Pädagogik der Frauenbefreiung – der pädagogische Ansatz der Jineolojî

Zozan Sima

„Ethik und Ästhetik, freies Zusammenleben, Xwebûn und die Transformation der dominanten Männlichkeit sind die Themen, die in unseren Arbeiten die lebhaftesten Diskussionen auslösen und das größte Interesse hervorrufen. In unseren Seminaren können die intimsten Themen, die ansonsten oft als Sache des Privatlebens abgetan werden, angstfrei diskutiert und hinterfragt werden.“

Bildung ist in ihrer aktuellen und historischen Dimension ein Werk von Frauen und gleichzeitig die grundlegendste Lebensaufgabe der Gesellschaft. Wir sagen dies als Frauen einer Gesellschaft, die zutiefst darunter gelitten hat, dass Staaten und Herrscher versuchten diese grundlegende gesellschaftliche Aufgabe unter ihre Kontrolle zu bringen. Bevor wir unsere pädagogischen Ansätze, Methoden, Bildungsinhalte und die Gestaltung unserer Akademien im Rahmen der Jineolojî erläutern, müssen wir ein wenig über die gesellschaftliche Realität Kurdistans sprechen. Denn jede Gesellschaft braucht Bildung, die es ihren Mitgliedern ermöglicht, sich selbst zu definieren und zu verstehen, ihr Leben zu erhalten, sich zu verteidigen und frei innerhalb ihrer kulturellen und sozialen Realität zu leben. Für die kolonisierten Geschlechter, Völker, Klassen und Gesellschaften ist Bildung einer der wichtigsten Bereiche des Kampfes um Existenz oder Nichtexistenz. Die Völker, die seit Tausenden von Jahren im Fruchtbaren Halbmond oder Mesopotamien leben, und die Kurd:innen, eines dieser Völker, haben ihre eigenen Bildungssysteme. Die Kurd:innen gehören zu den arischen Völkern in der Region, die auch als Hurri, Mittani, Meder, Karduka usw. bekannt sind, und leben bis heute in dieser Region. Die Bildung, die schon lange vor der Entstehung des Staates eine gesellschaftliche Aktivität war, hat in der kurdischen Gesellschaft – wie auch in vielen anderen Gesellschaften – eine Rolle bei der Vorbereitung der Einzelnen auf das gesellschaftliche Leben gespielt. Sie entwickelt sich durch Methoden, die es den Menschen ermöglichen, Persönlichkeiten zu bilden, die sie zur Mitwirkung in der Gesellschaft befähigen.

Spuren davon finden wir in den etymologischen Bedeutungen der kurdischen Wörter perwerde, was Bildung bedeutet, und fêrbûn, hînbun, was Lernen bedeutet. Das Wort perwerde stammt von einer Wurzel ab, die mit dem Verleihen von Flügeln, der Vorbereitung auf das Fliegen und auch mit Liebe verbunden ist. Das Suffix bûn am Ende des Wortes für lernen, drückt das Sein/Werden aus. Diese begriffliche Wurzel zeigt, dass Bildung nicht mit einem Ansatz begegnet wird, der diktiert und modelliert. Ein pädagogischer Ansatz, der das innere Potenzial der Menschen mobilisiert, ist der pädagogische Ansatz der alten Kulturen unserer Region. Bildung wird als ein Bildungsprozess definiert, der das Individuum befähigt, auf eigenen Füßen zu stehen und zu fliegen.

