{"id":1284,"date":"2021-05-29T15:05:50","date_gmt":"2021-05-29T12:05:50","guid":{"rendered":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/?p=1284"},"modified":"2026-01-07T21:15:43","modified_gmt":"2026-01-07T18:15:43","slug":"vortrag-methoden-und-methodologien-der-jineoloji","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/2021\/05\/29\/vortrag-methoden-und-methodologien-der-jineoloji\/","title":{"rendered":"Vortrag: Methoden und Methodologien der Jineoloj\u00ee"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" align=\"left\"><i>Dieser Artikel war urspr\u00fcnglich ein Vortrag, der vom Jineoloj\u00ee-Komitee Europa und dem Jineoloj\u00ee-Komitee Deutschland gemeinsam gehalten wurde. Er gibt einen Einblick darein, wie die Jineoloj\u00ee entstand und welche Ziele sie verfolgt, erl\u00e4utert Kritiken an der positivistischen Wissenschaft, um dann alternatives, dekoloniales und indigenes Wissen, Wissenschaft und Methodik vorzustellen. <\/i><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\">Welche Gr\u00fcnde gibt es f\u00fcr die Entwicklung der Jineoloj\u00ee? Warum gibt es diese Frauenwissenschaft? Warum gibt es den Vorschlag der Jineoloj\u00ee und was m\u00f6chte Jineoloj\u00ee erreichen? Wir m\u00f6chten die Gesellschaft ver\u00e4ndern, gro\u00dfe soziale Transformationen bewirken, wir m\u00f6chten eine Revolution machen. Wir m\u00fcssen die Probleme der Gesellschaft verstehen, um einen guten politischen Vorschlag machen zu k\u00f6nnen. Doch wie k\u00f6nnen wir einen zutreffenden politischen Vorschlag entsprechend der bestehenden Probleme machen? Wie k\u00f6nnen wir die Probleme l\u00f6sen?<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\">Daf\u00fcr m\u00fcssen wir dorthin zur\u00fcckgehen, wo die Probleme angefangen haben. Die Gesellschaft befindet sich in einem kapitalistisch-patriarchalen System, das wir \u00fcberwinden m\u00fcssen. Wir m\u00fcssen zur\u00fcckgehen zu dem Punkt, als wir die Freiheit verloren haben. Das war der \u00dcbergang von der nat\u00fcrlichen Gesellschaft zu Sklaverei, Klassen- und patriarchaler Gesellschaft. Die Frau war die erste Kolonie. Mit der Erniedrigung und Unterwerfung der Frau haben Herrschaftsverh\u00e4ltnisse ihren Anfang genommen. Deshalb muss eine L\u00f6sung der Probleme mit der Befreiung der Frau beginnen. Wir brauchen eine Frauenrevolution.<\/p>\n<p class=\"western\">Wir m\u00fcssen unser Denken fokussieren. Unsere L\u00f6sungen m\u00fcssen auf die Frauenbefreiungsperspektive fokussieren. Diese Perspektive brauchen wir auch, um alle anderen Probleme der Gesellschaft zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p class=\"western\">Mit diesem Verst\u00e4ndnis wurde es notwendig, eine intellektuell-theoretische Analyseform, eine Methodologie f\u00fcr die Freiheitsbewegung in Kurdistan und die Revolution zu haben. Diese muss eine Forschung und Interpretation unterst\u00fctzen, wie wir in die gegenw\u00e4rtige Situation geraten sind, wie wir richtige Antworten darauf geben und Alternativen aufzeigen k\u00f6nnen. Was ist die moderne Wissenschaft anderes als ein Wissenssystem der Herrschaft, die dem Herrschaftserhalt dient? Deshalb m\u00fcssen wir Wissenschaft so neu definieren, dass es die notwendigen Ver\u00e4nderungsprozesse unterst\u00fctzt. Wissenschaft muss mit dem Wissen der Gesellschaft verbunden werden, vor allem mit dem Wissen der Frauen und der unterdr\u00fcckten V\u00f6lker, die keinen Platz in der Gestaltung der modernen Wissenschaftsgeschichte hatten. So kommt es zum Namen Jineoloj\u00ee.<\/p>\n<p class=\"western\">\u201e<i>Jin<\/i>\u201c bedeutet \u201eFrau\u201c und auch \u201eLeben\u201c (kurd. <i>jiyan<\/i>). \u201e-logie\u201c (lat. <i>logos<\/i>) meint ein System von Wissen oder das in einer systematischen Weise angeh\u00e4ufte Wissen in der Gesellschaft. Das Ziel der Jineoloj\u00ee ist, die Frauenrevolution durch die Befreiung der Frau und die Befreiung der ganzen Gesellschaft zu erreichen. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir neu definieren, was tats\u00e4chlich Frau bedeutet. Ist es etwa die patriarchale Frau dieser Gesellschaft? Wie erreichen wir die wahre Frau als eine gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche Gesamtheit\/Einheit der Geschichte? Deshalb gehen wir von den Erfahrungen der Gesellschaften aus, von nat\u00fcrlichen und matriarchalen Gesellschaften, um herauszufinden, wie die Identit\u00e4ten von Frauen durch die patriarchale Mentalit\u00e4t in der Geschichte geformt wurden. Damit wir erkennen k\u00f6nnen, was nicht zu uns geh\u00f6rt, wie wir leben m\u00f6chten und wie wir sein m\u00f6chten. W\u00e4hrend wir das tun, finden wir auch heraus, was der wahre Mann ist, entgegen dem Verst\u00e4ndnis, das Maskulinit\u00e4t und Patriarchat vorgeben. Was Jineoloj\u00ee schlie\u00dflich erreichen m\u00f6chte mit den Forschungen und diesen Infragestellungen der Geschlechterverst\u00e4ndnisse, ist das Selbstsein (kurd. <i>x<\/i><i>web<\/i><i>\u00fb<\/i><i>n<\/i>) von uns allen zu finden. Es geht darum, Wir-Selbst sein zu k\u00f6nnen und uns selbst zu definieren, und das verbunden mit der Gesellschaft, eingebunden in Beziehungen, die frei von Dominanz sind.<\/p>\n<p class=\"western\">Hab ihr schon vom Konzept des <i>Hevjiyana Azad<\/i> (dt. Zusammenleben in Freiheit) geh\u00f6rt? Es geht darum, wie wir eine Harmonie in der Gesellschaft und in der Welt erreichen. Darum, wie wir unsere Beziehungen in der Gesellschaft neugestalten\/rekonstruieren, so dass diese die Dominanz- und Machtbeziehungen \u00fcberwinden. Daf\u00fcr sehen wir die Jineoloj\u00ee als eine Grundlage, denn das Hauptproblem sind die beherrschenden Beziehungen zwischen Frauen und M\u00e4nnern, so wie das Patriarchat diese beiden bin\u00e4ren Geschlechter definiert hat. Und es pr\u00e4gt alle anderen Beziehungen in der Gesellschaft, wie auch zwischen Gesellschaft und Natur und so weiter.<\/p>\n<p class=\"western\">Ein weiteres Ziel der Jineoloj\u00ee ist die Revolutionierung der (Forschungs-) Methoden\/Methodologien, denn f\u00fcr die Revolution brauchen wir diese. Wir brauchen eine Revolution des Wissens und deshalb eine wissenschaftliche Revolution. Wir werden die Wissenschaftskritik erl\u00e4utern, die wir brauchen, denn wir haben eine Kritik an den Methoden der bestehenden Wissenschaften, die mit den Herrschaftsverh\u00e4ltnissen im Einklang sind.<\/p>\n<p class=\"western\">Es ist auch wichtig zu wissen, dass es problematisch ist, wenn revolution\u00e4re Bewegungen \u2013 gerade auch in Europa war\/ist das so \u2013 ihre ideologischen Konzepte von den Problemen in der Gesellschaft abl\u00f6sen. Es braucht ein Verst\u00e4ndnis der gesellschaftlichen Probleme. Wenn eine Ideologie sich nicht kontinuierlich entsprechend der Lebenspraxis der Gesellschaft und der bestehenden Probleme weiterentwickelt, f\u00fchrt das zu Dogmatismus. Die Freiheitsbewegungen werden steckenbleiben und nicht in der Lage sein, Alternativen zu den dr\u00e4ngenden Problemen anzubieten. Deshalb ist eines der Ziele der Jineoloj\u00ee, die Verbindung zwischen Wissen, Soziologie\/gesellschaftlicher Forschung und ideologischen Konzepten zu schaffen, indem die Wissenschaften revolutioniert und neue wissenschaftliche Perspektiven definiert werden. Mit einer solchen Forschungspraxis f\u00fcttern und erneuern wir die Ideologie, so dass Bewegungen ideologische Angebote in der Revolution machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"western\">In der kurdischen Freiheitsbewegung k\u00f6nnen wir das sehr klar beobachten. Abdullah \u00d6calan, der von der ideologischen Ausrichtung des Marxismus-Leninismus einen Paradigmenwechsel bewirkt hat, ist das beste Beispiel. Er ging dabei von eigenen Forschungen aus, von dem Wissen, dass er erhalten hat, indem er nach seinen eigenen Wurzeln gefragt hat, in seiner eigenen Familie, seiner eigenen Gesellschaft. Klar, da waren patriarchale Gesellschaftsverh\u00e4ltnisse. Was ist die Rolle der Frau? All die Forschungen, auch alle pers\u00f6nlichen Analysen und das Verst\u00e4ndnis von Familie zu verbinden, f\u00fchrte dazu, dass die Ideologie in Teilen erneuert werden musste. Er kam zu dem Schluss, dass das, was wir ben\u00f6tigen, nicht zu erreichen ist, indem wir an der Idee festhalten, einen Staat aufzubauen. Denn wir erkennen, dass das Hauptproblem in den patriarchalen Beziehungen und der Unterdr\u00fcckung der Frau liegt. Der derzeitige Status der Gesellschaft basiert darauf. Ohne dieses Problem zu l\u00f6sen werden wir keine freie Gesellschaft erreichen.<\/p>\n<p class=\"western\">Diese Forschung von \u00d6calan und sp\u00e4ter den Mitgliedern der Freiheitsbewegung hat das Paradigma ver\u00e4ndert. Es ist das beste Beispiel, was theoretische Analysen und Umgang mit Wissen in Bezug auf Ver\u00e4nderungen meint und um ideologisches Denken entsprechend der wirklichen Situation zu erneuern. Und das ist das Ziel der Jineoloj\u00ee.<\/p>\n<p class=\"western\">Auch wir als Internationalist_innen in Europa sehen, dass wir eine bedeutende Rolle beim gemeinsamen Aufbau der Jineoloj\u00ee einnehmen k\u00f6nnen und damit unsere K\u00e4mpfe, unsere Ideologien und Prozesse wieder st\u00e4rken.<\/p>\n<p class=\"western\">Es gibt noch einen weiteren wichtigen Aspekt der Jineoloj\u00ee. Jineoloj\u00ee wird als eine eigene Methode der Selbstverteidigung verstanden. Selbstverteidigung ist wirklich sehr wichtig. Wir wollen eine Frauenrevolution erreichen und daf\u00fcr eine wissenschaftliche Revolution. Doch wie verteidigen wir uns fortw\u00e4hrend gegen die Angriffe des Systems, vor allem auch die psychologischen? Wo waren Fehler in der Vergangenheit, die verhinderten, dass die Tr\u00e4ume und angestrebten Ideen der Revolution nicht verwirklicht werden konnten? Diese Verteidigung ist nicht nur ein konkret materielles Projekt, sondern die Frage danach, wo wir bisher mit unserer Geisteshaltung, unsere Mentalit\u00e4t, im Allt\u00e4glichen unseres Lebens, das System nicht \u00fcberwinden konnten. Also mit der Jineoloj\u00ee m\u00f6chten wir diese Werkzeuge und diesen Boden entwickeln f\u00fcr eine neue Militanz, eine militante, k\u00e4mpferische Pers\u00f6nlichkeit und Lebensweise. Das ist selbstverst\u00e4ndlich zuerst auf die Frauen gerichtet. Wie k\u00f6nnen wir eine neue militante (k\u00e4mpferische und klare) Haltung in der Frau entwickeln, eine neue Mentalit\u00e4t, eine neue Perspektive, die wirklich \u00fcber die Fehler hinwegkommen kann, so dass wir nicht mehr durch Liberalismus und Patriarchat im System assimiliert werden. Jineoloj\u00ee kann Werkzeuge, Verst\u00e4ndnisse, Gr\u00fcnde und Perspektiven bieten, die uns st\u00e4rken, um in jedem Moment unseres Lebens, in jedem Bereich, standfest zu sein, um uns dem, wie uns das System angreift, entgegenstellen zu k\u00f6nnen. Wenn wir zur Arbeit gehen, wenn wir Organisierungsarbeit machen, in unseren Familienbeziehungen, mit Freund_innen. Daf\u00fcr analysieren wir die feministischen Bewegungen, die Frauenbewegungen, alle revolution\u00e4ren Bewegungen. Es gibt Kritik an den feministischen Bewegungen. Denn wie k\u00f6nnen wir das Positive an diesen Bewegungen sch\u00e4tzen, wenn es ihnen doch nicht gelingt, eine Alternative f\u00fcr die Gesellschaft zu entwickeln? Insbesondere in der Frage der militanten Haltung, ein freies Leben im Tagt\u00e4glichen wieder zu schaffen.