{"id":1279,"date":"2021-05-18T19:33:22","date_gmt":"2021-05-18T16:33:22","guid":{"rendered":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/?p=1279"},"modified":"2021-06-26T01:09:30","modified_gmt":"2021-06-25T22:09:30","slug":"offener-brief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jineoloji.eu\/de\/2021\/05\/18\/offener-brief\/","title":{"rendered":"Offener Brief"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Bez\u00fcglich erheblicher inhaltlicher Fehler und methodischer M\u00e4ngel des Artikels \u201eBeyond Feminism? Jineoloj\u00ee and the Kurdish Women&#8217;s Freedom Movement\u201c (\u201eJenseits des Feminismus? Jineoloj\u00ee und die kurdische Frauenbefreiungsbewegung\u201c) von Nadje Al-Ali und Isabel K\u00e4ser, der in der Zeitschrift<em> Politics &amp; Gender\u00a0<\/em>(Politik &amp; Geschlecht) ver\u00f6ffentlicht wurde, hat das Jineoloj\u00ee-Komitee Europa einen Brief an die Herausgeber_innen der Zeitschrift geschickt. Auf der Grundlage des Rechts auf Gegendarstellung bat das Jineoloj\u00ee-Komitee die Redaktion um die M\u00f6glichkeit, einen eigenen Artikel zu schreiben, der in der Zeitschrift ver\u00f6ffentlicht werden sollte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Nach l\u00e4ngerer Zeit schrieb die Redaktion der Zeitschrift einen Antwortbrief, in dem sie auf diese Bitte nicht einging. Stattdessen verlangten sie Beweise f\u00fcr die Beanstandungen des Jineoloj\u00ee-Komitees, um weitere Nachforschungen anstellen zu k\u00f6nnen. In dieser Situation entstand das Bed\u00fcrfnis, unsere Kritik an dem Artikel mit der \u00d6ffentlichkeit zu teilen. Im folgenden Text wollen wir unsere Haltung zu dem erw\u00e4hnten Artikel zum Ausdruck bringen, der geschrieben wurde, ohne die grundlegenden Quellen und Ver\u00f6ffentlichungen der Jineoloj\u00ee zu lesen und ohne Nachforschungen an Orten durchzuf\u00fchren, an denen die Arbeiten der Jineoloj\u00ee entwickelt werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">17. Februar 2021,<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\">Jineoloj\u00ee-Komitee Europa<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">An die Redaktion von<em> Politics &amp; Gender<\/em>,<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Wir schreiben diesen Brief als Antwort auf den Artikel \u201e<em>Beyond Feminism? Jineoloj\u00ee and the Kurdish Women&#8217;s Freedom Movement<\/em>\u201c, verfasst von Nadje Al-Ali und Isabel K\u00e4ser und ver\u00f6ffentlicht in Ihrer Zeitschrift 2020. Im Folgenden haben wir unsere Einw\u00e4nde gegen diesen Artikel aufgef\u00fchrt. Wir finden es inakzeptabel, dass der Artikel feministische Methoden vernachl\u00e4ssigt und uns und die Jineoloj\u00ee &#8211; die Wissenschaft der Frau und des Lebens, die wir entwickeln &#8211; objektiviert. Er stellt verschiedene Aspekte unserer Praxis falsch dar und verbreitet falsche Informationen. Aus diesen Gr\u00fcnden m\u00f6chten wir unsere Entt\u00e4uschung \u00fcber die Entscheidung der Gutachter_innen und Redakteur_innen zum Ausdruck bringen, diesen Artikel f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung geeignet zu halten. In Anbetracht der grundlegenden Prinzipien, die als Ergebnis der zahlreichen F\u00e4lle entwickelt wurden, in denen Frauen aus dem Globalen S\u00fcden, Schwarze Feminist_innen, indigene und migrantische Frauen das \u201e<em>Othering\u201c<\/em> von