Im Zoroastrismus, dem ältesten Glaubenssystem der Kurden und Kurdinnen, werden die Kinder mit den navjota genannten Reifezeremonien auf das gesellschaftliche Leben vorbereitet und durchlaufen vor diesen Zeremonien eine spezielle Erziehung. Die Glaubenssysteme der Yaresan-, Kakai-, zoroastrischen, jesidischen und alevitischen Kurd:innen enthalten heute noch Spuren der Bildungsformen dieser alten Epochen. Jede Familie und jede:r Einzelne hat eine:n Lehrer:in, die Pîr bzw. Ana genannt werden und die ihnen religiöses und lebenswichtiges Wissen beibringen. Diese werden eher als Ratgeber:innen gesehen, nicht als hierarchisch Übergeordnete. Es handelt sich um eine lebenslange Beziehung. Zu bestimmten Zeiten des Jahres durchlaufen die Menschen in Zeremonien, die cem, sema oder dara çekme genannt werden, einen Prozess der auch Kritik und Selbstkritik vor der eigenen Gemeinschaft beinhaltet. Dies ist eine Möglichkeit, die Verbindung zwischen Wissen und Leben zu stärken. Ziel ist es, eine Philosophie des Lebens zu vermitteln. Der philosophische Ansatz dieser Glaubenskultur beruht auf der Liebe zur Menschheit, zur Natur und zu den Werten des Gemeinschaftslebens. Aufgrund von Massakern und Angriffen werden die philosophischen Gedanken dieser Gemeinschaften seit jeher durch Musik und Geschichten weitergetragen, aber sie können nicht in moderne Bildungseinrichtungen umgewandelt werden.

In der Kultur der Jesid:innen, Qewller, Alevit:innen, Yaresan und Kakai gibt es dafür eine Form philosophischer Gedichte, die musikalisch vorgetragen werden und die gulbang oder deyish genannt werden. Vor allem in den Yaresan-Gemeinschaften gibt es besonders viele Frauen, Dichterinnen, die diese Gedichte vortragen. Heute sind sie jedoch mehr zu Ritualen geworden, und werden weniger als Formen der Bildung wahrgenommen, welche soziale Bedürfnisse erfüllen, und haben ihre ursprüngliche Funktion und ihren Zweck weitgehend verloren. Bei den Kurden und Kurdinnen, die der hanafitischen und der schafiitischen Lehre folgen, haben in der Vergangenheit die Madrasas (islamisch geprägte Lehreinrichtungen) diese Funktion erfüllt. Die Madrasas, in denen Kurdisch unterrichtet wurde, leisteten einen großen Beitrag zur Entwicklung der kurdischen Sprache und Literatur. Auch Philosophie, Geschichte und Literatur wurden in diesen Madrasas gelehrt. Eine sehr begrenzte Zahl von Frauen hatte ebenfalls die Möglichkeit, in diesen Einrichtungen zu studieren. Im Allgemeinen jedoch gab es in Kurdistan, abgesehen von der aristokratischen Schicht, keine Frauen die zur Schule gingen. Aufgrund des kolonialen Status Kurdistans wurden die eigenen Bildungserfahrungen und -institutionen verunglimpft und die kurdische Gesellschaft als eine unwissende Gesellschaft dargestellt, die gebildet, erzogen und zivilisiert werden müsse.

In den letzten zwei Jahrhunderten hat Bildung für Kurd:innen eine Bedeutung erlangt, die das Gegenteil der etymologischen Bedeutung des Begriffs darstellt. Die kolonialistische Bildung ist für die Kurd:innen zu einem Werkzeug geworden das gleichbedeutend damit war «aufzuhören, sie selbst zu sein». In Kurdistan, das in vier Teile geteilt wurde, erhalten Kinder in staatlichen Schulsystemen keinen Unterricht in ihrer Muttersprache, sondern durchlaufen Bildungsprozesse, die ihnen arabischen, persischen und türkischen Nationalismus einimpfen. Seit Jahrzehnten werden kurdische Kinder in Schulen traumatisiert, indem ihre Identität und Muttersprache, die sie zu Hause sprechen, ignoriert werden. In diesen Schulen werden die Kinder durch Türkisierung, Persianisierung oder Arabisierung assimiliert. Sie werden von ihrer eigenen Gesellschaft entfremdet, vergessen ihre Sprache und sind zum Verlust ihrer Identität verurteilt. Da Frauen aufgrund der patriarchalen, feudalen Traditionen weder studieren noch arbeiten durften, wurde ihnen das Recht auf Bildung vorenthalten. Diese Situation hat zu ihrer Unterdrückung innerhalb der Familie und der Gesellschaft beigetragen. Sie hat jedoch auch verhindert, dass Frauen in kolonialen Institutionen so wie Männer assimiliert wurden. Das führte auch dazu, dass kurdische Frauen zu Beschützerinnen ihrer Muttersprache und der kurdischen Kultur wurden. Ohne den Kolonialismus in Frage zu stellen, arbeiteten liberale Frauenbewegungen mit dem Staat zusammen, um durch verschiedene Kampagnen sicherzustellen, dass kurdische Frauen lesen lernten. Kurdische Kinder, insbesondere Mädchen, wurden in einigen Regionen gewaltsam von ihren Familien getrennt und assimiliert, indem sie in Internaten in anderen Städten unterrichtet wurden.