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Aufgabe der Jineoloj\u00ee in der Frauenrevolution des 21. Jahrhunderts ist es, die kulturelle Basis und die theoretische sowie wissenschaftliche Einrahmung der Revolution zu entwickeln und zwar basierend auf den Prinzipien der Frauenbefreiung, der historischen Analyse des Widerstandes und der Befreiung der Frau, der Analyse der gegenw\u00e4rtigen Situation der Frauenbewegung und ihrer M\u00f6glichkeiten, einer Analyse der Probleme der Gesellschaft, die durch das Patriarchat und durch Kapitalismus verursacht sind. Auf dieser Grundlage formuliert sie Vorschl\u00e4ge f\u00fcr konkrete Alternativen und L\u00f6sungen.<\/p>\n<p class=\"western\">Bevor wir im Weiteren zu Methodologien und Methoden referieren, wollten wir mit dem Gesagten erneut ein Fundament geben zu den Zielen der Jineoloj\u00ee, um Jineoloj\u00ee nicht nur als ein Werkzeug anzusehen, sondern als ein umfassendes Rahmenwerk f\u00fcr Wissen \u2013 zur Ver\u00e4nderung der Mentalit\u00e4t und um eine Revolution zu verwirklichen. Nun steigen wir spezifischer in Methodologie und in die Kritik an positivistischer Wissenschaft und Wissensregimen ein.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"center\"><b>Kritik positivistischer Wissenschaft<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Ich fange an mit der Kritik der positivistischen Wissenschaft und dem Objektivit\u00e4tsbegriff. Dann gehe ich \u00fcber zu Ideen f\u00fcr feministische und f\u00fcr dekoloniale Methodologien und Forschung. Es sind insbesondere Indigene Methodologien (<i>Indigenous Methodologies<\/i>) und bestimmte feministische Methodenverst\u00e4ndnisse, konkret die Postulate feministischer Forschung von Maria Mies, die sich in vielem mit den Vorschl\u00e4gen von Abdullah \u00d6calan decken und eine gro\u00dfe N\u00e4he zu dem aufweisen, was als Jineoloj\u00ee entwickelt wird.<\/p>\n<p class=\"western\">Das, was wir unter akademischem Wissen und Wissenschaft verstehen, ist in der Regel diese positivistische Wissenschaft. Die ist auch innerhalb der akademischen Welt schon viel kritisiert und auch viel in Frage gestellt worden. Trotzdem ist sie aber weiterhin die Grundlage vor allem f\u00fcr die Grundlagenausbildung in Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens, die alle, die ein Studium machen, durchlaufen. Oder es wird schon in der Schule vermittelt. Also das Verst\u00e4ndnis davon, was ein richtiger Weg zu Wahrheit, zu gutem Wissen, zu objektivem Wissen ist. Deshalb ist eigentlich der Kern von dem, was Wissenschaft macht, was diese als Fundament der Autorit\u00e4t der Wissenschaft begreift, nach wie vor die positivistische Herangehensweise an Wissensproduktion. Damit ist das Denken verbunden, dass wir Fakten brauchen, \u00fcberpr\u00fcfte Fakten. Diese Autorit\u00e4t kennen wir auch, wenn beansprucht wird: \u201ejetzt haben wir hier die Fakten, das ist wissenschaftlich und so schon fast unhinterfragbar.\u201c Wie funktioniert das? Was ist eigentlich gemeint mit positivistisch? Dieser Begriff beinhaltet, dass etwas abbildbar ist vor einem Hintergrund, also sich vom Hintergrund abhebt. Es ist abgrenzbar, beschreibbar oder auch wahrnehmbar, zumindest sinnlich mit den Augen wahrnehmbar oder messbar. Messbarkeit und letztlich auch oft die M\u00f6glichkeit, diese in Zahlen, auf jeden Fall in klar abgrenzbaren Begriffen und Kategorien auszudr\u00fccken, ist wichtig f\u00fcr positivistisches Wissen. Die Realit\u00e4t, das komplexe Leben, muss daf\u00fcr zerteilt werden in kleine Einheiten, die sich eben beschreiben und messen lassen.<\/p>\n<p class=\"western\">\u201eGutes wissenschaftliches Vorgehen\u201c bedeutet demnach zu reduzieren. Eine Variable oder ein Element wird isoliert, um dieses isolierte Element m\u00f6glichst unbeeinflusst darstellen zu k\u00f6nnen. Es soll die Wirkung einzelner Elemente gemessen werden, in der Regel in einfachen Ursache-Wirkungsverh\u00e4ltnissen. Also, wenn ich das und das zusammenf\u00fcge, was kommt dann heraus? Daraus k\u00f6nnen dann einfache S\u00e4tze oder Gesetze, Naturgesetze, aber auch sozialwissenschaftliche \u201eGesetze\u201c formuliert werden. Die Sozialwissenschaft orientiert sich dabei an den Prinzipien der Naturwissenschaft. Es ist ein Grundprinzip, Wissen in immer kleinere Bestandteile zu zerteilen, zun\u00e4chst auch in verschiedene Wissensgebiete. Es gibt zum Beispiel die Wirtschaftswissenschaft, die sich eben mit den wirtschaftlichen Fragen besch\u00e4ftigt, aber abgegrenzt von der Soziologie, die sich mit den gesellschaftlichen Fragen befasst. Soziologie ist wieder abgegrenzt \u2013 im Grunde genommen in einer rassistischen Unterteilung \u2013 von der Ethnologie, die sich mit den nichteurop\u00e4ischen Gesellschaften besch\u00e4ftigt. Damit wird nochmal eine zerteilende Ungleichheit gemacht. Und so werden Wissensgebiete immer weiter unterteilt. In den Disziplinen gibt es dann wieder Spezialisierungsgebiete, aber auch innerhalb dieser, bei den Fragen, die bearbeitet werden, wird alles zerteilt, um es analysieren zu k\u00f6nnen. Es soll m\u00f6glichst isoliert werden in vermeintlich unbeeinflusste Elemente. Letztendlich ist gar nicht gewollt, die Komplexit\u00e4t dabei zu haben, in der das Leben stattfindet.<\/p>\n<p class=\"western\">Eine M\u00f6glichkeit, einen Weg um diese klar definierten Begriffe zu entwickeln, die voneinander abgegrenzt werden k\u00f6nnen, um die Welt dann zu beschreiben, ist ein Denken in dichotomen Begrifflichkeiten. Es wird in vereinfachten Kategorien gearbeitet, wie ein Schwarz-Wei\u00df-Schema: entweder schwarz, oder wei\u00df. Es ist voneinander abgrenzbar und steht in der Regel in einer hierarchischen Ordnung. Eines wird herabgesetzt und das andere wird als \u00fcberlegen betrachtet. So gibt es gut und b\u00f6se, Mann und Frau, Zivilisation und Barbarei, rational und irrational. Rational ist das gute Faktenwissen, irrational ist das Subjektive, das Emotionale \u2013 und die Frau: das Abgewertete wird mit Frau in Verbindung gebracht. \u00d6ffentlich \u2013 privat ist eine andere dichotome Einteilung. Damit wird die Vielfalt an Formen, die es gibt, reduziert. Die vielf\u00e4ltigen, bestehenden Wechselwirkungen werden auf ein einfaches hierarchisches Gegen\u00fcber vereinfacht.<\/p>\n<p class=\"western\">Es gibt bestimmte Kriterien (sogenannte G\u00fctekriterien) f\u00fcr wissenschaftliches Arbeiten, die daf\u00fcr leitend sind, dass diese positivistische Form des Faktenwissen produziert und \u201eObjektivit\u00e4t des Wissens\u201c gew\u00e4hrleistet wird. Es geht um Kriterien, die regeln, was gute Wissenschaft ausmacht, wie auf wissenschaftliche Weise Wissen produziert wird. Diese fordern das Isolieren von Elementen. Ich als Forscherin muss distanziert bleiben von dem, was ich beforsche. Ich darf mich nicht involvieren, darf nicht subjektiv beteiligt sein, darf nicht irgendeine Emotion, Empathie oder irgendeine Beziehung zu dem haben, was ich beforsche. Ich darf nicht in Beziehung gehen. Genau genommen darf ich eigentlich gar nicht vorkommen. Dieses Prinzip der Nicht-Involviertheit, der Neutralit\u00e4t, wird sehr hoch gehalten. Ein Einfluss der forschenden Person wird als St\u00f6rfaktor verstanden und diese St\u00f6rung muss eliminiert oder kontrolliert werden. Deswegen wird das Experiment als die Reinform wissenschaftlicher Forschungsmethoden verstanden. Beim Experiment wird eine Versuchsanordnung geschaffen, die m\u00f6glichst steril, also unbeeinflusst ist und isolierte Elemente in Verbindung bringt, ohne dass St\u00f6rfaktoren hineinwirken. In einem ganz k\u00fcnstlichen Rahmen wird gepr\u00fcft wie ein Faktor mit einem anderen Faktor zusammenwirkt. Aus der Naturwissenschaft kommend wird dieses Methodenverst\u00e4ndnis auch in sozialwissenschaftliche Forschungsfelder \u00fcbernommen und angepasst.<\/p>\n<p class=\"western\">Um das Problem dieser Methode verst\u00e4ndlich zu machen, gebe ich ein Beispiel: Bei der Pr\u00fcfung der Heilwirkung von Pflanzen werden einzelne Wirkstoffe, die in der Pflanze vorkommen, isoliert und einzeln getestet. Oft ist es so, dass dann keine Heilwirkung festgestellt werden kann. Wissenschaftlich nachweisbar hat die Pflanze keine Heilwirkung. Dennoch wissen wir aus \u00dcberlieferung und aus Erfahrung, dass diese Pflanze eine bestimmte hilfreiche Wirkung hat. Jede Pflanze ist komplex und die Pr\u00fcfung einzelner Stoffe, die bekannt sind und isoliert werden, kann diese Komplexit\u00e4t und Macht zu heilen, nicht nachvollziehen.<\/p>\n<p class=\"western\">Das zeigt, wie Wissenschaft arbeitet und was es bedeutet, das Leben aus der Forschungsmethodologie herauszunehmen, erstmal zu zerst\u00f6ren, analytisch zu zerteilen und einzelne Elemente isoliert zu untersuchen. Das gilt als gutes, \u00fcberpr\u00fcftes Faktenwissen, als \u201eobjektives Wissen\u201c, aber genau das, was die Natur, was das komplexe, verbundene Leben kann, das kann diese Wissenschaft nicht erfassen. Das zeigt auch nochmal, dass diese Wissenschaft, diese Methoden, keine Antworten liefern (k\u00f6nnen) auf die eigentlichen Probleme. Betrachten wir die Weltpolitik, die zentralen Probleme von Sicherheit, von sicherem Leben f\u00fcr alle Menschen \u2013 dass keine Kriege bestehen oder dass ansonsten die Menschen gut versorgt sind \u2013 dann sehen wir, dass diese grundlegenden Probleme einfach nicht gel\u00f6st sind. Auch in der Wissenschaft wird festgestellt, dass Wissenschaftler_innen keinen Weg haben, das zu beantworten. Die bestehenden wissenschaftsinternen Versuche bleiben sehr begrenzt. Es geht bei den wissenschaftlich verankerten Methoden immer darum, Dinge zu kontrollieren. Ich kontrolliere die Variablen meiner Forschung, um St\u00f6rungen zu vermeiden. Ich mache Dinge messbar, um wieder andere Bereiche kalkulierbar und kontrollierbar machen zu k\u00f6nnen. Forschungen sollen Vorhersagen berechenbar machen und so Planungen und Steuerungen oder Manipulationen auch sozialer Entwicklungen erm\u00f6glichen. Letztendlich geht es um Kontrolle und Steuerung \u2013 sowohl der Natur gegen\u00fcber als auch gegen\u00fcber den Gesellschaften.