nicht-westlichen Frauen durch wei\u00dfe Feminist_innen entlarvt haben, sind wir \u00fcberrascht, dass ein Artikel, der genau das tut &#8211; das <i>Othering<\/i> indigener kurdischer Frauen und unserer Frauenbewegung &#8211; in Ihrer Zeitschrift ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Bis jetzt haben wir als Frauen der kurdischen Frauenbefreiungsbewegung unsere T\u00fcren allen ge\u00f6ffnet, die \u00fcber uns recherchieren und schreiben wollten. Diese Offenheit entspringt unserem Wunsch, den Kampf zu vermitteln und offenzulegen, den wir auf unserem Land gegen die Kolonisierung durch vier Nationalstaaten und gegen die andauernde Verleugnung unserer Identit\u00e4t und unseres Existenzrechts f\u00fchren. Unsere Offenheit entspringt auch unserer Verpflichtung, anderen K\u00e4mpfen die Hand zu reichen mit dem Ziel, Allianzen zu bilden. Inzwischen haben wir auch wichtige Schritte unternommen, um unsere Identit\u00e4ten zu unseren eigenen Bedingungen zu vertreten. Offen gesagt sind wir fassungslos, dass ein Artikel, der im Wesentlichen orientalistisch und herablassend gegen\u00fcber den Menschen ist, die er erforscht, der methodisch unbegr\u00fcndet ist und ethische Standards vernachl\u00e4ssigt, in einer angesehenen akademischen Zeitschrift ver\u00f6ffentlicht werden konnte. Um uns vor zuk\u00fcnftigem Schaden zu sch\u00fctzen, ist uns klar, dass wir in Zukunft bei Forschungsauftr\u00e4gen selektiver vorgehen m\u00fcssen. Im Folgenden finden Sie unsere Einw\u00e4nde gegen den Artikel in drei Abschnitte unterteilt, n\u00e4mlich Methodik, Inhalt und Argumentation.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Beginnen wir mit den Problemen, die sich auf die methodische Vorgehensweise des Artikels beziehen:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">1. Am Anfang des Artikels geben die Autor_innen an, dass sie insgesamt 120 kurdische Frauen im Rahmen verschiedener von ihnen durchgef\u00fchrten Untersuchungen interviewt haben. Sie verzichten jedoch darauf, zu konkretisieren, wie viele dieser 120 Frauen, die sie f\u00fcr ihre Projekte interviewt haben, sich tats\u00e4chlich in diesem speziellen Artikel wiederfinden und in welchem Umfang. Auch werden keine kontextuellen und methodischen Informationen \u00fcber die spezifischen Interviews gegeben, die f\u00fcr diesen speziellen Artikel durchgef\u00fchrt wurden. Diejenigen von uns, die von ihnen interviewt wurden, sehen jedoch, dass unsere Worte, die im Artikel als Beweis f\u00fcr ihre verschiedenen Thesen pr\u00e4sentiert werden, v\u00f6llig aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Anstatt unsere Aussagen vollst\u00e4ndig wiederzugeben, werden bestimmte Teile herausgeschnitten und instrumentalisiert, um den Argumenten der Autor_innen zu entsprechen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">2. Die Autor_innen scheinen sich nicht mit der wachsenden Anzahl an Ver\u00f6ffentlichungen auseinandergesetzt zu haben, \u00fcber die sie epistemologische Behauptungen aufstellen. In der Tat l\u00e4sst das Eingest\u00e4ndnis in der ersten Fu\u00dfnote des Artikels Zweifel an der G\u00fcltigkeit und Zuverl\u00e4ssigkeit des Artikels aufkommen. Die Fu\u00dfnote besagt, dass f\u00fcr diesen Artikel keine Quellen in kurdischer und t\u00fcrkischer Sprache konsultiert wurden. Dies ist auff\u00e4llig, da dies die beiden Hauptsprachen sind, die Informationen \u00fcber