Trotzdem erkannten die jungen Menschen, die studieren konnten, inspiriert von weltweiten revolutionären Bewegungen, die Auswirkungen des Kolonialismus und des Kapitalismus. Sie erkannten, dass auch Kurdistan eine Kolonie ist. Unter dem Einfluss der Jugendbewegungen um 1968 machten die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) und ihr Vorsitzender Abdullah Öcalan, der aus den Reihen der Universitätsstudierenden hervorging, die Bildung zur grundlegendsten revolutionären Arbeit. Die Aktivitäten, die mit dem Lesen und Diskutieren von Büchern in den gemeinschaftlichen Häusern der Studierenden begannen und die Verschriftlichung dieser Diskussionen, haben das Modell der Akademien hervorgebracht. Dieses prägt bis heute den Bildungsansatz der Freiheitsbewegung Kurdistans sowie der Jineolojî.

Angefangen mit politischer, philosophischer und militärischer Ausbildung in den Camps der Palästinensischen Befreiungsorganisation und dann jahrzehntelang in der Akademie in Damaskus, haben diese Aktivitäten einen einzigartigen pädagogischen Ansatz und ein einzigartiges Modell von Akademien als Orte gemeinsamen Lebens und gemeinsamer Bildung hervorgebracht. Tausende von Menschen haben sich in diesen Akademien gebildet. In allen Bereichen – von Guerilla-Camps, Studierenden- und Arbeiter:innenkommunen, Stadtvierteln und Dörfern bis hin zum akademischen Bereich – wurde der aus langjährigen Erfahrungen entstandene pädagogische Ansatz zu einer wichtigen Grundlage. An allen Orten an denen die Freiheitsbewegung Kurdistans aktiv war, wurden Akademien gegründet. Diese Akademien organisieren bis heute ununterbrochen Bildungsarbeit.

Das Organisationsmodell der Freiheitsbewegung Kurdistans ist seit 2004 der demokratische Konföderalismus. Dieses Modell basiert auf der Selbstorganisierung der Gesellschaft in Kommunen, Räten, Akademien und Kooperativen. In diesem Sinne orgnisieren alle denkbaren Bereiche, wie die Frauen, Jugend, Kultur und Kunst, Selbstverteidigung, Ökonomie, Politik, eigene Akademien. In über 10 Jahren Revolution in Rojava wird in Dutzenden von Akademien in Nord- und Ostsyrien kontinuierlich Bildungsarbeit organisiert. Von Politik bis Selbstverteidigung, von Frauenbefreiung bis Wirtschaft, von Kultur und Kunst bis Pressearbeit wird Bildung in allen Bereichen durchgeführt.