<\/p>\n<p class=\"western\">Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Forschung, in der ich als Forscherin nicht involviert sein darf, in der ich nicht subjektiv sein darf, weil es sonst schlechte Forschung ist, auch bedeutet, dass ich nicht mit meinem Herzen dabei bin. Und auch nicht mit einer Verantwortung f\u00fcr eine gesellschaftliche Entwicklung.<\/p>\n<p class=\"western\">Die ethische Bewertung wird abgetrennt und findet, wenn \u00fcberhaupt, au\u00dferhalb des Kernbereichs der Forschung und ihrer Durchf\u00fchrung statt. Das Sach- oder Faktenwissen wird getrennt von Werten. Das wird dann \u201eWertfreiheit\u201c oder \u201eWerturteilsfreiheit\u201c genannt. Es gibt Beispiele, wie dass Forscher_innen, die eigentlich einen Atomkrieg ablehnen, an der Atombombe geforscht haben. Das passiert, weil die Forschung losgel\u00f6st von dem gemacht wird, was die Wirkung, die Anwendung bedeuten kann. Dennoch wird auf diese Art nach den Kriterien positivistischer Wissenschaft \u201egute Forschung\u201c gemacht. Die Verantwortung f\u00fcr das, was mit der Forschung nachher passiert, wird nicht mitgedacht und nach diesen Prinzipien, nach Kriterien der G\u00fcte f\u00fcr gute wissenschaftliche Forschung, im Forschungsprozess gar nicht vorkommen darf. Forschung darf nicht normativ sein. Es darf keine Norm, kein wertgesch\u00e4tztes Ziel geben, wof\u00fcr die Forschung da sein soll. Das wird nat\u00fcrlich auch innerhalb der Wissenschaft st\u00e4ndig (zwangsl\u00e4ufig) durchbrochen. So sind unausgesprochen Ziele des Liberalismus und der kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung f\u00fcr die Wissenschaft leitend; diese gelten sozusagen als wertneutral. Doch es gibt auch ganze Wissenschaftsgebiete, die f\u00fcr sich beanspruchen, doch normativ sein zu m\u00fcssen, wie lange Zeit beispielsweise die Friedens- und Konfliktforschung, die sich aber auch zunehmend der vermeintlichen Wertneutralit\u00e4t unterwirft (und damit die Militarismus- und Machtkritik weitgehend aufgibt). Doch von der positivistisch-empiristischen Grundidee her sollte Wissenschaft frei von normativen Ausrichtungen sein.<\/p>\n<p class=\"western\">Aus dem Ganzen entsteht ein gro\u00dfes Expertentum, weil du dich hochspezialisieren musst, um eine solche Form von Forschung machen zu k\u00f6nnen. Du kennst dich immer nur mit einem ganz kleinen Gebiet aus. Dein Wissen ist so spezialisiert, dass deine Sprache auch von niemandem mehr verstanden wird au\u00dfer von deinen engsten Fachkolleg_innen, die im gleichen Fachgebiet forschen. So entsteht auch eine Mystifizierung von Forschung. Dadurch, dass eigentlich keine Au\u00dfenstehenden mehr verstehen und \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnen, was dort getan wird, gilt diese_r Expert_in auch als etwas Gott-Gleiches. Auf jeden Fall hat diese Methode, die versucht, nicht-involviert zu forschen, im Grunde den Anspruch, Gottes Rolle zu \u00fcbernehmen. Bevor Wissenschaft entwickelt wurde, also historisch, lag die Rolle, Wahrheit\/wahres Wissen zu schaffen bzw. zu begr\u00fcnden, bei Gott. Diese Aufgabe wurde dann von der Wissenschaft \u00fcbernommen, tats\u00e4chlich auch in dieser Form: \u201eals Forscher_in bin ich nicht mehr Teil der Gesellschaft, habe ich im Grunde keinen K\u00f6rper mehr, denn ich darf mich ja nicht involvieren. Ich bin gar nicht dieser k\u00f6rperlich anwesende Mensch, der Erfahrungen gemacht hat, der kulturell gepr\u00e4gt ist, sondern ich schwebe sozusagen vermeintlich dar\u00fcber, gottgleich\u201c. Der rational-denkende, autonome Mann beanspruchte nun mit Beginn der Neuzeit und der Entwicklung des westlichen Wissenschaftssystems, statt Gott, aber sozusagen mit einer \u00e4hnlich herausgehobenen Position \u2013 der \u201egod eye\u2018s view\u201c\/Gottessicht (ein Begriff der Kritik) \u2013 Wahrheit zu finden.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Wissenschaft hat die Autorit\u00e4t \u00fcber Wissen, die vorher bei Gott lag, \u00fcbernommen. Wenn wir mit Jineoloj\u00ee zur\u00fcckgehen, wo die Probleme angefangen haben, dann ist es relevant zu schauen, wie das Patriarchat durch die letzten 5000 Jahre immer tiefer durch verschiedene Wissensregime verankert wurde. Das Problem hat mit dem Patriarchat angefangen, mit der Kolonialisierung der Frau. Zuerst spielte die Mythologie eine wichtige Rolle als Wissenssystem, um patriarchale Denkweisen und die damit verbundenen ersten hierarchischen und etatistischen Systeme zu verankern. Danach nahmen die monotheistischen Religionen diese wichtige Rolle ein. Philosophie wurde wichtig und schlie\u00dflich das europ\u00e4ische Wissenschaftssystem. In den letzten paar hundert Jahren haben die Wissenschaften diese machtvolle Aufgabe eines Wissensregimes \u00fcbernommen.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Entstehung der Grundlagen des modernen Wissenschaftssystems ging einher mit dem \u00dcbergang in die Neuzeit, der Formierung Europas zu einer einheitlichen, christlich-patriarchalen Einheit, der Expansion Europas mittels der Kolonialisierung anderer L\u00e4nder und Kontinente, mit massenhaften, die Welt ver\u00e4ndernden Versklavungen und Handel mit Sklaven, V\u00f6lkermorden, Vernichtung von anderen Kulturen, Lebensweisen und Wissenssystemen, mit der Verfolgung und Vernichtung von Andersdenkenden in Europa, insbesondere mit der Folter und Verbrennung von Frauen als Hexen und schlie\u00dflich mit der Durchsetzung der industriellen Produktionsweise und der patriarchalen, heterosexuellen Kleinfamilie als Lebensnorm.<\/p>\n<p class=\"western\">Diese neue Phase der Herrschaftsverh\u00e4ltnisse begann vor etwa 500 Jahren und war durch Kolonialismus und Kapitalismus gepr\u00e4gt. Die zentralen Entwicklungen dieser Phase sind durch die positivistische Wissenschaft begleitet worden. Wissenschaftliche Forschungen haben die kolonialen Unternehmungen erm\u00f6glicht und legitimiert. Die Legitimationsstruktur daf\u00fcr, einen Gro\u00dfteil der Menschheit zu versklaven, zu unterwerfen und ihre Gesellschaftssysteme zu zerst\u00f6ren, wurde wissenschaftlich mit der hierarchischen Konstruktion von Rassen erforscht und zur Verf\u00fcgung gestellt. Die Menschheit wurde zerteilt und hierarchisch kategorisiert. Menschen wurden als nicht gleichwertig in ein System mit und ohne Rechten eingeteilt. Es gibt viele Wechselwirkungen zwischen Kolonialismus und positivistischer Wissenschaft. Es wurden eigene Fachgebiete entwickelt, wie die Tropenmedizin, die n\u00f6tig war, um die kolonialen Eroberungen und Verwaltungen durchzusetzen. Es wurde auch Wissen aus den Kolonien gewonnen, gestohlen und in die westlichen Wissenschaften integriert, w\u00e4hrend gleichzeitig die Wissenssysteme, die zuvor in den Kolonien bestanden, bewusst zerst\u00f6rt wurden. Es wurde und wird die Universalit\u00e4t des europ\u00e4ischen\/westlichen Wissenssystems behauptet und dieses dann weltweit verbreitet.<br \/>\nInnerhalb Europas gab es parallele Entwicklungen der Zerschlagung anderer Wissensformen. Insbesondere die massenhaften Hexenverfolgungen sind ein Ausdruck davon. Nur eine spezifische Art, an Wissen zu kommen und mit Wissen umzugehen, wurde geduldet. Andere Wissensformen, die mit der Komplexit\u00e4t des Lebens verbunden waren, hatten keine Berechtigung mehr, wurden delegitimiert und verfolgt. Das betraf unter anderem das \u00fcberliefertes Heilwissen und das Verh\u00fctungs- und Geburtswissen der Hebammen. Das hei\u00dft, Wissenschaft wurzelt sozusagen in Sexismus, in Rassismus und Eurozentrismus, und in Gewalt.<\/p>\n<p class=\"western\">Die positivistische Wissenschaft wurde\/wird durch eine kleine Minderheit von M\u00e4nnern aus f\u00fcnf L\u00e4ndern gepr\u00e4gt (England, Italien, Frankreich, Deutschland und den USA). Sie war \u00fcber die ersten Jahrhunderte eine M\u00e4nnerinstitution, die keine Frauen in ihren Reihen duldete. Die M\u00e4nner, die die Grundlagen des Wissenschaftssystems gesetzt haben, machten extremst frauenfeindliche Aussagen: Frauen seien minderwertig und unterlegen und deshalb nicht zum rationalen, wissenschaftlichen Denken f\u00e4hig. Wissenschaft sei die Aufgabe von M\u00e4nnern, die die Herrschaft \u00fcber die Natur erlangen und diese wie Frauen erobern, versklaven und gewaltsam gef\u00fcgig machen m\u00fcssen (Francis Bacon). Erst vor etwas mehr als 100 Jahren haben Frauen den Zugang zur Wissenschaft erk\u00e4mpft, zun\u00e4chst zum Studium und sp\u00e4ter auch zu Positionen. M\u00e4nner dominieren bis heute die Professuren zu Drei-Vierteln, in manchen Fachgebieten noch mehr.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1286\" aria-describedby=\"caption-attachment-1286\" style=\"width: 289px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1286 size-medium\" src=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Verbrennung-der-Buecher-Kodexe-der-Azteken-durch-spanische-Moenche--289x300.png\" alt=\"\" width=\"289\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Verbrennung-der-Buecher-Kodexe-der-Azteken-durch-spanische-Moenche--289x300.png 289w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Verbrennung-der-Buecher-Kodexe-der-Azteken-durch-spanische-Moenche-.png 299w\" sizes=\"auto, (max-width: 289px) 100vw, 289px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1286\" class=\"wp-caption-text\">Verbrennung der B\u00fccher\/Kodexe der Azteken durch spanische M\u00f6nche &#8211; Diego Mu\u00f1oz Camargo, Descripci\u00f3n de la ciudad y provincia de Tlaxcala, Glasgow University<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"western\">Die in Europa entwickelte Form von Wissenschaft wurde weltweit verbreitet. Sie ist zwangsweise der Welt \u00fcbergest\u00fclpt worden. Damit wird sich jetzt in den ehemaligen Kolonien auseinandergesetzt, vor allem durch indigene Bewegungen. Die Zerst\u00f6rung ihrer Wissenssysteme war ein ganz bewusster Bestandteil der Kolonialisierung. Es gibt Zeichnungen<!-- Bild beigef\u00fcgt --> aus dieser Zeit, die zeigen, wie die heiligen B\u00fccher der Azteken in Mexiko zerst\u00f6rt wurden.