die Jineoloj\u00ee verbreiten\/ver\u00f6ffentlichen. So sind beispielsweise die beiden Jineoloj\u00ee-Sendungen, die von Jin TV ausgestrahlt werden und in denen die Autor_innen Interviews f\u00fchrten, eine auf T\u00fcrkisch und eine auf Kurdisch. Es scheint auch, dass die Autor_innen keine der Publikationen konsultiert haben, die die theoretischen und konzeptionellen Begriffe innerhalb der Jineoloj\u00ee ausarbeiten, wie z.B. das Jineoloj\u00ee-Magazin, das regelm\u00e4\u00dfig alle drei Monate in t\u00fcrkischer Sprache erscheint. Das Magazin hat gerade seine 20. Ausgabe ver\u00f6ffentlicht. Dar\u00fcber hinaus scheinen die Hauptpublikationen \u201e<em>Jineoloj\u00ee Tart\u0131\u015fmalar\u0131<\/em>\u201c (Jineoloj\u00ee-Diskussionen) aus dem Jahre 2015 und \u201e<em>Jineoloj\u00ee&#8217;ye Giri\u015f<\/em>\u201c (Einf\u00fchrung in die Jineoloj\u00ee) aus dem Jahre 2016 nicht gelesen worden zu sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">3. Andererseits schreiben Al-Ali und K\u00e4ser: \u201eDer Gro\u00dfteil der Jineoloj\u00ee-Forschung findet in Rojava statt, wo die Autonomieverwaltung Jineoloj\u00ee in den offiziellen Lehrplan aufgenommen hat und eine Jineoloj\u00ee-Akademie und eine Jineoloj\u00ee-Fakult\u00e4t an der Rojava-Universit\u00e4t in Qamishlo eingerichtet wurden\u201c (S.12). Interessanterweise und entgegen ihrer eigenen Aussage scheinen die Autor_innen mit niemandem gesprochen zu haben, der an diesen Bem\u00fchungen beteiligt war.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">4. Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft die Beziehung zwischen der Forschungsfrage und der Methodik. Wir fragen uns, wenn es, wie auf Seite 5 angegeben, Ziel des Artikels war, die Bedeutung zu untersuchen, die Frauen der Jineoloj\u00ee geben, warum wurde die Forschung nicht entsprechend konzipiert? Warum haben die Autor_innen es vers\u00e4umt, sich systematisch mit den Interpretationen auseinanderzusetzen, die verschiedene Frauen von Jineoloj\u00ee haben, und stattdessen jede Aussage ihrer Interviewpartner_innen als Beweis f\u00fcr eine andere Behauptung verwenden, die sie (die Autor_innen) \u00fcber Jineoloj\u00ee aufgestellt haben? Au\u00dferdem weichen die Autor_innen im weiteren Verlauf des Artikels von ihrer urspr\u00fcnglichen Forschungsfrage ab, ohne dies zu erkl\u00e4ren. Stattdessen verschiebt sich der Fokus auf die Definition von Jineoloj\u00ee und ihre Beziehung zur Sexualit\u00e4t. Angesichts dieses neuen Fokus w\u00fcrde man erwarten, dass es f\u00fcr die Autor_innen noch wichtiger gewesen w\u00e4re, die von Jineoloj\u00ee produzierten Materialien zu diesen Themen zu untersuchen. Doch wieder wird keine solche Anstrengung unternommen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">5. In \u00e4hnlicher Weise h\u00e4tte ein Artikel, der argumentiert, dass Jineoloj\u00ee keine neue Erkenntnistheorie entwickelt, zumindest eine Inhaltsanalyse der zuvor erw\u00e4hnten Schl\u00fcsselpublikationen durchf\u00fchren und die darin gemachten Aussagen zur Erkenntnistheorie einbeziehen m\u00fcssen. Die Tatsache, dass die Autor_innen ein solches grundlegendes methodisches Kriterium nicht erf\u00fcllen, l\u00e4sst auf eine Voreingenommenheit der Autor_innen schlie\u00dfen. Das hei\u00dft, Al-Ali und K\u00e4ser scheinen zu glauben, dass die Frauenbefreiungsbewegung in Kurdistan, die trotz vieler Hindernisse