Frauen haben darin ihr eigenes besonderes Bildungssystem entwickelt. In Bildungseinheiten, die als autonome Bildung bezeichnet werden, bilden sich Frauen selbst und gegenseitig weiter. Diese autonomen Bildungen spielen eine sehr wichtige Rolle, um gegen die soziologisch-psychologischen Auswirkungen des Sexismus in der Gesellschaft und der patriarchalen Strukturen auf Frauen vorzugehen. Sie befähigen Frauen, ihre eigenen Räume mit ihrer eigenen Kraft aufzubauen und zu verwalten. Die autonomen Bildungen wirken ermächtigend, durch die Entwicklung der eigenen Kraft frei zu denken, den Gewinn von Selbstvertrauen, dem ungezwungenen Austausch untereinander, durch die Analyse von Lebenserfahrungen und durch den Aufbau von genossenschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen zwischen Frauen. Autonome Bildungen werden auch für Männer organisiert, diese Bildungen werden jedoch von Frauen geleitet. Seit Jahren werden Seminare und längere Bildungseinheiten zu den Themen Geschlecht, Frauengeschichte, Geschichte der Frauenbefreiung und Jineolojî ausschließlich von Frauen gegeben. Die Arbeit, die Lebenserfahrungen der Männer zu analysieren und Perspektiven aufzuzeigen, wird ebenfalls von Frauen als Bildungs-Komissionen übernommen. Diese Ansätze der Bildung mit Männern gründen auf der 1996 von Abdullah Öcalan formulierten Theorie «die dominante Männlichkeit töten» und dem Projekt der Frauenbefreiungsbewegung Kurdistans, Männer zu transformieren. Ziele solcher Bildungseinheiten sind die Demokratisierung der Familie, die Überwindung sexistischer Sprache und Verhaltensweisen und die Entwicklung egalitärer, freiheitlicher Beziehungen zwischen Männern und Frauen auf einer bewussten, philosophischen und wissenschaftlichen Basis.

Der alternative pädagogische Ansatz der Jineolojî basiert vor allem auf den fast 50-jährigen Erfahrungen der Freiheitsbewegung Kurdistans. Er wird bereichert durch die Erfahrungen anderer Frauenbewegungen und durch pädagogische Ansätze, die auf der Analyse des Kolonialismus basieren. So entsteht aus diesem Ansatz allmählich eine pädagogische Theorie und Praxis der Frauenbefreiung in allen Bereichen. Die Ähnlichkeiten zwischen Frauen und kolonisierten Völkern und Gemeinschaften machen einen solchen pädagogischen Ansatz notwendig. Seit etwa 8 Jahren werden im Rahmen der Jineolojî weltweit Bildungscamps, Diskussionen, Bildungstage, Akademie-Durchläufe, Seminare, Workshops, Arbeitsgruppen und weitere Bildungsaktivitäten durchgeführt. Es werden auch gemischte Bildungen organisiert, ebenso wie Bildungen nur für Frauen oder nur für Männer. Die Themen und Methoden werden je nach den Bedürfnissen und der Zusammensetzung der Teilnehmenden ausgewählt. Nach jeder Bildungseinheit werden Reflexionen zu Inhalt und Methoden eingeholt, die mit der Jineolojî Akademie geteilt werden. Forschungen, Studien, Inhalte und Bildungsmethoden werden entsprechend den Bedürfnissen entwickelt, die sich aus der soziologischen Realität ergeben. Wenn wir an dieser Stelle versuchen, konkreter zu werden, können wir einige Aspekte, die unser pädagogischer Ansatz lösen will, wie folgt formulieren:

1- Das Ziel der Bildung ist es, die Einzelnen und die Gemeinschaft zu befähigen, sie selbst zu werden (Xwebûn). Das Konzept von Xwebûn gründet auf der Verbindung zwischen Existenz und Bewusstsein. Während die Geographie in der wir leben und die kulturelle und gesellschaftliche Realität, durch die wir geprägt sind, eine Seite unserer Existenz darstellen, finden sich auf der anderen Seite die Zerstörung, Assimilation und Vernichtung durch die Ideologien der Herrschaft. In dieser Hinsicht ist es für unseren pädagogischen Ansatz von wesentlicher Bedeutung mehr über unsere soziologische historische Realität zu lernen. Wenn wir etwas über die kurdische gesellschaftliche Realität lernen, haben wir die Möglichkeit, das Wissen über unsere gesellschaftliche Realität zu erneuern und die dominanten kolonialistischen Spuren in unseren Persönlichkeiten zu überwinden. Das Gleiche gilt in noch stärkerem Maße für Frauen. Wir entdecken die lebensgestaltende historische Weisheit der Frauen, ihre ökologische Sensibilität und ihren Widerstand, sowie die Ausbeutung der Frauen durch die sexistischen Machtideologien, das patriarchale System und den Kapitalismus. Indem wir solche Verbindungen zwischen Existenz und Bewusstsein herstellen, folgen unsere Bildungen dem Prinzip «Erkenne dich selbst» der alten Weisen.