\u00a0\u00a0 Auf diesem Bild ist ein wildes und komplexes Wissenssystem gemalt, ein Durcheinander im Verh\u00e4ltnis zu dem, was die positivistische Wissenschaft kennt, in der die Darstellung eckig und einfach ist. Dieses komplexe Wissenssystem wird von europ\u00e4ischen Priestern in Brand gesetzt. Dass es \u00fcberhaupt solche Bilder gibt, verdeutlicht, wie wichtig es war zu zeigen: \u201ewir zerst\u00f6ren das\u201c. Das war es wert, abgebildet zu werden. Es war ein ganz bewusster Prozess, den weltweit bestehenden Wissenssystemen in den kolonialisierten L\u00e4ndern keinen Raum zu lassen. Einiges des dort bestehenden Wissens wurde als brauchbar erkannt und \u00fcbernommen. Es wurde in das westliche Wissenschaftssystem integriert, ohne kenntlich zu machen und anzuerkennen, wo es entwickelt wurde.<\/p>\n<p class=\"western\">Viele Grundlagen der modernen, europ\u00e4ischen Wissenschaft kommen aus dem arabischen Raum, zum Beispiel in der Medizin. Das Wissen wurde im Grunde jedoch meist so angeeignet, dass jetzt nicht mehr sichtbar gemacht wird, wo es herkommt. Solche Aspekte k\u00f6nnten weiter vertieft werden, doch ich m\u00f6chte nicht von den Methoden wegkommen, sondern mehr dahin zur\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"western\">Abschlie\u00dfend noch zu diesem Thema: Es wurden weltweit bestehende Wissenssysteme zerst\u00f6rt und vier F\u00fcnftel der Erde kolonial unterworfen, die dort lebenden Gesellschaften und deren Wirtschaftssysteme vernichtet. Was ihnen aber auch genommen wurde, sind die M\u00f6glichkeiten, \u00fcber sich selbst zu forschen oder sich selbst zu repr\u00e4sentieren, indem gesagt wurde, dass das westliche Wissenssystem dort, auch mit Institutionen, aufgebaut werden muss. Die gleichen Prinzipien der Unterteilung, Kategorisierung etc. wurden auch z.B. mit der (Kolonial-)Verwaltung eingef\u00fchrt. Es gab eine Enteignung der Werkzeuge und Mittel, die in der nicht-westlichen Welt bestehenden Weltsichten zu vermitteln und die eigenen Fragen zu beantworten.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"center\"><b>Methoden\/Methodologien<\/b><\/p>\n<p class=\"western\" align=\"center\"><b>Postulate feministischer Forschung von Maria Mies<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Was ist aus feministischer und dekolonialer beziehungsweise Indigener Methodologie dem positivistischen Wissenschaftsverst\u00e4ndnis entgegengestellt worden? Ich gehe zuerst auf feministische Methoden ein und zwar auf die Vorschl\u00e4ge von Maria Mies.<br \/>\nMaria Mies war ab den 1970er Jahren in der Frauenbewegung aktiv und hat sich auch als eine der ersten mit internationalen, globalen Perspektiven besch\u00e4ftigt. Sie hat in Indien als Lektorin gearbeitet und geforscht, wodurch sie stark beeinflusst worden ist, was sich durch ihr ganzes Leben zieht. In den Niederlanden etablierte sie einen internationalen Studiengang. Sie war Teil der Frauenbewegung, hat sich sehr radikal mit Patriarchats- und Kapitalismuskritik auseinandergesetzt und auch matriarchale Kulturen in ihre \u00dcberlegungen einbezogen. Im Laufe ihrer Entwicklung formulierte sie aus der Praxis mit den Studierenden, mit denen sie angefangen hatte feministisch zu forschen, feministische Forschungspostulate. Diese sieben Postulate f\u00fcr feministische Forschung hat sie das erste Mal 1978 auf einer Frauenkonferenz in Frankfurt a.M. vorgestellt. Sie wurden in viele Sprachen \u00fcbersetzt und international, vor allem englischsprachig, diskutiert. Die Postulate waren als feministische Forschungsmethoden zun\u00e4chst auch in Deutschland und Europa akzeptiert. Sie wurden zur Grundlage der damals etablierten Frauenstudien, doch inzwischen sind sie v\u00f6llig diskreditiert und auch aus den Gender Studies ausgegrenzt worden.<\/p>\n<p class=\"western\">Im Grunde wussten Maria Mies und ihre Mitstreiter_innen bereits damals, als sie die methodischen Postulate auf dem Frauenkongress vorgestellt und diskutiert hatten, dass das, was sie dort formulierten, viel zu politisch war, um im bestehenden, institutionalisierten Wissenschaftssystem akzeptiert zu werden. Sie wussten das und haben dennoch damit zun\u00e4chst im Bestehenden gearbeitet. Das geht heute aber gar nicht mehr. \u201eNee, also Maria Mies, sowas machen wir nicht\u201c, hat mir ein Doktorand der Gender Studies in einem abf\u00e4llig-abgrenzenden Tonfall vor nicht langer Zeit geantwortet.<\/p>\n<p class=\"western\">In den methodischen Postulaten von Maria Mies gibt es eine gro\u00dfe N\u00e4he zu dem, was wir von Abdullah \u00d6calan lesen k\u00f6nnen, aber ich stelle es aus der Perspektive von Maria Mies vor. Ich gehe hier nicht durch die sieben Punkte ihrer Postulate, sondern mache das in drei Punkten. Ich orientiere mich dabei an einem anderen Text von Maria Mies<sup><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote1sym\" name=\"sdfootnote1anc\">1<\/a><\/sup>, an dem ich interessant fand, wie sie dort Prinzipien formuliert, die eine feministische politische Praxis anleiten k\u00f6nnen und in die sie die Forschungspraxis integriert. Das ist im Grunde, wie wir mit Jineoloj\u00ee auch herangehen. F\u00fcr uns ist ja Forschung integriert in die revolution\u00e4re Praxis. So war bzw. ist das f\u00fcr Maria Mies auch. (Sie lebt heute weiter in K\u00f6ln, ist aber sehr alt und tritt nicht mehr \u00f6ffentlich auf.) Maria Mies sagt: Forschung ist Teil unserer politischen Praxis. An den von ihr formulierten drei Punkten hangle ich mich entlang.<\/p>\n<ol>\n<li>Wir m\u00fcssen dualistische Teilungen \u00fcberwinden, ablehnen und vernichten. Wir k\u00f6nnen erst einmal sagen, die Teilungen m\u00fcssen \u00fcberwunden werden, aber Maria Mies spricht ausdr\u00fccklich von den dualistischen Teilungen, also Zweiteilungen. Alles wird in zwei gegens\u00e4tzliche Teile hierarchisch geordnet. Es gibt das Private und das \u00d6ffentliche, Mensch und Natur, Kultur und Natur, Rationalit\u00e4t und Emotionalit\u00e4t. Immer ist das eine \u00fcberlegen und das andere ist das Passive, das Minderwertige und so wird die ganze Welt aufgeteilt. Genau das muss \u00fcberwunden werden. Was wir brauchen und stattdessen entwickeln sollten, ist eine gegenseitige Beziehung gleicher Subjekte. Im Forschungsprojekt ist das die Beziehung zwischen Forscher_in und vermeintlich Beforschten, deren Fragen und deren Themen im Mittelpunkt stehen sollen. Das sollte eine gleiche, nicht-hierarchische und eine gegenseitige Beziehung sein. Diese Beziehung, sagt Maria Mies, muss es ausdr\u00fccklich auch zur Natur geben. Natur wird ja erforscht, um sie ausbeuten zu k\u00f6nnen. In vorwissenschaftlichen Zeiten war es aufgrund von religi\u00f6sem Denken umstritten, den Boden aufzurei\u00dfen und dort alles rauszuholen. Aber positivistische Wissenschaft wollte Natur kontrollieren und verwertbar machen. Sie hat den Anspruch, alles wissen zu m\u00fcssen, was m\u00f6glich ist. Wissen m\u00fcsse immer weiter anwachsen, wie insgesamt auch fortw\u00e4hrenden Fortschritt\/Wachstum stattfinden soll. Daraus legitimiert sich jede Forschung und jedes Projekt, auch der Natur gegen\u00fcber. Maria Mies hingegen sagt, es muss eine Beziehung zur Natur geben, die gleichberechtigt ist. Alles hat eine W\u00fcrde. Die Analyse soll das, was wir analysieren, nicht zerst\u00f6ren und nicht zerteilen. Sie vertritt, dass es wichtig ist, zu lernen, die Verbindungen zu sehen und alles in einer weiten Verbindung zwischen Mensch und Natur, wie auch zwischen dem einzelnen Menschen und der Gesellschaft zu sehen. Dazu geh\u00f6rt auch, den eigenen K\u00f6rper wieder st\u00e4rker zu sehen, sich in einer Verbindung mit ihm zu begreifen und ihn in Verbindung zu anderen Menschen und zu der Gesellschaft wahrzunehmen. Sinne und Emotionen m\u00fcssen wieder mehr wahrgenommen werden. Letztendlich geht es darum, alles in lebendigen Prozessen zu begreifen. Marie Mies sagt, die Kreativit\u00e4t der Forschung h\u00e4ngt davon ab, dass diese in lebendigen, sozialen Prozessen verwurzelt ist.<\/li>\n<li>Die klassische Wissenschaft, wie wir sie kennen, ist ein sehr individualisiertes Projekt. Jede_r einzelne Forscher_in muss sich eine Bekanntheit daf\u00fcr verschaffen, dass er_sie jetzt Expert_in auf einem spezialisierten Gebiet ist, dazu ver\u00f6ffentlicht, also Autor_in ist von wichtigen Forschungstexten und so weiter. Dieses individualistische Unternehmen muss gestoppt werden, so Maria Mies. Stattdessen muss Wissenschaft wieder als etwas Politisches verstanden werden und auch als etwas Partielles. Denn das Wissen, das wir haben, kann nie alles erkl\u00e4ren, sondern hat nur eine partielle Berechtigung und nicht die behauptete universelle Geltung. Maria Mies postuliert, dass wir uns als einen Teil von etwas gr\u00f6\u00dferen Ganzen begreifen sollten. Individuelle Probleme k\u00f6nnen nicht nur am Individuum oder als Einzelfall erforscht werden, sondern sollten im Zusammenhang der gesellschaftlichen Realit\u00e4ten gesehen werden, die Unterdr\u00fcckung beinhalten. Die Probleme werden verstanden, wenn wir sie in den gesellschaftlichen Kontext von Unterdr\u00fcckung stellen. Wir brauchen die Sicht von unten und nichtss Steuerndes, Kontrollierendes von oben. Die Interessen der Unterdr\u00fcckten und insbesondere die Interessen der Frauen m\u00fcssen verfolgt werden. Es ist ein Ziel, dem zu dienen. Forschung ist Teil der K\u00e4mpfe gegen die Unterdr\u00fcckung von Frauen und gegen Ausbeutung. Forschung ist Teil unserer Aktionen, also unserer Handlungen und der K\u00e4mpfe f\u00fcr Emanzipation. Forschung muss auf die Stra\u00dfe getragen werden und den gegenw\u00e4rtigen Zustand, den Status Quo, ver\u00e4ndern. In dem Prozess, diese Art von Forschung zu machen, ver\u00e4ndern sich die Forschenden auch selber. Das ist Teil der Prozesse. Es ist auch wichtig, die Mittel zur Forschung, also die Werkzeuge, die Methoden, an die Menschen weiterzugeben, mit denen geforscht wird. Es ist entscheidend, dass die Unterdr\u00fcckten ihre Probleme selber formulieren und selber die Forschung durchf\u00fchren. Daf\u00fcr m\u00fcssen sie die Methoden kennen. Mit den Forschungsergebnissen k\u00f6nnen sie dann auch die unterdr\u00fcckende Realit\u00e4t ver\u00e4ndern und Aktionen planen, also Handlungen daraus ableiten. Maria Mies bezieht sich dabei unter anderem auf Paulo Freire, einem brasilianischen Befreiungsp\u00e4dagogen: Es ist eine Selbstbewusstseinsentwicklung, was auch mit Selbstkenntnis beschrieben wird. Paulo Freire ist auch spannend f\u00fcr konkrete, einzelne Methoden, wie zum Beispiel das \u201eTheater-der-Unterdr\u00fcckten\u201c.