrungen ausdr\u00fccken k\u00f6nnen. Wir achten auch darauf, dass die Sprache, die wir in unseren Bildungseinheiten verwenden, einfach und verst\u00e4ndlich ist und mit der Geschichte und Kultur der Gesellschaft, die wir ansprechen, vereinbar ist. Auf diese Weise k\u00f6nnen wir eine st\u00e4rkere Verbindung zwischen Bildung und unserem eigenen Leben herstellen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Erwartungen an Bildung durch die Frauenbewegung Kurdistans sind hoch. Die Menschen erwarten, neue Informationen zu erhalten, eine andere Perspektive kennen zu lernen und L\u00f6sungen f\u00fcr die ernsten sozialen Probleme zu finden, mit denen sie konfrontiert sind. Ethik und \u00c4sthetik, freies Zusammenleben (&#171;Hevjiyana Azad&#187;), Xweb\u00fbn (&#171;Selbst-Sein\/Selbst-Werden&#187;) und die Transformation der dominanten M\u00e4nnlichkeit (&#171;Ku\u015ftina Zilam&#187;) sind die Themen, die die lebhaftesten Diskussionen und das gr\u00f6\u00dfte Interesse hervorrufen. In diesen Bildungen k\u00f6nnen die intimsten Themen, die oft als Privatleben bezeichnet werden, angstfrei diskutiert und hinterfragt werden. Vor allem Frauen vertiefen ihr Verst\u00e4ndnis und ihre Selbsterkenntnis. Auch M\u00e4nner sind sehr an Jineoloj\u00ee Bildung interessiert, aber sie haben Schwierigkeiten sich vorzustellen, was freie M\u00e4nnlichkeit bedeuten k\u00f6nnte und ihre Schw\u00e4chen im Kampf daf\u00fcr zu sehen. Manchmal haben M\u00e4nner eine Einstellung von &#171;dann sollen uns doch die Frauen befreien&#187;, w\u00e4hrend andere falsche Vorstellungen haben, wie &#171;ich bin nicht so sexistisch wie andere M\u00e4nner&#187;. W\u00e4hrend Frauen offener diskutieren, erleben wir, dass M\u00e4nner sch\u00fcchterner sind und in Gegenwart anderer M\u00e4nner nicht \u00fcber ihre Unzul\u00e4nglichkeiten und Fehler sprechen wollen. Auch wenn Vortr\u00e4ge und Diskussionen etwas bewirken, ist es wichtig, dass sie weitergef\u00fchrt und die Ver\u00e4nderungen im Leben realisiert werden.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Schaffung einer Kultur, die es jeder und jedem erm\u00f6glicht, sich selbst, die Familie und die Menschen, mit denen sie leben und arbeiten, zu bilden, ist ein weiteres wichtiges Thema unserer Bildungsarbeit. Wir betrachten Bildung als einen nie endenden Prozess, der sich auf alle Bereiche des Lebens erstreckt und \u00fcber eine T\u00e4tigkeit hinausgeht, deren Dauer und Form festgelegt ist.<\/p>\n<p align=\"justify\">Daher f\u00fchrt Jineoloj\u00ee Bildung zur Entwicklung neuer Perspektiven in jedem Bereich, den sie ber\u00fchrt. Jineoloj\u00ee Bildung zielt darauf ab, die grundlegenden Probleme zu l\u00f6sen, die das Leben der Menschen und die revolution\u00e4ren K\u00e4mpfe betreffen. Wir entwickeln fortw\u00e4hrend unsere Methoden und Bildungsinhalte und gestalten sie nach den Bed\u00fcrfnissen. Wir versuchen gemeinsam das Wissen zu lernen und zu lehren, das daf\u00fcr sorgt, dass <em>&#171;jeder Baum aus seinen eigenen Wurzeln w\u00e4chst&#187;<\/em>, wie es in einem alten kurdischen Sprichwort hei\u00dft.<\/p>\n<p align=\"justify\">\u2013 <i>Zozan Sima, <\/i><strong><i>Jineoloj\u00ee Akademie (2014)<\/i><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEthik und \u00c4sthetik, freies Zusammenleben, Xweb\u00fbn und die Transformation der dominanten M\u00e4nnlichkeit sind die Themen, die in unseren Arbeiten die lebhaftesten Diskussionen ausl\u00f6sen und das gr\u00f6\u00dfte Interesse hervorrufen. In unseren Seminaren k\u00f6nnen die intimsten Themen, die ansonsten oft als Sache des Privatlebens abgetan werden, angstfrei diskutiert und hinterfragt werden.\u201c Bildung ist in ihrer aktuellen und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1499,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[47,9],"tags":[177,179,170,180],"class_list":["post-1498","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-perwerde","tag-bildung","tag-bildungsmethoden","tag-frauenbefreiung","tag-paedagogik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1498","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1498"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1498\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1958,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1498\/revisions\/1958"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1499"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1498"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1498"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1498"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}