2- In den Bildungen stellen wir die Verbindung zwischen Wissen und Leben auch mit einer Methode her, die wir «analysieren» (kurdisch: dahûrandin, türkisch: çözümleme) nennen. Dabei wird in Hinblick auf verschiedene Themen hinterfragt, wie die Teilnehmenden dieses Wissen in ihrem Leben anwenden oder warum sie es nicht anwenden. Bei der Diskussion über das Thema Geschlecht werden Teilnehmende beispielsweise dazu ermutigt, Beispiele aus der eigenen Kindheit oder ihrem aktuellen Leben zu teilen und die eigenen Prägungen zu analysieren, woraufhin die anderen Teilnehmenden Fragen stellen, die Analyse ergänzen und Perspektiven mit auf den Weg geben können. Auch Verhalten kann Gegenstand der Analysen sein. In einer Bildung zum Thema Geschlecht hinterfragt ein Mann, warum er Frauen geringschätzt oder Gewalt anwendet. Eine Frau legt die Gründe offen, warum sie sich für unzulänglich hält und von Männern erwartet, dass sie sie beschützen. Dies trägt auch zur Gesellschaftlichkeit, zur Empathie, zum gegenseitigen Kennenlernen und zur Veränderung bei. In den Akademien werden auch Sport, künstlerische Aktivitäten, Alphabetisierung oder verschiedene technische Bildungsaktivitäten organisiert.

3- Der Ort der Bildung, die Leitung, die Referent:innen und die Zusammensetzung der Teilnehmenden werden je nach Bedarf und Möglichkeiten vereinbart. Alle Bildungen finden mit der Perspektive der Akademie statt. Denn die Akademie ist eine flexiblere Form der Bildung in Bezug auf die Dauer, die Zusammensetzung und den Raum. Eine Akademie kann manchmal unter einem Baum entstehen, im Garten eines Hauses, manchmal auf einem Universitätscampus, in einem Flüchtlingszelt, unter einem Felsen in den Bergen oder in der Lagerhalle eines Gebäudes. Der Bildungsraum wird meist gemeinsam vorbereitet. Es gibt keine Köch:innen, Reinigungskräfte, Manager:innen, Sekretär:innen oder Sicherheitskräfte. Einzeln oder in Gruppen übernehmen die Teilnehmenden täglich Verantwortung für die verschiedenen Aufgaben und lösen sich damit gegenseitig ab. Der Erfolg, Misserfolg und die Art und Weise der Realisierung dieser Aufgaben wird auch im Rahmen der Bildung bewertet. Ist eine Person unverantwortlich? Ist er/sie willkürlich? Ist er/sie egoistisch? Ist er/sie verletzend? Ist er/sie ausgleichend? Ist er/sie kreativ? Ist er/sie demokratisch? Die Art und Weise wie diese wichtigen Aufgaben angegangen werden, zeigt meist mehr Realität als Selbsteinschätzungen im Rahmen der Bildung. Inputs können sowohl von Teilnehmenden der Bildung als auch von außenstehenden Referent:innen gegeben werden. In dem Fall, dass Referent:innen kommen um Inputs zu geben, bereiten sich jedoch zwei Teilnehmende aus der Akademie vor, um zusammen mit den Referent:innen den Input zu geben. In Hinblick auf die Zusammensetzung der Teilnehmenden wird eine ausgewogene Zusammensetzung gegenüber bestimmten Kategorien bevorzugt. Das Gleichgewicht beruht auf einer ausgeglichenen Zusammensetzung in Bezug auf Alter, Geschlecht, Bildung, Erfahrung und so weiter. Auf diese Weise wird ein Spiegel der allgemeinen gesellschaftlichen Realität sichtbar und die Widersprüche zwischen Generationen, Geschlechtern und Klassen machen die Bildung fruchtbar. Bei der Bildung geht es nicht darum, Konflikte zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Realitäten zu verhindern, sondern darum, die Kraft zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme zu entfalten.