<\/li>\n<li>Der dritte ist nochmal ein interessanter Punkt, der ungewohnt zu h\u00f6ren ist. Wissenschaftliche Forschung hat wie gesagt den Anspruch, alles erforschen zu d\u00fcrfen und auch zu m\u00fcssen. Jede Ma\u00dfnahme ist letztendlich legitim, denn wir m\u00fcssen demnach alles verstehen und kontrollieren k\u00f6nnen und alles sei machbar. Diesem unendliche Fortschrittsdenken entgegen sagt Maria Mies in ihren Postulaten, dass alles begrenzt ist. Das menschliche Universum ist begrenzt. Der K\u00f6rper ist begrenzt. Die Erde ist begrenzt. Sie sagt, wir m\u00fcssen diesen Anspruch des unbegrenzten Fortschritts zur\u00fcckweisen. Das Projekt, mit dem wir unterwegs sind, ist stattdessen auf das menschliche Gl\u00fcck und die Produktion des Lebens selbst gerichtet. Es geht darum, das Leben sozusagen wieder ins Zentrum zu stellen. Maria Mies stellt heraus, dass eine gro\u00dfe Gewalt von der herk\u00f6mmlichen wissenschaftlichen Methode ausgeht, die immer mehr einzelne Objekte isoliert, aus ihrem symbiotischen Kontext herausrei\u00dft und nicht in Erkenntnisprozessen der Beziehungen begreift. Die Symbiose geh\u00f6rt f\u00fcr sie zur Natur, besteht aber auch in den Verbindungen zwischen den Menschen. Das ergibt sich auch daraus, dass wir alle geboren werden. Wir werden von Frauen geboren, doch diese Verbindung wird negiert. Wir sollten uns als Teil der Natur begreifen, uns unserer K\u00f6rper bewusst sein und auch unserer Abh\u00e4ngigkeit von der Mutter Erde bewusst sein. Und nicht vergessen, dass wir alle geboren sind durch Frauen und dass wir alle sterben. Leben ist nicht ewiger Fortschritt, sondern endlich.<\/li>\n<li style=\"list-style-type: none;\"><\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"3\">\n<li style=\"list-style-type: none;\"><\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"western\">Soviel zu den Postulaten f\u00fcr feministische Forschung von Maria Mies.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"center\"><b>Wissenschaft als Institution, Objektivit\u00e4t, Begriffe und politische Ziele<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Es ist nicht einfach, dass wir \u00f6fter den gleichen Begriff f\u00fcr sehr verschiedene Dinge haben, also ein Begriff in einem anderen (theoretischen) Zusammenhang etwas ganz anderes bedeuten kann. Es ist manchmal nicht einfach mit der Begrifflichkeit. Bei so vielen Begriffen m\u00fcssen wir immer genau pr\u00fcfen, was genau gemeint ist, wenn ein bestimmter Begriff benutzt wird. Wenn wir einen Begriff aus einem bestimmten Kontext oder theoretischen Ansatz anders kennen und benutzen und diesen dann, wenn er in einem anderen theoretischen Konzept auftaucht, in der Bedeutung \u00fcbernehmen, verstehen wird dadurch etwas falsch.<\/p>\n<p class=\"western\">Kurz etwas zum Begriff Dichotomie im Unterschied zu Dualismus. Dichotomie bedeutet, dass die eine Seite die andere ablehnt, negiert. Es ist der Charakter der Seiten, sich nicht akzeptieren zu k\u00f6nnen. Also A ist nicht B. Sie kommen nie zusammen, es ist ein endloser Widerspruch und endlose Feindschaft zwischen ihnen. Das ist der Punkt und das Problem mit den Dichotomien. Also Frau ist nicht das, was Mann ist, und Mann ist nicht das, was Frau ist. Das gilt f\u00fcr alle Aspekte.<\/p>\n<p>Im Dualismus ist das anders. Das beste Beispiel f\u00fcr ein dualistisches Verh\u00e4ltnis ist Yin und Yang. Das wei\u00dfe Muster hat etwas kleines Schwarzes in sich und das Schwarze hat das Wei\u00df in sich. Es ist das Verst\u00e4ndnis, dass es Unterschiedlichkeit braucht. Es braucht Diversit\u00e4t, deren Elemente sich komplementieren und damit in einem Gleichgewicht sind. Denn beide Seiten haben ein wenig von dem, was die andere Seite hat. Zwischen diesen beiden Seiten gibt es eine gro\u00dfe Breite von M\u00f6glichkeiten.<br \/>\nDieses Verst\u00e4ndnis finden wir in den meisten kosmologischen Vorstellungen indigener Gesellschaften. Es ist zum Beispiel das Verst\u00e4ndnis, dass eine Seite feminin und die anderen maskulin ist, aber dass eben die feminine etwas Maskulines in sich hat und umgekehrt. Es gibt au\u00dferdem eine gro\u00dfe Spannweite von Dingen dazwischen. Diese Breite der Dinge zwischen den zwei Seiten finden wir im ganzen Universum, von der nat\u00fcrlichen Welt bis hin zur Gesellschaft. Also ist es kein Widerspruch, keine Negation, sondern eine Erg\u00e4nzung. Der entscheidende Punkt ist, dass eine dualistische Seite nicht ohne die andere existieren kann, sonst w\u00e4re das Gleichgewicht gebrochen. Es gibt viele Symboliken, zum Beispiel auch in Lateinamerika, die sehr \u00e4hnlich zum Yin und Yang sind, bei denen die eine Seite die andere miterschafft. Es ist wichtig, diesen Unterschied zwischen Dualismus und Dichotomie zu verstehen.<\/p>\n<p class=\"western\">Jineoloj\u00ee ist ein neuer, umfassender Entwurf von Wissenschaft. Das Ziel der Jineoloj\u00ee ist es, eigene Institutionen aufzubauen. Es geht nicht um eine Anerkennung im bestehenden Wissenschaftssystem, sondern um eigene Institutionen, von denen einige schon aufgebaut wurden. Es gibt das Andrea Wolf-Institut und die Jineoloj\u00ee-Akademien in Rojava (Westkurdistan) und anderen Gebieten Kurdistans. Es gibt in Br\u00fcssel das Jineoloj\u00ee-Zentrum, das die erste Institution in Europa darstellt und es gibt auch das Ziel, weitere Jineoloj\u00ee-Zentren in Europa aufzubauen.<\/p>\n<p class=\"western\">Trotzdem schlie\u00dft sich beides nicht komplett aus: das bestehende Wissenschaftssystem grundlegend zu hinterfragen und dort zu arbeiten, dort die Jineoloj\u00ee hineinzutragen. Es ist nat\u00fcrlich nicht das gleiche revolution\u00e4re Projekt, sondern eher so etwas wie gesellschaftliche Arbeit, an Universit\u00e4ten Teil dieser Gesellschaft zu sein und daran zu wirken, Menschen mit Ideen vertraut zu machen und zu diskutieren. Wir k\u00f6nnen jedoch nicht viel davon erwarten, denn allein die Pr\u00fcfungskriterien pr\u00e4gen die Arbeit innerhalb bestehender wissenschaftlicher Institutionen negativ, weshalb es immer ein totaler Kompromiss bleibt.<\/p>\n<p class=\"western\"><a name=\"firstHeading\"><\/a> In Italien gab es vor einigen Jahrzehnten die \u201e<span lang=\"it-IT\">Autonomia Operaia\u201d, <\/span><span lang=\"it-IT\">in der In<\/span>tellektuelle, Professoren und Studierende das Versprechen gaben, dass sie alles, was sie wissen, in die Bewegung hinein geben und dass das ein permanenter Austausch wird. Wenige Jahre funktionierte es, Wissen nicht als den eigenen Besitz zu begreifen, sondern tats\u00e4chlich weiterzugeben, damit jede_r was damit anfangen kann. Dann scheiterte es.<\/p>\n<p class=\"western\">In Deutschland gab es ein \u00e4hnliches Projekt: Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre, so \u00fcber sieben Jahre, gab es die feministischen Sommeruniversit\u00e4ten. Dort mussten sich die Forscher_innen im bestehenden Wissenschaftssystem die Frage stellen lassen, ob die Forschung, die sie machen, \u00fcberhaupt sinnvoll f\u00fcr die Bewegung ist und ob sie \u00fcberhaupt erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, was sie dort tun. Es gab eine Verbindung zwischen Frauenbewegung und Frauenforschung, die aber auch verloren gegangen ist.<i> <\/i><sup><i><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"#sdfootnote2sym\" name=\"sdfootnote2anc\">2<\/a><\/i><\/sup><\/p>\n<p class=\"western\">Dieses In-Verbindung-Gehen ist ein wichtiges, grundlegendes Element. Das bedeutet unter anderem, \u00fcbergreifende Forschungsgruppen zu bilden. In der Indigenen Forschung wird auch von \u201eForschungsfamilien\u201c gesprochen, also von einem gro\u00dfen, kollektiven Zusammenschluss, der in gro\u00dfer F\u00fcrsorge und gro\u00dfer Verantwortung f\u00fcr das, was sie dort tun und wie sie mit den Ergebnissen umgehen, forscht. Es ist eingebunden in eine Forschungsfamilie, in ein Forschungskollektiv und auch in Kriterien f\u00fcr das, was eigentlich an Wissen gebraucht wird. Es wird bewusst gesagt, dass die Forschung der Dekolonisierung bzw. den politischen Zielen der Freiheit und Selbstbestimmung dienen muss. Genauso, wie auch Maria Mies es formulierte: Die Forschung dient Zielen, ist nichts Individuelles mehr und auch das Subjektive wird dadurch aufgehoben.<\/p>\n<p class=\"western\">Es w\u00e4re falsch zu denken, dass aus der Kritik am Objektivit\u00e4tsverst\u00e4ndnis der positivistischen Wissenschaft als eine Konsequenz oder Gegenreaktion in der Jineoloj\u00ee ein Subjektivismus erfolgt. Die Methoden der Jineoloj\u00ee orientieren sich an Prinzipien, die sich auch mit Problematik von Methoden auseinandersetzen. Ein Beispiel w\u00e4re zu fragen: wie k\u00f6nnen wir mit einem neuen Verst\u00e4ndnis von Dialektik Widerspr\u00fcche \u00fcberwinden? Mit einem neuen Verst\u00e4ndnis k\u00f6nnen wir einen anderen Umgang miz Gegens\u00e4tze wie den von Universalismus und Relativismus oder auch Objektivit\u00e4t und Subjektivismus finden. In der Jineoloj\u00ee ist zum Beispiel die Beziehung nicht Objekt &#8211; Subjekt, sondern immer Subjekt \u2013 Subjekt \u2013 gerade auch in der Forschung. Das ist nicht Subjektivismus. Subjektivismus ist ein Problem, das die Mentalit\u00e4t, das Ego betrifft.<\/p>\n<p class=\"western\">Wenn wir verstehen, dass Wissenschaft immer auch politisch ist, dann macht es Sinn, auf solche Personen wie Francis Bacon (einem der Urv\u00e4ter der Wissenschaft) zu schauen. Bacon war sexistisch und rassistisch, was politisch ist. Obwohl feministische oder indigene Wissenschaftsentw\u00fcrfe als \u201ezu politisch\u201c diskreditiert werden, wird das nicht in Bezug auf Leute wie Bacon und deren Entw\u00fcrfe gemacht. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Etablierung der Wissenschaft damals ein sehr fragw\u00fcrdiger Prozess war. Alles war neu und musste erst einmal angenommen werden. Deswegen gab es auch tats\u00e4chlich viele \u00dcberlegungen dazu, wie man das absichern kann. In den Prozessen der Erkenntnisgewinnung und der Setzungen der positivistischen Wissenschaft wurde vieles geschaffen, um sich vor Infragestellung zu sch\u00fctzen. Das n\u00e4her zu betrachten ist nochmal ein eigenes Thema, doch ein zentraler Punkt war es, eine Norm zu setzen \u2013 n\u00e4mlich den Mann als Subjekt und den Objektivit\u00e4tsbegriff mit seinen Kriterien f\u00fcr die Anerkennung von Wissen. Wer so arbeitet, der muss nicht erkl\u00e4ren, warum er so arbeitet, sondern das wird eben als das Richtige und das selbstverst\u00e4ndlich Unhinterfragte wahrgenommen. Doch genau das ist eben h\u00f6chst subjektiv und politisch und wird nur nichts so wahrgenommen, weil es allgemein akzeptiert ist und durchgesetzt wurde. Wer so arbeitet, muss sich nicht erkl\u00e4ren, aber wer anders arbeitet, wird in Frage gestellt.