zu diesen und anderen Themen geschrieben hat, eigentlich kein Wissen produziert, das es wert w\u00e4re, von Al-Ali und K\u00e4ser ber\u00fccksichtigt zu werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">6. Der Artikel legt gro\u00dfen Wert auf die Beziehung von Jineoloj\u00ee zu FLTIQ*-Identit\u00e4ten. Doch obwohl die Autor_innen angeben, dass es eine betr\u00e4chtliche Beteiligung von FLTIQ*-Personen in Jineoloj\u00ee-Camps gibt, scheint nur eine Person interviewt worden zu sein. Diese Person wird als Symbol genommen und ihre Sichtweise so behandelt, als ob sie alle anderen FLTIQ*-Teilnehmer_innen repr\u00e4sentiert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">7. Die Autor_innen beziehen sich h\u00e4ufig positiv auf transnationalen Feminismus, Dekolonialismus und viele andere kritische Feminismen. Forschung, die sich auf solche feministischen Ans\u00e4tze st\u00fctzt, stellt normalerweise horizontales Engagement als Methode in den Mittelpunkt. In diesem Artikel gibt es jedoch keinerlei Hinweise darauf, dass die von den Autor_innen aufgestellten Behauptungen in irgendeiner Weise mit den Interviewpartner_innen diskutiert wurden. Zum Beispiel haben zwei von uns, die interviewt wurden, darum gebeten, den Artikel vor der Ver\u00f6ffentlichung zu lesen, haben aber nie eine Antwort von den Autor_innen erhalten. So scheint es, dass die Autor_innen ihre Interviewpartner_innen eher als Versuchspersonen betrachten, die benutzt werden sollen, statt als gleichberechtigte Partner_innen in einem kollektiv gestalteten Forschungsprojekt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Vor allem weil Forschungen, die aus den untersuchten Gesellschaften selbst stammen, vernachl\u00e4ssigt wurden, fanden wir zahlreiche sachliche Fehler in dem Artikel:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">1. In der Zusammenfassung und im Abschnitt zur Methodik des Artikels wird behauptet, dass die Forschung auf Interviews basiert, die mit Menschen gef\u00fchrt wurden, die an der Entwicklung von Jineoloj\u00ee beteiligt sind. Wie jedoch aus dem Hauptteil des Textes hervorgeht, wurde die Mehrzahl der Interviews mit Mitarbeiter_innen von Jin TV gef\u00fchrt. Jin TV ist ein Fernsehprojekt, das kollektiv von kurdischen, arabischen, t\u00fcrkischen und europ\u00e4ischen Frauen geleitet wird. Das Fernsehen, das \u00fcber Studios im Nahen Osten und in den Niederlanden verf\u00fcgt, sendet w\u00f6chentliche Programme, darunter zwei \u00fcber Jineoloj\u00ee. Abgesehen davon hat Jin TV als Institution selbst keinen direkten Bezug zur Entwicklung und Verbreitung der Jineoloj\u00ee. Wie wir bereits festgestellt haben, fehlen dem Artikel jegliche Informationen, die eine \u00dcberpr\u00fcfung seiner Methoden erm\u00f6glichen w\u00fcrden (warum, wo, wie und wer befragt wurde). Daher ist der Inhalt des Artikels von Anfang an suspekt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">2. In Fu\u00dfnote 11 wird behauptet, dass sich der Begriff &#171;Wahrheit&#187; der kurdischen Freiheitsbewegung auf das Leben in der neolithischen Gesellschaft bezieht. Damit wird suggeriert, dass die Bewegung glaubt, dass die Wahrheit nur durch arch\u00e4ologische und historische Ausgrabungen aufgedeckt werden kann. In Wirklichkeit ist die Wahrheit (<i>hakikat<\/i>) eines der wichtigsten Themen, dem die kurdische Freiheitsbewegung viele Jahre und viel Arbeit gewidmet