4- Die Organisation des gemeinsamen Lebens während der Bildung bildet eine elementare Grundlage. Es wird versucht, Menschen die Fähigkeit zu vermitteln, nicht nur mit denjenigen in Kontakt zu kommen, die sie mögen, lieben und mit denen sie mehr gemeinsam haben, sondern mit allen. Aus diesem Grund wird zum Beispiel die Zusammensetzung der Menschen, die sich Räume teilen, in bestimmten Abständen geändert. Einzelne Personen sollten ihr Umfeld nicht dominieren und niemand soll an den Rand gedrängt werden. Die Teilnehmenden lernen, wie sie in soziale Beziehungen treten können, ohne ihre Identität darin zu verlieren. Sie gewinnen die Fähigkeit, einander zu vertrauen, mit allen zu sprechen, Konflikte auszuhandeln und zuzuhören. Durch ein System regelmäßiger gemeinsamer Versammlungen und Auswertung, welches die kollektive Auswertung der eintägigen oder mehrtägigen Bildungseinheiten und sozialen Beziehungen ermöglicht, werden die Dynamiken und Fortschritte in der Bildung, im Zusammenleben, in den kollektiven Aufgaben und Verantwortungsbereichen ausgewertet. Durch gegenseitige Kritik und Selbstkritik werden Probleme und positive Entwicklungen bei der Organisation der Bildung, in Hinblick auf die Inhalte und das Zusammenleben bewertet, wodurch Probleme rechtzeitig erkannt und angemessen gelöst werden können. Auf demokratische Art und Weise werden Pläne durch den gemeinsamen Willen bestimmt und gemeinsam umgesetzt.

5- Die Bildungsinhalte werden je nach Bedarf festgelegt und nach jedem Bildungsdurchlauf überarbeitet. Neben Themen wie Weltgeschichte, Philosophie, Wissenschaft, Geschichte der Religionen, Geschichte der Frauenbefreiung und Soziologie werden je nach Bedarf auch Themen wie Anatomie, Gesundheit und Erste Hilfe angeboten. Außerdem werden Sprache, Ausdruck und Stil gelehrt, um sich besser ausdrücken zu können und die sozialen Beziehungen zu stärken. Da sowohl die kurdische als auch die mittelöstliche Gesellschaft und die Frauen ständig Krieg und Angriffen ausgesetzt sind, ist auch das Thema Selbstverteidigung sowohl auf theoretischer als auch auf praktischer Ebene Teil der Bildung. Am Ende jeder Bildungseinheit fragt der oder die Referent:in die anderen Teilnehmenden wie die Einheit verlaufen ist, und es werden Bewertungen geteilt. Kritik und Vorschläge werden geäußert und die Stärken und Schwächen der Bildungseinheit werden bewertet. Dabei ist das Verständnis grundlegend, dass die Lehrenden immer auch Lernende sind und umgekehrt.

6- Oft werden Audioaufnahmen der Bildungseinheiten aufbewahrt und einige von ihnen werden in Büchern veröffentlicht. Eigene Broschüren und Materialien werden auf der Grundlage dieser Aufnahmen erstellt. Obwohl Kurdisch die Hauptsprache in den meisten Bildungseinheiten ist, äußern sich diejenigen, die kein Kurdisch sprechen, in den Sprachen, die sie kennen, und es wird übersetzt. Wenn eine Gruppe überwiegend eine andere Sprache spricht, wird die Bildungseinheit in dieser Sprache abgehalten.