<\/p>\n<p class=\"western\">Zum Teil l\u00e4sst die Wissenschaft unter dem Motto \u201eWir sind vielf\u00e4ltig und pluralistisch\u201c auch Raum f\u00fcr kritische Ans\u00e4tze. Doch kritische Forscher_innen m\u00fcssen sich extrem erkl\u00e4ren und rechtfertigen, f\u00fcr alles, was sie tun und wie sie arbeiten. Sie m\u00fcssen erkl\u00e4ren, warum sie Wissenschaft politisch begreifen, warum ihres Erachtens diese zwangsl\u00e4ufig Subjektives beinhalten muss und trotzdem eine Berechtigung hat. Es wird mit dem Objektivit\u00e4tsbegriff und davon abgeleiteten Methoden positivistischer Wissenschaft sozusagen ein Machtraum geschaffen von politischem Handeln in der Wissenschaft, der aber als objektiv gilt und nicht mehr als etwas Politisches sichtbar ist.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"center\"><b>Indigenous Methodologies\/Dekoloniale Forschung<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Wie bereits erw\u00e4hnt, ist in indigenen Bewegungen der Prozess in Gang gekommen, wieder eigene Indigene Forschungsmethodologien zu entwickeln. Sie wehren sich gegen die ausbeutenden Formen der Forschung und versuchen, diese auch aus ihren Gesellschaften fern zu halten. Sie sagen: \u201eIhr kommt hier nicht mehr rein, ihr forscht hier nicht mehr.\u201c Gleichzeitig entwickeln sie ihre eigene Form der Forschung, die angelehnt ist an Wissenssysteme, die kolonial zerst\u00f6rt wurden. Das, was man davon noch erinnert, wird wiederbelebt und als Praxis entwickelt, eingebunden ins eigene kulturelle System, in die eigene Kosmologie. Diese basiert auf sehr, sehr gro\u00dfen Verbindungen, verbunden mit der Natur, verbunden in weiten Gesellschaftsformen, verbunden mit der Vergangenheit, mit den Ahnen, verbunden mit der Zukunft, mit zuk\u00fcnftigen Generationen. Also mit einem ganz anderen Wertesystem, in dem oft Kriterien wie Selbstbestimmung im Zentrum stehen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1285\" aria-describedby=\"caption-attachment-1285\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1285 size-medium\" src=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kaupapa-Maori-Forschungagenda-300x300.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kaupapa-Maori-Forschungagenda-300x300.png 300w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kaupapa-Maori-Forschungagenda-150x150.png 150w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kaupapa-Maori-Forschungagenda-75x75.png 75w, https:\/\/jineoloji.eu\/de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kaupapa-Maori-Forschungagenda.png 360w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1285\" class=\"wp-caption-text\">Kaupapa Maori Forschungagenda &#8211; Linda Tuhiwai Smith 1999: Decolonizing Methodologies.<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"western\">Diese Modelle<!-- Hier Modell indigener Forschung einf\u00fcgen. -->, beispielsweise von den Maori, sind immer kreisf\u00f6rmig und in der Mitte steht Selbstbestimmung. Alles muss immer darauf \u00fcberpr\u00fcft werden, ob es der Selbstbestimmung dient. Nicht nur der individuellen, sondern der gesellschaftlichen Selbstbestimmung. Die Modelle sind auch Ausdruck der Verbindungen der Menschen. Vom Individuum zur Familie, zur weiteren gesellschaftlichen Gruppe, zur Umwelt und zum ganzen Kosmos, in dem eine_r lebt. Zur Natur, zu dem was eine_n ern\u00e4hrt und was die Lebensbedingungen pr\u00e4gt, aber auch zum Weltall und zu allem, was vorher und sp\u00e4ter war und sein wird. Oft ist es auch angelehnt an das, was einige vielleicht als \u201eindianisches Medizinrad\u201c kennen, also dass die verschiedenen Himmelsrichtungen mit verschiedenen Eigenschaften verbunden sind. Es ist von einem Kreuz durchzogen und es entstehen verschiedene Felder, die politische Begriffe wie Dekolonisierung, Mobilisierung, Transformation, Spiritualit\u00e4t, Heilung \u2013 Heilung im Sinne auch von gesellschaftlicher Heilung, von den Folgen von Kolonialismus \u2013 enthalten. Es ist wirklich ein gro\u00dfes Netz von verschiedenen Bereichen, die das Leben ausmachen, die in diesen Forschungsagenden dann auch vorkommen.<\/p>\n<p class=\"western\">Indigene Forschungsmethodologien streben oft nicht danach, im bestehenden Wissenschaftssystem anerkannt zu werden, sondern eher danach, in ihren Communities zu arbeiten und dort die Fragen auf strukturierte Art und Weise zu beantworten, die dringend beantwortet werden m\u00fcssen. Weil gerade junge Leute der indigenen Gesellschaften, die nach Bildung streben, vom bestehenden Wissenschaftssystem frustriert sind und nichts mehr mit Forschung zu tun haben wollen, wird die indigene Forschungsagenda wichtig. Mit dieser kulturell eingebundenen Forschungsmethodologie wird jungen Menschen eine M\u00f6glichkeit gegeben, f\u00fcr ihre eigenen Communities als Forscher_innen zu arbeiten. Forschung wird wieder positiv besetzt. Denn Forschung wird in indigenen Gesellschaften immer mit Kolonialismus in Verbindung gebracht und aufgrund der \u00e4u\u00dferst negativen Erfahrungen ist der Begriff Forschung ein Schimpfwort.<\/p>\n<p class=\"western\">Was sind wichtige Prinzipien, die indigene, dekoloniale Forschung entwickelt hat? Es wird gesagt, Forschung muss positioniert sein und das auf eine doppelte Weise. Zum einen epistemologisch, also von der Art der Erkenntnisgewinnung. Hierbei werden die Perspektiven der Unterdr\u00fcckten, der Kolonialisierten, nach vorne gestellt, davon ausgehend, dass von dort die Erkenntnis kommt. Zum anderen muss Forschung politisch positioniert sein: Als Teil der K\u00e4mpfe, zum einen zur Dekolonisierung der Wissensform, aber auch zur Dekolonisierung der Weltverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p class=\"western\">Deswegen ist Forschung auch niemals nicht-involviert. Als Forscher_in bist du immer emotional oder selber involviert. Es ist wichtig, zu zeigen, wer du bist, wenn du Forschung machst. Dieses Sich-Involvieren und auch In-Beziehung-Gehen, um forschen zu k\u00f6nnen, hei\u00dft auch, ein ehrliches Gesicht zu zeigen. Nicht nur: \u201eHier ist mein Forschungsplan, seid ihr einverstanden?\u201c, sondern wirklich zu sagen: Wer bin ich? Was ist meine Biografie, meine Herkunft? Wer bin ich als Mensch? Welche St\u00e4rken und Schw\u00e4chen habe ich als Mensch? Also sich selbst mit ehrlichem Gesicht zu zeigen, respektvoll mit denen umzugehen, mit denen ich forsche, eine gegenseitige, vertrauensvolle Beziehung zu schaffen und Beziehungen aufzubauen. Es gibt keine \u201eObjekte der Forschung\u201c, also niemand wird erforscht. Empathie, F\u00fcrsorge und Teilen sind wichtige Begriffe in diesen Beziehungen der Forschung. Das bedeutet auch, das Wissen, was ich vielleicht habe, weil ich mehr Zeit daf\u00fcr hatte, es mir anzueignen, weiterzugeben an die Menschen, mit denen ich eine Forschung durchf\u00fchre. Es wird zum Beispiel von den Maori von einer \u201eForschungsfamilie\u201c gesprochen, was hei\u00dft, dass es eine Verpflichtung gibt, die ich eingehe. Wenn zum Beispiel jemand in meiner Forschungsfamilie ganz andere dringende Bed\u00fcrfnisse hat, k\u00fcmmere ich mich darum, auch wenn es vielleicht nicht mit dem Forschungsziel zu tun hat, denn ich bin f\u00fcr diese Gruppe mit zust\u00e4ndig und k\u00fcmmere mich um sie. Es sind verl\u00e4ssliche Beziehungen, die sich gegenseitig unterst\u00fctzen, was die Grundlage ist, auf der Forschung \u00fcberhaupt stattfinden kann. Forschung ist ein Sich-Mitteilen und ein Austausch von Wissen. Sie kann nur dort stattfinden, wo solche Formen von Beziehungen etabliert werden. Es gibt keinen Moment im Forschungsprojekt, wo diese Art der gegenseitigen, verantwortungsvollen Beziehungen nicht angewandt werden, auch sp\u00e4ter nicht, wenn die Forschung vermeintlich abgeschlossen ist. Was mache ich mit dem Wissen? Es ist weiterer Teil dieser Gruppe, als die ich Forschung gemacht habe, zu \u00fcberlegen, wie das Wissen pr\u00e4sentiert werden kann, wo es eingesetzt wird und wer es erhalten kann.<\/p>\n<p class=\"western\">Interpretationen und Pr\u00e4sentationen von Forschung werden aus der indigenen Perspektive aufgrund der Erfahrungen mit Kolonialismus als potenziell gef\u00e4hrlich angesehen, weswegen es sehr wichtig ist, wie das Wissen pr\u00e4sentiert wird. Auch damit es verst\u00e4ndlich wird f\u00fcr eine weitere Gesellschaft und nicht nur f\u00fcr spezialisierte Leute. Das ist damit verbunden, dass der_die Forscher_in immer eine Rechenschaftspflicht denjenigen gegen\u00fcber hat, \u201e\u00fcber\u201c die geforscht worden ist. Letztendlich gegen\u00fcber der Gesellschaft, die mit den Ergebnissen leben muss, die aus der Forschung hervorgehen. Da ist wieder das Prinzip, das wir auch bei Maria Mies gefunden haben: Wir k\u00f6nnen nicht alles wissen (wollen). Nicht diese Unendlichkeit, dieser Anspruch, alles d\u00fcrfe erforscht werden. Das kommt nat\u00fcrlich aus der Erfahrung, dass eine ausbeuteten Forschung gegen\u00fcber den kolonialisierten Gesellschaften stattgefunden hat. Die Forschungsergebnisse wurden, h\u00e4ufig trotz anderslautender Versprechen, gegen die indigenen Gesellschaften, also zu ihrem Nachteil, verwendet. Kulturelle Beschreibungen der Minderwertigkeit entstanden durch die Missinterpretation von bruchst\u00fcckhaftem Wissen. Oder Heilwissen wurde genommen und in der Pharmaindustrie profitbringend verwertet; soziales und kulturelles Wissen wurde vom Milit\u00e4r verwendet. Deswegen formulieren indigene Gesellschaften nun ausdr\u00fccklich, dass nicht alles Wissen geteilt werden muss.