hat, um es zu konzeptualisieren. Abdullah \u00d6calan f\u00fchrt diese Ideen in mehreren seiner Werke aus, Werke, die zwar zitiert, aber anscheinend von den Autor_innen nicht gelesen wurden. In verschiedenen Abschnitten des Buches \u201e<em>Building Free Life: Dialogues with Abdullah \u00d6calan<\/em>\u201c (deutsch: \u201eDas freie Leben aufbauen \u2013 Dialoge mit Abdullah \u00d6calan\u201c), das die Autor_innen ebenfalls zitieren, diskutieren mehrere Akademiker_innen den Wahrheitsbegriff der kurdischen Freiheitsbewegung. Anstatt sich jedoch ernsthaft mit dem kurdischen Wahrheitsbegriff auseinanderzusetzen, beschr\u00e4nken die Autor_innen das Thema auf eine irref\u00fchrende Fu\u00dfnote.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">3. Die Aussage auf Seite 12, die kurdische Frauenbewegung habe in Diyarbakir ein Jineoloj\u00ee-Zentrum gegr\u00fcndet, das anschlie\u00dfend vom t\u00fcrkischen Staat geschlossen worden sei, ist nicht korrekt. Au\u00dfer dem Jineoloj\u00ee-Magazin, das in 2016 in Diyarbakir gegr\u00fcndet und ver\u00f6ffentlicht wurde (und weiterhin erscheint), gibt es keine formale Institution, die unter dem Namen Jineoloj\u00ee arbeitet. Dies ist ein Fehler, der h\u00e4tte vermieden werden k\u00f6nnen, wenn die Forscher_innen die Gelegenheit ergriffen h\u00e4tten, das Diyarbakir-B\u00fcro des Jineoloj\u00ee-Magazins in ihrer Feldforschungsperiode (2015-2018) zu besuchen, um mit seinen Herausgeber_innen zu sprechen. Dies l\u00e4sst den Schluss zu, dass die Autor_innen kein Problem damit haben, ihrem Publikum Informationen zu pr\u00e4sentieren, ohne die notwendige Fakten\u00fcberpr\u00fcfung vorzunehmen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">4. Auf den Seiten 22 und 23 behaupten die Autor_innen aufgrund ihrer Vorrecherchen und der Aussagen ihrer Gespr\u00e4chspartner_innen, dass die Lehrpl\u00e4ne der Jineoloj\u00ee im Nahen Osten und in Europa gleich sind. Sie spezifizieren dann die Themen in einer Fu\u00dfnote. Auch dies ist nicht korrekt. Jineoloj\u00ee-Workshops und -Seminare m\u00f6gen zwar viele gemeinsame Themen haben, aber die Lehrpl\u00e4ne sind nach den Besonderheiten der jeweiligen L\u00e4nder, ja sogar der jeweiligen St\u00e4dte, bestimmt. Die Forscher_innen scheinen keine detaillierten Kenntnisse \u00fcber die Lehrpl\u00e4ne der Jineoloj\u00ee-Seminaren und -Workshops zu haben, wie sie speziell in Diyarbakir, Mardin und anderen Orten in Kurdistan stattfinden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Bez\u00fcglich der Argumente des Artikels:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">1. Die Frauen, die die Jineoloj\u00ee entwickeln, arbeiten t\u00e4glich an der Verfeinerung der Jineoloj\u00ee und der Erweiterung ihres Umfangs. Wenn diejenigen, die die Jineoloj\u00ee entwickeln, diese nicht auf eine exakte Definition festlegen, sondern sie als eine kollektive, fortw\u00e4hrende Anstrengung betrachten, warum greifen die Autor_innen dann auf eine Sprache zur\u00fcck, die die Jineoloj\u00ee einschr\u00e4nkt, ja regelrecht diskreditiert, indem sie autorit\u00e4re Behauptungen f\u00fcr sie aufstellen? Au\u00dferdem, obwohl die \u201eEinf\u00fchrung in die Jineoloj\u00ee\u201c (<em>Jineoloj\u00ee&#8217;ye Giri\u015f<\/em>) sowie alle schriftlichen und m\u00fcndlichen Quellen der Jineoloj\u00ee immer wieder betonen, dass die Jineoloj\u00ee aus dem Erbe der globalen und historischen Frauenk\u00e4mpfe, der feministischen Bewegungen und des kurdischen Frauenbefreiungskampfes sch\u00f6pft, warum beharrt der Artikel dann auf der Behauptung, dass die Jineoloj\u00ee sich weigert, die lange Geschichte des feministischen Kampfes anzuerkennen?