Im Lichte dieser Grundsätze, die unser Akademie- und Bildungsmodell ausmachen, wollen wir Menschen befähigen, sich selbst zu erkennen und auszudrücken und die Hindernisse, die einer befreienden Entwicklung im Wege stehen, auf vielfältige Weise zu überwinden. Die Lehrmethoden der nationalstaatlichen Schulsysteme basieren auf stumpfem Auswendiglernen, ohne dass Informationen wirklich verstanden werden. Wir entwickeln Methoden, die diesen Ansatz des Auswendiglernens überwinden und die Fähigkeit des freien Denkens und der bewussten Interpretation stärken. Dazu gehören zum Beispiel Methoden in denen die Teilnehmenden schriftliche, visuelle oder akustische Materialien oder Geschichten mit ihren eigenen Interpretationen gestalten. Manchmal machen wir Übungen, um Gedanken und Gefühle zu einem Thema in Form von Texten, Theater oder Poesie auszudrücken. Wir bitten die Teilnehmenden, Gruppen zu bilden und Präsentationen vorzubereiten, und bitten dann die Gruppen, sich gegenseitig Rückmeldung zu geben. Wir versuchen Arten und Weisen aufzuzeigen, wie alle ihre eigenen Erfahrungen ausdrücken können. Wir achten auch darauf, dass die Sprache, die wir in unseren Bildungseinheiten verwenden, einfach und verständlich ist und mit der Geschichte und Kultur der Gesellschaft, die wir ansprechen, vereinbar ist. Auf diese Weise können wir eine stärkere Verbindung zwischen Bildung und unserem eigenen Leben herstellen.

Die Erwartungen an Bildung durch die Frauenbewegung Kurdistans sind hoch. Die Menschen erwarten, neue Informationen zu erhalten, eine andere Perspektive kennen zu lernen und Lösungen für die ernsten sozialen Probleme zu finden, mit denen sie konfrontiert sind. Ethik und Ästhetik, freies Zusammenleben («Hevjiyana Azad»), Xwebûn («Selbst-Sein/Selbst-Werden») und die Transformation der dominanten Männlichkeit («Kuştina Zilam») sind die Themen, die die lebhaftesten Diskussionen und das größte Interesse hervorrufen. In diesen Bildungen können die intimsten Themen, die oft als Privatleben bezeichnet werden, angstfrei diskutiert und hinterfragt werden. Vor allem Frauen vertiefen ihr Verständnis und ihre Selbsterkenntnis. Auch Männer sind sehr an Jineolojî Bildung interessiert, aber sie haben Schwierigkeiten sich vorzustellen, was freie Männlichkeit bedeuten könnte und ihre Schwächen im Kampf dafür zu sehen. Manchmal haben Männer eine Einstellung von «dann sollen uns doch die Frauen befreien», während andere falsche Vorstellungen haben, wie «ich bin nicht so sexistisch wie andere Männer». Während Frauen offener diskutieren, erleben wir, dass Männer schüchterner sind und in Gegenwart anderer Männer nicht über ihre Unzulänglichkeiten und Fehler sprechen wollen. Auch wenn Vorträge und Diskussionen etwas bewirken, ist es wichtig, dass sie weitergeführt und die Veränderungen im Leben realisiert werden.

Die Schaffung einer Kultur, die es jeder und jedem ermöglicht, sich selbst, die Familie und die Menschen, mit denen sie leben und arbeiten, zu bilden, ist ein weiteres wichtiges Thema unserer Bildungsarbeit. Wir betrachten Bildung als einen nie endenden Prozess, der sich auf alle Bereiche des Lebens erstreckt und über eine Tätigkeit hinausgeht, deren Dauer und Form festgelegt ist.

Daher führt Jineolojî Bildung zur Entwicklung neuer Perspektiven in jedem Bereich, den sie berührt. Jineolojî Bildung zielt darauf ab, die grundlegenden Probleme zu lösen, die das Leben der Menschen und die revolutionären Kämpfe betreffen. Wir entwickeln fortwährend unsere Methoden und Bildungsinhalte und gestalten sie nach den Bedürfnissen. Wir versuchen gemeinsam das Wissen zu lernen und zu lehren, das dafür sorgt, dass «jeder Baum aus seinen eigenen Wurzeln wächst», wie es in einem alten kurdischen Sprichwort heißt.

Zozan Sima, Jineolojî Akademie (2014)

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