<\/p>\n<p class=\"western\">Ein weiterer Aspekt ist, die Partikularit\u00e4t von Wissen zu begreifen. Das bedeutet aus europ\u00e4ischer Perspektive vor allem, zu sehen, dass das europ\u00e4ische Wissen nicht universell, sondern nur begrenzt f\u00fcr andere g\u00fcltig ist und dass Eurozentrismus verlernt werden muss. Wir m\u00fcssen uns ganz andere Sachen aneignen und uns aktiv damit auseinandersetzen: Wo haben wir, auch unbewusst, ein \u00dcberlegenheitsdenken? Wir m\u00fcssen uns eine Bescheidenheit zum Ziel setzen und Zuh\u00f6ren lernen. Wir m\u00fcssen auch gegen die Mystifizierung von Forschung arbeiten, also dass es angeblich ein Expert_innenwissen braucht, ein langes Studium, eine hochspezialisierte Ausdrucksweise und Weiteres. Es ist wichtig, diesen Ehrfurcht gebietenden Mythos des Unerreichbaren zu zerst\u00f6ren. Wir erkennen stattdessen an, dass es viele kleine Projekte gibt, die Menschen sowieso immer durchf\u00fchren, um systematisch Probleme zu l\u00f6sen und Fragen zu beantworten \u2013 zum Beispiel, um die Ernte und die Lebensmittelproduktion zu planen oder andere Projekte der F\u00fcrsorge f\u00fcr die Gemeinschaft und f\u00fcr die Natur oder Projekte der Heilung der Folgen kolonialer Verbrechen. Diese methodisch gestalteten Praktiken eigenen sich gerade auch wieder altes, kulturelles Wissen an, das durch Kolonialismus zerst\u00f6rt oder verdr\u00e4ngt wurde. Dazu geh\u00f6rt auch, Dinge wieder mit alten Namen zu benennen, zum Beispiel Berge, die zuvor kolonial umbenannt wurden. All das sind im Grunde genommen Forschungsmethoden, die schon l\u00e4ngst angewandt wurden, die aber auch als Forschung anerkannt werden m\u00fcssen. Jetzt wird solches Wissen, das regional entsteht, als kulturell spezifisches, partikulares Wissen herabgesetzt, w\u00e4hrend das Wissen, das im westlichen Wissenschaftssystem entsteht, als universell g\u00fcltige Theorie weit h\u00f6herwertiger gestellt wird. Beides kann als meist partikulares Wissen verstanden werden, das jedoch auch f\u00fcr die anderen eine wichtige Bedeutung haben kann. Das zu tun w\u00fcrde die Macht in den Wissensverh\u00e4ltnissen radikal ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p class=\"western\">Nun nochmal zum Schreiben bzw. jeglicher Form der Pr\u00e4sentation von Forschungswissen und die Gefahren, die das birgt. Indigene oder dekoloniale Forschung kommt oft dahin, dass es k\u00fcnstlerische Formen braucht oder \u00e4sthetische Formen der Pr\u00e4sentation, um sichtbar zu machen, dass in diesem Repr\u00e4sentationsprozess immer etwas Politisches und immer etwas Subjektives passiert. Wenn man etwas \u00e4sthetisch oder k\u00fcnstlerisch pr\u00e4sentiert, dann geht man damit bewusst um. Also mit der L\u00fccke, die zwischen dem, was repr\u00e4sentiert wird, und der (Re-)Pr\u00e4sentation liegt \u2013 das ist ein machtvoller Raum. Es wird sichtbar gemacht, dass eine pers\u00f6nliche Form der Pr\u00e4sentation von Wissen gew\u00e4hlt wird, eine selbst gestaltet Form. Indem ich das selber gestalte, mache ich sichtbar, dass die (Re-)Pr\u00e4sentation nicht neutral, sondern etwas Subjektives und Politisches ist. Das, was sonst (heuchlerisch) verborgen ist, wird erkennbar. Das ist ein anderer Umgang, um Wissen zu pr\u00e4sentieren \u2013 ganz anders als positivistische Forschung mit der \u201eSachlichkeit\u201c angeblich \u201eobjektiver Fakten\u201c.<\/p>\n<p class=\"western\">In der Indigenen Forschung wird viel Wert darauf gelegt, dass das Ergebnis f\u00fcr jede_n verst\u00e4ndlich pr\u00e4sentiert wird. Sie sagen, man muss im Grunde bei jeder Gelegenheit, auf einer Familienfeier, beim Essen, so \u00fcber die Forschung reden k\u00f6nnen, dass die Leute dar\u00fcber lachen k\u00f6nnen. Dass es humorvoll ist, dass die Menschen verstehen, um was es geht und emotional mitgehen oder einen Bezug herstellen k\u00f6nnen. Es wird wichtig, zu \u00fcberlegen, wie das gehen kann. Wie kann ich mein Wissen allen gegen\u00fcber in der Gesellschaft vermitteln? Methoden, die genannt werden, sind beispielsweise die Erz\u00e4hlungen von Zeug_innen, also dem Wissen von Zeitzeug_innen zuzuh\u00f6ren. Auch ein Zusammentreffen, vielleicht bei einem Ritual, bei dem Geschichten zu einem bestimmten geschichtlichen Geschehen zusammengetragen werden, indem sie in den verschiedenen Regionen, in denen wir leben, gesammelt und wieder-erz\u00e4hlt werden, kann eine Methode daf\u00fcr sein. Dies sind Methoden, mit denen die koloniale und patriarchale Mentalit\u00e4t\/Denkweise, die in den Gesellschaften verankert ist, \u00fcberwunden werden kann.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"center\"><b>Zusammenfassende Perspektive der Jineoloj\u00ee zur Problematik der Methode\/Methodologie<\/b><\/p>\n<p class=\"western\">Auch in der Jineoloj\u00ee ist die Methodologie, also die Problematik der Methode, ein Gegenstand der Diskussion. Wir m\u00fcssen sehr vorsichtig sein, nicht dieselben Methoden des Systems zu nutzen und eine Mentalit\u00e4t zu reproduzieren, welche wir ablehnen. Statt eine feststehende Methode zu beschreiben, wollen wir die Probleme der positivistischen Methoden evaluieren, um damit in der Lage zu sein, diese Probleme zu analysieren, nicht zu reproduzieren und eine neue Diversit\u00e4t von Methoden zu entwickeln. Zur Wiederholung: wir m\u00fcssen die Fragmentierung der Wissenschaften und der Untersuchungen \u00fcberwinden und eine ganzheitliche Ann\u00e4herung finden. Wir k\u00f6nnen nicht nur eine Wissenschaft nutzen. In der soziologischen Recherche in Rojava wurde zum Beispiel auch die Wissenschaft der Geologie genutzt. Wir sind unter anderem nach Gire Moza gefahren, also zu den Orten von vielen arch\u00e4ologischen Funden und waren auch bei dem lokalen arch\u00e4ologischen Komitee. Es geht darum, die Vielfalt der Wissenschaften zu nutzen, sie nicht separat zu verstehen, sondern auf der Grundlage des gleichen Ziels. So k\u00f6nnen wir Fragmentierung \u00fcberwinden und Wege finden, Probleme zu l\u00f6sen. Die Subjekt-Objekt Trennung ist einer der Kerne der Probleme. Alles wird dadurch beeinflusst. Mit der Jineoloj\u00ee wollen wir Werkzeuge geben, wie wir dieses Problem erkennen k\u00f6nnen, um in unseren Methoden und in unserer Methodologie nicht wieder in eine Trennung zu verfallen.<\/p>\n<p class=\"western\">Ein wichtiger Punkt ist das Verst\u00e4ndnis von der ersten, der zweiten und der dritten Natur. Es gibt ein Problem in der Methodik, Realit\u00e4t und Wahrheit zu finden und die Vielf\u00e4ltigkeit nicht als etwas komplett gegens\u00e4tzlich \u201eAnderes\u201c zu verstehen. Das sehen wir in dem Verst\u00e4ndnis von der ersten und der zweiten Natur. Die erste Natur ist die \u201enat\u00fcrliche\u201c Welt. Also das Universum, der Planet, die Tiere, Pflanzen und der Mensch. Das alles wird als die erste Natur verstanden. Die zweite Natur ist der Prozess der Sozialit\u00e4t, das Gesicht der Gesellschaft, die Entwicklung der Gesellschaft. Also das, was den Menschen, die Gesellschaft von der nat\u00fcrlichen Welt unterscheidet. Und genau hier liegt die Falle. Aufgrund der Subjekt-Objekt-Unterteilung, und das ist das Problem, wird die erste Natur als eine Phase beschrieben und die zweite Natur als etwas Separiertes, Unterschiedliches, von der ersten Natur. Demzufolge ist die Gesellschaft unterschiedlich von Natur. Darin finden wir dann den Anthropozentrismus, also der Mensch wird in den Mittelpunkt von allem gestellt. Au\u00dferdem werden die Naturen nicht nur voneinander getrennt, sondern auch in eine Hierarchie gestellt. Demnach w\u00fcrde die zweite \u00fcber der ersten Natur stehen. Die Gesellschaft w\u00fcrde \u00fcber den Tieren stehen. Das ist ein Problem, welches wir \u00fcberwinden m\u00fcssen. Wir m\u00fcssen stattdessen den Unterschied einfach als einen weiteren Prozess, einen weiteren Teil in der Vielfalt verstehen. Als einen Prozess, welcher sich aus der ersten Natur entwickelt hat. Es ist ein Prozess der Sozialit\u00e4t, in welchem zum Beispiel das Schreiben und das Lesen entwickeltet wird, welcher mehr die analytische Intelligenz des Menschen entwickelte. Auch hier liegt das Problem der Dichotomie: dass die zweite Natur nur analytisch sei, weil es das Schreiben, Lesen, die Theorie entwickelte und keine emotionale Intelligenz mehr h\u00e4tte. Denn diese sei verbunden mit der ersten Natur, mit den Tieren, welche nur dem Instinkt folgen. Das ist ein Problem, um das zu l\u00f6sen die emotionale und die analytische Intelligenz in einer Balance zusammengebracht werden m\u00fcssen. Denn diese Dichotomie zerst\u00f6rt alles, das Leben und den ganzen Planeten. Wir m\u00fcssen zur ersten Natur zur\u00fcckgehen. \u00d6calan sagt dazu, wir m\u00fcssen die dritte Natur entwickeln, die Balance mit der ersten Natur wiederherstellen. Also eine Synthese herstellen, aus der ersten und der zweiten Natur. Es geht nicht darum, die zweite Natur zu verbannen und in die dritte Natur zu gelangen, sondern die Synthese ist, eine dritte Natur zu kreieren, einen neuen Prozess der Balance. Das Problem ist, dass die zweite Natur als Antithese zur ersten Natur konstruiert wurde. Und diese dritte Natur, welche die Verbindung zur ersten Natur wiederherstellt und damit zur emotionalen Intelligenz, wird hergestellt mit der Freiheit der Frau und der richtigen Ann\u00e4herung an \u00d6kologie. Denn die Separation der zweiten Natur, als Dichotomie zur ersten \u2013 eben nicht als ein weiterer Prozess der Natur, eine Sozialit\u00e4t des Menschen zu entwickelt \u2013 entstand durch die Versklavung der Frau, die erste Nation, und durch die Zerst\u00f6rung der Erde. Deshalb sind zwei der S\u00e4ulen der Revolution in Rojava die Frauenrevolution und die \u00f6kologische Ann\u00e4herung. Nur auf diesem Weg kann die Verbindung wiederhergestellt werden und sich eine dritte Natur entwickeln, in Harmonie und Balance.<\/p>\n<p class=\"western\">Ein weiterer Punkt des methodologischen Dilemmas, der Widerspruch, besteht zwischen Universalismus und Relativismus, zwischen linear und zirkular. Zu sagen: \u201eWir wollen keine lineare Geschichtserz\u00e4hlung, also wollen wir eine zirkulare\u201c w\u00e4re jedoch das andere Extrem. In dieser Logik bringt Objektivismus dann den Subjektivismus, der Globalismus den Lokalismus, also die Ablehnung des einen immer das Extrem des anderen. Wir m\u00fcssen offen sein f\u00fcr diese Problematik und es anders analysieren, nicht als jeweils zwei Extreme. Ein gutes Beispiel f\u00fcr eine Balance ist, sich lokal zu organisieren, aber mit einer globalen Perspektive. Wir k\u00f6nnen nicht sagen, dass das Universum, das ganze Universum, nach diesen Regeln funktioniert. Das f\u00fchrt uns nur zu Dogmatismus und wir haben gesehen, wohin uns das in der Geschichte gef\u00fchrt hat. Aber der Relativismus bringt uns zum Individualismus, denn dieser sagt: \u201eEs existieren so viele Realit\u00e4ten, wie es Menschen gibt\u201c und \u201eich sehe das so und das ist meine Realit\u00e4t\u201c. Das bringt uns zum Individualismus und Egozentrismus. Also ist es auch keine Antwort. Mit einer korrekten Interpretation der dialektischen Methode finden wir eine L\u00f6sung f\u00fcr unser methodologisches Dilemma, das uns im Verst\u00e4ndnis der Realit\u00e4t im Weg steht. Wir lehnen also nicht das Eine komplett ab. Sondern wir sagen, dass es ein paar Probleme gibt und fragen, wie k\u00f6nnen wir diese verstehen, um sie nicht auch zu machen.