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">2. Ein weiterer widerspr\u00fcchlicher Ansatz des Artikels ist die Betonung der Standpunkttheorie, mit viel Fokus auf die Ideen von Patricia Hill Collins, obwohl die im Text eingenommene Haltung in v\u00f6lligem Gegensatz zu diesen Werken steht. Solche Ans\u00e4tze argumentieren, dass Frauen wichtiges, auf ihren Erfahrungen und besonderen lokalen Gegebenheiten basierendes fundiertes Wissen \u00fcber soziale Ph\u00e4nomene entwickeln. Erstaunlich ist jedoch, dass die Autor_innen die Art und Weise, wie sich die kurdische Frauenbewegung definiert, ablehnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">3. In den Augen der Autor_innen zeigt der Verzicht der weiblichen und m\u00e4nnlichen Guerillas in der Freiheitsbewegung Kurdistans auf sexuelle Beziehungen, dass kurdische Frauen trotz aller Anspr\u00fcche unterdr\u00fcckt bleiben. Warum werden, w\u00e4hrend im Westen Asexualit\u00e4t als queere Identit\u00e4t akzeptiert wird, angesehene Feministinnen wie Adrienne Rich von &#171;Zwangsheterosexualit\u00e4t&#187; sprachen und Schwarze Feministinnen wie Audre Lorde wegweisend von Erotismen au\u00dferhalb der Sexualit\u00e4t sprachen, die politische Entscheidung der kurdischen Frauenbewegung, sich unter patriarchalen Bedingungen f\u00fcr Asexualit\u00e4t zu entscheiden, und ihr Kampf um die philosophische Bedeutung der Liebe in Bezug auf Begriffe wie Freiheit, Natur, Leben und Menschlichkeit von Al-Ali und K\u00e4ser als Formen der Unterdr\u00fcckung des Begehrens gesehen? Man fragt sich, ob die Autor_innen eine solche Behauptung in einem anderen Kontext als dem des Nahen Ostens h\u00e4tten aufstellen k\u00f6nnen, wo immer davon ausgegangen wird, dass Sexualit\u00e4t unterdr\u00fcckt wird, und ob die Herausgeber_innen dann bemerkt h\u00e4tten, dass diese Form der Argumentation weit von feministischer Solidarit\u00e4t entfernt ist, etwas, das die Autor_innen anzustreben behaupten?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">4. Die Position der Frauenbefreiungsbewegung in Kurdistan, dass ein gro\u00dfer Teil der sexuellen Beziehungen von Frauen zu M\u00e4nnern einen vergewaltigenden Charakter hat, ist ein Produkt jahrelanger Erfahrungen, Forschungen, kollektiver Diskussionen und Theoretisierungen. Diese Sichtweise wird von den Autor_innen als essentialistisch vereinfacht, die zudem verzerrend behaupten, dass Jineoloj\u00ee alle M\u00e4nner als Vergewaltiger definiert. Seit mehr als zwei Jahrzehnten diskutiert und entwickelt die kurdische Frauenfreiheitsbewegung Projekte zur Transformation von M\u00e4nnern und zur Abschaffung dominanter und gewaltt\u00e4tiger Formen von M\u00e4nnlichkeit. H\u00e4tten die Forscher_innen die Literatur der Bewegung konsultiert, h\u00e4tten sie gesehen, dass die Herangehensweise an M\u00e4nnlichkeit und Sexualit\u00e4t nicht essentialistisch, sondern grunds\u00e4tzlich transformativ ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">5. Zu den zeitgen\u00f6ssischen Kritiken in der dekolonialen feministischen Literatur an wei\u00dfen Feminist_innen geh\u00f6rt die Tatsache, dass der