<\/p>\n<p class=\"western\">Die dialektische Methode \u2013 es kommen euch bestimmt Namen wie Marx und Hegel in den Kopf \u2013 war sehr wichtig in der Geschichte, um diese Widerspr\u00fcche zu l\u00f6sen. Wir m\u00fcssen auch sagen, dass die Probleme, die sp\u00e4ter mit dieser Methode aufgekommen sind, nicht alle Marx zugeschrieben werden k\u00f6nnen, sondern auch dem falschen Verst\u00e4ndnis der von ihm vorgeschlagenen Dialektik, oder wie diese Methodik in der Praxis umgesetzt wurde. Wir brauchen eine neue Interpretation und k\u00f6nnen sehen, dass es zwei grundlegend falsche Verst\u00e4ndnisse der dialektischen Methoden gibt. Eins ist: Widerspr\u00fcche als permanente, endlose Feinde zu verstehen, welche sich gegenseitig vernichten werden. Das kann verstanden werden am Klassenwiederspruch und der Klassendefinition. Das andere ist: Das Verst\u00e4ndnis der \u201eDiktatur des Proletariats\u201c, um die Widerspr\u00fcche der Klassen zu \u00fcberkommen. Also die Zerst\u00f6rung. Die Interpretation der dialektischen Methode wurde verstanden als eine Dialektik der Zerst\u00f6rung. Demnach muss eine Seite die andere zerst\u00f6ren, um den Widerspruch aufzul\u00f6sen. Was wir hingegen vorschlagen, ist eine produktive, kreative Dialektik. Diese Ann\u00e4herung ist verbunden mit der Metaphysik. Das ist das Interessante im Zusammenhang mit der Dialektik. Denn Dialektik und Metaphysik wurden auch in eine Dichotomie gestellt. Dabei wird die Metaphysik so verstanden, als g\u00e4be es einen Sch\u00e4fer \u00fcber uns, der uns kontrolliert. Demnach ist Metaphysik das Verst\u00e4ndnis, dass es dort oben etwas gibt, das uns alle kontrolliert. Das f\u00fchrt zu den monotheistischen Religionen. Das ist unsere Kritik an der Metaphysik.<\/p>\n<p class=\"western\">Wenn wir die Probleme der Dialektik sehen, wird klar, dass es eine Art Metaphysik braucht. Aber welche Art von Metaphysik? \u00d6calan beschreibt das so: Ich begreife die Metaphysik nicht in dem Sinne einer Macht, einem Gott, einer Gewalt dort oben, sondern alle Aspekte der Gesellschaft sind mit Metaphysik verbunden und haben z.B. Kultur geschaffen. Die Kunst ist Metaphysik, Politik ist Metaphysik und auch Religion, die aber nicht nur im Sinne von \u201eGott\u201c verstanden wird, sondern auch von dem, was Neues erschafft und von Glauben. Auch Literatur und Gedichte sind Metaphysik, denn sie erkl\u00e4ren die Realit\u00e4t auf eine andere Art. Wir m\u00fcssen nicht nach oben, nach etwas \u00fcber uns schauen, um Metaphysik zu finden.<\/p>\n<p class=\"western\">Interessant ist auch, wie sich das Verst\u00e4ndnis der G\u00f6ttinnen in der Metaphysik ver\u00e4ndert haben. Von einem grundlegenden Verst\u00e4ndnis, dass alles lebendig ist, hin zu einem patriarchalen Gott. Im Englischen ist der Begriff \u201eGott\u201c sehr verbunden mit dem religi\u00f6sen Konzept. Aber im Kurdischen ist das anders. \u201e<i>Xwedawend<\/i>\u201c (von <i>xwe da \u2013 <\/i>sich geben) ist die Mutterg\u00f6ttin in der nat\u00fcrlichen Gesellschaft, in der matriarchalen Gesellschaft. Die Bedeutung kam von dem Leben-Geben der Mutter, dem Am-Leben-Halten, von allem um uns herum, ist also nichts H\u00f6hergestelltes. Auch Kultur, Rituale, Pflanzen, die Werkzeuge der Menschen, das alles bedeutet G\u00f6ttlichkeit. Die Mutterg\u00f6ttin hatte die Charakteristika, alles zu teilen, liebevoll zu sein, alle Kreaturen wertzusch\u00e4tzen. Es sind alles metaphysische Charakteristika, welche in matriarchalen Kulturen geschaffen wurden. Das ist es, was wir als Metaphysik akzeptieren: keinen Gott, der \u00fcber uns gestellt wird, sondern die G\u00f6ttin, die \u00fcberall ist, die Mutterg\u00f6ttin als Natur, die uns das Leben gibt. In diesem Sinne verstehen wir Metaphysik.<\/p>\n<p class=\"western\">Dies kann eine Balance schaffen zu dem falschen Verst\u00e4ndnis von Dialektik. Auch Ethik ist ein metaphysischer Aspekt. Das wird deutlich daran, dass uns ein Theaterst\u00fcck, ein Lied, ein Gedicht, im Inneren treffen. Denn sie erreichen Aspekte des Lebens, metaphysische Aspekte des Lebens, die wir mit konkreten Dingen nicht beschreiben k\u00f6nnen. Daher ist Kultur und Kunst so wichtig, die aber mit der positivistischen Wissenschaft, mit dem patriarchalen Leben, zerst\u00f6rt werden.<\/p>\n<p class=\"western\">Jetzt wollten wir zu der Frage kommen, wie wir das Wissen pr\u00e4sentieren. Eine Form, die die Jineoloj\u00ee in Rojava anwendet, sind zum Beispiel Theaterst\u00fccke. Die Jineoloj\u00ee entwickelt Methoden, wie durch Theater Wissen und Geschichte oder die aktuelle Situation und spezifische Themen, vermittelt werden k\u00f6nnen. All diese Fragen der Ethik und \u00c4sthetik, auf welche sich die Jineoloj\u00ee konzentriert, sind damit, mit der Form, verbunden. Es ist auch ein metaphysisches Verst\u00e4ndnis, andere Aspekte unserer Realit\u00e4t zu erreichen. Die Frage, wie wir etwas pr\u00e4sentieren, die \u00e4sthetische Form, ist sehr wichtig f\u00fcr uns. Also mehr als nur ein Buch zu schreiben, was sehr wertvoll ist, aber eben nur ein Teil sein kein. Wie zum Beispiel mit Fu\u00dfballfans sprechen? Das ist eine \u00e4sthetische Frage. Wie erreichen wir die Gesellschaft und bringen ihnen das Wissen zur\u00fcck, was eigentlich in der Erfahrung der Gesellschaft selbst lebt? Ihr seht, es sind wirklich die metaphysischen Aspekte, welche die Menschen erreichen.<\/p>\n<p class=\"western\">Es sind immer diese beiden Aspekte, die wir ver\u00e4ndern m\u00fcssen: Zum einen, wie forschen wir, wie recherchieren wir Wissen, und zum anderen, wie repr\u00e4sentieren wir es? Eine Methode ist zum Beispiel \u201eStorytelling\u201c, die von der Jineoloj\u00ee in Rojava angewandt wird, unter anderem auch mit Kindern. Im Mittleren Osten und anderen Teilen der Welt gibt es auch noch diese Tradition, dass \u00fcber Lieder, Geschichten, Erz\u00e4hlungen und m\u00fcndliche Geschichten, wichtiges Wissen weitergegeben wird. In diesen Geschichten steckt eine unglaubliche St\u00e4rke. Es ist die St\u00e4rke, \u00fcber einfache Geschichten komplexe Zusammenh\u00e4nge zu vermitteln und tiefere Wahrheiten sichtbar zu machen. Diese Methode wird selbst im akademischen Bereich wiederentdeckt, da auch dort gemerkt wird, das Wissen \u00fcber Geschichten besser transportiert werden kann als \u00fcber die akademische Schreibweise. Es ist eine sehr starke Methode, Wissen weiterzugeben und zwischen Menschen Beziehungen zu schaffen, um Verhaltens\u00e4nderungen zu erreichen und um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Ziele zu schaffen. Das ist m\u00f6glich, weil der ganze Mensch daran beteiligt ist und nicht isolierte Elemente. Das Herz und der Verstand werden in einer Ganzheit verstanden und weitergegeben.<\/p>\n<p class=\"western\">In Lateinamerika gibt es viele gute Beispiele daf\u00fcr, zum Beispiel das \u201eTheater-der-Unterdr\u00fcckten\u201c. Doch es ist eine offene Frage an alle von uns: Beispiele zu teilen, uns selbst zu \u00f6ffnen f\u00fcr diese Art von Methoden und immer zu ber\u00fccksichtigen, dass die Arbeit noch nicht fertig ist, auch wenn die Recherche vielleicht abgeschlossen wurde. Es bleibt immer die Frage, was wir mit dem Wissen machen, wie wir es pr\u00e4sentieren und wie es einen Effekt haben kann. Auch, wie das Wissen genutzt wird. Die Arbeit ist also nicht fertig, wenn diese Fragen nicht beantwortet sind. In Europa gibt es das Problem, dass viel Recherche gemacht, aber keine gute Methode gefunden wird, das Wissen zu nutzen und zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p class=\"western\">Wir k\u00f6nnen auch \u00fcber praktisches Eingreifen an Orten, zum Beispiel an Orten der Ausbeutung und Zerst\u00f6rung von Natur, Wissen gewinnen. Es gibt ein Lernen an besonderen Orten, \u00fcber eigene Erfahrungen, einbeziehend, dass manches Wissen mit Worten gar nicht weitergegeben werden kann. Im Grunde ist die \u201eAktionsforschung\u201c eine solche Methode. Du forschst und w\u00e4hrend du forschst, ver\u00e4nderst du etwas, vielleicht in deinem Stadtteil. Du gehst in die Aktion, um was zu ver\u00e4ndern, aber das ist wieder Teil darin, deine Forschung weiterzuf\u00fchren. Es verl\u00e4uft in mehreren Schleifen, in denen du, w\u00e4hrend du weiter forschst, schon die Realit\u00e4t ver\u00e4nderst. Aus deiner eigenen Betroffenheit sagst du: \u201eDa muss ich was ver\u00e4ndern.\u201c Du erforschst es, gehst in die Aktion und erforschst es weiter und gehst weiter in die Aktion\u2026 so wurden unter anderem die ersten Frauenh\u00e4user durchgesetzt.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\">Formen der Pr\u00e4sentation zu ver\u00e4ndern und daf\u00fcr gute Methoden zu finden, ist einer der Prozesse zur weiteren Entwicklung der Jineoloj\u00ee.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"left\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><i>Jineoloj\u00ee Komitee Deutschland und Jineoloj\u00ee Komitee Europa<\/i><\/span><\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p class=\"sdfootnote-western\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote1anc\" name=\"sdfootnote1sym\"><span style=\"font-size: 10pt;\">1<\/span><\/a><span style=\"font-size: 10pt;\"> Maria Mies 1998: Patriarchy Accumulation on a World Scale, 211.212.<a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\"><\/a><\/span><\/p>\n<p class=\"sdfootnote-western\"><span style=\"font-size: 10pt;\"><a class=\"sdfootnotesym\" href=\"#sdfootnote2anc\" name=\"sdfootnote2sym\">2<\/a> Seit 2018 gibt es auch wieder Feministische Sommerunis, die sich auf die Tradition der Sommerunis der 1970er\/80er beziehen; initiiert durch das neue Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF) und den Dachverband deutschsprachiger Lesben- und Frauenarchive, Bibliotheken und Dokumentationsstellen (i.d.a).<\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Artikel war urspr\u00fcnglich ein Vortrag, der vom Jineoloj\u00ee-Komitee Europa und dem Jineoloj\u00ee-Komitee Deutschland gemeinsam gehalten wurde. Er gibt einen Einblick darein, wie die Jineoloj\u00ee entstand und welche Ziele sie verfolgt, erl\u00e4utert Kritiken an der positivistischen Wissenschaft, um dann alternatives, dekoloniales und indigenes Wissen, Wissenschaft und Methodik vorzustellen. 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