westliche Feminismus genau die gleiche Konzeptualisierung und Praxis von FLTIQ*-Identit\u00e4ten, die es in den progressiven Kreisen des Westens gibt, \u00fcberall auf der Welt diktiert und alle radikalen Bewegungen abwertet, die an anderen Konzeptualisierungen und Praktiken festhalten. Was oft als &#171;<em>Pinkwashing<\/em>&#187; bezeichnet wird &#8211; andere Unterdr\u00fcckungen unsichtbar zu machen &#8211; ist eine Art und Weise, in der wei\u00dfe Feminist_innen einmal mehr mit Kolonialismus und Imperialismus kollaborieren: Ohne die fortschrittliche Intervention des Westens sei keine autonome Entwicklung von Denkschulen im Globalen S\u00fcden m\u00f6glich. Dieser Artikel ist ein Beispiel f\u00fcr diese Haltung. Davon abgeshen sind wir der festen \u00dcberzeugung, dass die Kritik, die aus FLTIQ*-Perspektive an Jineoloj\u00ee ge\u00e4u\u00dfert wird, wertvoll ist, und wir begr\u00fc\u00dfen das transformative Potenzial, das die Auseinandersetzung mit diesen und anderen konstruktiven und fundierten Kritiken f\u00fcr unsere Praxis bietet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Fazit:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Es ist von gr\u00f6\u00dftem Wert, dass die Autor_innen des Artikels Kritik an der Jineoloj\u00ee \u00fcben wollen, wie es von jeder Frauensolidarit\u00e4t verlangt w\u00fcrde. Wenn wir jedoch die Verwendung ihrer Daten, die Positionen, die sie einnehmen, und die Sprache und die Methoden, die sie verwenden, betrachten, kommen wir zu dem Schluss, dass ihr Ziel, statt Kritik zu \u00fcben, darin besteht, unsere Arbeit zu bevormunden und zu banalisieren, und ihren eigenen Standpunkt durch diesen Artikel zu legitimieren und zu verbreiten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Wir haben diesen Brief geschrieben, weil wir das Gef\u00fchl haben, dass der Artikel zur Verbreitung falscher Urteile \u00fcber unsere Arbeit f\u00fchren wird und wir deshalb diese falschen Wahrnehmungen korrigieren m\u00fcssen. Akademische Ansichten, Vorschl\u00e4ge und Kritik an Jineoloj\u00ee sind uns sehr wichtig. Wir halten es jedoch f\u00fcr bedeutsam, dass diese au\u00dferhalb der hegemonialen Perspektive der positivistischen Wissenschaftlichkeit und des orientalistischen Blicks in einer Weise formuliert werden, die den Kampf f\u00fcr die Befreiung der Frauen st\u00e4rkt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Wir finden es wichtig, dass Ihre Zeitschrift solchen Haltungen keinen Raum bietet und dass wir als Produzent_innen von Wissen \u00fcber die Jineoloj\u00ee die M\u00f6glichkeit erhalten, unsere Anliegen zu \u00e4u\u00dfern und uns zu vertreten. In diesem Sinne bitten wir Sie, diesen Brief in Ihrer kommenden Ausgabe als Antwort auf \u201e<em>Beyond Feminism<\/em>\u201c zu ver\u00f6ffentlichen und wir hoffen, dass Sie uns die M\u00f6glichkeit bieten, in Zukunft einen Artikel \u00fcber die Jineoloj\u00ee in Ihrer Zeitschrift zu ver\u00f6ffentlichen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Wir w\u00fcnschen den Herausgeber_innen der Zeitschrift viel Erfolg bei ihrer Arbeit.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bez\u00fcglich erheblicher inhaltlicher Fehler und methodischer M\u00e4ngel des Artikels \u201eBeyond Feminism? Jineoloj\u00ee and the Kurdish Women&#8217;s Freedom Movement\u201c (\u201eJenseits des Feminismus? 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